Wie wirklich ist dein Leben?
Über das Verschwinden des Wirklichen hinter dem Realen – ein philosophischer Tauchgang in den Maschinenraum der Moderne.
Soundlessly collateral and incompatible:
World is suddener than we fancy it.
(Louis MacNeice, Snow)
In diesem Artikel, der sich als ein Beitrag zur 14. Blog-Challenge von Margot Dimi, das Wortweib🖋️ versteht, versuche ich einmal etwas ganz Anderes — ja, schon wieder.
Und zwar will ich hochgradig abstrakt-komplexe Begriffsunterscheidungen der scholastischen Philosophie auf eine Art und Weise darstellen, dass sie nicht nur auch für das philosophisch unbeschriebene Blatt total verständlich sind, sondern zudem noch hochgradig Relevanz für dein Leben haben.
I kid you not. Let’s go!
Realität als Wirklichkeitsverlust
Vom großartigen Ivan Illich lernte ich kürzlich, dass “Realität” ein Begriff ist, der aus der Scholastik stammt. Er bildet eine Abstraktion von Res, der Sache. Abstraktion bedeutet wortwörtlich: Abziehung (wie übrigens auch das aus der Mathematik bekannte Subtraktion1).
Es bedeutet, dass wir von einer konkreten und lebendig vorhandenen Sache das weglassen, was es “nur” als Einzelding” ausmacht, um zu einem allgemeineren Ding überzugehen: Dieser Hund ist mein konkreter Hund:
Er heißt Findus.
Er ist süß.2
Er verliert gerade viele Haare und muss ständig ausgebürstet werden und das nervt.
Aber der Hund im Allgemeinen, als Abstraktum (!), hat nicht mehr diese Eigenschaften, sondern nur noch die, die “Hundheit” ausmachen.
Wenn wir vergleichen, können wir gleich feststellen, dass Realität also eine besonders abstrakte Abstraktion ist, weil “eine Sache” ja bereits eine Abstraktion von jeder konkreten Sache ist, und Realität dann so etwas wie “Sachheit”, also das, was alle Sachen gemeinsam haben, aber eben auch nur das, bedeutet.
Darum mochte Ivan Illich den Begriff auch nicht. Der Begriff “Wirklichkeit” war ihm lieber, weil er näher am lebendigen Erleben bleibt. Wobei wir dennoch nicht vergessen sollten, dass auch Wirklichkeit eine Abstraktion ist; Das, was wirkt; das Wirkende als Solches.
Insofern ist Wirklichkeit wirklicher als Realität. Insofern ist Realität Wirklichkeitsverlust.
Das ist kein grundsätzlicher Makel. Wir brauchen Abstraktionen, um überhaupt Begriffe bilden zu können. Aber wir könnten in einer Abwandlung des Einstein zugesprochenen Bonmots sagen:
Man sollte die Dinge nie abstrakter handhaben, als nötig.
Korrelat:
Man sollte nicht von Realität sprechen, wenn man von Wirklichkeit sprechen kann.
Aber was heißt das? Und, wichtiger, ist das nicht doch nur philosophische Sprach-Onanie?
Wirklichkeitsverlust als Kernproblem der Moderne
Realität, Wirklichkeit, das ist doch im Grunde — pragmatisch betrachtet, also wie Leute es wirklich benutzen — das Gleiche in Grün, oder wie man sagt.
Das stimmt sicherlich, ein Stück weit, für den heutigen Sprachgebrauch. Und insofern kann es uns bei der Unterscheidung auch nicht nur um den Sprachgebrauch gehen. Wir wollen nicht als Sprachnazis andere belehren, sondern wir wollen die Unterscheidung zu einer existenziell relevanten machen. Es geht uns also gar nicht um die Wörter, sondern um das Dahinterliegende!3
Und dieses ist, das ist meine These, das Kernproblem der Moderne und die Quelle aller (oder zumindest vieler) Probleme, die wir haben, und das nicht nur auf philosophisch-abstrakter Ebene, sondern ganz konkret bis hinein in unsere individuelle wie auch soziale Lebensführung:
Das Kernproblem der Moderne ist das Verschwinden des Wirklichen hinter dem Realen.
Oder, um es fasslicher auszudrücken:
Das Kernproblem der Moderne ist das Verschwinden des konkret Erlebbaren hinter dem abstrakt Mess- und Kontrollierbaren.
Illichs Kritik der Institutionen
Ivan Illich hat für verschiedene Bereiche des modernen Lebens herausgearbeitet — das Bildungswesen, der Transport, die Medizin, die Religion — inwiefern das Verschwinden der lebendigen Wirklichkeit hinter einem Schleier der Abstraktion dazu führt, dass diese Institutionen kontraproduktiv werden, d.h. nicht nur ihren Zweck nicht mehr gut erfüllen, sondern diesem Zweck sogar entgegenwirken.
Seine pamphletisch formulierten Thesen lauten: Schule verblödet statt zu bilden, Autos rauben uns Zeit, statt sie zu sparen, die moderne Medizin macht eher krank als zu heilen, und die (katholische) Kirche verwaltet lieber als zu helfen oder sogar zu erretten.
Und diese Kontraproduktivität sah er nicht als etwas an, das hebbar wäre, ohne die Institution selbst infrage zu stellen. Tatsächlich sei es ganz allgemein beobachtbar, dass jede gesellschaftliche Institution zwei Wendepunkte durchlaufe:
einen ersten, ab dem sie gesellschaftlich nützlich werde;
und einen zweiten, ab dem sie unnütz und sehr schnell sogar schädlich werde.
Das liege in der Natur der Sache, der Dynamik der modernen Institution. Zudem sei zu beobachten, dass je moderner die Technik, desto kürzer der Abstand von der ersten zur zweiten Schwelle.
Wenn diese Thesen Illichs zunächst zu radikal wirken, kann man sich zunächst auf eine weniger radikale These einschränken: Der Versuch, Probleme technisch zu lösen, erzeugt typischerweise neue Probleme. Ist diese erst einmal etabliert, kann man meines Erachtens aber über kurz oder lang den Schluss nicht vermeiden, dass seine Kritik doch in ihrer Radikalität ziemlich gut unsere soziale Wirklichkeit beschreibt.
Das Schulwesen
Nehmen wir das Bildungswesen. Bereiten Schulen Schüler gut auf ihr späteres Leben vor? Das tun sie nicht, und das behauptet auch kein Bildungsforscher. Worauf bereiten sie dann gut vor? Auf zwei Dinge:
Erstens, konkret gesprochen, auf genau das, was Schüler in der Schule ja auch tun: Vorgefertigte Informationshäppchen ohne Reflexion aufzunehmen und dann in zunehmend standardisierten Tests wieder auszuspucken, mit zudem zunehmend abnehmenden Anspruch.
Zweitens, und damit zusammenhängend, bereiten sie die Schüler auf die Welt von vorgestern vor, nämlich dem 19. Jahrhundert, weil das System damals entwickelt wurde, und nicht ausreichend modernisiert werden kann.
Warum kann es nicht ausreichend modernisiert werden? Weil das System blind für seine eigenen Fehler, bzw. präziser gesprochen, für die Quelle seiner eigenen Fehler ist. Es lässt sich beobachten, dass das System “nicht so gut” funktioniert.
Aber welche Schlüsse werden daraus gezogen? Mehr vom Gleichen. Einfach mehr. Dann wird es schon etwas bringen. Mehr Tests, mehr Standardisierung, mehr Digitalisierung, mehr Technik, mehr Geld, mehr Sozialarbeiter und Psychologen, mehr Lehrer, einfach mehr…
Hier verschwindet die Wirklichkeit des lebendigen, neugierigen, weltoffenen Kindes, das problemlösend und kreativ-tätig in die Welt hineinwächst hinter leblosen Zahlen und (Arte-)Fakten: Statistiken, Punkten, Zensuren, Zeugnisse und Zertifikate.
Die zugrundeliegende Idee vom Schüler als abzufüllendes leeres Gefäß wird nicht in Frage gestellt. Kann sie nicht. Das System wüsste gar nicht, wie es anders funktionieren sollte. Und das würde es ja auch nicht. Es müsste abgeschafft werden. Es ist nicht reformierbar.
Das Auto
Und zugleich ist das Individuum aber gezwungen, wenn es an der Gesellschaft teilhaben will, auch an diesem ineffizienten Schulsystem teilzunehmen. Das ist eine der größten Tragödien der Moderne. Die technischen Neuerungen, die den Menschen erlösen sollen, ohne dieses Versprechen je einzulösen, zwingen über kurz oder lang ebendiesen zu Erlösenden mitzumachen.
Das zeigt besonders gut ein weiteres Beispiel, das Illich, denke ich, korrekt analysiert hat. Das Auto, dessen massenhaftes Aufkommen nach dem zweiten Weltkrieg Illich (Jahrgang 1926) beobachten konnte, erhöhte einerseits die Mobilität der Nutzer. Aber andererseits führte es auch dazu, dass ebendiese Mobilität eingefordert wurde.
Menschen kamen jetzt nicht schneller zur Arbeit. Sie mussten größere Distanzen als früher zurücklegen, und hatten dank den unvermeidlichen Staus teilweise sogar zeitlich längere Arbeitswege als vor der Einführung des Autos.
Und sobald erst einmal die meisten Menschen ein Auto haben, wird es schwierig ohne Auto, weil immer mehr Reglungen des öffentlichen Lebens darauf ausgerichtet sind, dass man Auto fährt. Und dann geht es nicht mehr darum, was du auf dem Weg erlebst, wen du triffst, wo du vorbei kommst.
Es geht nur noch darum, welcher Weg der schnellste ist. Denn Zeit ist Geld.
Das Smartphone
Das mobile Panoptikon in der Hosentasche hat Illich nicht mehr erlebt (er ist 2002 gestorben), aber es passt hier faszinierend gut rein, wie auch das Internet selbst. Ohne Smartphone und ohne Internet lassen sich heute schon viele Dinge nicht mehr gut erledigen, aber mit Smartphone und Internet gehen viele Dinge trotzdem nicht schneller, oder schneller, aber trotzdem deutlich unbefriedigender.
Zwischenmenschliche Kommunikation ist nicht grandios geworden dank Internet und Smartphone. Sie ist im Gegenteil kurz davor, zu kollabieren. Die lebendige zwischenmenschliche Begegnung verschwindet hinter den Likes, Follower-Zahlen und Protokollen (dem Messbaren). Und zunehmend auch hinter den miteinander kommunizierenden Maschinen (Dead Internet Theory).4
Und das Smartphone macht die Menschen eben nicht smarter, sondern dümmer. Es bringt die Menschen nicht zusammen, sondern kapselt und spaltet sie voneinander ab. Ein Philosoph, der das phänomenologisch schön beschreibt, ist Byung-Chul Han in Undinge (S. 25-36).
In einem Dreischritt der Beschreibung geht er über von (1) der haptisch-visuellen Erfahrung des Smartphones, zu (2) seiner Grundparadoxie, um (3) bei seiner aus Hans Sicht kennzeichnenden Wirkung auf den Benutzer zu landen.
Das Smartphone ist glatt und schmucklos. Die Modelle unterscheiden sich optisch-haptisch nicht wesentlich voneinander. Wir erleben das Smartphone auch gar nicht als Ding, als Gegenstand, sondern als Medium, durch das wir hindurch in eine Schein-Realität (!) blicken, die uns das Gefühl der “totalen Verfügbarkeit” gibt. Das ständige Herumtippen und -wischen auf dem Bildschirm sei eine “fast liturgische Geste, die sich massiv auf das Verhältnis zur Welt auswirkt.”
Dabei findet — mein Gedanke, nicht Hans — eine ständige Paradoxie statt: ich berühre alles, ich habe alles im Griff, und gleichzeitig berühre ich es nicht wirklich, sondern nur den Bildschirm. Die eigentliche Welt, die Wirklichkeit, verschwindet dahinter richtiggehend: “Die digitale Widerstandslosigkeit, die smarte Umgebung führt zu einer Welt- und Erfahrungsarmut.”
Und weil diese Welt- und Erfahrungsarmut auch die Mitmenschen einschließt, macht das Smartphone, so Han, einsam. Es verbindet den Schein der permanenten und intensiven Verbundenheit mit dem Anderen mit der Realität der faktischen Unverfügbarkeit des und Isolation von dem Anderen:
“Wir kommunizieren heute gerade deshalb so zwanghaft und exzessiv, weil wir einsam sind und eine Leere spüren. Diese Hyperkommunikation ist aber nicht erfüllend. Sie vertieft nur die Einsamkeit, denn ihr fehlt die Präsenz des Anderen.”
Wir könnten das weiter für andere Phänomene durchexerzieren, bspw. wie die Quantifizierung sowohl in der Medizin als auch im Management generell zum Wahn wird — und wie die Gesundheit als erfahrene subjektive Wirklichkeit, die als Erfahrung von Schmerz, Heilung, Bedeutung und Endlichkeit erlebbar ist, zur Realität von Messwerten, Laborbefunden und Fallpauschalen verkommt, unter möglichster Ausschaltung der Grunderfahrung der Krankheit, dem Schmerz.5
Das zugrundeliegende Problem
Aber das Problem geht tiefer als Smartphones, Autos und Gesundheit. Es ist ein metaphysisches, spirituelles Problem. Und darum reicht es auch nicht, das Smartphone wegzulegen, auf E-Bike umzustellen und nicht mehr zum Arzt zu gehen.
Um die Wirklichkeit wiederzuerlangen, können wir nicht zurückgehen, denn die ursprüngliche Wirklichkeit ist für immer verloren in der Wüste der Realität. Und das bedeutet, wenn wir diese Wüste verlassen wollen, müssen wir eine neue Wirklichkeit überhaupt erst einmal wieder erschaffen.6
Um zu verstehen, was ich damit meine und warum dies überhaupt möglich sein sollte, müssen wir uns noch einmal mit etwas mehr Details den Ausgang der beiden Begriffe Realität und Wirklichkeit in der Scholastik anschauen.
Vorsicht, wir verlassen jetzt die alltagsweltlichen Beschreibungen und begeben uns in den philosophischen Maschinenraum des modernen Weltbildes. Aber wir machen es so kurz und schmerzlos wie möglich.
Thomas von Aquin: res und actus
Thomas von Aquin war der gewaltigste Theologe des Mittelalters, aber wir interessieren uns in diesem Kontext nur für einen winzigen Ausschnitt seines Denkens, der mit den lateinischen Begriffen res und actus zu tun hat, die den späteren Begriffen Realität und Wirklichkeit entsprechen.7
Für Thomas, der sich diesbezüglich an Aristoteles’ Metaphysik orientiert, haben alle Dinge in der Welt eine Essenz, ein Wesen, ihr So-Sein. Also das, was sie zu dieser Sache macht. Der Hund ist ein Hund, weil er das Hundsein zur Essenz hat. Und wenn wir einen Hund sehen, dann erkennen wir, laut Thomas, dass es ein Hund ist, nur wenn und weil wir diese Essenz des Hundes gedanklich-begrifflich erleben und verstehen können.8
Die Sache hat aber an sich noch keine lebendige Existenz, noch kein Da-Sein. Dazu bedarf sie der Aktualisierung durch Gott. Gott ist demnach selbst keine Sache, kein Ding, sondern reine Aktualisierung: actus purus. Und durch Gott hat seine Schöpfung, also die Welt und die Menschen in ihr Anteil am Vollzug des Seienden.
In diesem Sinne ist Sein nichts Statisches, sondern zutiefst und fundamental Dynamisches. Es seint (als Verb). Andersherum formuliert: Die Dinge sind erst einmal nur potentiell, möglich, als Essenzen vorhanden. Aber erst durch die Aktualisierung der Dinge werden sie auch wirklich.9
Und jetzt können wir daraus etwas tiefergehend verstehen, dass der Begriff Realität auf die Gesamtheit der statischen Objekte in der Welt zielt, während der Begriff Wirklichkeit auf genau diese Gesamtheit jetzt aber als dynamischen Vollzug. Was vom Erleben her genau dem Unterschied zwischen der lebendigen sinnhaften Erfahrung des Wirklichen auf der einen Seite und dem abstrakt-objektivierten Ding auf der anderen.
Der Realismus-Nominalismus-Streit
Thomas von Aquin war ein Vertreter dessen, was als Realismus bezeichnet wurde. Das heißt, dass für ihn die Begriffe, die wir für die Dinge benutzen — Hund, Baum, Apfel — einer eigenständigen nicht-materiellen Realität entsprachen. Hundheit entsteht nicht nur als sprachlicher Ausdruck, mit dem wir alles meinen, was hundeartig genug ist, sondern Hunde entsprechen einer realen Eigenschaft, oder Idee von Hund.
Anders formuliert: Die Dinge existieren für den Realisten eben nicht nur als konkrete Materie-Ansammlungen, sondern zudem oder sogar zuerst als Ideen (Gedanken Gottes). Dass wir von Hunden oder von Bäumen sprechen, ist keine bloße Konvention, die unseren Zwecken entspricht, sondern es entspricht der Natur und Gliederung der Welt (als Schöpfung Gottes).
Die Gegenthese zu dieser Position wurde als Nominalismus bezeichnet, und dieser hat sich ideengeschichtlich durchgesetzt und mit seiner Sicht der Dinge die in der frühen Neuzeit entstehenden Naturwissenschaften tiefengeprägt.
Für den Nominalismus (dessen bedeutendste Vertreter Duns Scotus und Wilhelm von Ockham waren) sind die Begriffe, wie Baum, Hund, Apfel, lediglich konventionelle Namen, die wir den Dingen geben, um die Welt für unsere Zwecke einzuteilen. Sie haben keine Realität jenseits ihrer Nützlichkeit. Die Welt besteht nicht aus den Einzeldingen und den Begriffen, sondern nur aus den Einzeldingen.
Der Nominalismus in den Naturwissenschaften
Das erinnert den modernen Leser natürlich stark an die Sicht der Naturwissenschaften. Physikalisch betrachtet bspw. besteht die Welt nur aus Teilchen oder Feldern oder Strahlungen, oder auch aus mathematischen Gleichungen, je nach Spielart — aber jedenfalls nicht aus hierarchisch geordneten realen Gedanken Gottes.
Und auch die darwinistisch orientierte moderne Biologie basiert ganz auf dem Gedanken, dass die Arten eben keine klaren gedanklichen Existenzen sind, sondern ineinander über- und auseinander hervorgehen.
Das heißt, der Nominalismus hat sich durchgesetzt. Interessanterweise waren seine Vertreter genauso gläubige Christen wie die Realisten. Sie sprachen der Welt nicht den göttlichen Ursprung ab, ganz im Gegenteil empfanden sie es als eine Begrenzung der Allmacht Gottes, wenn die Welt gedanklich-begrifflich geordnet wäre. Gott als actus purus benötigt aus ihrer Sicht die gedankliche Zwischenebene nicht: er erschafft gleich die Einzeldinge und nur durch ihn bleiben sie im Sein.10
Jetzt könnte man auf den ersten Blick meinen, der Realismus habe einen zu starken Fokus auf die (starre) Realität gelegt, und der Nominalismus habe den Schwerpunkt zurecht und Gott sei dank auf die Wirklichkeit verlagert, aber das Gegenteil ist — etwas verwirrenderweise — richtig.
Der Realismus unterscheidet vielmehr klar zwischen Realität (res) und Wirklichkeit (actus) und legt bei Thomas von Aquin das Gewicht ja gerade auf die Wirklichkeit! Im Nominalismus hingegen, kollabiert die Unterscheidung zwischen Realität und Wirklichkeit, aber zuungunsten der Letzteren: Die Welt ist eine Ansammlung an Dingen.
Daraus entsteht der moderne Materialismus (der sich heute Physikalismus nennt).11
Elend und Chance der Neuzeit
Wo ist das Problem?, könnte man nun fragen. Die Nominalisten haben uns den Weg dazu freigemacht, einen klareren Blick auf die Welt zu erlangen. Erst haben wir den Aberglauben rausgestrichen, dann die hierarchische Ordnung der Dinge, und dann zuletzt auch Gott — und schau dir an, wie viel besser alles seitdem läuft!
Im freien Fall
Funny how falling feels like flying — Es stimmt: Der rein instrumentelle Blick auf die Welt hat es uns ermöglicht, sie ohne jede Scheu zu erobern und uns Untertan zu machen. Die modernen Naturwissenschaften hatten als zentralen Ideengeber Francis Bacon. Und moderne Linguisten haben analysiert, inwiefern seinen Schriften die Analogie zugrunde liegt, dass die Natur eine zu überwältigende, erpressende und vergewaltigende Frau sei.12
Und genau so haben wir die Welt in der beginnenden Neuzeit ja auch behandelt. Ohne jede Scham. Mit einem kleinen (christlich geprägten) Restanstrich von Anstand, den wir aber zunehmend ablegen, um immer weiter in alles einzudringen, alles zu verwerten, alles unseren Zwecken zu unterwerfen.
Aber wenn wir dadurch wenigstens königlichst leben könnten, wäre es das vielleicht aus seltsamen utilistischen Kalkülen heraus wenigstens wert. Aber selbst das ist nicht der Fall: Wir beuten nicht nur den Rest der Welt aus, sondern auch uns selbst. Wir sind einsamer denn je, trauriger denn je, verängstigter denn je. Es stimmt zwar, wir sterben später, aber wahrscheinlich lebten wir früher trotzdem unterm Strich lebendiger.
Wir tanzen am Abgrund, und nur diejenigen, die sich weigern, die Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen, können das übersehen. Wir leben immer weniger als Gesellschaften mit einer verbindenden großen Erzählung. Wir leben immer mehr als atomisierte Individuen, die auf Gedeih und Verderb den modernen Institutionen ausgeliefert sind. Aber es knirscht. Gewaltig.
Das haben im 19. Jahrhundert schon Denker wie Dostojewskij und Nietzsche empfunden: dass wir einem Nullzustand zustreben, der den “unheimlichsten aller Gäste” eintreten lässt, den Nihilismus. Nietzsches geflügeltes Wort vom Tod Gottes ist ja begleitet von der Mahnung:
“Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?“”
(Die fröhliche Wissenschaft, Aphorismus 125)
Die Chance des Nullzustands
So wie wir für die Verblendung des Menschen das Bild des Prometheus und der Pandora haben, so haben wir auch für die Erneuerung oder Umkehr des Menschen ein Bild: den Phönix. Das Fabelwesen, das altgeworden verbrennt, um dann neu zu erstehen.
Viele Denker, die sich mit der Thematik intensiv auseinandergesetzt haben,13 betrachten den Materialismus der Neuzeit nicht als sinnlose Verfehlung des Menschen, sondern als notwendiges Übergangsstadium (oder zumindest als Begleiterscheinung desselben) zwischen einem Zeitalter der naiven Teilhabe an der Welt und einem kommenden Zeitalter der bewussten Teilhabe an der Welt. Aber um bewusst werden zu können, musste der Mensch sich zunächst erst einmal ganz von der Welt, von der Wirklichkeit entfremden.
Attraktiv an diesem Gedanken finde ich, dass wir die gedanklichen Entwicklungen der Neuzeit nicht in Gänze ablehnen müssen. Sie hatten ihre Berechtigung. Aber jetzt sind sie wie Wittgensteins Leiter, die wir erklimmen mussten, um sie dann aber wegzustoßen.
Aus dieser Perspektive könnte man formulieren: Ja, der Realismus eines Thomas von Aquin hatte etwas Naives, etwas Unvollendetes. Und die Vollendung war zu seiner Zeit und unter seinen Bedingungen noch nicht möglich. Darum brauchten wir erst einmal eine Phase des Wirklichkeitsverlusts, um unseren Blick zu schärfen. Darum brauchten wir den Nominalismus, denn in ihm liegt auch etwas Berechtigtes.
Aber weder die Alleinherrschaft des naiven Realismus, noch des naiven Nominalismus kann ein gedanklicher Endpunkt sein, sondern wir brauchen die Synthese aus beidem. Man könnte vielleicht sagen: Wir können heute besser denn je ausloten, wo die Grenzen liegen zwischen der (realistischen) göttlichen Ordnung und der (nominalistischen) menschlichen Ordnung, weil das Denk- und Sprech-Werkzeug dazu geschaffen wurde.
Wohin geht die Reise?
Der Siegeszug des Materialismus ist längt beendet. Manche haben es früh bemerkt. Manche erst spät. Manche, zum Beispiel viele Philosophen, noch gar nicht. Aber es ist so. Die Frage ist, ob wir darauf mit einer gewissen Resignation reagieren, oder mit frischem Tatendrang. Mit einem relativistisch-nihilistischen Verstummen/Geschwätz, oder mit glasklarer Gedankenbildung, die die Spreu vom Weizen trennen will. Die die Fragen neu stellt, indem sie die zugrundeliegenden Begriffe und Denkstrukturen in Frage stellt.
Die Welt ist keine bloße Materieansammlung, aber sie ist auch nicht der wohlgeordnete Kosmos der Griechen oder des Mittelalters. Sie ist mehr als das.
Der Mensch ist keine bloße biologische Maschine. Er ist aber auch nicht bloß die gefallene Schöpfung eines jähzornigen Gottes. Er ist mehr als das.
Ich denke, dass wir entdecken können, dass der Mensch und die Welt durchaus magisch sind, und heilig, und dass es eine zugrundeliegende Ordnung gibt, aber wir müssen zudem entdecken, was diese Begriffe heute heißen.
Ich denke, die Techniken hierzu sind allgemein bekannt, aber auch auf diesem Feld herrscht die größte Verwirrung: Meditation, Kontemplation, theoria…
Die Entwirrung all dessen ist zugleich eine gesellschaftliche wie auch eine vollkommen individuelle Aufgabe. Niemand anders wird uns und unsere Wirklichkeit retten.
“Wenn der Gegenstand der Hoffnung das Unerfüllbare ist, können wir nur als Unrettbare - schon Gerettete - auf Rettung hoffen.”
(Giorgio Agamben, Der Freund, S. 68)
Ein kurzes Wort zum Schluss:
Du hast diesen Text höchstwahrscheinlich auf genau so einem glatten, widerstandslosen Bildschirm gelesen, von dem oben die Rede war. Ironie der Moderne. 😉
Bevor du das Gerät jetzt aber weglegst, um wieder etwas “Wirkliches” zu berühren – einen Hund, einen Baum oder einen Mitmenschen –, habe ich noch eine Bitte: Wenn dieser Text nicht nur eine weitere Information in deiner Realität war, sondern tatsächlich etwas in dir bewirkt hat, dann lass uns in Verbindung bleiben:
Lass ein Like da, denn noch leben wir in der Wüste der quantitativen Realität.
Und vor allem – lass uns in den Kommentaren diskutieren: In welchem Bereich deines eigenen Alltags spürst du das „Verschwinden des Wirklichen hinter dem Messbaren“ am schmerzhaftesten? Im Job? Im Gesundheitssystem? Im Bildungswesen? Oder beim bloßen Kommunizieren? Oder erlebst du es gar nicht so?
Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen!
Man könnte meinen, die Subtraktion sei harmlos im Vergleich zur Abstraktion. Denn bei der Subtraktion ziehe ich nur quantitativ ab: 5 Hunde minus 3 Hunde macht 2 Hunde. Wenn ich bei der Abstraktion hingegen vom konkreten Hund auf die Hundheit abstrahiere, verliere ich den lebendigen Hund vollkommen.
(Allerdings ist die Subtraktion doch nicht ganz so unschuldig, wie sie auf den ersten Blick daherkommt, denn um Hunde überhaupt zur erlaubten Recheneinheit zu machen, muss ich bereits dahingehend abstrahiert haben, dass ich alle Hunde als austauschbar behandelt. Denn Susi plus Strolch minus Findus ist eben nicht 1 sondern unsinnig.)
Ein kleiner Vergleich sei mir exkursorisch gestattet. Denn auch die Wörter “Moral” und “Ethik” sind ja nah miteinander verwandt, und werden dennoch gerne unterschieden. Nur liegt der Fall hier genau andersherum: die Unterscheidung ist eine künstliche!
Denn die Begriffe bedeuten in ihrer jeweiligen Ausgangssprache, dem Lateinischen (mos) und dem Altgriechischen (ethos) tatsächlich beide so ziemlich dasselbe: Sitte, Brauch, “Wie wir es machen” oder auch “Wie du dich verhalten musst, wenn Du als einer der unseren und nicht als Barbar gelten willst”.
Entsprechend werden die Begriffe in vielen Kontexten synonym verwendet. In Belgien heißt das Religionsersatzfach Moral, in Deutschland meistens Ethik. Im Englischen werden die Begriffe auch meist synonym gebraucht. Nur in Deutschland sind, ich vermute im 19. Jahrhundert, Sprachpedanten auf die närrische Idee gekommen, die Begriffe zu unterscheiden und zu sagen: Ethik bezeichnet das Reflektieren über Moral, Moral bezeichnet eine “konkrete” (als Gegenbegriff zu “abstrakte”) Art, in der Ethik sich sozusagen manifestieren kann. Moral sei das, was Menschen praktizieren, Ethik sei die (normative) Wissenschaft darüber, ob sie es richtig machen.
Diese Unterscheidung ist tatsächlich so sinnvoll wie auch ein Großteil des Diskurses über Ethik, nämlich überhaupt nicht. Jede Ethik, die den Namen verdient, liefert ihre eigene Reflexion und vor allem Rechtfertigung gleich mit.
Man muss die Dinge nicht komplizierter machen, als sie sind. Aber der Unterschied zwischen Realität und Wirklichkeit kann nutzbar gemacht werden und ich will jetzt geschwinde aufzeigen, wie.
Der Begriff Kommunikation stammt ursprünglich aus der Kybernetik. Im strengen Wortsinn kommunizieren also tatsächlich nur Maschinen miteinander. Menschen palavern, radotieren, scherzen, usw. Zu sagen, sie kommunizieren, ist bereits unbewusst den Maschinenmetaphern auf den Leim gegangen.
Auch hierzu hat Byung-Chul Han mit Palliativgesellschaft eine kleine Studie vorgelegt, die, in den Corona-Jahren erschienen und durchaus von Ivan Illich inspiriert, den Finger in die Wunde legt mit der These: Wir leben in einer betäubten Pallativgesellschaft, die dem Schmerz erst seiner rituellen und spirituellen Bedeutung beraubt hat und sich nun daran macht, ihn ganz abzuschaffen. Damit aber schaffe der Mensch eine wichtige Grundkategorie seines Erlebens ab, er werde erfahrungsärmer — und vor allem auch immer abhängiger von dem, was ihm den Schmerz nimmt.
Das ist die Grundthese in Owen Barfields Saving the Appearances, über das ich in Bälde einen Artikel zu veröffentlichen hoffe. Barfield ist intensiv von Rudolf Steiner inspiriert, entwickelt seinen Gedankengang aber auf rein (bewusstseins-)geschichtlich-philosophisch-ethnologischer Basis.
Ehrlichkeitshalber sei angemerkt, dass ich keinstenfalls als Thomas-Experte durchgehen könnte. Ich habe zwar einmal ein Seminar zu ein paar Quaestiones aus seiner Summa Theologica belegt, aber nur, weil ich musste. In der dazugehörigen Hausarbeit hatte ich mir den Spaß erlaubt, ihn immer den “Aquinator” zu nennen — was dem Betreuer nicht auffiel. Zudem nutzte ich die Metapherntheorie à la Lakoff und Johnson (Philosophy in the Flesh), um Thomas damals zu “zerrupfen”. Alles nur conceptual metaphors. Was ich heute natürlich für naive Tölpelhaftigkeit halte. Thomas war weit klüger als Lakoff und Johnson oder ich :)
Nebenbei: Die moderne Analytische Philosophie analysiert die Möglichkeit einen Begriff zu bilden auf zweierlei Art, und nennt sie Extension und Intension.
Die Extension eines Begriffes ist mengentheoretisch (also formal logisch) gefasst, und ist schlicht die Menge aller (möglichen, je nach Spielart) Exemplare des Begriffs. Also in unserem Beispiel die Menge aller (möglichen) Hunde.
Die Intension hingegen ist gedanklich näher an der Idee einer Essenz dran. Sie beschreibt (je nach Spielart) das Kriterium/Merkmal, oder die Kombination mehrerer, die man wählt, um alle Hunde (also die Extension) auszuwählen.
Innerhalb dieser Analytischen Philosophie streiten sich nun die Geister, ob man Intensionen benötigt, oder rein mit Extensionen auskommt. Das ist der Realismus-Nominalismus-Streit auf die rein logisch-sprachliche Ebene verlagert. Aktuell haben die “Realisten” die Oberhand.
Thomas von Aquin (und vor ihm Aristoteles) bildet damit eine Synthese aus den Gedankenfiguren von Parmenides und Heraklit: Ersterer hatte argumentiert, dass das Sein rein statisch ist und Veränderung daher nur Illusion. Sein Schüler Zenon hat die berühmten Paradoxien entwickelt, z.B. vom Wettlauf Achilles’ mit der Schildkröte, die genau diese These belegen sollen. Heraklit hingegen hat das genaue Gegenteil zum Kern seiner Philosophie gemacht: Alles ist reine Veränderung. Sein Bild ist das eines Flusses, der, im steten Fließen, nie derselbe bleibt, sodass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen könne. Thomas zufolge hat das Sein beide Aspekte, je nachdem aus welcher Perspektive man drauf schaut: Realität ist das statische Element, Wirklichkeit das dynamische.
Berühmt ist Wilhelm von Ockhams Argument, das heute oft Ockhams Rasiermesser genannt wird und grob besagt, dass die einfachste Erklärung für etwas meistens auch die richtige ist. Für Ockham bedeutete das, dass man keine Ebenen des Seins annehmen müsste, außer Gott und konkrete Einzeldinge (Materie, Seelen, Engel…). Heute wird es aber eingesetzt, um Gott selbst aus der Gleichung zu streichen. Zu kompliziert. Das zeigt vielleicht, wie unsinnig das Argument als solches ist, denn was man als einfach ansieht und was als kompliziert, liegt ein Stück weit im Auge des Betrachters.
Hierzu könnte man natürlich unendlich viel mehr ausführen, und an anderen Stellen habe ich dies bereits begonnen, aber in diesem Kontext will ich es bei der rein genealogischen Behauptung belassen.
Eine Konsequenz des neuzeitlichen Materialismus, an der ich mich derzeit abarbeite, ist jedenfalls der physikalische Determinismus, der zur Leugnung der Willensfreiheit führt. Der Mensch soll ganz klar nur ein komplizierter physikalischer Apparat sein. Und das, obwohl nicht einmal die physikalischen Objekte selbst nur physikalischer Apparat sind.
Nachzulesen bei Carolyn Merchant (The Death of Nature: Women, Ecology, and the Scientific Revolution) Sandra Harding (The Science Question in Feminism). Sie zeigten auf, wie Bacon die wissenschaftliche Erforschung der Natur konzeptuell als Verhör, Folter und regelrechte Vergewaltigung einer weiblich personifizierten Natur ‚framte‘. In der modernen linguistischen Conceptual Metaphor Forschung wird dies heute als das fundamentale metaphorische Mapping der frühen Naturwissenschaften analysiert, das unser instrumentelles Verhältnis zur Welt bis heute prägt.
Ich denke hier spontan vor allem an Jean Gebser und Owen Barfield, aber der Gedankengang findet sich überall da, wo Bewusstseinsgeschichte als evolutionärer Weg gesehen wird, bspw. auch bei Sri Aurobindo und im Neuplatonismus. Er passt auch gut zur christlichen Eschatologie, wenn man sie vom historischen Ballast befreit, wie es anscheinend David Bentley Hart aktuell durchführt.








