Die Corruptio des Nullzustands
Deutschland: Schlecht gelaunt und technokratisch in den Untergang. Über das Ende des Vertrauens und warum PR uns nicht retten kann.
Hey, Du! Psssst. Sei mal ganz ehrlich: Was glaubst Du, wie viele Menschen in Deutschland eigentlich noch dem Staat als Institution vertrauen? Und Folgefrage:
Gebt gerne eine kurze Begründung für euer Ver-/Misstrauen, aber bitte höflich und gut gelaunt:
Wir können die Antwort statisch oder dynamisch geben, und die dynamische Antwort liefert uns eine bessere Zukunftsprognose, aber tun wir einfach beides:
Dynamisch: Immer weniger. Wie viel genau, ist natürlich nur schätzbar, basierend auf Umfragen usw., aber eine gute Zahl ist scheinbar 25%. Ein Viertel der deutschen Bevölkerung vertraut dem Staat noch. Und diese Gruppe schrumpft. Unaufhaltsam.1
Abstufungen des Misstrauens
Wenn wir uns die restlichen 75% anschauen, können wir das wie folgt aufgliedern, wobei wir in Erinnerungen behalten sollten, dass Zahlen und Kategorien immer eine Vereinfachung und damit Verzerrung der Realität darstellen:
diejenigen, die in einer Art Zombiegehorsam2 zwar nicht mehr der konkreten Manifestation der Institution vertrauen (also z.B. der aktuellen Regierung), aber immerhin noch der abstrakten Institution als solcher (unsere Demokratie, unsere Gesetze, unsere Gerichte, eigentlich eine gute Sache, aber gerade leider fehlbesetzt); sie hatten während Corona vielleicht leichte Bauchschmerzen, fanden Dinge unverhältnismäßig, aber sagten sich: Gesetz ist Gesetz, also halte ich mich daran.
diejenigen, die keinerlei Vertrauen mehr haben, sich aus Eigennutz aber dennoch an die Regeln halten, also zynische Opportunisten;3 sie spielen vielleicht sogar aktiv mit, aber nur solange es ihnen nutzt; sie glaubten während Corona z.B. nicht an die Sinnhaftigkeit oder Wirksamkeit der Impfung, ließen sich aber impfen, um wieder in den Urlaub fliegen zu können, oder um keinen Stress auf der Arbeit zu haben.
diejenigen, die kein Vertrauen mehr haben und sich aus Ideologie oder Idealismus aktiv gegen alles stellen, was vom Staat vorgegeben wird. Diese Gruppe war vor Corona relativ klein (2-5%). Heute müssen wir davon ausgehen, dass sie zusammen mit den ‚innerlich Gekündigten‘ und System-Skeptikern zu einer Sperrminorität von vielleicht einem Drittel der Bevölkerung angewachsen ist. Ein Drittel, das im Ernstfall nicht mehr kooperieren wird.4
Deutschland als Vorreiter des Misstrauens
Das rasant schwindende Vertrauen ist nicht nur ein deutsches Phänomen, es zeigt sich global, aber in Deutschland zeigt es sich besonders dramatisch. Weltweit gelten Regierungen weder als kompetent noch als ethisch. Im Edelman Trust Barometer 2026 gaben 70% der Befragten an, dass ihr Vertrauen so gering sei, dass sie nur noch Ansichten von jemandem gelten lassen, der die gleichen Werte und Ansichten hat, wie sie selbst.5 Das heißt, Menschen schotten sich von Andersdenkenden zunehmend ab. Wir können dies Insularität nennen.6 Und sie ist offensichtlich ein Problem für eine offene, demokratische Gesellschaft.
Und dieser Trend gilt nicht nur für Politiker, er gilt auch für Wissenschaftler. Man vertraut nur noch denen, die die eigene Meinung bestätigen. Die anderen verachtet man.
Das ist einerseits tragisch, andererseits haben uns Politiker und Wissenschaftler in den letzten Jahren Grund genug gegeben, ihnen zu misstrauen. Insofern kann es niemanden überraschen. Überraschend ist eher, wie lange der Kaiser jetzt schon splitterfasernackt durch die Gegend rennt, scheinbar ganz ohne zu bemerken, dass er nackt ist. 2024 stand rhetorisch ganz unter dem Slogan, das Vertrauen wieder herstellen zu wollen.7 Aber scheinbar herrscht keinerlei Verständnis dafür, wie man das angehen müsste.
Wahrscheinlich aber ist jedem klar, dass man einfach mal die eigenen Fehler zugeben, aufarbeiten und ggf. die Konsequenzen tragen müsste.8 Dazu müsste man Rückgrat haben. Das aber, wie wir wissen oder ahnen, ist ein seltenes Gut geworden in unserer politischen Landschaft. Auch das hat seine Gründe. Also lieber weitermachen und die Schuld für den Vertrauensverlust einzig und allein in der fiesen AfD suchen. Etwas unterkomplex, finde ich.9
Low-Trust-Country
Wo soll das hinführen? Schon jetzt ist Deutschland statistisch gesehen ein low-trust-country! Tendenz rasant fallend. Und die Probleme, die damit einhergehen, sind bekannt und passen ebenfalls gut zum Begriff der Insularität:
Man kapselt sich vom gesellschaftlichen Ganzen ab, die Gesellschaft zersplittert, Parallelstrukturen werden hochgefahren, die allgemeine Solidarität (die echte, nicht die während Corona beschworene10) sinkt rapide, der Staat verliert zunehmend die Kontrolle.
Was passiert dann? Zunehmendes Chaos. Verzweiflung. Der Ruf nach dem starken Mann. Und all die Gefahren, die das mit sich bringt, wie wir gerade in Deutschland im 20. Jahrhundert sehen konnten!
Im Osten Deutschlands ist dieser Prozess weiter fortgeschritten. Dazu gibt es zwei Interpretationen. Die eine besagt, dass die ehemaligen DDRler ein feineres Gespür dafür hätten, wenn Ideologie sich als wissenschaftlich tarnt, weil sie das damals schon einmal erlebt hätten. Die andere, die im Mainstream propagiert wird, besagt, dass die Ossis eben nie so ganz in der Demokratie angekommen sind.
Ich halte die erstere Narrative für die glaubwürdigere, so leid mir das tut. Denn dass sich in Deutschland und generell im Westen, vielleicht auch weltweit, Ideologie als Wissenschaft tarnt und dass darum eine gewisse Skepsis gegenüber “der Wissenschaft” absolut vernünftig ist, lässt sich intellektuell redlich kaum bestreiten.11
Es ist ein schmaler Grad hin zur Wissenschaftsfeindlichkeit, die ihre eigenen Fallstricke mit sich bringt: Irrationalismus, Fanatismus, Mobmentalität.
Aber gesunde Skepsis scheint mir der Königsweg zwischen Naivität und Zynismus.12
Todds Phase Zéro
Es existiert eine interessante Parallele dieser Zahlen zu den Überlegungen Emanuel Todds in Der Westen im Niedergang (2024). Dort beschreibt Todd drei Phasen der Religiosität:
eine lebendige Phase, in der die Gesellschaft religiös durchdrungen ist, sie ist sozusagen funktional und gesund.
Wenn die Religiosität aber schwindet, driftet die Gesellschaft in eine sogenannte “Zombiephase” — die Menschen glauben zwar (großteils) nicht mehr an die Erzählung, sie führen aber die Rituale weiterhin aus, als ob sie dran glaubten.
Schließlich kommt die “Nullphase”, in der der blanke Nihilismus regiert: die Rituale selbst verschwinden, es wird nichts mehr geglaubt, Zynismus und Opportunismus sorgen eine gewisse Zeit für das Funktionieren der Gesellschaft, aber sie zerfällt zusehends und mit einer unheimlichen Geschwindigkeit.
Demnach könnte man vermuten, dass wir auch, was das Vertrauen angeht, gerade als Gesellschaft in Deutschland dabei sind, von der Zombiephase in den Nullzustand überzugehen.
Das ist eine gruselige Vorstellung. Wir müssen uns ihr dennoch stellen.
Illich: Corruptio optimi pessima
Der gewaltige Ivan Illich — über den ich btw einen Roman schreibe — bietet uns eine interessante Perspektive darauf, wieso der Vertrauen in die Institutionen und der religiöse Glaube sich Hand in Hand verabschieden könnten.
Illich vertrat nämlich die These, dass die modernen Institutionen sämtlich Perversionen der christlichen Kirche als erster [moderner] Institution darstellten, und diese wiederum bereits eine Perversion des christlichen Glaubens beinhaltet hatte, weil sie als Institution die Machtlosigkeit Christi negierte, um stattdessen selbst ein Machtfaktor zu werden.
Wenn Illich recht hat — und das empfinde ich als sehr plausibel13 — dann ist der Prozess, dessen Kulmination wir gerade erleben, schon vor langer Zeit in Gang getreten. Ich scherzte vor kurzem, dass der Verrat der Christen am Christus schon mit Petrus losging, als dieser ihn dreimal verleugnete. Aber vielleicht liegt in diesem Scherz eine bittere Wahrheit.
Wir (die Menschen der Neuzeit) hatten — nach Illichs Erzählung — gehofft, wir könnten in den modernen Institutionen eine bessere Alternative zur Kirche und zum Christentum schaffen. Aber weil wir ihre perverse Form dabei imitierten, blieben unsere Institutionen ebenfalls verseucht. Wir hätten etwas ganz Neues schaffen müssen. Das haben wir unterlassen.
Die Welle der Schuld und der Schulden
Aus diesem Grund sind Reformen genauso wenig zielführend wie Revolutionen.
Was wir wirklich bräuchten, wären Transformationen, aber es ist nicht klar, wie das zu bewerkstelligen wäre. Wir müssten so viel von dem, was wir für gewiss halten, aufgeben, so viel von dem, womit wir uns identifizieren und worauf ein Recht zu haben wir glauben. Wir müssten ja auch all unsere Fehler einsehen. Angefangen mit dem Glauben, wir könnten Gott oder das Geistige, den Christus, ohne Konsequenzen ausschließen.
Wir müssten die Zeche zahlen. Und dazu sind wir im Großen und Ganzen nicht bereit.
Die Frage ist nur, ob wir sie nicht trotzdem werden zahlen müssen, auch wenn wir nicht bereit und nicht vorbereitet sind. So ganz unvorbereitet, eines Tages. Es wäre besser, bereit zu sein, vorbereitet, allzeit bereit, sozusagen.
Der Kollaps der Kostenexternalisierung
Es gibt eine gewisse Strategie, die sehr beliebt ist, und die darauf hinausläuft, zu hoffen, oder sogar aktiv daran zu arbeiten, dass nur “die anderen” die Zeche zahlen müssen, nicht aber man selbst. Das ist zynischer Opportunismus, und dieser hat, wie wir weiter oben sahen, einen gewissen Prozentsatz der Bevölkerung befallen.
Viele vermuten, vielleicht ja zu Recht, dass vor allem die führenden Schichten der Bevölkerung davon befallen sind. Es wäre plausibel. Typischerweise wollen die meisten Menschen ihre Kosten externalisieren, ihre Gewinne aber abschöpfen. Nur: Eliten sind typischerweise auch in der Position, dies tatsächlich zu tun. D.h. sie sind nicht moralisch verdorbener als wir anderen, sie sind nur leichter zu verführen.
Ich glaube aber, das ist eine langfristig hochriskante Strategie, bei der wir alles verlieren könnten, auch die Eliten, was uns lieb und teuer war. Es wäre eine insgesamt deutlich weisheitsvollere Strategie, alle gemeinsam die Zeche zu bezahlen.
Es ist wie in dem Gefangenendilemma aus der Spieltheorie. Eigennutz vorausgesetzt, wählt jeder “Spieler” die Strategie, die seinen Nutzen maximiert, obwohl das zu einem insgesamt suboptimalen Ergebnis führt. Es wäre deutlich besser für alle Spieler, wenn sie kooperieren könnten. Aber dazu müssten sie sich vertrauen. Und das Vertrauen haben wir systematisch ausgemerzt. (Pun intended)
Trugschluss der Idealisten
Idealisten könnten schnell auf die Idee kommen, sich über diese Vertrauenskrise zu freuen. Denn da das Vertrauen nicht gerechtfertigt wäre, so könnte man argumentieren, dient es der Wahrhaftigkeit, wenn es auch keins gibt. Menschen, die nicht die Wahrheit sagen, sollte man nicht vertrauen. Demnach wäre es also sehr günstig, dass das Vertrauen auch tatsächlich rapide schwindet. Demnach wären die Deutschen — im internationalen Vergleich — besonders wach.
Und so ziehen sie sich zurück in ihre Insularität.
Aber das Problem ist, wir landen dann nicht bei Rousseaus edlem Wilden. Wir landen bei Hobbes und seinem Homo hominem lupus est. Wir landen beim Kampf aller gegen alle.
Konkret würde dieses Szenario für Deutschland einen langsam-schleichenden Niedergang über alle Indikatoren hinweg bedeuten: Der materielle Wohlstand schwindet, die Lebenszufriedenheit sinkt, die Gesundheit verfällt, so auch die Infrastruktur, der aktuell noch relativ leistungsfähige Verwaltungsapparat verliert sich im Chaos der politischen Grabenkämpfe, die Rechtsstaatlichkeit leidet, die Demokratie höhlt weiter aus, niemand glaubt mehr an die Großerzählung BRD.
Das wäre ein tragisches Ende für einen hoffnungsvollen Versuch, der Mitte des 20. Jahrhunderts mit der deutschen Verfassung gestartet wurde, das Grundgesetz, das sowohl in seinem Geiste als auch in seinem Wortlaut eine sehr gute Verfassung ist, an der man nichts ändern müsste, sondern ihr nur konsequent folgen.
Ausblick
Zum Schutze dieser Verfassung gibt es in Deutschland zwei Institutionen, die im Idealfall die Politisierung und Verwässerung dieser Grundregelung der Gesellschaft und ihre Unterwanderung verhindern müssten: den Verfassungsschutz und das Bundesverfassungsgericht. Das Vertrauen in diese beiden Institutionen lässt aber genauso nach, wie das allgemeine Vertrauen. Wir werden in einem separaten Artikel betrachten, warum dem so ist und was man dagegen tun müsste.
Wir werden dann auch sehen, inwiefern eine Transformation im Geiste der Verfassung nicht illusorisch sein muss. Wir müssten kein einziges Gesetz ändern. Nur uns selbst. Das ist natürlich schwieriger, aber es lohnt sich. Vertraut mir :)
[EDIT. Diese Fußnote fehlte in der ersten Fassung.] So halten bspw. laut der dbb Bürgerbefragung Öffentlicher Dienst 2025 sogar nur noch 23% der Befragten den Staat für handlungsfähig. 70% glaubten nicht, dass sich daran etwas unter der neuen Regierung ändert. Die COSMO-Umfragen der Universität Erfurt zeigten, wie das Vertrauen der Bürger in die Regierung während der Corona-Zeit massiv abgenommen hat: Von einem guten Wert zu Beginn um die 60% auf 28,8% in der letzten Erhebung Ende 2022. (Dort findet sich nebenbei bemerkt auch der aussagekräftige Satz: “Die Medien hatten seit Beginn der Pandemie die geringsten Vertrauenswerte im Vergleich zu allen anderen Institutionen, Organisationen und Personen.” Woran mag das nur liegen?) Das Edelman Trust Barometer 2026 liefert ein paar weitere vernichtende Zahlen. So glauben nur 8%, dass es der nächsten Generation besser gehen wird. (Im globalen Vergleich liegt der Wert bei 32%. Nur Frankreich hat mit 6% einen noch schlechteren Wert als Deutschland.) Die genaue Zahl für das Vertrauen in die Regierung ist für 2026 noch nicht veröffentlicht. Der Wert für alle Institutionen liegt bei 44%. Wrsl wird er für die Regierung dann offiziell bei 29-34% liegen. Aus diesen Trends und Zahlen habe ich die Zahl 25% aggregiert. Es könnten auch 30% sein. Es könnten auch nur 20% sein und manche gestehen es sich in Umfragen nicht ein oder trauen sich nicht, es zuzugeben. Wichtiger als die genaue Zahl ist jedoch so oder so der Abwärtstrend.
[EDIT: Diese Fußnote fehlte in der ersten Fassung.] Man hat mich darauf hingewiesen, dass der Begriff Zombiegehorsam abwertend wirkt. So war er nicht intendiert. Ich dachte beim Schreiben an den Zombie-Begriff, wie Emmanuel Todd ihn rein soziologisch verwendet, um den Zustand zu beschreiben, in dem etwas nicht mehr lebendig ist, aber trotzdem rituell noch weiterläuft. (Todd bezieht sich mit den Begriff auf die erste Phase des Verschwindens der Religion, siehe weiter unten im Haupttext.
[EDIT: Diese Fußnote fehlte ursprünglich.] Auch diese Formulierung “zynische Opportunisten” wirkt abwertend, was ebenfalls nicht intendiert war. Da ich hier in einem soziologisch-analytischen Kontext spreche, geht es gar nicht um die (moralische) Beurteilung. Rein strukturell-funktional beschreibt der Begriff zynische Opportunisten diese Kategorie gut, aber er unterstellt mehr Kalkül als man psychologisch erwarten würde. Anders gesagt: die Menschen in der Gruppe würden sich größtenteils selbst nicht als zynisch oder als Opportunisten ansehen. Mir fällt spontan kein weniger wertend wirkender Begriff ein, um diese Kategorie zu benennen. (Ich bin offen für Vorschläge.)
[EDIT: Diese Fußnote fehlte ursprünglich. Sie wurde mithilfe von KI erstellt.] Diese Schätzung ergibt sich aus der Aggregation verschiedener Indikatoren. Während der „harte Kern“ der Systemüberwinder (z.B. Reichsbürger, verfestigtes rechtsextremes Weltbild) in den Leipziger Autoritarismus-Studien vor 2020 stabil im niedrigen einstelligen Bereich (2–5 %) lag, hat sich der Kreis derer, die dem politischen System die Gefolgschaft verweigern, massiv erweitert. Addiert man das Wählerpotenzial der Parteien, die eine fundamentale System- oder Elitenkritik üben (AfD, BSW, Teile der Basis/Kleinstparteien), gelangt man in Umfragen (Insa/Forsa 2025/26) bereits auf Werte um 30 %. Flankiert wird dies durch soziologische Befunde wie die der Leipziger Autoritarismus-Studie 2024, die eine dramatische Entkoppelung feststellte: Die Unzufriedenheit mit der „Demokratie, wie sie in der Bundesrepublik funktioniert“, ist auf Rekordwerte gestiegen. Wir haben es also nicht mit 33 % Extremisten zu tun, sondern mit einer Allianz aus Totalverweigerern und innerlich Gekündigten, die in Summe eine kritische Masse bilden, die für staatliche Lenkung (Nudging) nicht mehr erreichbar ist.
Hier nachzuschlagen, dort S. 17. Für Deutschland ist die Zahl 81%, es ist also besonders insular unterwegs!
Ein Wort der Vorsicht. Das Edelman Trust Barometer wird von der größten PR-Agentur der Welt, Edelman, erstellt. Es gilt als methodisch sauber (1), aber es ist offensichtlich auch PR für ihre eigene Arbeit: Sie diagnostizieren einen Mangel an Vertrauen, um dann für hohe Summen Regierungen und anderen Akteuren dabei zu “helfen”, dieses Vertrauen wieder herzustellen. Scheinbar machen sie aber keinen allzu guten Job, denn das Vertrauen sinkt beständig. Allerdings könnte man ja auch vermuten, dass sie stattdessen einen exzellenten Job machen und das Vertrauen ohne massive PR-Kampagnen und psychologische Massenmanipulation längst noch viel härter kollabiert wäre. Dieser ganze Ansatz ist — needless to say — hochgradig linkshemispherisch und technokratisch. Ups, unser Vertrauen sinkt. Lass mal nicht verlässlicher und ehrlicher werden, sondern das Misstrauen mit PR managen… Wie lange das wohl noch gut geht?
(1) U.a. darum wird es auch in Bastian Baruckers Vereinnahmte Wissenschaft zitiert (S. 55f.). Im Beitrag von Valeria Petkova, Die Manipulation des Vertrauens: Die Rolle des RKI in der Krisenkommunikation, schreibt diese, dass diesem Barometer zufolge “Wissenschaftler das höchste” und “Politiker das geringste Vertrauen” genießen — und folgert daraus, dass (linkshemispherisch-technokratisch gedacht) der leichteste Weg ist, wenn man die Bevölkerung überzeugen will, die Maßnahmen nicht politisch wirken zu lassen, sondern wissenschaftlich: Follow the Science. Die geleakten RKI-Protokolle zeigen meines Erachtens, dass genau dies auch das Vorgehen war. Das Problem dabei ist natürlich, dass nicht das Vertrauen in die Politiker gestärkt wird, sondern langfristig — wie das Barometer der Folgejahre zeigt — das Vertrauen in die Wissenschaft schwindet. Leider zu Recht.
Die Edelman PR-Agentur braucht natürlich immer edgy Begriffe und muss jedes Jahr etwas neues erfinden. Diesmal ist es die Insularity. Zuvor waren es Grievance und Polarization.
So wurde Merz im Wahlkampf nicht müde zu betonen, dass man das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen müsse und warf der Ampel-Koalition vor, ebendies nicht zu tun. Dass Merz nun selbst daran scheitert und noch weniger Vertrauen genießt als Scholz, entbehrt nicht der Ironie, ist allerdings nicht überraschend, und liegt m.E. auch nicht in der Person Merz begründet, sondern systemisch. Wer linkshemispherisch-technokratisch weiter macht, wird auch mit der größten PR-Agentur der Welt das Vertrauen nicht wieder herstellen können. Vertrauen wird nur dort entstehen können, wo ehrliche Aufarbeitung und Vertrauenswürdigkeit Einzug halten. Nicht dort, wo Kampagnen diese Dinge simulieren.
Auch das World Economic Forum stellte sein Treffen 2024 unter das Motto: Rebuilding Trust: “With trust eroding, long-term visions may be too abstract to rally around, while merely focusing on responses to current shocks will leave everyone vulnerable to the transformations at hand. What is needed are new and upgraded platforms for dialogue, stronger partnerships, agile policy frameworks and effective deployment of technologies that can lead to practical and implementable gains for societies across both short-term and strategic horizons.”
Das ist exakt der gleiche Fehler: linkshemispherisch-technokratische Lösungen für ein komplexes Problem können nicht funktionieren. Technokraten haben aber ein psychologisches Problem, wenn es darum geht, das einzusehen: Sie müssten zugeben, dass ihr Lebenswerk vollkommen fehlgeleitet und unsinnig war und die Welt nicht besser, sondern schlechter gemacht hat. Wer mag das schon gerne zugeben? (Das ist ein allgemeines psychologisches Problem: Wer bspw. in der Corona-Zeit alles brav mitgemacht oder sogar den Hauswart gespielt hat, muss leugnen, dass das falsch gewesen sein könnte, denn sonst wäre er selbst ja ein ethisch fragwürdiger Mitläufer und kein Held.)
Siehe Fußnote 3.
Wobei die AfD (und leider auch das BSW), notabene, genauso linkshemispherisch-technokratisch unterwegs ist wie die anderen Parteien und sich aus dieser Perspektive überhaupt nicht unterscheidet. Die Unterschiede sind aus dieser Perspektive Oberflächenphänomene. Ich werde darauf in meinem Artikel zur Windrose der politischen Geographie (forthcoming) detaillierter eingehen.
Was ist der Unterschied zwischen echter Solidarität und der meiner Meinung nach unechten in der Corona-Zeit? Ich glaube, man kann es ganz einfach fassen: Echte Solidarität ist immer Solidarität mit den Individuen. Falsche Solidarität ist die mit dem abstrakten Kollektiv. Die während der Corona-Zeit geforderte Solidarität fühlte sich falsch an, weil es nie um die Individuen ging, sondern immer um die abstrakten in Statistiken gepressten Kollektivgruppen.
Sobald von “der Wissenschaft” geredet wird, als wäre sie ein Monolith, kann man eigentlich schon allein daraus schlussfolgern, dass es Ideologie im Gewande der Wissenschaft ist. Wissenschaft kann kein Monolith sein, denn Wissenschaft lebt von den unterschiedlichen Ansichten und den redlich geführten Debatten, die daraus entstehen, immer auch über die Grundlagen eines Forschungsfeldes. (1) Wir sollten Wissenschaft (und Wissenschaftler) nicht idealisieren, wie uns das Feld der Wissenschaftssoziologie vor Augen führt. Phänomene wie die Replikationskrise und die vielen Skandale um gekaufte Wissenschaft illustrieren dies sehr deutlich.
(1) Ein interessanter Beispiel ist die EES im Feld der Evolutionsbiologie. Ich hätte zu diesem Thema (aus philosophischer Sicht) promoviert, wenn ich eine Finanzierung gefunden hätte. Das wäre langweilig geworden, mein Gott! Zum Glück war ich gezwungen, wieder Lehrer zu werden.
Das ist die eine Säule eines gesunden Verhältnisses zur Wissenschaft. Nicht alles, was sich als Wissenschaft gebärdet, ist es auch im guten Sinne. Aber es gibt brillante Wissenschaft(ler), die zur Kenntnis zu nehmen sich lohnt, selbst wenn es mit den eigenen Ansichten schmerzhaft kollidiert.
Als zweite Säule, die noch weniger im Bewusstsein des Westlers im 21. Jahrhundert verankert ist, sehe ich die Begrenztheit dieses Zugangs zur Wahrheit zu akzeptieren: Wissenschaftliche Untersuchung hat prinzipielle (methodische) Grenzen, die u.a. damit zu tun haben, dass meistens eine kontrolliere Versuchsanordnung nur unter Laborbedingungen verlässlich ist, unsere soziale Realität aber nicht unter diesen Laborbedingungen stattfinden kann. Dieses Problem erkennt der linkshemispherische Technokrat (vielleicht unbewusst). Deshalb möchte er am liebsten dafür sorgen, dass unsere Lebensrealität den Laborbedingungen möglichst exakt gleicht. Er will das Lebendige in das Prokrustesbett seiner Abstraktionen pressen.
Als dritte Säule sehe ich die Akzeptanz, dass es neben dem wissenschaftlichen auch weitere Zugänge zur Wahrheit gibt, die bspw. Iain McGilchrist in The Matter With Things (Band 1, vor allem S. 379-780) zu systematisieren versucht. Er gibt ihnen die Namen: Reason, Intuition und Imagination. Dazu könnte ich beliebig viel ausführen, aber in dieser Fußnote ist nicht der rechte Platz. Ich kann die Lektüre durchaus empfehlen.
[EDIT: Diese Fußnote existierte nicht in der ersten Fassung.] Illichs Argumente hier auszubreiten würde an dieser Stelle zu weit gehen. Die Grundplausibilität, die ich persönlich Illichs These zugestehe, basiert auf meinem Empfinden dazu. Wer es nicht als plausibel empfindet, dem könnte ich nur weitere Denker anbieten, die Ähnliches behauptet haben. Carl Schmitt hat in seiner Politischen Theologie behauptet: „Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe.“ Charley Taylor bezieht sich in A Secular Age explizit auf Illich und arbeitet dort heraus, dass die moderne Welt den Anspruch des Christentums (universale Nächstenliebe) genommen und in bürokratische Systeme gegossen habe (Exkarnierung). Und, für die, die es lieber links mögen, könnten wir auch die Gedanken Michel Foucaults anführen, zur Biopolitik, der ebenfalls analysiert, wie der moderne Staat wie eine Metamorphose der christlichen Strukturen daherkommt und Experten und Bürokraten die Rolle der Priester übernehmen. Es gibt freilich auch prominente Gegenstimmen, die den modernen Institutionen etwas völlig Neues bescheinigen. Zu nennen wären Hans Blumenberg (Die Legitimität der Neuzeit) und Jürgen Habermas (Der philosophische Diskurs der Moderne), wobei der späte Habermas (Auch eine Geschichte der Philosophie) deutlich näher an Illichs These von der Abhängigkeit der Moderne vom Christentum herangerückt ist, was ich als Indiz dafür ansehe, dass Illich nicht ganz daneben gelegen hat.



'ne Fußnote in der Fußnote! Conrad, Du hast eine Schallmauer durchbrochen! 😉
Dein Scherz über Petrus hält leider überhaupt nicht stand. a) Die Begebenheit geschah, bevor der Geist ausgegossen wurde. Das ist ein enormer Unterschied! b) Petrus hat mit ganzem Herzen geliebt. Und mit der Schwachheit des Fleisches Fehler gemacht, wie es leider alle Nachfolger Jesu tun, so lange sie im Fleisch leben. Diesen Fehler hat er jedoch bereut und öffentlich bekannt, er kehrte um zu seinem Herrn und zwar derart, dass er am Ende lieber für seine Überzeugung starb, als abzufallen.
Demgegenüber die organisierte Kirche, die mit der ekkläsía nichts gemein hat. Hier weht der Geist **nicht**, Fehler werden nicht zugegeben, Umkehr findet nicht statt, schon gar nicht gibt man sein Leben und seine Pfründe für Jesus auf. Sie ist dahingegeben.
Zuerst wieder mal ganz großen Dank, Conrad! Es klingt vielleicht seltsam, aber ich stelle fest, dass ich ein gewaltig starkes Fundament hinter (also: unter) deinen Wahrnehmungen, Analysen und Schlussfolgerungen wahrnehme, das ich als ein gleichermaßen intellektuelles wie geistiges und seelisches bezeichne. Diese Kombination halte ich für selten und von hohem Wert. Nun klingt das so, wie wenn ich deine Arbeit aus hoher Warte beurteilen könnte. Von Urteil aus hoher Warte kann aber absolut keine Rede sein. Es ist vielmehr eine Gesamt-Empfindung, die ... sorry, ich kann es nicht ausdrücken. Glaub es mir einfach 😉
Eine Stelle möchte ich noch kommentieren. Am Schluss des Abschnitts "Der Kollaps der Kostenexternalisierung" —> Gefangenendilemma schreibst du: "Es wäre besser für alle Spieler, wenn sie kooperieren könnten. Aber dazu müssten sie sich vertrauen. Und das Vertrauen haben wir systematisch ausgemerzt." Letzteres erfährt nach meiner Wahrnehmung eine Steigerung (lässt sich "systematisch ausmerzen" steigern?!), die ich für geradezu apokalyptisch halte. Und zwar durch die (Möglichkeit der) Verwendung von KI, genauer von LLM in Texten, durch die wir miteinander kommunizieren, Meinungen austauschen. Auch hier auf Substack findet diese Vertrauens-Erosion bereits statt. Ich sehe (noch) keinen Ausgang aus dieser tödlichen Sackgasse. Du?