Das Geheimnis des Bösen und seine Buchhaltung
Über das Schwarze Loch der Geschichte, Solschenizyns Warnung und die kalte Rationalität der Nazis.
Man könnte ohne großartig zu übertreiben sagen, dass das Dritte Reich wie ein Schwarzes Loch in der Deutschen Geschichte ist. Es ist ein gewaltiges Gravitationszentrum, es saugt alles andere ein, aber es bleibt auch etwas, das sich uns nicht erschließt, weil wir in sein Inneres nicht einzudringen vermögen. Es scheint hier so etwas wie das Geheimnis des Bösen verborgen, auf das es tausend und abertausend Perspektiven geben kann, aber nicht die eine große, objektive, wahrhaftige Darstellung. Vielleicht liegt der Grund für diese Unergründlichkeit genau darin, was Alexander Solschenizyn so wortmächtig ausgedrückt hat: Dass “der Strich, der das Gute vom Bösen trennt … das Herz eines jeden Menschen” durchkreuzt. Gefolgt von der unbequemen Frage:
“Und wer mag von seinem Herzen ein Stück vernichten?” (Archipel GULAG, S. 87).“
Ein Forscher, der sich das Entwerfen, Ausführen und Weiterentwickeln bis in alle Details einer — eben doch nur einer — möglichen Perspektive zur Lebensaufgabe gemacht hat, ist Götz Aly. Seine neueste Publikation, als Summa und Alterswerk kürzlich erschienen (August 2025), heißt Wie konnte das geschehen? (Deutschland 1933 bis 1945) und weil dies eine Frage ist, die ich mir auch schon seit ca. 20 Jahren stellte, habe ich es gelesen.1
Wie konnte das geschehen?
Alys Ansatz betrachtet das Dritte Reich aus einer ökonomischen und sozialpolitischen Perspektive. Er stellt heraus, dass Antisemitismus und Irrationalität in der Führung zwar vorhanden waren, das tatsächlich lange Zeit ziemlich zweckrationale Agieren aber nicht erklären können, insbesondere nicht in der Bevölkerung, die bis 1933 keinen außergewöhnlich starken Hass auf Juden gezeigt hatte.2
Die Metapher, von der Aly im 12. Kapitel seine Erkenntnisse zusammenfassend nutzt, übernimmt er von Goebbels und gebraucht sie dann aber mit umgekehrtem Vorzeichen. Goebbels hatte seit 1943 den Krieg mit einem “in rasender Fahrt befindlichen D-Zug” verglichen. Wer versuche, unterwegs auszusteigen, werde sich das Genick brechen:
“Wer versucht, aus dem rasenden D-Zug dieses Krieges vorzeitig auszusteigen, der wird sich den Hals brechen! Man kann nur aussteigen, wenn man an der Endstation angekommen ist (Heiterkeit). Man konnte wohl vorher überlegen, ob man einsteigen will. Wann man einsteigen will, darüber hat jeder selbst zu entscheiden. Wann man aussteigt, darüber entscheidet die Geschwindigkeit des Zuges. Es ist also nicht zweckmäßig, den Versuch zu machen, sich auf französisch zu empfehlen (Heiterkeit)” (Goebbels Rede am 5.11.1943 in Hannover, zitiert nach Aly, S. 612)
Karrikiert wurde dieses Bild bereits im Herbst 1944. Und zwar von einem jungen Mitarbeiter des Arbeitsstabs, der das Kriegstagebuch führte, Felix Hartlaub. Selbiger verstarb in den letzten Tagen des Krieges unter ungeklärten Umständen in Berlin. Zuvor hatte er aber (nebst anderen literarischen Arbeiten) eine Geschichte zu Papier gebracht, die auf Goebbels Metapher anspielend die wilde Fahrt “in den Abgrund” darstellte.
“Hartlaub entfaltet in seiner Geschichte den richtungslosen Zwang zur Beschleunigung, das völlige Verschwinden jeder Selbstwahrnehmung in der deutschen Machtzentrale. Die zum endgültigen Aus-der-Kurve-Fliegen gesteigerte Hochgeschwindigkeit kontrastiert mit dem besoffen-geilen Leerlauf der männlichen und weiblichen Entourage in den schwach beleuchteten Abteilen im Sonderzug des Führers.” (S. 615)
Hartlaub hatte auch nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass rausspringen vielleicht doch die klügere Strategie wäre:
“Aber der, welcher rausspringt, hat immer noch mehr Chancen für sich, 20 bis 30 Prozent — vielleicht fällt er in einen Heuhaufen, in eine Hecke —, als der, der drin sitzen bleibt und mit dem ganzen Zug in den Abgrund saust, mit blauem Samt und alledem.” (zitiert nach Aly, S. 614)
Doch die Deutschen stiegen nicht aus, solange der Zug fuhr. Erst mit der Befreiung kamen sie zu sich und leisteten dann ja auch plötzlich so gar keinen nennenswerten Widerstand mehr. Und zu ihrer allgemeinen Überraschung wurden sie geschont und nicht, wie von ihrer Führung behauptet, vernichtet. Die Alliierten waren (im Großen und Ganzen) zivilisiert, nicht die barbarischen Monster. Die Deutschen hatten nur in den Spiegel geblickt.
Dieser Zug kann nicht anhalten
Die D-Zug-Metapher trifft den Kern der Sache, denn sie beschreibt einerseits die ungebremste Raserei der Führung, andererseits aber auch die Gefangenschaft des Volkes in der Mitschuld (an die Goebbels gerne und oft erinnerte). Die Führung ihrerseits hat zu keinem Zeitpunkt seit der Machtergreifung 1933 aufhören können, sich immer weiter in ihre Raserei hineinzusteigern, ohne den völligen Zusammenbruch zu riskieren.
Die frühen “sozialen” Maßnahmen (Ehestandsdarlehen, “Kraft durch Freude”, Abschaffung der Arbeitslosigkeit durch Rüstung und Autobahnbau) waren durch enorme Schulden finanziert. Um diese überhaupt stemmen zu können, wurde es notwendig, erstens Teile der Bevölkerung zu enteignen (vor allem die Juden) und neue Gebiete einzunehmen, um sich auch deren Reichtum einzuverleiben (die Goldreserven Österreichs, etc.). Das reichte aber alles nicht, zumal enorme Rüstungsausgaben hinzukamen, die wiederum ja für Konjunktur sorgten, also dass die Deutschen das Gefühl haben konnten, unter den Nazis geht es voran! Der Krieg musste her! Allein schon aus finanziellen Gründen.
Als Frankreich dann im Sommer 1940 besiegt war, stellte sich tatsächlich das Problem, wohin der Krieg als nächstes zu bringen sei, um die Beutemaschinerie am Laufen zu halten.3 Ein Ende des Krieges wäre ökonomisch unmöglich gewesen, denn auch an dieser Stelle hätte sich Deutschland fiskalisch nicht stabilisieren können. Darum — nachdem die Invasion Englands gescheitert war — musste der Bruch mit der UdSSR folgen, musste man in Richtung Moskau marschieren und schlimmste Verwüstungen anrichten und nebenbei Millionen Menschenleben — Soldaten wie Zivilisten — vernichten. Es gab keinen Zeitpunkt seit 1933, an dem die Nazis hätten aufhören können, ohne ihren eigenen Kollaps unumgänglich zu machen.
Die perverse, aber zweckrationale Logik der Nazis
Aly arbeitet präzise heraus, inwiefern das Vorgehen der Nazis gegen Juden wie auch andere Minderheiten oder Gegner (Kommunisten, Sozialdemokraten, die Kirche) durchaus einer perversen Logik folgte und in diesem Sinne zweckrational war. Er bezeichnet das frühe Hitler-Regime als Gefälligkeitsdiktatur. Die Deutschen machten mit, nicht aus irrationalem Hass oder totaler Verblendung, sondern zu großen Teilen, weil es sich (kurzfristig) für sie lohnte. Sie profitierten in der Hauptsache von den Veränderungen.
In diesem perversen aber zweckrationalen Sinne waren die Juden das perfekte Opfer für die Nazis. Anders als Adel, Kirche und Militär hatten sie keine Machtbasis, waren aber relativ wohlhabend, groß genug, um tatsächlich einen Unterschied zu machen, und standen oft in gesellschaftlich hochwertigen Positionen (bspw. an den Universitäten, als Ärzte, Anwälte und im Kulturleben, sowie in Kaufhäusern), sodass durch ihr “Verschwinden” viele “Arier” nachrücken konnten und insofern profitierten.
Aly betont in diesem Zusammenhang die Dynamik des Sozialneids: Antisemitismus konnte populär werden, weil er den gesellschaftlich aufstrebenden ,aber eben noch nicht angekommenen Massen mit dem “gebildeten Oberschicht-Juden” das ideale Feindbild, auf das man neidisch war, wozu man aber nicht stehen konnte, bot.
Selbst die letztliche Vernichtung der Juden verfolgte neben dem irrationalen Ziel, die Juden zu vernichten, stets auch zweckrationale Ziele: so ging es zunächst oft darum — wie auch bei den Euthanasie-Morden —, schlicht Wohnraum für die einzugliedernden “heim ins Reich” geholten Deutschen zu schaffen.
So konnte das geschehen — und kann noch immer
So konnte das geschehen, sagt Aly. Eine Führung frei von jeglicher Form eines Gewissens verführt einerseits (Gefälligkeitsdiktatur) das Volk dazu, ihm zu folgen, und andererseits lässt sich ein Volk gerne verführen, wenn es davon profitiert. Und nach einer gewissen Zeit kann man dem Volk sagen: Bei den Verbrechen, die wir gemeinsam begangen haben, können wir nicht halt machen. Jetzt heißt es Siegen oder völlige Vernichtung Deutschlands.
Das erklärt, warum 1943 der Krieg schon längst verloren sein konnte, es auch viele wussten oder zumindest ahnten, und alles dennoch immer schlimmer weiterging. Aly rechnet vor, wie die Verschwörer vom 20. Juli 1944, wären sie erfolgreich gewesen, 2,3 Millionen Soldaten (von insgesamt 5,3 Mio. Gefallenen) das Leben gerettet hätten, das sie in den wenigen Monaten bis Kriegsende verloren. Zudem seien 72% aller Bomben auf deutsche Städte ebenfalls erst in in dieser kurzen letzten Kriegsphase gefallen. (S. 621)
So konnte das geschehen. Und Aly ist der Ansicht, dass es wieder geschehen könne. Denn alles, was den Nazis zur Verfügung stand, um die völlige Barbarei — oder den Höllensturz, wie Ian Kershaw es benannte — in Europa ausbrechen zu lassen, steht uns heute noch immer zur Verfügung: die Machtmittel, der menschliche Hang zum Opportunismus, das Mitläufertum, wie auch die vergiftenden Ideologien und Diskurse.
Wir leben, so Aly, schrecklicherweise in einer Welt, die viel zu wenig aus dem Dritten Reich gelernt hat, vielleicht auch, weil man diese Zeit als Betriebsunfall sehen wollte, um nicht in den Spiegel blicken zu müssen. Um nicht, wie anfangs Solschenyzin zitiert, einsehen zu müssen, dass das Böse auch im eigenen Herzen wohnt, und dass wir doch bereit sein müssten, etwas von unserem Herzen zu vernichten. Das legt uns das Evangelium ja eigentlich auch nahe:
Wenn dich aber dein rechtes Auge verführt, so reiß es aus und wirf's von dir. Denn es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Und wenn dich deine rechte Hand verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Denn es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre. (Matthäus 5:29-30)
Verrückt nur, dass es den Christen (Protestanten wie Katholiken) in ihrer überwältigenden Mehrheit so schwer gefallen ist, den Nazis irgendetwas entgegenzusetzen.4 Sie waren zu diesem Zeitpunkt scheinbar bereits moralisch ausgebrannt.
Wir haben nun Alys historische Diagnose betrachtet. In einem zweiten Teil folgt eine ausführlichere Darstellung seiner Warnung für die Gegenwart.5
Beachte auch gerne meine andere Publikation, Um zu leben, ein Roman mit Metakommentar passend für Substack und das Jahr 2026. Hier geht es zur aktuellen Folge:
Meine treuen Leser mögen jetzt vielleicht denken: Moment Mal, Meister, hattest du nicht groß angekündigt, dass du dich dieses Jahr mit dem 12. Jahrhundert und der Bhagavadgita und den Evangelien beschäftigen willst?! Warum dann jetzt hier plötzlich das Dritte Reich? Das liegt historisch mitnichten im 12. Jahrhundert, sondern im 20.
Darauf möchte ich kurz antworten: Sei dir gewiss, lieber Leser, dass alles einem größeren Plan angehört. Ich habe über den Jahreswechsel herausgefunden, welchem Zweck dieses Interesse am Mittelalter und vor allem dem 12. Jahrhundert dient. Und zwar will ich nun endlich das Romanprojekt angehen, das ich in dieser legendären Fußnote skizziert hatte. Ich werde es aber zunächst überschaubar halten und mich ganz auf Ivan Illich konzentrieren. Dieser lebte aber physisch im 20. Jahrhundert und intellektuell auch intensiv im 12. Sein Leben wurde massiv durch die Nazis geprägt. Er musste gleich zweimal vor den Nazis fliehen, erst nach Florenz und dann in den Vatikan. Also muss ich mich mit beiden Jahrhunderten beschäftigen und dazu mit Illichs Wirken selbst und dabei schlage ich einige Fliegen mit einer Klappe, wie man sagt, denn mit dem 20. Jahrhundert und mit Illich habe ich mich die letzten Jahre sowieso schon beschäftigt.
Es ist insofern damit zu rechnen, dass hier einige Artikel über die Nazi-Zeit und die Nachkriegszeit erscheinen werden. Nach Götz Aly habe ich sofort begonnen, Sebastian Haffners Geschichte eines Deutschen und Michael Burleighs Die Zeit des Nationalsozialismus zu lesen. Triangulation. Zudem habe ich ein paar interessante Bücher über die Nachkriegszeit in petto.
Möglicherweise werde ich auch die eine oder andere Szene aus dem zu schreibenden Roman veröffentlichen, mal sehen.
Soso, naja, ok, aber was ist mit den Evangelien und der Bhagavadgita?
I’m glad you asked. Die Evangelien muss ich für meine Illich-Studien sowieso zur Kenntnis nehmen, denn Illich kannte sie auswendig. Wie ich dabei die Bhagavadgita noch einbaue, ist mir noch nicht ganz klar, aber ein so majestätisches Werk wird seinen Platz schon noch finden. Vielleicht hat Illich sie sogar zur Kenntnis genommen. Alles zu seiner Zeit.
Gleich zu Beginn seiner Studie betont Aly ein wichtiges Detail, das oft ignoriert wird, weil es schnell so wirken kann, als wolle man die Schuld für die Schoah anderen in die Schuhe schieben: Dass nämlich die Nazis mit großem Interesse die Völkermorde studierten, die den Übergang vom Osmanischen Reich zum türkischen Nationalstaat begleiteten (an den Armeniern ab 1915 und den Griechen bis 1922). Sie sahen in deren „Gelingen“ den Beweis, dass man eine Minderheit entrechten, vertreiben und vernichten könne, ohne dass es die Weltöffentlichkeit großartig aufregte:
“Die von türkischer Seite genannten national-identitären Gründe leuchteten der in München schon recht starken Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei ein: Das eigene Volk sollte von Menschen ‘gereinigt’ werden, die seit einigen Jahrzehnten und zunehmend als ‘Fremdkörper’ eingestuft worden waren, zugleich eröffnete sich damit die Chance, eine überdurchschnittlich wohlhabende Minderheit komplett zu berauben.” (S. 31)
Eine historische Pointe von fast schon zynischer Schwärze ist dabei, dass sich kurdische Stämme oft tatkräftig an den Massakern an den Armeniern beteiligten (und sich an deren Hab und Gut bereicherten). Sie wähnten sich als Muslime auf der sicheren Seite, nur um wenige Jahre später feststellen zu müssen, dass im neuen homogenen Nationalstaat für sie genauso wenig Platz war. Sie waren die nützlichen Idioten der Geschichte, die erst beim Aufräumen halfen, bevor sie selbst weggeräumt wurden.
Dies ist ein interessanter und wichtiger Punkt bei Aly, denn oft wurde behauptet — und hält sich noch immer im deutschen kulturellen Gedächtnis, dass Hitler den Ausgleich mit Großbritannien gesucht hätte, weil er die Angelsachsen bewunderte oder zumindest als Arier anerkannte. Laut Aly zeigen vor allem die Goebbels-Tagebücher aber, dass dem nicht so sei. Er zitiert einige Eintragungen aus dem Juli 1940: “Aber es fehlt der Krieg für die Darstellung des Krieges.” — “Der Krieg gegen England wird wie eine Erlösung wirken.” — Und resümiert: “[Goebbels], Hitler und viele weitere NS-Führer brannten darauf — sie brauchten das Tempo, den Raubzug, die ständig neue, überstürzte, für das Volk buchstäblich atemberaubende Aktion. Ebendeshalb waren vergleichsweise ruhige Zwischenzeiten für sie ‘immer am schwersten’.” (S. 384)
Eine (nicht die einzige) berühmte und ehrenwerte Ausnahme bildet die Aktion des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, der am 3. August 1941 über die Aktion T4 (Euthanasie-Morde) öffentlich predigte, die daraufhin von Hitler offiziell eingestellt wurde (insgeheim ging es weiter, aber langsamer). Dies zeigt, dass Widerstand möglich und wirkmächtig war. Und dass die Deutschen im Allgemeinen und ihr Gewissen in Form der institutionalisierten Kirche im Besonderen auf ganzer Linie versagt haben. Wobei wir nicht von oben herabblicken sollten, nur weil wir das Geschehen aus der historischen Vogelperspektive betrachten können. Wir selbst versagen oft genug moralisch. Und wer kann schon wissen, ob er damals nicht zum Nazi geworden wäre. Wie leicht das gehen kann, schildert Sebastian Haffner in seiner Geschichte eines Deutschen anhand von Freunden und Bekannten, die plötzlich Nazis wurden, stilistisch brillant.
Noch ein Hinweis an alle, die meine 5000- bis 7000-Wörter-Epen lieben: Ich bemühe mich aktuell um Mäßigung und versuche, ein Limit von ca. 2500 Wörtern einzuhalten. Man hat mir versichert, dass größere Textmengen für die meisten Leser eine Überforderung darstellen. Und wir wollen ja nicht elitär sein.




Im Gespräch sagte ich dir, dass mich dein Text an Die Schwarze Spinne von Jeremias Gotthelf erinnere. Leider zu knapp, leider zu wenig Raum für deinen gelungenen Text, und leider keine Herleitung meinerseits.
Hier also nochmal ausführlich:
Dein hervorragender Vergleich des dritten Reiches im Kontext deutscher Geschichte mit einem schwarzen Loch trifft gleich doppelt gut: unsere geschichtliche Aufmerksamkeit wiegt hier, wohl aus gutem Grund und auch ganz beabsichtigt, Stichwort Erinnerungskultur, besonders schwer. Gleichzeitig verbinden wir seit jeher das Dunkle mit dem Bösen.
Auch in der Novelle von Gotthelf ist die Spinne nicht zufällig schwarz. Sie tritt auf als Bestrafung des Teufels höchstpersönlich, terrorisiert die Dorfbewohner, bringt Tod und Verderben. In der Geschichte selbst lernen wir als Leser von Gut und Böse aus einer christlichen Perspektive. Diese prägt unser westliches Verständnis von beiden Begriffen besonders stark. Zwei Gegenspieler, die konträr zueinander stehen, kaum gleichzeitig existieren können und immer durch Gegenteile dargestellt werden.
Die christliche Farblehre zeigt klar: das Reine, das Weiße, es ist Gott. Es ist das Gute, das Glück, das Salz der Erde, das Licht der Welt und das Dunkle ist das Böse. Das Finstere, die Abwesenheit von Licht.
Dunkelheit ist eben physikalisch gesehen auch nur die Abwesenheit von Licht. Wir können keine Dunkelheit schaffen, wir können nur Licht wegnehmen. Im schwarzen Loch wird sogar das Licht verschluckt, so schwer ist die Anziehungskraft.
Wie konnte es also dazu kommen, wer hat das Licht weggenommen? Ich freue mich, deinen Substack weiter zu verfolgen und deine ganz eigene Antwort auf diese große Frage zu erlesen. Die oft genannte Kollektivschuld behandelt Gotthelf bereits 1842 und im Hinblick auf das Dritte Reich bekommt seine Erzählung eine neue Ebene!