11 Kommentare
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Avatar von Stolz

Im Gespräch sagte ich dir, dass mich dein Text an Die Schwarze Spinne von Jeremias Gotthelf erinnere. Leider zu knapp, leider zu wenig Raum für deinen gelungenen Text, und leider keine Herleitung meinerseits.

Hier also nochmal ausführlich:

Dein hervorragender Vergleich des dritten Reiches im Kontext deutscher Geschichte mit einem schwarzen Loch trifft gleich doppelt gut: unsere geschichtliche Aufmerksamkeit wiegt hier, wohl aus gutem Grund und auch ganz beabsichtigt, Stichwort Erinnerungskultur, besonders schwer. Gleichzeitig verbinden wir seit jeher das Dunkle mit dem Bösen.

Auch in der Novelle von Gotthelf ist die Spinne nicht zufällig schwarz. Sie tritt auf als Bestrafung des Teufels höchstpersönlich, terrorisiert die Dorfbewohner, bringt Tod und Verderben. In der Geschichte selbst lernen wir als Leser von Gut und Böse aus einer christlichen Perspektive. Diese prägt unser westliches Verständnis von beiden Begriffen besonders stark. Zwei Gegenspieler, die konträr zueinander stehen, kaum gleichzeitig existieren können und immer durch Gegenteile dargestellt werden.

Die christliche Farblehre zeigt klar: das Reine, das Weiße, es ist Gott. Es ist das Gute, das Glück, das Salz der Erde, das Licht der Welt und das Dunkle ist das Böse. Das Finstere, die Abwesenheit von Licht.

Dunkelheit ist eben physikalisch gesehen auch nur die Abwesenheit von Licht. Wir können keine Dunkelheit schaffen, wir können nur Licht wegnehmen. Im schwarzen Loch wird sogar das Licht verschluckt, so schwer ist die Anziehungskraft.

Wie konnte es also dazu kommen, wer hat das Licht weggenommen? Ich freue mich, deinen Substack weiter zu verfolgen und deine ganz eigene Antwort auf diese große Frage zu erlesen. Die oft genannte Kollektivschuld behandelt Gotthelf bereits 1842 und im Hinblick auf das Dritte Reich bekommt seine Erzählung eine neue Ebene!

Avatar von Conrad Knittel

Hey, danke für diesen schönen Kommentar. Fehlt das Ende? Es scheint mitten im Satz abzubrechen.

Ich werde "Die schwarze Spinne" auf jeden Fall lesen. Muss noch überlegen, welche Ausgabe, denn ursprünglich hasste ich Reclam (wrsl Trauma aus Schulzeiten, weil wir immer so Theaterstücke von Reclam lesen mussten, das hab ich gehasst), aber da meine Frau Germanistin ist haben wir ein ganzes Regal mit Reclams rumstehen und ich hab die nach und nach dann doch auch mal das ein oder andere gelesen, aber jedenfalls ist das ja auch egal, ich werde es zeitnah lesen.

Was deine Ausführungen zum Bösen angeht, wäre für dich vllt die These Steiners spannend, dass das Böse nicht ein Gegenpol zum Guten ist, sondern ZWEI (gut aristotelisch gedacht): Um in der Lichtmetapher zu bleiben könnte man sagen: Es gibt das "zu wenig Licht", Verfinsterung, der Sturz in die Materie, etc. Satan. Steiner nennt das Ahriman. Und es gibt das "blendende, zu grelle Licht", das wäre Luzifer, der blendend schöne (!) Engel, der dem Menschen eine Illusion eingibt, sie seien bereits "im Himmel", so to say. Dazu kann man noch viel ausführen, ich belass es erstmal dabei, vllt interessiert es dich. Ich finde es jedenfalls unabhängig von der Frage nach der Wahrheit einen sehr spannenden Gedanken.

Wir sehen und bald zum Commander zocken!

Avatar von Stolz

Nein, nein. Da fehlen unsere Gedanken zum Thema Gut und Böse, die wir gemeinsam noch diskutieren werden! ;) Danke für deinen Impuls. Begeisterung färbt häufig auf mich ab, da fällt es mir noch leichter, die Arbeit im Referendariat zu pausieren, um Steiner zu recherchieren. Bis bald!

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Jan 21
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Avatar von Conrad Knittel

Lieber Hektor,

du bist bibelfest wie immer, da fühle ich mich immer ganz unwissend, aber ich finde, für den punch reicht eigentlich auch eine extrem prominente Stelle aus den Evangelien und das alte Testament stößt ja vielen Christen heutzutage arg auf und sie würden lieber die Finger davon lassen. (So auch schon Egon Friedell.)

Was du über die deutschen Christen sagst, ist natürlich richtig. Auf den Aspekt, dass der NS sich als Religion zelebrierte, legt Michael Burleigh (Die Zeit des Nationalsozialismus) einen Schwerpunkt, das habe ich gerade zu lesen begonnen und werde — so Gott will — berichten.

Was du zwecks Ehrenrettung der Protestanten schreibst, scheint mir aber doch ein wenig mehr (weniger ehrenrettende) Details zu verlangen, um nicht apologetisch und geschichtsverfälschend zu wirken.

Denn okay, es waren 140 Theologen, die da etwas beschlossen haben, aber:

1) Ging es ihnen in der Sache nur darum, dass der Staat sich nicht in ihre innerreligiösen Angelegenheiten einmischen soll. Die Judenfeindlichkeit und andere Abscheulichkeiten wurden nicht kritisiert.

2) Standen diesen 140 insgesamt ca. 18.000 gegenüber, die da nichts unterschrieben haben.

3) Waren diejenigen, die wir heute als Helden feiern, wie Bonhoeffer, der Bekennenden Kirche ja zu radikal und wurden ausgegrenzt, während die allermeisten Pfarrer bereit waren, den 1938 geforderten Treueschwur auf Hitler zu leisten (dass Christen nicht schwören sollten, darüber haben wir ja schonmal palavert).

4) Muss man mithin also zugeben, dass Bonhoeffer nicht weil, sondern obwohl er evangelischer Theologe war, ein Widerständler wurde — was genauso für die Geschwister Scholl gilt (die obv keine Theologen waren, aber Christen). Das sieht man daran, dass die allermeisten Christen sich nicht dazu genötigt sahen, Widerstand zu leisten.

5) Muss man zugeben, wenn man den historischen Blick erweitert, dass auch jenseits der Nazi-Zeit die Protestanten schon immer (beginnend mit Luther) schneller bereit waren, sich dem Staat unterzuordnen. Das muss man ihnen nicht vorwerfen, sie hatten schlicht keine andere Schutzmacht als ebendiesen Staat, während die katholische Kirche lange Zeit eine Machtalternative darstellte. Dass dies im 20. Jhd nicht mehr so war, sorgte für die faulen Kompromisse auch der Katholiken mit dem NS — qualitativ und quantitativ schneiden die Katholiken insgesamt aber doch besser ab, wenn es um ihre Nazihaftigkeit geht. (Obwohl sie natürlich auch hart gefailed haben, das Zentrum hat überhaupt erst die 2/3 Mehrheit für Hitler geliefert etc. pp.)

6) Nur um zu zeigen, dass ich diesbezüglich versuche, unparteiisch zu sein, auch die Christengemeinschaft (von Rudolf Steiner gegründet) und ihr Erzoberlenker Rittelmeyer hat versucht, sich dem NS anzubiedern. Die wurden nur dann so schnell verboten, dass sie keine großartige Gelegenheit mehr hatten, ihre Sache zu verraten. (Das tun die Anthros dafür heute umso lieber. Siehe GLS Bank kündigt Dissidenten das Konto. Ich berichtete.)

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Jan 23
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Avatar von Conrad Knittel

"Daher die Darstellung weiterer Widerständler inklusive Protestanten dies das."

ich habe nachgeschaut und ich sehe in deinem ursprünglichen beitrag nicht, dass du widerständler dargestellt hättest, die keine protestanten waren. Insofern scheint mir das eine verlogene behauptung. klär mich gerne auf. dann lese ich den rest dessen, was du schriebst.

Worüber ich aber beim nochmaligen Lesen gestolpert bin:

"Doch im Falle von Machtmissbrauch und Fehlverhalten von Seiten der Regierung muss dagegen vorgegangen werden."

Wenn das wirklich deine Haltung ist, warum dann die Weigerung dich mit den Corona-Maßnahmen tiefgehender zu beschäftigen. Die sind nämlich aus Sicht einer jeden Person, die ich kenne und intellektuell respektiere (einschließlich, aber nicht ausschließlich mir selbst) genau das: Machtmissbrauch und Fehlverhalten von Seiten der Regierung gewesen.

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Jan 23
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Avatar von Conrad Knittel

Wieso das. Alle meine Artikel zu Corona waren frei von Anschuldigungen, Vorwürfen, Schuldzuweisungen und erst recht von Beschimpfungen.

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Jan 21
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Avatar von Conrad Knittel

Btw können wir auch gerne noch das Thema auf den Tisch bringen, für das du dich ja auch erwärmst, inwiefern die Kirchen und die Christen auch aktuell weiterhin moralisch versagen. Sie haben sozusagen nie damit aufgehört seit Petrus den Christus dreimal verleugnete. Und zwischendrin haben ein paar Heilige und Häretiker die Fackel getragen. Verdammt schade irgendwie.

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Jan 23
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Avatar von Conrad Knittel

Wenn du schreiben würdest: In meiner Minderheits-Absplitterung von einer Absplitterung von einer Absplitterung des Mainstream-Christentums sehen wir das so, dass alle Christen Heilige genannt werden, dann könnte ich diesen Beitrag ernst nehmen. So muss ich sagen: Well, that’s your … opinion … man. Womit ich den Dude zitiere oder paraphrasiere, je nachdem wie gut mein Gedächtnis gerade läuft.

Ich persönlich meine keine bestimmten Personen. Ich meine mehr so das allgemeine Phänomen. Vagheit ist in diesem Fall ein Pluspunkt.

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Jan 23
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Avatar von Conrad Knittel

Ich kann dich auch Petterson nennen, wenn dir das lieber ist.

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Jan 21
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Avatar von Conrad Knittel

Hektor hieß ja unsere Vogelscheuche. Aber wir haben sie in Petterson umbenannt. Die Kinder wollten das :)