Das Unbehagen der Moderne: I. Ich bin sooo fly
Die Frage nach der Willensfreiheit eröffnet den Nexus der Philosophie. Sie führt uns, wenn wir sie lassen, zur Überwindung des nihilistischen Welt- und Menschenbildes
„Wir [...] haben die Welt geträumt. Wir haben sie resistent geträumt, geheimnisvoll, sichtbar, allgegenwärtig im Raum und fest in der Zeit; aber wir haben in ihrem Bau schmale und ewige Zwischenräume von Sinnlosigkeit offengelassen, damit wir wissen, daß sie falsch ist.“
(Jorge Luis Borges, Inkarnationen der Schildkröte)
Wenn man klein ist,
glaubt man jeden Mist,
also wurde ich Determinist
doch der Mangel an Freiheit ist nichts für mich --War er auch noch nie und so änderte ich
meine Lebenseinstellung und checkte das Leben als Voluntarist.(frei nach B-Tight)
Zu dieser Artikelreihe inspiriert haben mich Christoph Klinger und Felix Bölter mit ihren Texten, in denen sie auf charmante Art die aus meiner Sicht völlig unsinnige, aber dennoch nachvollziehbare und scheinbar plausible Position des Kompatibilismus resp. harten Determinismus feiern.1 Am Ende haben sie vielleicht Recht und ich Unrecht. Aber wenn sie Recht haben, dann konnte ich nicht anders, als Unrecht zu haben. Insofern habe ich nichts zu verlieren. Ich gestehe lieber gleich zu Beginn, dass ich auf ihre Texte und Argumente in diesem ersten Teil noch quasi überhaupt gar nicht eingehe. Das werde ich aber ganz detailliert ab dem zweiten Teil angehen.
Wen lustige autobiographische Details nicht interessieren, der kann auch gleich zum Teil “… und was er [Schopenhauer] mich lehrte” springen. Ich empfehle es aber nicht.
Prolog. Die philosophischen Fragen.
Man verzeihe mir die längere Einleitung. Ich kann dieses Thema nur als Herzensthema aufziehen, also biographisch-metaphorisch. Eine rein philosophisch-analytische Betrachtung wäre mir zu kalt und ginge auch am Anliegen, das zu haben ich meine, vollkommen vorbei.
Es gibt philosophische Fragen, die begleiten einen ein Leben lang. Sie schlagen wie der Blitz in einen ein, plötzlich, unvorbereitet, und dann… verlassen sie einen niemals mehr.
So lief ich als Jugendlicher eines Tages etwas niedergeschlagen nach der Schule zur Bushaltestelle. Ich weiß nicht mehr, warum ich niedergeschlagen war, aber braucht man dazu als Jugendlicher einen Grund? Kaum. Aber es fühlte sich nach einer existentialistischen Niedergeschlagenheit an: das Leben, die Welt, es ergab keinen Sinn und fühlte sich auch nicht sonderlich angenehm an.
Plötzlich kam mir der Gedanke:
Aber warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?
Die Frage kannte ich wahrscheinlich bereits, aber wirklich gestellt hatte ich sie mir nie. Und ich stellte sie mir auch in dieser Situation nicht, sondern sie war wie eine Antwort auf die Frage, oder vielmehr die Behauptung von Sinnlosigkeit. Wenn das alles sinnlos sein soll, warum gibt es das dann überhaupt und nicht einfach nichts? Das ist keine logische Antwort, auch kein Totschlag-Argument, aber für mich als Jugendlicher war es wie das Licht, das plötzlich durch ein Fenster hineinscheint.
Denn ich dachte nicht: Aso. Dann muss es auch sinnvoll sein. Q.e.d. Nein, aber was ich in der Folge dieser Frage dachte, war:
Ich könnte mich irren.
Und dieser Gedanke: Ich könnte mich irren, hat mich sozusagen gerettet, hat mich all die düsteren Gedanken ertragen lassen, die ich als junger Mensch pflegte, zu denen ich mich genötigt und verpflichtet fühlte, weil ich sie für wahr hielt, und ich erlaubte mir auch nicht, damit aufzuhören, sie zu denken, aber ich fügte hinzu: Ich könnte mich irren.
Und das gab mir eine gewisse Leichtigkeit, die ich nie wieder verloren habe.
1. Die Leichtigkeit des Determinismus
Ein paar Jahre später studierte ich dann Philosophie. Warum? Weil ich Bertrand Russells Autobiographie gelesen hatte. Wie kam das?
Mein Organist hat verhindert, dass ich Physiker wurde
Ich war auf dem Bücherflohmarkt der Stadtbibliothek Aachen, und traf dort zufällig den Organisten unserer Kirchengemeinde. Ich war nicht mehr gläubig zu dem Zeitpunkt, aber ich spielte noch im Kirchenensemble, denn musizieren war schön und ich mochte den Organisten. Jedenfalls zeigte er mir die drei Suhrkamp-Bände und wenn ich es richtig erinnere, war seine Aussage, er würde die kaufen, aber wenn ich sie haben wollte, würde er sie mir überlassen.
Und ich weiß nicht, warum, jedenfalls kaufte ich sie. Vielleicht, ich bin mir über den zeitlichen Ablauf nicht mehr im Klaren, hatte ich zu dem Zeitpunkt gerade die Autobiographie von Isaac Asimov (Atheist par excellence) gelesen, It’s Been A Good Life. Ich weiß noch, dass ich sie bei Freunden in Augsburg beendete, und dass ich zutiefst bewegt von Asimovs Tod war. Und vielleicht dachte ich, dass Autobiographien genau mein Ding wären. Vielleicht sind sie das ja auch.
(Zumindest habe ich später auch die Autobiographie von Errol Flynn mit Genuss gelesen und mein Lieblingsschriftsteller, Roberto Bolaño schreibt im Grunde auch autobiographisch, obwohl er sagt, dass Autobiographien eigentlich Quatsch sind, zumindest die von Pablo Neruda, aber das nur am Rande.)
Jedenfalls hatte ich als Jugendlicher eigentlich Informatiker werden wollen, weil ich Computer(spiele) liebte, und dann hatte ich die Bücher von Stephen Hawking in die Finger gekriegt und wollte Physik studieren, aber als ich Russell gelesen hatte, wollte ich Mathematik und Philosophie studieren, wie er. Wahrscheinlich fand ich einfach beeindruckend, was für ein Leben er geführt hat und führte das naiverweise auf seine „Fächer“ zurück, nicht auf seine Persönlichkeit oder seine Lebensumstände.
Ich glaube im Nachhinein, dass ich weder bei Asimov noch bei Russell noch, was das angeht, bei Dawkins, viel von ihrer Philosophie verstanden hatte. Aber beeindruckt war ich trotzdem und das ist ja auch gerade richtig so, dass man als junger Mensch beeindruckt ist. Und alle drei sind ja auch wirklich beeindruckende Personen gewesen, die ein jeweils beachtliches Werk vorgelegt haben.
Wovon ich rede, wenn ich von Logik rede
Jedenfalls studierte ich Philosophie, und zwar die ernsthafte, also analytische, logische Philosophie. Meine Scheine im Grundstudium machte ich in Formaler Logik (das war Pflicht), Modallogik (das war die Kür), Logische Propädeutik (über das Buch von Kamlah und Lorenzen) und Logik der Forschung (das Buch von Popper, da geht es gar nicht so sehr um Logik, sondern um Erkenntnistheorie, aber der Name zählt) und ich war sehr stolz darauf, dass überall das Wort Logik drin vorkam.
Meine Zwischenprüfungsarbeit schrieb ich dann zu Spinozas Ethik in geometrischer Anordnung, die zwar nicht das Wort Logik enthält, aber wer das Werk kennt, weiß, dass es doch gut in die Reihe passt, denn Spinoza schreibt seine Philosophie in „exakten“ Beweisen, die allerdings vorne und hinten nicht funktionieren, was ich in meiner Arbeit darlegte und tadelte, sehr zum Verdruss meines Betreuers, der das zwar alles richtig fand, was ich da schrieb, weshalb er mir auch mit dem Kommentar eine 1 gab, etwas anderes hätte ich wohl auch nicht akzeptiert, mir aber nahelegte, mich lieber spannenden Fragen zu widmen als dieser Kleinkrämerei mit der strengen Logik. Interessanter als die Frage, ob Spinozas Beweise gültig und schlüssig seien, wäre doch, was er damit eigentlich gewollt habe und warum sie nicht gültig und schlüssig sein könnten.
Womit ich langumwunden eigentlich nur sagen will, dass ich mich im Studium, obwohl ich auf Lehramt studierte, und obwohl das Fach, das ich danach unterrichten würde, so ich denn tatsächlich diesen Beruf ergriffe (was ich tat, aber das ist eine andere Geschichte), Ethik heißen würde, äußerst trick- und erfolgreich um die Beschäftigung mit der Ethik und generell der praktischen Philosophie drückte, so wie ich es auch mied, Philosophie anders als aus der Perspektive des 20. Jahrhunderts zu betreiben.
Privat las ich Wittgenstein und Klassiker der analytischen Philosophie wie Kripke und Carnap (meine mündliche Zwischenprüfung machte ich zu Freges und Russells Bedeutungstheorien und Carnaps Überwindung der Metaphysik), ich las auch ein bisschen David Lewis, zu dem ich in Englisch eine Facharbeit schrieb, und ich las Kants Kritik der reinen Vernunft (ich verstand nicht viel), aber ich weigerte mich, seine Schriften zur Ethik auch nur aus der Entfernung ernstzunehmen.
Vielleicht lag dies auch daran, dass ich ganz am Anfang mit einer sehr hübschen Mitstudentin zusammen, die später meine Frau wurde (hehe), ein Seminar zu Mills Utilitarismus belegt und daraus (und meiner frühen Lektüre eines Buches namens The Moral Fool von einem Hans-Georg Möller) den Schluss gezogen hatte, alle Ethik müsste vollkommen törichter Schwachsinn sein.
Wie ich dann doch zu Schopenhauer (Schopi) kam…
Allerdings musste man als Lehramtsstudent EPG-Scheine machen, und hier kam ich, weil es wenig nach Ethik und sehr nach Metaphysik klang, zu einem Seminar über Schopis Die beiden Grundprobleme der Moral und parallel dazu in einen Lektürekurs, den der legendäre Manolito anbot, über Schopis Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung.2 Und um das Thema der Moral tatsächlich zu umgehen, schrieb ich meine Hausarbeit zu Schopi über das Problem der Willensfreiheit.
Hat es sich gelohnt, so weit auszuholen? Keine Ahnung. Die Zeit wird es lehren, um Tonke Dragt zu zitieren. (Die nebenbei 2024 gestorben ist, seitdem warte ich darauf, dass ihre letzten Werke auf Deutsch erscheinen, aber vor ein paar Tagen habe ich beschlossen, mit dem Warten aufzuhören und sie mir schlicht auf Niederländisch zu besorgen. (Kann ja nicht so schwer sein, etwas auf Niederländisch zu lesen, dachte ich mir. Wir werden sehen.))
Schopi liest sich wie einer der Urväter der Analytischen Philosophie im 20. Jahrhundert, so ein richtiger Besserwisser, der meint, als einziger alles verstanden zu haben, und das ist auch kein Wunder, denn Schopi war ein großer Bewunderer einer bestimmten Seite von Kant, und genau diese Seite ist es, die meiner Analyse nach auch der Urquell der Analytischen Philosophie ist, aber das ist nur eine kleine Nebenthese. Ich könnte mich irren.
Nicht umsonst hat Schopi dieses Büchlein geschrieben Über die Kunst recht zu behalten, was vergleichbar ist mit der Art, wie analytische Philosophen gerne über ihre Vorgänger sprechen. Jonathan Bennett bspw. hat den Titel verfasst Learning from six philosophers (womit er die Rationalisten Descartes, Spinoza und Leibniz und die Empiriker Locke, Berkeley und Hume meinte), aber es liest sich, wie mein Betreuer mich spritzig warnte eher wie ein: Six philosophers and what they could have learned from me.
… und was er mich lehrte
Womit ich sagen will, dass ich Schopi damals recht überzeugend fand, nicht im Großen und Ganzen, aber in den Detailfragen, vor allem was die Willensfreiheit anging und infolgedessen die Absage an eine normative Ethik. Ethik könne nur deskriptiv sein, also beschreiben, wie wir es machen, nicht aber vorgeben, dass wir es auch tatsächlich so machen sollten, denn dies würde voraussetzen, dass der Mensch anders handeln könnte, als er es tatsächlich tut, und jedem wirklich tiefen Denker sei vollkommen klar, dass dem schlicht nicht so sei.
Denn wie ein Mensch in einer gegebenen Situation handle, entscheide sich einzig und allein aus zwei Faktoren: seinem Charakter und seinen Motiven und über beides habe er keine Kontrolle, denn ersterer sei angeboren und letztere entsprüngen dem Unbewussten, was metaphysisch betrachtet das Ding an sich sei, nämlich der eine bloße blinde Wille, bei Schopi der Weltengrund. Dieser sei tatsächlich frei, aber zugleich vollkommen sinnlos. Insofern sei es auch nicht ungerecht, dass der Mensch leide, was er ohne Frage in hohem Maße tue, denn der Mensch leide im Grunde an seinem Willen zu leben, und diesen Willen gelte es auszumerzen, um zu verlöschen.
Meine scheinbare Erleuchtung
An einem schönen Frühlingstag, vielleicht war es auch schon Sommer, fuhr ich durch Aachen, wahrscheinlich waren Semesterferien, ich wollte zum Elisenbrunnen und ich dachte über Schopi nach und ich kam zum Schluss, dass er vielleicht nicht mit allem recht hatte, wohl aber mit dieser Einschätzung der Willensfreiheit. Die gab es nicht, konnte es auch nicht geben, und das war kein Verlust, denn wozu sollte man anders wollen können, als man es tatsächlich tat, außer um sich selbst zu frustrieren?
Aber das Ganze fühlte sich nicht nur wie eine philosophie Disputation an, sondern mehr wie ein kleines Erleuchtungserlebnis. Ich stand auf dem Vorplatz des Elisenbrunnens und beobachtete die Menschen, wie sie um mich herumwuselten, von A nach B hasteten, und ihren kleinlichen Neigungen und Strebungen nachgingen und dachte:
Diese Menschen verstehen es nicht. Ich verstehe es.
Ich bin erleuchtet. Ich bin frei. Weil ich es nicht bin.
Ich nehme an, das war ein überheblicher Gedanke, aber während ich es erlebte, fühlte es sich nicht überheblich herabsehend an, sondern vielleicht eher im Schopi’schen Sinne: voller Mitleid. Diesen armen kleinen Wuselmenschen, die denken, dass sie irgendetwas unter Kontrolle hätten und nur deshalb so viele Probleme sehen, wo eigentlich gar keine sind. Man muss nur loslassen. Sich fügen. Annehmen, wie es ist. Man kann es sowieso nicht ändern.
„Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.“
(Nikos Kazantzakis)
Ich hatte damals ein T-Shirt, auf dem dieser Spruch draufstand.
2. Einbruch des Pragmatismus
Dann studierte ich weiter. Und ich muss sagen, das war ein Genuss.
Samuel Beckett und der Abgrund des Nihilismus
Ich fand in Englisch einen Autor, der bereits das geschrieben hatte, was ich gerne schreiben wollte, also musste ich eigentlich nichts mehr schreiben. Der Autor war Samuel Beckett.
Warten auf Godot. Endgame. Krapp’s Last Tape. Play. Das waren die Stücke, die ich in einem Seminar kennenlernte. Dann kaufte ich mir eine Gesamtausgabe und las auch alles andere. Ich verstand die Romane eigentlich nicht, aber ich las Sekundärliteratur, die sie mir erklärte. Es gibt ein Buch über Beckett, das habe ich insgesamt bestimmt 10 Mal gelesen. Ich hatte es mir kopiert, und wenn ich mal wieder Lust hatte, las ich es. Es war relativ dünn. Und genial. Fand ich jedenfalls.
Weil es in der Literatur also nichts mehr zu erreichen gab, wie ich dachte, wendete ich mich verstärkt der Philosophie zu, denn da hatte ich noch Fragen, jede Menge sogar! Ich hatte sogar Fragen, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte, aber jedenfalls las ich Philosophen und war immer sehr unzufrieden mit ihnen. Mit ihnen allen.
Richard Rorty und der gemütliche Lehnstuhl am Abgrund
Dann nahm ich ein paar Mal mit meiner damaligen Freundin an einer Vorlesung in der Anglistik teil, da ging es um postmoderne Literatur, das war recht interessant, und irgendwo da tauchte ein Zitat auf, dass es mir sehr angetan hatte, weshalb ich den Autor und das Buch nachschlug:
“Beginning in the seventeenth century we tried to substitute a love of truth for a love of God, treating the world described by science as a quasi-divinity. Beginning at the end of the eighteenth-century we tried to substitute a love of ourselves for a love of scientific truth, a worship of our own deep spiritual or poetic nature, treated as one more quasi divinity. The line of [modern thinkers] suggests that we try to get to the point where we no longer worship anything, where we treat nothing as a quasi-divinity, where we treat everything— our language, our conscience, our community—as a product of time or chance.”
(Richard Rorty, Contingency, Irony, and Solidarity [Cambridge UP, 1989] 22).
Ich las Rortys Kontingenz, Ironie und Solidarität und war hin und weg. Das war der Philosoph, der es so sagte, wie es war. Dass wir nichts wissen konnten und uns daher vom Konzept der Wahrheit verabschieden sollten. Ich erinnere mich noch deutlich an die Zugfahrt von Heidelberg nach Aachen, auf der ich die einleitenden Kapitel las. Das hatte so eine Power und war alles so wahr…
Mir schienen Rorty und Beckett auch ganz gelungen zusammen zu passen. Jetzt hatte ich den Schriftsteller gefunden, der ich hätte sein wollen und den Philosophen auch und es gab also nichts mehr zu tun.3
Außer Rorty zu lesen. Ich las alles von ihm. Vieles mehrfach. Schließlich fand ich Lücken. Auch Rorty konnte sich irren. Oder was heißt schon irren, wenn man nicht mehr im Glauben schreibt, man könnte Wahrheiten ausdrücken. Aber er konnte Annahmen treffen (was hieß das überhaupt noch?), die ich nicht plausibel fand.
Für die Frage der Willensfreiheit jedenfalls bedeute Rorty, dass man die Frage ablehnen musste. Mit Wittgenstein hätte man auch sagen können: Nur, was sich klar sagen lässt, lässt sich überhaupt sagen. Und wo die Frage nicht klar formulierbar ist, gibt es auch kein Problem.
William James und Charles Sanders Peirce als Retter der Freiheit
Allerdings las ich dann auch Rortys Urväter innerhalb des Pragmatismus, konnte aber mit Dewey anders als Rorty selbst, nicht viel anfangen (ich habe nie ein Buch von ihm beendet), sondern mir kamen eher die beiden entgegen, die Rorty verworfen hatte: William James und Charles Sanders Peirce.
Peirce schien mir wie von einem anderen Stern, aber James war verständlich. Und interessant. Und er hatte zur Willensfreiheit geschrieben und (wie Peirce) selbige verteidigt. Das war so spannend, dass ich über seinen Aufsatz The Dilemma of Determinism am Ende (zusammen mit der sehr hübschen Studentin, die meine Frau werden sollte) meine Staatsexamens-Klausur schrieb.4
James Position lässt sich knapp dahingehend zusammenfassen: Wir können nicht wissen, ob wir willensfrei sind, es ist auch schwer, eine Idee davon zu entwickeln, was es überhaupt heißen und wie es funktionieren würde, willensfrei zu sein, ABER:
Davon auszugehen, dass wir willensfrei sind, ist jedenfalls die einzige Möglichkeit, eine optimistische Weltsicht zu entwickeln; und
Wenn wir willensfrei sind, wird uns nichts dazu zwingen können, dies einzusehen, wenn wir willensfrei sind, sollten wir als ersten Akt unserer Freiheit beschließen, davon auszugehen, dass wir es sind.
Ganz pragmatisch gesprochen: Wenn wir nicht willensfrei sind, verlieren wir nichts, wenn wir dennoch davon ausgehen. Wenn wir willensfrei sind, verlieren wir aber etwas, wenn wir uns für unfrei halten. Analog zu Pascals Wette sollten wir also schlicht auf die Option mit dem in jedem Fall besseren Ergebnis wetten.
3. Der Nexus der Philosophie
Schließlich, so gegen Ende meines Studiums, kam mir der Gedanke, das Schopi ja recht damit hatte, dass normative Ethik ohne Willensfreiheit einen logischen Widerspruch bedeutete.
Verlust des Normativen und des Teleologischen
Aber nicht nur normative Ethik, sondern überhaupt Normativität! Und dass sich Normativität nicht nur auf moralische Aussagen bezieht, sondern auch auf deskriptive Wahrheitsaussagen. Wenn man nicht mehr von Wahrheit sprach, war das kein Problem, aber dann brach der Diskurs auch zusammen, denn dann war Sprechen nicht mehr von Nicht-Sprechen zu unterscheiden, und das bedeutete meines Erachtens den Nihilismus.
Und Schopi hatte auch Recht, dass Kausalursachen keinen Raum für Freiheit lassen, und dass Indeterminismus als reiner Zufall verstanden, das Problem nicht löst, sondern noch verschlimmert, denn ich will ja nicht, dass meine Entscheidung zufällig ist, sondern von mir und meinen Gründen und wie ich sie auf mich wirken lasse abhängt. Das heißt aber, dass man sich die aus dem philosophischen Diskurs der Neuzeit verdrängten Finalursachen noch einmal anschauen müsse.
Das hieß für mich, diese Fragen: nach Freiheit, nach Normativität und nach Finalität oder nach Teleologie, hingen aufs Engste zusammen und man brauchte alle drei zusammen, weil man die anderen beiden nicht haben konnte, wenn man eine von ihnen leugnete.5
Kausale und teleologische Erklärungen
In meiner Abschlussarbeit widmete ich mich daher dem Verhältnis von kausalen zu teleologischen Erklärungen und stellte zu meiner Überraschung und Befriedigung fest, dass der Kausalbegriff selbst eigentlich nicht denkbar bleibt, wenn die Teleologie rausgestrichen wird.
Im Weltbild des reinen Physikalismus, das hatte Russell (!) schon gezeigt, war nicht einmal Platz für Kausalität, weil sie sich nicht definieren ließ. Dass wir überhaupt den Begriff bilden konnten, war davon abhängig, dass wir uns selbst als in die Welt eingreifend, also intervenierend, erlebten. Das aber hieß, dass unser wissenschaftlicher Kausalitätsbegriff von unserem vorwissenschaftlichen, lebensweltlichen teleologischen Verständnis unserer eigenen zweckgerichteten Handlungen abhängig war, insbesondere -- so die pikante und letztlich für die Naturwissenschaft peinliche Pointe -- die der Naturwissenschaftler, wenn sie im Labor stehen und etwas erforschen, sprich: experimentieren.
Der Wissenschaftler ist frei oder kein Wissenschaftler
Die moderne Naturwissenschaft basiert auf dem Experiment und dieses setzt methodisch einen frei eingreifenden Forscher voraus, keinen determinierten.
Ein paar Schwergewichte der Philosophie, wie Jürgen Habermas, haben dies etwas langweiliger auch ausbuchstabiert, indem letzterer beispielsweise die Unvereinbarkeit von drei Sprachspielen aufgewiesen hat:
wie wir über die Welt (ohne uns) sprechen: determiniert, dritte Person Singular
wie wir über uns als Gemeinschaft sprechen: normativ, erste Person Plural
wie wir über uns als Individuum sprechen: lebensweltlich, erste Person Singular
Und dass wir aber keines der drei aufgeben können. Meines Erachtens hat Habermas hier unrecht, denn Peirce (den ich dann doch ein wenig gelesen habe) hat schon sein vollkommenes Unverständnis darüber argumentativ kundgetan, wieso denn um alles in der Welt Wissenschaft davon ausgehen zu müssen meinte, die Welt sei streng determiniert, das Gegenteil sei richtig.6
4. Erstes Fazit: Freiheit ja, aber…
Der moderne Diskurs über Willensfreiheit unterscheidet in der Regel drei Positionen, die sich aus der Frage nach dem Determinismus (ja/nein) und der Kompatibilität desselben mit der Willensfreiheit zusammensetzen:
Libertarier: die Welt ist nicht determiniert und wir sind frei (z.B. Kant, William James, Peirce, je nach Lesart Aristoteles, meine Position, aber…)
Kompatibilisten (auch Weiche Deterministen genannt, damit man sie knuddeln will): die Welt ist determiniert und wir sind trotzdem im relevanten Sinne frei (z.B. Dennett, Frankfurt, Hume)
Harte Deterministen: die Welt ist determiniert und wir sind darum nicht frei (z.B. Schopi, Spinoza, Sam Harris)
Meine Position war schon immer, dass die Kompatibilisten sich in die Tasche lügen, um sich innerhalb des fehlgeleiteten Dilemmas Wissenschaft oder Freiheit nicht entscheiden zu müssen (fehlgeleitet, wie oben besprochen, weil Wissenschaft Freiheit, nicht aber Determinismus voraussetzt).
Kompatibilität andersherum gedacht
Ich denke aber, dass die Deterministen (egal welcher Couleur) recht haben, wenn sie feststellen, dass Willensfreiheit nicht durch reinen Indeterminismus gerettet werden kann, solange dieser einfach nur Zufall bedeutet, und dass insofern innerhalb des modernen Welt- und Menschenbildes schlicht kein Platz für Willensfreiheit ist.
Ich denke, das stimmt.
Ich denke nur, abweichend von den Deterministen, dass das eher ein Hinweis darauf ist, dass etwas mit diesem Welt- und Menschenbild nicht stimmt, nicht stimmen kann, weil es in sich inkohärent ist. Wie oben angedeutet, hat dieses Bild nämlich auch keinen Platz für Normativität und für Teleologie und wie bereits angedeutet ist dies nicht nur ein Problem für „spirituelle“ oder „religiöse“ Menschen, sondern für alle Menschen, die logisch konsistent sein wollen, aber keine Nihilisten.
Freiheit als evolutionäres Telos
Es gibt noch einen Punkt, wo man den Deterministen recht geben muss:
Offensichtlich gibt es vieles an unserem Tun, das sich unserer Kontrolle entzieht.
Insofern sind wir nicht ständig und immer vollständig (willens-)frei. Ich denke, ein intelligenter Libertarier wird also auch so etwas gar nicht behaupten. Intelligenterweise wird er das überhaupt nicht so binär aufziehen wollen, sondern sagen:
Wir können mehr oder weniger frei sein, wir können zuweilen oder vielleicht sogar oft oder fast immer unfrei sein, und vielleicht ist es Teil unseres Telos, uns zu mehr Freiheit hin zu entwickeln. Vielleicht ist es eine ureigenste Aufgabe des Menschen, sich aus einem Zustand der Unfreiheit in den der Freiheit zu transformieren.
Insofern ist die „bequeme“ Position eines Libertariers, der zwar Willensfreiheit zulassen, aber weder einen metaphysischen Platz für Normativität und Teleologie schaffen will, noch ein positives Konzept von ersterer zu entwickeln, noch unlogischer als die des Kompatibilisten.
Und was ist mit der Position des harten Deterministen, z.B. einem Schopi-Jünger? Was soll ich sagen: Sie ist meines Erachtens in sich relativ konsistent, aber sie ist halt traurig. Sie sieht die Welt als eine traurige Sache, die nicht einmal besser sein könnte, als sie de facto ist. Die Alternative, sie à la Leibniz für die beste aller möglichen Welten zu halten, scheint mir logisch unproblematisch, lebenspraktisch aber nicht durchführbar. Leibniz konnte diese Position nur aufstellen, weil er sein Denken von seinem Lebensvollzug abkoppelte.7 Unsere Welt kann nur dann und deshalb die beste aller möglichen Welten sein, wenn und weil sie die Freiheit zur Entwicklung zum Positiven enthält.
5. Ausblick: Die Frage, die Hans (nicht) gestellt hat…
Aber ich glaube nicht, in diesem Artikel schon irgendetwas bewiesen oder plausibilisiert zu haben. Ich habe lediglich meine Haltung zur Fragestellung beschrieben, die massiv davon geprägt ist, wie mich diese Fragestellung durch mein Leben begleitet und wo sie mich letztlich hingeführt hat. Ich habe insofern anekdotisch-biographisch geschrieben.
Insofern will ich auch diesen Ausblick eher mit einem Bild einleiten, als mit einer These. Das Bild ist eine Geschichte, an die ich mich nur so halb erinnere, und es geht darin um “Die Frage, die Hans gestellt hat” — das ist eine Kapitelüberschrift in — of all people — Paulo Coelhos Roman Der Zahir. (Was soll ich sagen, ich war jung und brauchte positive Vibes…)
Coelho bezieht sich auf den Roman Ismael von Daniel Quinn, den ich immerhin in der Folge meiner Coelho-Lektüre ebenfalls las und meinem mittlerweile leider durch Suizid verstorbenen Freund Maximilian empfahl. Quinn lässt seinen Protagonisten zu Beginn des Buches (das reinste Kulturkritik ist, eigentlich kein echter Roman) eine Geschichte erzählen, die er sich als Jugendlicher ausgedacht habe und sie geht ungefähr so:
Stell dir vor, die Nazis hätten den zweiten Weltkrieg gewonnen und die ganze Welt gleichgeschaltet. 100 Jahre später treffen sich Hans und Max im (mittlerweile deutschen) Tokyo und Hans fragt Max:8
‚Sag mal Max, glaubst du, dass uns etwas verheimlicht wird? Dass die Welt eigentlich ganz anders sein könnte?‘
Drei Perspektivwechsel: philosophisch, psychologisch, historisch
Was ich in den Folgeartikeln leisten will, ist, folgende drei Perspektiven zur Fragestellung zu entwickeln:
Die philosophisch-analytische. Hier will ich zeigen, warum der Kompatibilismus selbstwidersprüchlich ist und warum wir unser Selbstverständnis als (willens-)freie Urheber von Handlungen nicht ablegen können (und es auch nicht tun, selbst wenn wir behaupten, es zu tun). Ich will zugleich zeigen, welche Folgefragen sich uns aufzwingen, wenn wir diese ersten zwei Punkte akzeptieren.
Was uns zur zweiten Perspektive bringt: die therapeutisch-psychologische. Warum ist der Kompatibilismus so beliebt, wo doch eigentlich jeder durch Selbstbeobachtung zum Schluss kommen könnte, dass er zwar theoretisch wahr sein könnte, aber praktisch nicht lebbar ist?
Meine Antwort hierauf wird von Iain McGilchrists Hemisphären-Theorie inspiriert sein. Wir leben in einer Kultur, die links-hemisphärisch geprägt ist, also analysieren will, klare Grenzen ziehen, Binärität, wörtlich-logische Strukturen metaphysisch-poetischen vorzieht, letztere auch gar nicht versteht, wodurch ihr ein Zugriff auf einen Großteil der möglichen Konzepte zum Verständnis der Welt und unserer selbst schlicht unmöglich ist und sie als „sinnloses Gebrabbel“ abtun muss (wie Carnap und der Wiener Zirkel die Metaphysik).
Die Welt als Organismus ist der linken Hemisphäre zu kompliziert und chaotisch. Sie bevorzugt eine mechanische Welt als Maschine.
Was uns fast von alleine zur historisch-genealogischen Frage treibt: Wie ist es dazu gekommen? Wieso leben wir in einer Kultur, die ganz zufrieden damit ist, den Menschen zu einer Maschine zu degradieren und in der nur etwas unverständliche Überreste älterer Kulturen dafür sorgen, dass wir uns überhaupt noch so etwas wie Würde und Freiheit zusprechen?
Dieser Frage sind verschiedene meiner Lieblingsautoren auf verschiedenste Weisen nachgegangen. Spannende Ideen finden sich schon bei McGilchrist, aber auch bei Ivan Illich, Giorgio Agamben, Mattias Desmet, Egon Friedell, Charles Taylor und Alasdair MacIntyre.
Ich denke, wichtige Weichenstellungen wurden durch die Nominalisten am Ende des Mittelalters gelegt, die dann durch frühneuzeitliche Denker wie Bacon und Descartes auf ungünstige, weil einseitige Weise weitergeführt wurden. Meine These ist nicht, dass die Nominalisten unrecht hatten und die Realisten recht, sondern dass beide in Teilen recht hatten, und sich aber eine Halbwahrheit zur Leitidee der Neuzeit aufgeschwungen hat, unter der wir, auch weit über den rein philosophischen Diskurs der Willensfreiheit hinweg, leiden.
Wir werden sehen, welchem dieser Gedankengänge ich, wenn ich dort ankomme, folgen wollen werde. Ich denke, es steht noch nicht fest, denn die Zukunft ist offen. Ich könnte mich irren. Glaub ich aber nicht. Diesmal nicht.
Schreib mir aber gerne, welcher Gedankengang Dich am meisten interessieren würde!
Sei fly — Sei frei
:)
Hier auf Substack nachzulesen:
Christoph Klinger: Das Freiheits-Paradoxon. Warum alles vorherbestimmt ist und wir dennoch frei sein können.
Felix Bölter: Freier mangels freiem Willen: Der Mensch hat einen freien Willen – oder? Ich bin davon überzeugt worden, dass das ein Mythos ist - und ich profitiere von dieser Annahme sehr.
Derselbe: Stolz: Stolz als Konzept will mir nicht einleuchten. Zu stark ist meine Überzeugung, dass man sich die eigenen Leistungen nicht wirklich anrechnen kann. Aber ganz ohne Stolz scheint es auch nicht zu gehen.
Ich habe es natürlich versäumt, Schopis Hauptwerk tatsächlich zu lesen, aber im Lektürekurs eine attraktive Italienerin kennengelernt, mit der ich erfolglos anzubändeln versuchte, was eher an meiner Unwissenheit lag als an ihrem Desinteresse, aber wie man so schön sagt im Deutschen: Es hat nicht sollen sein. Und Schopi ist auch nicht gerade ein Thema, über das man sich schnell verlieben hätte können. Zum Glück.
Das ist natürlich kein Zufall. Rorty und Beckett starren beide im 20. Jahrhundert auf den Abgrund des Nihilismus. Rorty macht es sich dort mit einem Glas Rotwein und Lieblingsbüchern gemütlich und sagt: Lasst uns einfach dennoch liberale Ironiker sein. Es gibt keinen Grund, an unseren Werten festzuhalten und Leiden minimieren zu wollen, aber es gibt auch keinen Grund, es nicht zu tun, also yolo. Beckett hingegen gelingt es nicht, es sich gemütlich zu machen. Er leidet stattdessen maßlos unter der Sinnlosigkeit und wirkt aus dem hoffnungslos-hoffnungsvollen Impuls einer zutiefst negativen Theologie heraus, dass es vielleicht ja doch eines Tages nicht alles sinnlos gewesen sein wird heraus: “I can’t go on, I’ll go on.” Die Landstreicher warten zwar vergeblich auf Godot, aber dennoch warten sie noch. Und hören damit auch nicht auf.
Ja, man konnte für diese Klausur selbst vorschlagen, über welchen Text man schreiben wollte, und in der Regel durfte man dann auch genau dadrüber schreiben…
Mir war das damals nicht bewusst, aber diese Begriffe wurden auch schon von Hans Jonas in Freiheit und Organismus zusammengeführt. Auch bei Kant in der Kritik der Urteilskraft finden sich Überlegungen hierzu. Und der erwähnte aber unverstandene Peirce hat ebenfalls in diese Richtung gedacht. Heutzutage wird dieser Nexus aus Freiheit, Teleologie und Normativität auch unter dem Stichwort Neo-Aristotelismus oder Enaktivismus (Evan Thompson) diskutiert. Auch Neo-Thomisten wie Jacques Maritain (und natürlich Thomas von Aquin selbst) argumentieren für diesen Nexus. Man muss aber die religiösen Hintergründe nicht teilen, um die Stichhaltigkeit der Argumente zu erkennen. Thomas Nagel und Philippa Foot wären Beispiele für atheistische Geister, die sich dennoch diese Sicht der Dinge zueigen machten.
Der Hinweis auf Thomas von Aquin macht vielleicht deutlich, dass die falsche Weichenstellung unserer Ideengeschichte mit dem Nominalismus (Duns Scotus, Wilhelm von Ockham) in Schwung kam. Diese Weichenstellung hat Habermas in Auch eine Geschichte der Philosophie tiefgehend analysiert. Ich vermute, dass sie aber bereits in das Alte Testament, und zwar im Buch Kohelet (Prediger) hineingeheimnist war. Aber ich greife meinen historischen Betrachtungen zum Thema vor.
Das soll nur ein kleiner aperçu-hafter (1) Vorgeschmack auf Habermas’ und Peirces Argumente sein. Wir werden uns das demnächst noch viel genauer anschauen.
(1) Ein Aperçu ist btw — das wusste ich auch nicht, aber ich konnte das Wort Wittgenstein sei dank trotzdem benutzen, aber jetzt habe ich es nachgeschlagen — eine kurze, geistreiche Bemerkung. Es kommt natürlich aus der Sprache schlechthin der kurzen, geistreichen Bemerkung — nicht zufällig hat das Deutsche dafür kein eigenes Wort — der Sprache Sartres und Camus’. Letzterer lieferte uns passend zum Thema dieses Aperçu: „La liberté n'est rien d'autre qu'une chance d'être meilleur.“(2)
(2) Da ich des Französischen nicht mächtig bin, weiß ich freilich nur so pi mal Daumen, was das heißt. La liberté müsste die Freiheit sein.
Ich hege zudem starke Zweifel daran, dass jemals irgendjemand Leibniz’ Philosophie sowohl verstanden als auch geglaubt hat — Leibniz selbst eingeschlossen. Mein guter alter Freund Bertie Russell hat die These vertreten, dass Leibniz zwar verstand, was er schrieb, es aber nicht glaubte, sondern “privat” eine Philosophie vertrat, die näher an Spinoza war, es aus politisch-überlebenstechnischen Gründen aber nicht offen sagen konnte. So wie auch viele moderne Denker, z.B. unser hier schon zu Wort gekommener Halunke Schopi, der Ansicht sind, Spinoza wiederum habe zwar den Begriff Gott benutzt (Deus sive Natura), sei aber ganz klar Atheist gewesen, denn sein Gott habe nicht einmal genug Göttliches, um als Pantheismus durchzugehen.
Ein Determinist ist notabene zur Ansicht verpflichtet, dass die Nazis den 2. Weltkrieg nicht gewinnen konnten, dass Hitler und die Schoah aber auch nicht verhinderbar waren, sondern schon immer feststand, dass im 2. Weltkrieg 80 Millionen Menschen vernichtet werden mussten, und dass mein Freund gezwungen war, sich als junger Student umzubringen. Ich weiß nicht, aber mir kommt das nicht tröstlich vor, sondern töricht und grausam. (Das ist btw William James’ Argument: Im Determinismus ergeben weder Reue noch Bedauern Sinn.)



Danke Conrad. Ich bleibe also gespannt wie ein Flitzebogen.
Ich bin immer wieder baff, wie belesen du bist. Coole Nummer.
Ich hab jetzt schon furchtbar viele Gedanken, die ich gerne in Kontakt bringen würde. Aber ich glaube, die werden angebrachter sein, wenn es noch inhaltlicher wird.
Toller Text. Ich fühle mich geehrt, dass ich als Inspirationsquelle dafür herhalten durfte.
Zwei Anmerkungen, vielleicht für den weiteren Verlauf:
1. Ich würde gerne noch besser verstehen, wieso du ein teleologisches Weltbild als zwingende Voraussetzung für Freiheit, Normativität und Kausalität siehst. Bei der Normativität leuchtet es mir noch am ehesten ein, dass man die Antwort im Absoluten sucht. (Auch wenn ich selbst mir diesen Weg verbieten würde.) Aber bei dir klingt es so, als wäre es der einzige logisch denkbare Ausweg, um diese Konzepte zu erhalten. Vielleicht kannst du dazu noch ein wenig mehr sagen?
2. Nach meinem Verständnis ist es auf keinen Fall so, dass man als Kompatibilist "das Selbstverständnis als (willens-)freie Urheber von Handlungen" aufgeben muss. Im Gegenteil: Meine ganze argumentative Kraft gilt dem Projekt, zu zeigen, dass so etwas auch im Rahmen eins naturwissenschaftlichen Weltbildes möglich ist. (Und wenn ich sie nicht ganz falsch verstehe, sehen das auch Dennett, Frankfurt und die meisten anderen Kompatibilisten so.) Wenn du also gegen den Kompatibilsmus argumentieren willst, müsstest du schon zeigen, dass eine solche Position entgegen aller Bemühungen trotzdem zwingend daraus folgt.