Egon Friedell: Die Krisis der europäischen Seele
Philosophisch - Politisch - Existenziell
Thema: Nominalismus, Moderne und Postmoderne, nebst bisschen Philofachchinesisch, aber zum Ausgleich ein bisschen Egon Friedell und Metabeobachtungen zu Politik und Weltgeist1
Egon Friedell schreibt in der Kulturgeschichte der Neuzeit (in den 1920er Jahren verfasst):
“Philosophiegeschichtlich eingereiht, ist [Ernst] Machs Weltbild die schärfste, durch nichts mehr zu überbietende Zuspitzung des Nominalismus, des durchlaufenden Themas der Neuzeit.” (S. 1387)
Für Friedell steht diese Neuzeit unter dem unseligen Vorzeichen des Hyperrationalismus und der Untertitel seines Werkes bezeichnet sie auch als “Krisis der europäischen Seele”, was ich als sehr passend empfinde.
Für Ernst Mach existierten die Dinge nicht, also weder die Materie, noch Gesetzmäßigkeiten, noch man selbst, sondern ausschließlich die Sinnesdaten.
Aus Friedells Sicht war eine noch tiefere Nominalisierung (und damit Hineingehen in die Krisis der europäischen Seele) unmöglich. Er hoffte auch, nach dem zweiten Weltkrieg sei diese Neuzeit wohl endgültig gescheitert und überwunden. (Wir wissen heute, dass sie es noch immer nicht ist. Friedell selbst musste dies noch miterleben. Er sprang auf der Flucht vor Nazi-Schergen aus dem Fenster, nicht ohne die Passanten auf der Straße zu warnen, zur Seite zu gehen.)
Stattdessen hat die europäische Seele noch einen draufgesetzt und die postmoderne Überwindung selbst noch der Mach’schen Sinnesdaten in Angriff genommen, egal zu welch absurden Schlussfolgerungen sie dazu genötigt wurde. Denn selbst diese Sinnesdaten können noch wegnominalisiert werden:
Alles ist dann nur noch Sprache oder Text, auch wenn dann unklar wird, woher wir wissen, dass es überhaupt Sprache oder Text gibt, was nur eines der kleineren logischen Probleme dieser Position ist.
Zugleich ist dieser weitere Schritt der Nominalisierung der Welt vollkommen folgerichtig und zeigt meines Erachtens die Hybris des Nominalismus (wie parallel dazu auch des Naturalismus), wenn er all-beherrschend werden will. Wir benötigen für unser Weltbild einen realistischen Aspekt. Wir können keinen puren Nominalismus leben.
Das scheint zugleich die Tragik des Amerikanischen Pragmatismus zu sein. Durchgesetzt hat sich die William James/John Dewey - Linie (das missing link zwischen Mach und Derrida), obwohl beide Charles Sanders Peirce bewunderten und seine Ideen aufgriffen. Peirce’ eigener Pragmatismus überwindet aber genau diese Verrücktheit des Nominalismus und führt ihn in Synthese mit dem Realismus:
Wahrheit ist (pace James und Dewey) nicht das, was nützlich ist, zu glauben, sondern das, was sich am Ende des Erkenntnisprozesses herausstellen wird, also ein limitierendes und nicht erfüllbares Ideal, auf das die Menschheit hinstrebt.
Also: Ja, unsere Erkenntnis hat einen Aspekt, der von uns konstruiert, erschaffen, und beschlossen ist. Aber sie erschöpft sich darin nicht, sondern stößt auf den Widerstand des Realen und findet echte Gesetzmäßigkeiten.
Das ist absolut verwandt mit Anton Friedrich Kochs These, dass Wahrheit alle drei Aspekte besitzt: einen pragmatischen (wir beschließen), einen realistischen (der Widerstand des Realen) und einen phänomenalen (die Welt zeigt sich uns in Gesetzmäßigkeiten statt reinem Chaos).
Peirce’ Zeit wird noch kommen, falls wir bis dahin überleben.
Das Verrückte des Naturalismus ist in meinen Augen, dass er zugleich vollkommen nominalistisch UND vollkommen realistisch sein will und sich dadurch in faszinierend törichte Widersprüche verwickelt.
Was eine Parallele in der Politik des Westens hat, der zugleich höchsten Moralismus und tiefste Realpolitik betreibt und sich ebenfalls in faszinierend törichten Widersprüchen verwickelt.
Was mich an das Bibelwort erinnert, dass man nicht Diener zweier Herren sein könne.
“Es gibt nun folgende fünf Möglichkeiten”, schreibt Friedell gen Ende seines Werkes, vllt um 1930/31 —
“der Amerikanismus siegt materiell: Weltherrschaft der Vereinigten Staaten und am Ende dieses Zwischenreichs Untergang des Abendlandes durch Übertechnik; der Amerikanismus siegt geistig, indem er sich sublimiert: Wiedergeburt Deutschlands, von dem allein dies ausgehen kann; der Osten siegt materiell: Weltbolschewismus und Zwischenreich des Antichrist; der Osten siegt geistig: Erneuerung des Christentums durch die russische Seele. Die fünfte Eventualität ist das Chaos.” (S. 1516)
2026 wirkt es manchmal so, als sei das alles irgendwie zugleich eingetreten, und jeweils in seiner schlimmsten Form.
Und genauso hat Friedell es vielleicht luzide auch gemeint, denn er fährt fort:
“Diese fünf Möglichkeiten sind gegeben, andere nicht: weder politisch noch ethisch noch psychologisch. Der intelligente Leser ist sich aber hoffentlich darüber im klaren, dass keine von ihnen eintreten wird, eintreten kann, denn die Weltgeschichte ist keine Gleichung, auch keine mit mehreren Lösungen. Ihre einzige reale Möglichkeit ist die irreale und ihre einzige Kausalität die Irrationalität. Denn sie wird von einem höheren Geiste gemacht als dem menschlichen.”
Es bleibt abzuwarten — womit nicht gelassenes Hinnehmen gemeint ist —, wie tief die Krisis der europäischen Seele — von mir aus metaphorisch zu verstehen, aber ich glaube, es ist deutlich mehr als eine Metapher — noch gehen kann.
Abyssus abyssum.
Und doch kann uns Friedells Gedanke vielleicht doch eine gewisse Gelassenheit geben, wenn auch eine wilde und verzweifelte Gelassenheit, die eigentlich nichts gelassenes mehr hat, dass die einzig reale Möglichkeit — nur Möglichkeit, nicht Notwendigkeit, sagt Friedell! — “von einem höheren Geiste gemacht” sei, “als dem menschlichen.”
Ergreifen müssen — dürften — können — aber doch nur wir Menschen diese Möglichkeit.)
Widerspruch gewünscht.
Zustimmung erlaubt.
Like so oder so.
Ich probiere hier mal wieder etwas Neues aus. Ich poste hier diesen Gedankengang einfach mal so RAW wie er mir kam — (eigentlich zu lang für eine Note, zu wenig ausgeführt für einen Artikel, aber wenn ich es nicht heute poste, wird es für immer in die tieferen Schubladen meines Denkens verschwinden) — und verlinke massiv auf meine anderen Artikel, um zu zeigen, wie sehr dieser Gedankengang als roter Faden zu meinem Oevre passt.


