Die Windrose der Macht II: eine unheilige Allianz
Warum der Pakt mit den Barbaren so verführerisch ist – und uns am Ende doch geradewegs in die Matrix führt.
Wir wollen nicht auf den Mars,
wir wollen nicht in die Cloud
und wir wollen schon gar nicht ins
Panoptikon.
Dieser Text versteht sich als Anregung zum Denken, nicht als die Verteidigung einer These.
Die Challenge, die ich mir mit diesem Artikel gestellt habe, ist: Mach es kurz und schmerzlos. Unter 1000 Wörter. Das schaffst du. Warum auch nicht? Immerhin habe ich auch schon mal Notes rausgehauen, die unter 1000 Wörter enthielten. Meistens schämte ich mich für die dann aber schnell, weil was unterscheidet kurze Notes von Tiktok-Videos oder Facebook-Posts? Nichts, aber egal (Sido: “wieder anal”), jedenfalls ist es eine gewisse Herausforderung für mich, nicht assoziative Sätze zu bilden, sondern beim Punkt zu bleiben und der hat nichts mit Notes und Scham zu tun, sondern dies ist die Fortsetzung der Windrose der Macht. Verdammtnochmal!
Kurzes Recap: Im ersten Teil hatte ich behauptet, dass das alte Links-Rechts-Schema tot ist. Wer Politik heute verstehen will, braucht mehr Dimensionen (Kultur, Außenpolitik, Staatskritik). Als Beispiel hatte ich das BSW diskutiert: Inhaltlich logisch, aber strukturell am Straucheln, weil es den entscheidenden Fehler aller Parteien wiederholt – es denkt rein technokratisch.
Statt echte, konviviale Visionen (etwa in der Bildung à la Ivan Illich) zu entwickeln, wird hauptsächlich über Geldtöpfe und Expertentum diskutiert und Zentralisierung gefordert. Daraus entsprang am Ende meine steile Arbeitshypothese: Europas innige Liebe zu den US-Demokraten (und der tiefe Hass auf Trump) hat wenig mit Werten zu tun, es ist die Liebe zur perfekten Technokratie – und die panische Angst vor dem Anti-Technokratischen.
Aber nun zu Teil 2:
I. Eine Windrose der Macht in den USA
Beim Herumspielen mit der KI GEMINI, das ich mir als kleines Forschungsprojekt für dieses beginnende Jahr vorgenommen hatte, gelangte ich — ich weiß nicht mehr so genau, wie, aber es hatte mit der Frage zu tun, wie die Eliten eigentlich auf das reagieren, was ich andernorts den Nullzustand der Corruptio genannt habe — zu einer Schematisierung der Elite in den USA wie folgt:1
1. Der NORDEN: Die Kälte der Verwalter (Gates, Soros, die Demokraten)
Hier oben regiert der Kopf, leider oft ohne Verbindung zum Rest des Körpers.
Das Personal: Das Establishment der Demokraten (und vieler Republikaner), Bill Gates, die WHO, der ganze Apparat.
Die Diagnose: Für den Norden ist die Welt eine kaputte Excel-Tabelle. Der Mensch ist im Grunde ein fehlerhafter Algorithmus – zu emotional, zu unhygienisch, zu unberechenbar.
Die Therapie: Biopolitik und Psychopolitik. Wir müssen den Menschen „patchen“. Mit Nudging, mit Impfungen, mit CO2-Budgets.
Der Norden will uns nicht töten oder transformieren, er will uns managen. Es ist die sterile Atmosphäre einer Intensivstation: Alles piept, alles ist überwacht, man meint es nur gut mit “uns”, aber leben will da keiner, der seine Seele noch um sich herum spürt.
Illich würde sagen: Das ist die vollendete Entmündigung durch Fürsorge. Wie er in der Nemesis der Medizin warnte:
„Das gesundheitliche Niveau sinkt nur dort, wo das Überleben übermäßig von der heteronomen (fremdbestimmten) Regelung der organischen Gleichgewichte abhängig gemacht wird. Jenseits einer kritischen Menge ist die institutionelle Gesundheitsfürsorge [...] gleichbedeutend mit systematischer Verweigerung von Gesundheit.“
2. Der SÜDEN: Das Feuer der Barbaren (Thiel, Musk, Trump)
Der Gegenpol. Hier riecht es nach Kerosin, Testosteron und Größenwahn.
Das Personal: Elon Musk, Peter Thiel, die „New Right“.
Die Diagnose: Das System ist nicht kaputt, es ist tot. Und Leichen beatmet man nicht, man verbrennt sie.
Die Therapie: Beschleunigung. Wenn der Staat versagt, baut Musk halt seine eigenen Satelliten. Wenn die Währung wackelt, kauft Thiel Bitcoin. Das ist Sozialdarwinismus im Hoodie. Sie wollen keine Regeln, sie wollen Impact.
Der Haken: Sie sind nicht unsere Freunde. Sie sind Nietzscheaner auf Speed. Wer nicht mithalten kann, ist für sie nur biogene Masse. “Wer nicht mehr laufen kann, muss sterben.” Der Süden löst keine menschlichen Probleme, er eskaliert sie lediglich auf den Mars.
Hierzu passt Illichs Kritik am Wahn des grenzenlosen technologischen Fortschritts:
„Jenseits einer bestimmten Geschwindigkeit schaffen motorisierte Fahrzeuge erst die Distanzen, die sie allein zu überwinden vorgeben.“
(Energie und Gerechtigkeit)
3. Der OSTEN: Die digitale Flucht (Zuckerberg, Page/Brin)
Hier geht die Sonne unter – oder gar nicht mehr auf, weil alle VR-Brillen tragen.
Das Personal: Mark Zuckerberg, die Google-Gründer.
Die Diagnose: Die Realität ist so oder so im Eimer. Das macht aber nichts, denn die war eh läp’sch.
Die Therapie: Eskapismus. Wir bauen uns das Metaverse oder frieren uns ein (Kryonik), bis die KI alles gelöst hat. Die haben sich aus der res publica längst verabschiedet.
Der Haken: Politisch irrelevant. Das sind Geisterfahrer, die auf der Rückbank sitzen und Tetris spielen, während das Auto gegen die Wand fährt. Sie können mit jedem, aber wollen diesseitig betrachtet, nichts.
Der Osten löst den Körper auf – wir müssen ihn zurückfordern. Illich sah diese Flucht aus dem Leiblichen voraus, als er kurz vor seinem Tod in den Cayley-Interviews ausführte:
„In der neuen Ära ist der charakteristische Mensch … jemand, der von einem der Tentakel des sozialen Systems aufgesammelt und verschluckt worden ist. … Vom System geschluckt, begreift er sich selbst als ein Subsystem.“ — “Wir befinden uns auf dem Weg in eine a-mortale Gesellschaft.”
(In den Flüssen jenseits der Zukunft)
4. Der WESTEN: Die letzte Bastion (RFK Jr., Illich ... und wir)
Und hier stehen wir. Mit dem Rücken zur Wand und mit den Füßen im Dreck.
Das Personal: Robert F. Kennedy Jr., Paul Kingsnorth, ein paar versprengte Intellektuelle, Leute wie wir.
Die Diagnose: Der Mensch ist kein Software-Fehler (Norden) und auch kein Übermensch-Projekt (Süden). Er ist ein biologisch-geistiges Wesen, das heil ist oder sein könnte, solange man es nicht vergiftet oder verformt.
Die Therapie: Realismus. Zurück zum menschlichen Maß. Echte Nahrung, echte Begegnung, Dezentralität. Misstrauen gegenüber jedem, der Macht zentralisieren will. Wir wollen nicht auf den Mars, wir wollen nicht in die Cloud und wir wollen schon gar nicht ins Panoptikon. Wir wollen einfach nur unsere Ruhe und unsere Würde.
Das ist der Kern dessen, was Illich „Konvivialität“ nannte, die radikale Forderung nach der Freiheit, wieder selbstwirksam zu sein:
„Menschen brauchen Werkzeuge, mit denen sie arbeiten können, nicht Maschinen, die für sie arbeiten.“
(Selbstbegrenzung)
II. Die unheilige Allianz aus Süden und Westen
Der Norden ist der stärkste Pol von diesen vieren, denn keiner hat eine Chance gegen das Technokratische Element. Und deshalb kommt es zu einer unheiligen Allianz: Der Westen und der Süden verbünden sich.
Der Immobilien-Playboy (Trump) reicht dem Tech-Oligarchen (Musk) und dem Impfkritiker (RFK) die Hand. Der eine liefert das Geld und die Plattform (X/Twitter), der andere liefert die moralische Legitimität und die Stimmen der Enttäuschten.
Das ist das Attraktive an diesen “Barbaren” für Kulturkritiker wie mich.
“Wir”, der “Westen”, wenn wir uns denn zu diesem Westen irgendwie zählen wollen, sitzen mit den Barbaren am Lagerfeuer, weil sie die Einzigen sind, die uns nicht sofort in eine Zwangsjacke stecken wollen. Sie geben uns Waffen (Redefreiheit), um gegen die Bürokraten des Nordens zu kämpfen.
Aber machen wir uns nichts vor: Es ist eine Zweckgemeinschaft. Wir wollen den Menschen entschleunigen und heilen. Sie wollen den Menschen beschleunigen und überwinden (Transhumanismus).
Sobald die Mauern des Nordens gefallen wären, würden wir uns an diesem Lagerfeuer in die Augen sehen und feststellen: Der Barbar neben mir will nicht zurück in den Garten Eden. Er will weiter in die Matrix, nur eben in seine eigene.
Aber für heute, in der Dämmerung des Nullzustands, gilt:
Der Feind meines Feindes ist mein taktischer Freund.
Auch wenn er einen Chip im Kopf tragen will.
Wenn das mal gut geht.2
“Diese Menschen haben das konkrete Gefühl von sich selbst verloren, von sich als dem Geheimnisvollen, das wir sind, ein ‘ich’, das leibhaftig ist — mein ganzes soma ist ‘ich’ — frei und unabhängig.”
(Ivan Illich, In den Flüssen nördlich der Zukunft)
Du hast einen Fehler in meiner Matrix gefunden? Oder siehst das alles ganz anders? Teile es gerne mit:
Das ist natürlich erst einmal nur eine Spielerei, die keine tieferen Erkenntnisse beansprucht. Es gibt eine gewisse Ausgangsplausibilität, und es fängt sicherlich einen bestimmten Aspekt der politischen Realität ein, aber man könnte auch andere Schablonen anwenden. Wenn bspw. einer der genannten Namen dem Leser inkorrekt zugeordnet erscheint, mag das durchaus stimmen.
Aufgrund des Zustandekommens dieser Ideen ist dieser Text — ausnahmsweise — nicht frei von KI-generierten Formulierungen, was hoffentlich auch noch zu spüren ist. Er ist durch meine menschliche Hand aber starker Überarbeitung ausgesetzt gewesen.
Eine kleine Magic: the Gathering Analogie wäre: Grün verbündet sich mit Rot gegen den gemeinsamen Gegner Blau, aber sobald Blau besiegt ist, kriegt Grün wahrscheinlich von Rot auf die Fresse (oder anders herum).
Und ich gebe zu: es sind ein paar mehr Worte als 1000 geworden. Aber nah genug dran, würde ich sagen.



