Europas Völker und die erträumte Abstammung
Ein Essay über die notwendige, aber gefährliche Konstruktion von Identität und Nation
Dieser Artikel ist nicht so geworden, wie ich mir das gedacht hatte (und dennoch zu lang), aber bevor er in der ewigen Schublade verschwindet, veröffentliche ich schlicht diese Skizze, die in Zeitknappheit und Hitze entstanden ist.
I.
Gibt es ein deutsches Volk, oder vielmehr viele Völker, die man unter einem abstrakten Sammelbegriff “die Deutschen” subsumiert hat?
Oder stimmt beides? Es gibt ein deutsches Volk, weil eine Pluralität in einem historischen Prozess zu einer gemeinsamen Identität gefunden hat, die aber kontingenterweise diese Formen angenommen hat und dadurch bspw. den deutschsprachigen Teil Belgiens und der Schweiz, sowie Österreich nicht einschließt. Und weiter gefasst schließt sie die Niederlanden nicht ein und noch weiter gefasst das Frankenreich.1
Das waren historische Entscheidungen, die uns kurzfristig wie geronnen vorkommen, womöglich aber nichts Endgültiges haben, sondern sich in weiteren historischen Entscheidungen auch wieder ändern könnten. Was die spannende Frage aufwirft: Hätte es auch so kommen können, dass eine “deutsche” Identität sich in einer Mittel- oder West- oder Paneuropäischen, oder gar Eurasischen oder Weltenbürger-Identität auflöst?
Wenn das deutsche Volk (aber wahrscheinlich alle Völker) etwas Konstruiertes hat, wie ja auch die Abgrenzung zwischen Asien und Europa etwas Konstruiertes hat, bedeutet dies aber mitnichten, dass es sinnvoll oder gar dringlich sei, dieses Konstrukt zu dekonstruieren. Und auch nicht, dass die Konstruktion willkürlich oder beliebig ist.
Ein Tisch ist auch konstruiert. Aber weder das Material noch die Form ist dabei beliebig. Ein Tisch ohne horizontale Fläche(n) ist kein Tisch. Ein Tisch aus Seifenblasen ist nicht möglich. Ein Tisch hat oft vier Beine, weil das besonder stabil ist. Trotzdem gibt es auch Tische mit drei Beinen oder sogar ohne Beine. Aber das sind dann (mehr oder weniger) exotische Ausnahmen.
Dass ein Tisch konstruiert ist, veranlasst uns nicht zum Gedanken, wir sollten ihn auseinandernehmen, um zu entlarven, dass es eigentlich doch nur Holz und ein paar Schrauben / Leim / Dübel ist.
Natürlich kann man argumentieren, dass diese Analogie nur so und so weit reicht und dass ein Volk etwas anders Geartetes ist, als ein Tisch. Tische haben nur in Ausnahmefällen zu barbarischer Raserei, Massenmord und Auslöschung ganzer Bevölkerungen geführt. Nationalismus — als Überhöhung des eigenen Volkes — schon.2
Nationalismus ist gefährlich. Ein Mangel an Patriotismus möglicherweise auch. Ein Staat, der sich das Individuum vollkommen unterwirft, tendierte historisch zumindest in der Neuzeit zur Grausamkeit. Was passiert aber mit einem Staat, der sich dem Individuum vollkommen unterwirft?3
II.
Wie gefährlich Nationalismus werden kann, wissen wir alle. Jonathan Littell beschreibt es sehr eindrucksvoll und unheimlich in seinem Mammutwerk Die Wohlgesinnten (fr. 2006, dt. 2008), das aus Sicht des (fiktiven) SS-Offiziers und SD-Mitarbeiters Maximilian Aue das Kriegs- und Vernichtungsgeschehen während des zweiten Weltkriegs beschreibt, zunächst in der Ukraine und dem Kaukasus.
Im Kaukasus freundet sich Aue mit dem Sprachwissenschaftler Voss an, der sich auf die kaukasischen und iranischen Sprachen spezialisiert hat und hofft, im Zuge der Eroberungen reichliches Material sichern zu können. Voss belehrt Aue,
“dass die Araber den Kaukasus schon im 10. Jahrhundert den Berg der Sprachen nannten. Und das vollkommen zu Recht.” (S. 300)
Dann stürzt er sich mehrere Seiten lang in eine Darstellung der ca. 50 verschiedenen dort vertretenen Sprachen in ihrer Verwandtschaft zueinander und der Bedeutung dessen, was hier aufeinanderprallt, was mich, als ich das Buch ca. 2009 das erste Mal las, so sehr beeindruckt hatte, dass es diese Stelle war, an die ich mich aus dem Roman vor allem erinnerte. Hier ein kleiner Ausschnitt:
“Hinsichtlich des Südkaukasischen, das heißt des Kartwelischen, Swanischen, Mingrelischen und Lasischen, herrscht praktisch Gewissheit. Ebenso für das Kaukasische im Nordwesten … mit dem Abchasischen, Adygeischen und Karbadisch-Tscherkessischen woei dem Ubychischen … Gleiches gilt für das Wainachische… In Dagestan dagegen ist die Lage noch sehr unübersichtlich. Man hat einige Komplexe abgegrenzt, etwa das Awarische sowie die andische Sprache, das Digoische oder Tsesische, das Lakische und Lesginische, doch einige Forscher meinen, das Wainachische sei mit ihnen verwandt, andere nicht; und auch über die Untergruppen streitet man trefflich.” (S. 301f.)
Kurz darauf erläutert Voss, wie die Sowjets ein Volk aufgefasst hätten:
“Volk — oder Nationalität, wie die Sowjets sagen — ist gleich Sprache plus Territorium.4 Getreu diesem Grundsatz haben sie versucht, den Juden, die eine Sprache hatten, das Jiddisch, aber kein Territorium, ein autonomes Gebiet in Fernost zuzuweisen, Birobidshan; doch es sieht so aus, als wäre das Experiment gescheitert, als hätten die Juden dort nicht leben wollen.” (S. 305)
Was uns an James C. Scotts These in Seeing like a State erinnern mag, dass der staatliche Blick auf ein Problem, den Scott episteme nennt, die Praxis und organische Gewachsenheit des Lebens, die metis, zu ignorieren pflegt.
Birobidshan war nicht gerade ein gelobtes Land, sondern ein unwirtschaftlicher, unerschlossener Sumpf an der Grenze zu China, brutal kalt im Winter und moskitoverseucht im Sommer. Stalin ging es auch nicht um das jüdische Volk. Er brauchte schlicht Menschenmaterial, das er dorthin siedeln konnte. Im Rahmen des “Großen Terrors” ließ er dann auch die jüdische Führungsschicht Birobidshans liquidieren und die jiddischen Schulen schließen.
Die äußerst zynische Ironie, die Voss dabei vollkommen ausblendet, ist, dass seine Landsleute gerade selbst das Problem der jüdischen Bevölkerung der Sowjetunion auf ihre Weise “lösen”: durch Massenerschießungen und (1941 beginnend) mit LKW-Vergasungen experimentierend.
So wird Voss später auch zu einem kniffligen Fall befragt: Eine junge Frau sei als Jüdin denunziert worden, ihrem sowjetischen Pass nach sei sie Tatin (tatka), nach “unserer Kartei” sei sie daher:
“mit den Bergjuden gleichzusetzen. Doch die junge Frau hat mir versichert, dass ich mich täuschen würde und dass die Taten ein Turkvolk seien.” (S. 364)
Die Frau habe einen “merkwürdigen Dialekt” des Türkischen gesprochen. Was mit der Frau geschehen werde, wenn sie Jüdin sei, will Voss dann wissen.
“Nun ja, wir… wir…” Er zögerte sichtlich. Ich kam ihm zu Hilfe: “Sie wird in ein anderes Gebiet umgesiedelt.” — “Verstehe”, sagte Voss.
Es wäre möglich, ist schließlich Voss’ Verdikt, dass es “moslemische Taten geben” könne, ob in Dagestan, wisse er nicht, werde sich aber erkundigen. Man dankt ihm. Hätte man die Frau dann dabehalten sollen? Voss verneint. Er sei sicher, “dass alles rechtens war.”
“Wir plauderten noch einen Augenblick, dann verabschiedete er sich. Voss sah ihm verblüfft nach. “Ihre Kameraden sind etwas merkwürdig”, meinte er schließlich. “Wieso?” — “Sie stellen manchmal Fragen, aus denen man nicht recht klug wird.” Ich zuckte die Achseln: “Sie tun ihre Arbeit.” Voss schüttelte den Kopf: “Ihre Methoden scheinen mir ein wenig willkürlich zu sein. Aber es geht mich schließlich nichts an.” Er schien ungehalten zu sein. “Wann gehen wir ins Lermontow-Museum?”, fragte ich, um das Thema zu wechseln. … (S. 365f.)
Ein Linguist, linguistische Feinheiten und Entscheidungen, entscheiden über Leben und Tod. Und danach plaudert man noch ein wenig und plant den nächsten Museumsgang.
III.
Ganz Europa ist in drei Gebiete geteilt: Das romanische, das germanische und das slawische.5
So denkt man oft darüber. Die Begriffe sind aber eigentlich auf verschiedenen Ebenen angesiedelt. Die “romanischen Völker” sind eine rein linguistische (und kulturelle) Kategorie: die Völker, die eine Variante des Vulgärlateins sprachen, stammten größtenteils nicht ethnisch von den Römern ab. In Frankreich und der iberischen Halbinsel mischten sich “germanische” Stämme mit keltischen Stämmen, dazu kamen im Norden Frankreichs die Normannen aus Skandinavien.
Die Germanen hingegen ist ursprünglich eine Sammelbezeichnung für die nicht-eroberten Völker im Norden des Römischen Reiches, popularisiert durch Julius Caesar. Im Westen die Gallier, im Norden die Germanen, die — etymologisch wahrscheinlich — die “schreienden Nachbarn” der Gallier waren, also noch wilder und unkultivierter als diese.
Der Begriff Germanen ist wahrscheinlich keltischen/gallischen Ursprungs, während der Begriff für die Franzosen wiederum germanischen Ursprungs ist (die Franken waren ein germanischer Stamm — und so gibt es Franken ja auch im Norden der Verwaltungseinheit Bayern — so wie es Sachsen sowohl im Osten wie im Westen Deutschlands, und mit den Angelsachsen in England gibt…).
Dennoch ist das französische Volk größtenteils nicht germanischen, sondern keltischen Ursprungs.
Nun nennen sich die Deutschen aber ja nicht Germanen, sondern Deutsche. Dieser Begriff bedeutet etymologisch schlicht “(das) Volk”. Auch hierzu weiß Voss in Die Wohlgesinnten zu berichten:
“Deutschland ist das einzige Land in Europa, das sich nicht geographisch bezeichnet, das nicht den Namen eines Ortes oder eines Volkes trägt, wie die Angeln oder die Franken, sondern das Land ‘des Volkes an sich’ ist; deutsch ist das Adjektiv zum althochdeutschen Substantiv Tuits, ‘Volk’. Das ist auch der Grund, warum unsere Nachbarn lauter verschiedene Namen für uns haben: Allemands, Germans, Duits, Tedeschi auf Italienisch, was sich ebenfalls von Tuits herleitet, oder Nemzy hier in Russland, was übrigens ‘die Stummen’ heißt, Menschen, die nicht sprechen können, ähnlich wie ‘Barbaros’ auf Griechisch. Und unsere ganze heutige rassische und völkische Ideologie baut in gewisser Weise auf diesem sehr alten deutschen Dünkel auf.” (S. 381f.)
Linguistisch betrachtet ist dies durchaus korrekt. Allerdings bezeichnen sich außerhalb Europas viele Völker mit einem Wort, das schlicht “Menschen” oder “das Volk” bedeutet. Interessanterweise sind die Bezeichnungen für die Deutschen allesamt metonymisch zu begreifen. Bei Allemands steht ein Teil der deutschen Stämme für alle, bei den anderen Bezeichnungen steht der größere Begriff Barbaren (Germans, Nemzy) oder Volk (Deutsche, Tedeschi, Duits) für nur einen Teil der Barbaren und Völker.
Andererseits ist auch das wiederum vielleicht nicht ganz anormal. Unsere gesamte Sprache funktioniert großteils über Metaphern und Metonymien. Die Franken und die Angeln sind letztlich, wie gesehen, auch Metonymien. Und im muslimischen Kulturraum war Franken lange die Bezeichnung für alle Christen.
Die Belgier sind, das nebenbei, interessanterweise eher Folge einer PR-Kampagne. Das 1830 von den Niederlanden unabhängig gewordene Gebiet brauchte einen Namen und griff auf die historischen Belger zurück, die Julias Caesar im zweiten Satz von De Bello Gallico zwiespältig gelobt/verworfen hatte, zurück, ohne dass sie sich abstammungsmäßig auf diese hätten zurückführen können oder auch nur wollen:6
„Horum omnium fortissimi sunt Belgae, propterea quod a cultu atque humanitate provinciae longissime absunt, minimeque ad eos mercatores saepe commeant atque ea quae ad effeminandos animos pertinent important, proximique sunt Germanis, qui trans Rhenum incolunt, quibuscum continenter bellum gerunt.“
(„Von all diesen sind die Belger die tapfersten, weil sie von der Lebensweise und der Zivilisation unserer Provinz am weitesten entfernt sind und nur sehr selten Kaufleute zu ihnen kommen und Dinge einführen, die zur Verweichlichung des Gemüts beitragen, und weil sie den Germanen am nächsten sind, die jenseits des Rheins wohnen, mit denen sie ununterbrochen Krieg führen.“)
IV.
Und das Slawische? Darüber haben wir noch gar nicht gesprochen.
Nun, auch hier ist die Karte nicht das Gebiet. Wenn der Rhein als traditionelle Grenze zwischen Romanen und Germanen gilt, so wurde im Osten Europas historisch die Elbe, in moderner Zeit eher die Oder als Grenze gedacht oder auch gesetzt.
Der Begriff der Slawen ist wahrscheinlich etymologisch eine Selbstbezeichnung und bedeutet im — Kontrast zu den Nemzy (die Stummen) — die Sprechenden. Historisch tauchen die Slawen in der Wahrnehmung des Westens erst mit und nach der “Völkerwanderung” im 6. Jahrhundert auf.
Der Theorie nach stammen diese Völker ursprünglich (was immer ursprünglich heißen mag) aus einem Gebiet das heute in Polen, der Ukraine und Belarus liegt und expandierten in die Gebiete, die von den “germanischen” Völkern verlassen wurden. Das wird aber alles viel rätselhafter, je mehr man über diese Zeit erfährt.
So. Im Frühmittelalter expandierten die westlichen Reiche (die Franken) dann wieder gen Osten und gingen auf Beutezüge durch die nun slawischen Gebiete. Dabei wurden viele Menschen gefangen genommen und verschleppt. Aus den Slawen wurden Sklaven (eng. slave, fr. esclave, it. schiavo7).
Und da Sklavenvölker minderwertig sein mussten, sonst wären sie ja keine Sklaven (finde den Fehler), waren die Slawen also auch minderwertige Völker, als man im 19. Jahrhundert begann, pseudowissenschaftliche Völkerkunde in normativer Manier zu betreiben.
Wenn wir den Begriff Slawen heute nutzen, dann rein linguistisch, obwohl der Begriff ursprünglich eher ethnografisch war. Aber auch hier ist die Realität wie immer viel verwickelter als das Denken darüber.
Das slawischsprachige Russland geht in seiner Staatswerdung auf skandinavische Germanen (die Rus / Wikinger) zurück, vermischt mit Slawen, Finno-Ugriern und asiatischen Reitervölkern.8
Aber selbst auf der linguistischen Ebene sind die Grenzen nicht eindeutig:
Das Englische, im Kern eine germanische Sprache (das Altenglische klingt dem Altdeutschen äußerst ähnlich), besteht zu 60% aus romanischen Lehnwörtern. (Was vor allem an der normannischen Invasion 1066 liegt, woraufhin der englische Adel französisch war und sprach,9 wobei die französischsprachigen (romanischen) normannischen Eroberer selbst aber wiederum ursprünglich, wie bereits erwähnt, skandinavische Germanen waren, die sich im Norden Frankreichs angesiedelt hatten.)
Auch das Deutsche besteht zu ca. 25% aus Lehnwörtern, Tendenz steigend. Da wir aktuell vor allem Wörter aus dem Englischen übernehmen, könnte man zunächst meinen, dass die Sprache dabei aber ja germanisch bliebe — aber wie gerade gesehen, ist das Englische selbst ja zu 60% romanisch, was also auch die Wahrscheinlichkeit bezeichnet, dass die Sprache weniger germanisch wird. Aber so what?10
Wir sehen, weder auf der ethnographischen noch auf der linguistischen Ebene sind die Grenzen so klar zu ziehen, wie manche es vielleicht gerne hätten. Ursprünglich — meiner Erinnerung nach müssen wir laut Richard Dawkins nur 300 Generationen zurückgehen,11 aber die genaue Zahl ist ja auch irrelevant — haben wir alle eine gemeinsame Urmutter, sind wir alle Mitglieder der Menschheitsfamilie (Daniele Ganser).
Das ist äußerst wichtig und richtig. Es ändert aber dennoch nichts an der eingangs erwähnten Feststellung, dass Völker eine (nicht starre, sondern fluide) Wirklichkeit darstellen, auch wenn sie (zum Teil) konstruiert sind. Diese Wirklichkeit bietet nicht nur Risiken, sondern auch Chancen, Stabilität, Geborgenheit.
Die Übergänge sind fließend, und darum sollten wir keine starren Isolationisten sein. Von Übergängen überhaupt sprechen zu können, zeigt aber bereits, dass es ja etwas gibt, zwischen dem die Übergänge liegen. Ein dogmatischer Universalismus ist also ebenfalls der Realität unangemessen.12
Wie so oft landen wir bei Aristoteles und seiner mesotes-Lehre. Es braucht das rechte Maß. In allen Fragen.13
V.
Kommen wir nun noch einmal auf Die Wohlgesinnten zurück. Das Thema der “Bergjuden” ist für Littell noch nicht gegessen. Denn im Weiteren wird die Frage erneut aufgeworfen und demonstriert eindrücklich die Perversität der NS-Spitzfindigkeiten:
Wenn Juden gar nicht von den ursprünglich-semitischen Juden abstammen, so die in SS-Kreisen hitzig debattierte Frage, also sozusagen nur kulturell-religiös jüdisch sind, sind sie dann (entgegen der völkischen Abstammungsideologie) dennoch als Juden zu behandeln, oder nicht.
Aber wenn nicht, sind dann nicht möglicherweise die meisten Juden im relevanten Sinne keine Juden, weil es ja doch über die Jahrhunderte und Jahrtausende zu allerlei Vermischungen und Übernahmen und Assimilationen gekommen sein könnte?
“Doch uns scheint offenkundig zu sein, dass sie [die Bergjuden] vollständig assimiliert und integriert sind, vermischlingt, wenn Sie wollen. Die Spuren jüdischen Blutes, die ihnen verblieben sind, dürften zu vernachlässigen sein.” (S. 457)
Für die Pragmatiker der SS — zynischster Zynismus — ist es wichtig, die “Bergjuden” als “echte Juden” zu klassifizieren, um sie dann vernichten zu können, um gute Vernichtungsquoten nach Berlin melden zu können. Denn langsam werden die zu vernichtenden Bevölkerungsanteile knapp…
Hier reicht es nicht aus, Voss zu befragen, denn die Situation ist äußerst knifflich und wird über viele Seiten hinweg hin und her diskutiert. An verschiedenen Orten wurden bereits von den lokalen Verantwortlichen Fakten geschaffen: die “Bergjuden” wurden als “Juden” eingestuft und erschossen. Aber die hier Diskutierenden bedenken, dies sei “vielleicht eine etwas voreilige Aktion” gewesen (S. 418) — zumal man sich — dies der Pragmatismus der Wehrmacht — mit den kaukasischen Völkern ja gut stellen wolle, gegen die Sowjets.
“‘Man wird uns einen Spezialisten aus Frankfurt schicken, vom Institut für Judenfragen. Außerdem bemüht man sich um jemanden aus der Forschungsabteilung Judenfrage von Dr. Walter Frank in München.” (S. 420)
Für den Protagonisten, Maximilian Aue, geht es um die Wahrheit und die Klärung einer wissenschaftlichen Frage. Überraschend für ihn, stutzt ihn Voss daraufhin für seine Naivität zurecht.
Die Abstammung eines Menschen sei zumeist “eine erträumte” (S. 422), der Begriff der Rasse sei ein “wissenschaftlich undefinierbares Konzept und daher ohne theoretischen Wert”, die deutschen Rassenanthropologen seien “Scharlatane”, die die echt wissenschaftlichen Erkenntnisse der Linguistik für ihre politisch-ideologischen Zwecke missbrauchten, die “Schädelkunde war ein totales Fiasko” (S. 425) und er sehne sich in die Zeit zurück, als Deutschland sich noch der Wissenschaft verschrieben habe. Wie absurd sei es, Einsteins Relativitätstheorie “als jüdische Wissenschaft” zu verunglimpfen, obwohl sie exakte Vorhersagen mache. Kurz und gut:
“Und wenn Sie sich an deren Kriterien halten, um über Leben und Tod von Menschen zu entscheiden, täten Sie besser daran, sie sich zufällig aus der Menge zu greifen, das Ergebnis wäre dasselbe.” (S. 427)
Aue erbittet sich höflich Zeit, über Vossens “provokante Thesen” nachzudenken. Er sei ja “nicht unempfänglich” für einige seiner Argumente, reflektiert er. Aber die “ganze Rassenanthropologie in Bausch und Bogen zu verurteilen erschien mir übertrieben” (S. 428). Es scheine ihm, “dass sich alles ganz von allein ergäbe, wenn man an eine bestimmte Idee von Deutschland und dem deutschen Volk glaubte.”
Ganz genau. Das eigene Volk über alles setzen. Das darf man nicht glauben. Sonst ergibt sich “alles ganz von allein” — jede noch so absurde Grausamkeit lässt sich rechtfertigen.14
VI.
Voss stirbt im weiteren Verlauf dieser Episode, die Wehrmacht entscheidet aus politischen Gründen gegen den Willen der SS, die Bergjuden erst einmal nicht als Juden zu behandeln, solange die “wissenschaftliche” Frage so ungeklärt sei — mit dem Hinweis darauf, nach der Einnahme Dagestans, der vermutlich ursprünglicheren Heimat der kaukasischen Bergjuden, ließe sich sicherlich mehr sagen.
Dabei ist zu diesem Zeitpunkt längst klar, dass es höchstwahrscheinlich zu keiner Einnahme Dagestans mehr kommen wird. Die Deutschen sind bereits auf dem Rückzug.
Die Bergjuden von Naltschik überleben. Ungefähr 3000 Menschen.
Aus heutiger Sicht ist davon auszugehen, dass diese “Bergjuden”, so wie von der SS vertreten, tatsächlich “genetisch und historisch” von persischen/babylonischen Juden abstammten, allerdings, wie von der Wehrmacht vertreten, über die Jahrhunderte in ihrer Lebensweise großteils an die muslimische kaukasische Bevölkerung assimiliert. Und dadurch ist auch Voss Recht zu geben, dass über einen so langen Zeitraum von einer einheitlichen Abstammung (statt einer erträumten) reden zu wollen, wissenschaftlicher Unfug ist.
Tatsächlich aber war die These von der späten Übernahme des religiösen Glaubens eine Schutzbehauptung, die sich die kaukasische Bevölkerung gemeinsam und solidarisch zurechtgelegt hatte, um die Bergjuden zu schützen. Die Sowjets hatten unfreiwillige Vorarbeit geleistet. Sie hatten in den 1920er und 30er Jahren die Bergjuden aus politischen Gründen, zwecks Säkularisierung und Einordnung, zu iranisch-kaukasischen Taten umdeklariert. In der Ansicht, das Gebiet habe der Karte zu folgen.
Diese Geschichte der Bergjuden demonstriert das Thema der historischen und linguistischen Identitätskonstruktion im düstersten Sinne. Sie entschied real über Leben und Tod.
Man mag meinen, 3000 Gerettete fielen in Anbetracht von 6 Mio. “Untergegangenen” (Primo Levi) und insgesamt ca. 80 Mio. Toten weltweit kaum ins Gewicht. Aber ich halte diese Perspektive für zynisch. 3000 Gerettete sind in Anbetracht von 3000 möglichen Ermordeten 3000 Nicht-Ermordete.
Darunter ca. 1000 Kinder.
Ein Wort zum Schluss
Das war mein kleiner linguistisch-historischer Ausflug in die Welt und die Abgründe der Identitätskonstrukte. Wenn dir der Text neue Impulse gegeben hat, freue ich mich riesig über deine Unterstützung:
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Egon Friedell: Die Krisis der europäischen Seele
·Thema: Nominalismus, Moderne und Postmoderne, nebst bisschen Philofachchinesisch, aber zum Ausgleich ein bisschen Egon Friedell und Metabeobachtungen zu Politik und Weltgeist
Ich meine hier die verschiedenen historischen Weichenstellungen, wie den Zerfall des fränkischen Reichs nach Karl dem Großen, die Einigung der schweizerischen Eidgenossenschaft, die Grenzziehungen nach Napoleons Scheitern im Wiener Kongress 1815, die Vormachtstellung Preußens in der kleindeutschen Lösung Bismarcks, etc.
Nationalismus kann laut Duden auch ohne Überhöhung lediglich “erwachendes Selbstbewusstsein einer Nation mit dem Bestreben, einen eigenen Staat zu bilden” bedeuten, wird aber nur selten in dieser Verwendung gebraucht. Den (nicht-überhöhenden) Stolz auf das oder die Liebe zum eigenen Land bezeichne ich als Patriotismus.
Die Frage, wo Patriotismus endet und Nationalismus beginnt, wird in Deutschland sehr unterschiedlich bewertet und oft grell polarisierend problematisiert. Deutschland ist womöglich das einzige Land, in dem man als Politiker öffentlich gegen den Patriotismus Stellung beziehen darf. Mir erscheint das leicht verrückt. Zwar empfinde ich selbst keinen Patriotismus für Deutschland und lebe sehr gerne in Belgien, aber mir scheint doch, dass Politiker eines Landes Patrioten sein sollten. Und das Fehlen eines solchen Patriotismus stärkt ironischerweise wahrscheinlich genuin nationalistische Gesinnungen.
Er atomisiert. Die politische Soziologie zeigt: Wo kein minimales ‚Wir‘-Gefühl mehr existiert, erlahmt die Solidarität. Der Wohlfahrtsstaat verliert seine Legitimation, und es folgt das, was Christopher Lasch die ‚Sezession der Eliten‘ nannte – der steuerliche und mentale Rückzug der Wohlhabenden aus der gemeinsamen Infrastruktur. Ein Staat, der nur noch aus radikalisierten Individuen besteht, verlernt das Gemeinwohl. Er wird unfähig zur kollektiven Tat und öffnet die Schere zwischen Arm und Reich bis zum Zerreißpunkt. Er stirbt am Ende an seiner eigenen inneren Kälte.
Damit öffnet er wiederum ein Einfallstor für überschießenden Ideologien und vor allem totalitäre Herrschaft.
Voss bezieht sich bei dieser Halbwahrheit wohl auf Stalins Marxismus und die nationale Frage. Neben Sprache und Territorium nennt Stalin aber noch eine gemeinsame Kultur und Wirtschaftsleben als weitere Bedingungen für ein Volk/Nationalität. Was für die Sowjets tatsächlich die Frage aufwarf, wie mit der jüdischen Bevölkerung umzugehen sei, da sie kein Territorium besaßen. Dieses wollte man ihnen geben, das besagte Birobidschan.
Julius Caesar, De Bello Gallico: “Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani, tertiam qui ipsorum lingua Celtae, nostra Galli appellantur.“ („Ganz Gallien ist in drei Teile geteilt, von denen die Belger einen bewohnen, die Aquitanier einen anderen, und den dritten jene, die in ihrer eigenen Sprache Kelten, in unserer aber Gallier genannt werden.“)
Die Abspaltung Belgiens von den Niederlanden geschah aufgrund der Konfession: Belgien war der katholische Teil der Niederlande. Die Grenze zwischen katholisch und protestantisch verläuft aber natürlich entlang der historisch-kontingenten Grenzen der Konfessionskonflikte in der frühen Neuzeit. Ethnografisch haben sich hier wie auch in den angrenzenden Ländern überall keltische und germanische Völker vermischt. Auch die Sprachgrenze zwischen Flandern und der Wallonie beruht nicht auf genetischen Unterschieden, sondern lediglich darauf, dass die einwandernden Franken im nördlichen Teil ihre (germanische) Sprache durchsetzten, im südlichen Teil der Region aber nicht. Diese blieb damit linguistisch romanisch.
Faszinierendes Detail am Rande. Das heutige Ciao hat sich aus dem Wort für Sklave entwickelt. Es bedeutet eigentlich: Ich bin dein Diener. Vielleicht im Sinne von: Womit kann ich dienen? So übrigens auch das süddeutsche “Servus”.
Und ein weiteres Rätsel: Das Ciao ist im Italienischen sowohl Begrüßung als auch Verabschiedung. Aber bei seinem Siegeszug in die anderen Sprachen wurde es stets nur als Verabschiedung übernommen. Zufall? Oder gibt es einen tieferen Grund?
(Gäbe es einen Grund, sich auf italienisch zu empfehlen? Bekanntlich nutzten die NS-Ideologen die Formulierung “sich auf französisch zu empfehlen” dafür, zu kapitulieren.)
Interessant und lehrreich ist hier auch ein kurzer Seitenblick auf die “Deutschrussen”. Im 18. Jahrhundert aus den deutschen Gebieten nach Russland eingewandert und damit ein kelto-germanisch-romanischer Mix, blieben sie vor Ort lange relativ isoliert, wurden ab dem späten 19. Jahrhundert aber zunehmend russifiziert und linguistisch slawisiert — und unter Stalin 1941 dann nach Sibirien oder Kasachstan deportiert.
Ende des 20. Jahrhunderts kamen viele nach Deutschland. Für die Russen waren sie Deutsche, für die Deutschen Russen — sie saßen zwischen den Stühlen. Ähnlich erlebte ich selbst (in Australien geboren, in Belgien aufgewachsen, in Deutschland aufs Gymnasium gehend), dass ich für die Belgier der Deutsche war, für die Deutschen der Belgier und für meine Freunde der Australier. Dies erklärt auch, warum ich keinen Patriotismus empfinde. (Siehe Fußnote 2.)
Darum ist im Englischen die Bezeichnung für lebende Nutztiere (pig, cow, sheep, calf) germanischen Ursprungs, denn mit den lebendigen Tieren interagierten die germanischen Bauern, die Bezeichnungen für das tote Tier, das man als Fleisch verzehrt (pork, beef, mutton, veal), aber romanisch, weil dies vor allem der romanische Adel tat. Das Huhn (chicken) bildet dabei eine interessante Ausnahme, denn obwohl es das romanische poultry gibt, ist es großteils bei chicken geblieben. Es war kein reinen Herrenessen.
Keine Sorge: “So what?” ist 100% germanisch. Wie übrigens auch LOL, YOLO und Alrighty :)
Ich meine, das in seinem The Ancestor’s Tale: A Pilgrimage to the Dawn of Life gelesen zu haben. 300 Generationen sind je nach Rechenart 5000-7000 Jahre, liegt also historisch betrachtet schon weit zurück, ist uns biologisch betrachtet aber lächerlich nahe. Ein Wimpernschlag.1
Das gilt im Übrigen jedoch nicht für die Sprachen. Deren gemeinsamer Ursprung muss viel älter sein.
1 Die Annahme der 300 Generationen basiert allerdings auf einem mathematischen Modell,2 das von einer durchgängigen Vermischung ausgeht. Stark isolierte Weltgegenden (wie Australien) werden dabei nicht ausreichend berücksichtigt. Das heißt, streng genommen gilt es nur annäherungsweise, dass alle heute lebenden Menschen von allen vor 300 Generationen lebenden Menschen abstammen, deren Linien nicht ausgestorben sind. Wenn man den absolut gemeinsamen Vorfahren aller heute lebenden Menschen finden will, muss man wohl doch eher 2000 bis 3000 Generationen zurückgehen (50.000 bis 70.000 Jahre, was biologisch oder geologisch betrachtet natürlich noch immer ein kleiner Zeitraum ist).
2 Erneut zeigt sich also: Die Karte ist nicht das Gebiet. Das sollte man bei mathematischen Modellen immer bedenken. (Die linke Hemisphäre nach McGilchrist ignoriert dies gerne.)
Ich hatte in meinem Artikel ‘Gespaltene Gesellschaft’ bereits den Gedanken vertreten, dass es solche Universalisten im Großen und Ganzen auch gar nicht gibt, aber die Illusion, es gäbe sie und man selbst sei einer, kann dennoch gefährlich sein und ein Pendant zum übersteigerten Nationalismus, sozusagen einen übersteigerten Anti-Nationalismus begründen.
Wobei man fairerweise anmerken sollte, dass Aristoteles selbst nicht immer das rechte Maß gefunden zu haben scheint, bspw. bei der Frage nach der Gerechtigkeit der Sklaverei.
So sollte man auch nicht das eigene Leben über alles setzen. Sonst landet man bei Agambens Homo Sacer, dem nackten Menschen, dessen Leben vollkommen von seiner Würde abgetrennt ist.



