Gespaltene Gesellschaft?
Links gegen Rechts war gestern, heute kämpfen Universalisten gegen Partikularisten – so zumindest eine aktuelle These zu den Rissen in unserer Gesellschaft. Warum dieses Modell mich nicht überzeugt.
Kürzlich las ich einen sehr anregenden Artikel von Christoph Klinger. Er argumentiert darin, dass das klassische Links-Rechts-Spektrum ausgedient hat und ein passenderes Spektrum das zwischen 'Inklus' (Universalisten) und 'Exklus' (Partikularisten) wäre.
Sein Kerngedanke ist, dass Menschen ihre Politik nach Eigen- oder Gruppeninteressen ausrichten können (das sind die Exklus), oder eben nach universellen Interessen (die Inklus). Für die Details lest einfach seinen Artikel.
Weil ich selbst vor kurzem argumentiert hatte, dass es nicht ausreicht, nur eine Dimension zur politischen Analyse zu wählen, aber zugleich zugeben musste, dass es bereits ab zwei, spätestens ab drei Dimensionen extrem unübersichtlich wird, war der Gedanke, dass es vielleicht doch mit einer Dimension geht, durchaus faszinierend.
Meines Erachtens hat Christoph Klinger viele kluge Denkanregungen gegeben, aber in letzter Konsequenz überzeugt mich die Einordnung in eine Dimension auf einer Inklu-Exklu-Achse nicht. Aus dem, was einen nicht überzeugt, lernt man aber ja doch oft viel mehr als aus dem, was einem unmittelbar einleuchtet, denn interessanter ist ja die Frage: Warum überzeugt es mich nicht?
Dazu hier ein paar Ausführungen:
(1) Die Spaltung der Gesellschaft
Christoph Klinger schreibt:
“Aber gleichzeitig drängt sich doch mehr denn je der Eindruck auf, dass unsere Gesellschaft tatsächlich zwischen zwei Polen aufgespannt ist. Dass es zwei Lager gibt, die sich zunehmend unversöhnlich gegenüberstehen. Wenn dieser Eindruck zutrifft und gleichzeitig das Rechts-Links Schema die Situation nicht hinreichend erfasst – wo genau verläuft dann die Bruchlinie, an der unsere Gesellschaft zu zerreißen droht?”
Darüber habe ich länger nachgedacht. Ich bin zum Schluss gekommen, dass ich glaube, dass der Eindruck eigentlich nicht zutrifft, aber dennoch berechtigt ist. Lasst mich das erklären:
Und zwar vermute ich, dass gerade die Reduktion der Positionen auf eine Dimension (egal ob nun Links-Rechts oder eine andere) Menschen, die eigentlich viel gemeinsam hätten, in eine soziale Wahrnehmung presst, derzufolge der andere mit mir gar nichts gemeinsam haben kann.
Wenn wir individuelle Anhänger von bspw. der Linken, der AfD und der CDU auswählen und sie genau auf ihre Positionen befragen, werden wir ja doch Schnittmengen in dem finden, was sie für wünschenswert halten, und noch mehr Schnittmengen in dem, was sie für wahr halten. (Und dann natürlich auch radikal unversöhnliche Ansichten in ausgewählten Bereichen.)1
Insofern vermute ich, dass die Bruchlinie, die du wahrnimmst, tatsächlich “da ist”, aber eigentlich ist sie künstlich, auf der Illusion basierend, man könnte auch sagen, auf der Abstraktion, dass “wenn Du nicht für uns bist, bist du gegen uns.”
“Für Demokratie — gegen Nazis”
Ein kleines Beispiel: Viele AfD-Wähler wählen die Partei nicht, weil sie sich bewusst für “Nazis” entscheiden, sondern weil sie diese Einordnung für falsch oder überzogen halten.
Der lokale EDEKA-Händler Peter Simmel mit Filialen in Thüringen und Sachsen, ließ 2024 Werbebroschüren mit dem Slogan “Für Demokratie — gegen Nazis” drucken. Da sich EDEKA schon zuvor immer wieder politisch stark gegen die AfD positioniert hatte, wurde dieser Slogan als gegen die AfD und vor allem auch ihre Wähler gerichtet empfunden, also ca. ein Drittel der Bevölkerung.
Der Backlash ließ nicht auf sich warten. Simmel wurde bedroht und angefeindet und es kam zu Boykott-Aufrufen. Schließlich entschuldigte sich Simmel und distanzierte sich von seiner eigenen Kampagne. Interessant ist nun seine Begründung, denn offensichtlich hat er nicht gesagt: “Ich finde Nazis jetzt doch gut.” Sondern:
“Liebe Kunden[…],
Entschuldigung, es tut mir leid, dass sich mit meinem Begriff „Nazis“ Menschen angesprochen fühlten, welche mit unserer jetzigen Regierung nicht einverstanden sind. Deshalb ist man kein Nazi. Auch ich bin nicht mit unserer jetzigen Regierung einverstanden und hoffe auf Neuwahlen, welche unsere freiheitliche Demokratie stärken. Einige haben sich durch die Formulierung angegriffen gefühlt, …”
Offensichtlich war Simmel überrascht und erstaunt darüber, dass viele seiner Kunden sich mit dem Wort Nazis gemeint fühlten. Aber das ist eigentlich nicht weiter erstaunlich.
Wenn dir gesagt wird: Wenn du die AfD (oder in manchen Kreisen reicht schon die CDU2) wählst, bist du ein Nazi, dann führt das ganz natürlich dazu, dass die Menschen irgendwann denken: “Okay, nach DIESER Logik (die aber wenig mit dem ursprünglichen Begriff zu tun hat) bin ich dann halt ein Nazi. Wenn das nur heißt, dass ich keine vollkommen unkontrollierte Migration will, dann ist es ja okay, Nazi zu sein.”
Es ist aber natürlich nicht okay, ein Nazi zu sein! Aber darum muss man den Begriff vor der Beliebigkeit seiner Umdeutung schützen!3
(2) Die Inklu-Exklu-Unterscheidung
Christoph Klinger unterscheidet zwischen Universalisten (Inklus) und Partikularisten (Exklus). Erstere vertreten die Ansicht,
“dass alle Menschen – ganz unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion oder sonstiger Gruppenzugehörigkeit – gleichwertig sind und somit gleich behandelt werden müssen. Das Ziel ist eine Welt, in der alle Menschen gleichen Zugang zu Wohlstand und Lebensglück haben.”
Letztere lassen sich negativ darüber definieren, dass sie diese These leugnen, oder positiv darüber, dass sie sagen:
“[J]eder Mensch Teil einer oder mehrerer Gruppen und zuallererst für das Wohlergehen seiner Gruppe zuständig.”
Ich denke, dass diese Unterscheidung ein Stück weit das tatsächliche Selbstverständnis bestimmter Gruppen einfängt, aber ich denke auch, dass sich diese Gruppen da in gewissen Selbsttäuschungen ergehen, denn ich glaube nicht, dass es Inklus wirklich gibt, oder nur in einem Sinne, indem es auch ein AfD-Anhänger problemlos sein kann.
Das möchte ich anhand der Beispiele plausibilisieren, die Christoph Klinger selbst gewählt hat:
“Wirkmächtig wurde der moralische Universalismus zur Zeit der Aufklärung, maßgeblich vorangetrieben durch Immanuel Kant. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenreche feierte er seinen bisher größten Triumph. Der erste Satz von Artikel 1 - ‘Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren’ - formuliert exakt den Kern des Inklu Menschenbildes und setzt ihn ins Zentrum einer internationalen Rechtsordnung. Heute wirkt er für uns so selbstverständlich, dass leicht in Vergessenheit gerät, dass der überwältigende Großteil der Menschheitsgeschichte von dem anderen Pol dominiert wurde.”
Kants “moralischer Universalismus”
Immanuel Kant war zwar (oder verstand sich als) ein moralischer Universalist, aber er war kein Inklu! Das zeigt sich schon daran, dass Kant maßgeblich daran beteiligt war, die “Rassen” der Welt einigen Farben zuzuordnen. (Er ist eine Quelle dafür, dass die Indigenen Amerikas “rothäutig” und die Chinesen “gelbhäutig” sein sollen, freilich ohne jemals das königsberger Umland verlassen zu haben.)
Kant war auch nicht der Ansicht, dass Kinder gleich zu behandeln wären wie Erwachsene, geschweige denn Frauen wie Männer. Kant war sehr implizit ein Preuße, und seine Moral hat etwas sehr Preußisches.
Die Würde des Menschen
Was nun die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte durch die UN angeht, so haben die Mitgliedsländer, die ihr zugestimmt haben, damit zu keinem Zeitpunkt die Forderung verbunden gesehen, alle Menschen außerhalb ihres Staatsgebietes gleich zu behandeln wie die Menschen innerhalb.4 Und die UN haben diese Erklärung gerade nicht zum Kern ihrer internationalen Rechtsordnung gemacht, sondern die Idee des Westfälischen Friedens:5
Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates.
Das kann man auch daran sehen, dass die allermeisten humanitären Interventionen nach internationalem Recht illegal (völkerrechtswidrig) waren und dass der Westen, vor allem die USA sich nicht an die UN-Rechtsordnung halten, sondern ihre eigene (vorgeblich) “wertebasierte Weltordnung” zugrundelegen (wie das die Grünen im 21. Jahrhundert ja auch gerne machen).
Selbstverständlichkeiten — behauptet oder wirklich?
Und zuletzt muss man leider konstatieren, und das schreibe ich mit echtem Bedauern, dass diese Grundhaltung heutzutage mitnichten selbstverständlich wirkt. Innerhalb gewisser Kreise, vielleicht, aber selbst da denke ich nur in (selbst-)missverstandener Weise. Gesellschaftlich ist der Satz “Alle Menschen sind gleich an Würde und Rechten”, wenn damit wirklich alle Menschen gemeint sind, die es gibt und geben wird, überhaupt nicht mehrheitsfähig. Überhaupt nicht. Leider.
Es mag zunächst so scheinen, weil natürlich das Lippenbekenntnis zu dieser Aussage Bedingung dafür ist, überhaupt etwas zum Thema sagen zu dürfen. Aber es ist in aller Regel nicht ernstgemeint. Leider.
Das zeigt sich ja eigentlich auch an Christoph Klingers Beobachtung, dass im Grunde nur die Grünen (und das auch nur ihrem Selbstverständnis nach und auch bei ihnen nur bestimmte Strömungen) als Inklus durchgehen können. Diese decken aber ja nicht einmal 10% des Bevölkerungs-Willens ab.
Warum der Inklu eine seltene Spezies ist
Das war ihm natürlich auch klar, darum schrieb er:
“Inklus und Exklus gibt es nur selten in Reinform.”
Aber ein Inklu, der es nicht in Reinform ist, ist eben kein Inklu, sondern ein Exklu. Das liegt an der oben zitierten Definition und zwei non sequiturs, die sie enthält. Denn man kann die Ansicht vertreten, dass alle Menschen gleichwertig sind, in einem abstrakten Sinne, also vor dem Gesetz, oder gleich an “Würde”,6 ohne dass daraus folgen müsse, dass man selbst oder auch nur der Staat alle gleich behandeln müsse.
Zweitens kann auch das Ziel einer "Welt, in der alle Menschen gleichen Zugang zu Wohlstand und Lebensglück haben” als illusorisch abgetan werden,7 sogar als gar nicht wünschenswert. Es zeigt sich ganz empirisch — auch bei den Grünen und ihren Wählern — dass aus der Anerkennung einer Gleichwertigkeit, wie auch immer sie verstanden wird, in aller Regel nicht gefolgert wird, dass Wohlstand und Lebensglück mir fremder Menschen mir genauso wichtig sein sollten wie das eigene. Und es folgt tatsächlich auch logisch nicht.
Auch wenn die Definition des Inklus erst einmal gut klingt — sobald man sich der lebenspraktischen Folgen bewusst wird, ist es wenig überraschend, dass Menschen in aller Regel nicht bereit sind, ihre Partikularinteressen so tiefgehend hintanzustellen.
(3) Die Dominanz bestimmter Themen im Diskurs
Christoph Klinger stellt die interessante Frage:
“Warum nehmen diese Themen [wie “Geschlechterrollen, Sexismus, Metoo” und Rassismus] in der Debatte einen so großen Raum ein? Andere Fragen, etwa nach Steuerpolitik, Verteilungsgerechtigkeit oder Bildungspolitik betreffen unseren Alltag doch mindestens genauso sehr und sind vermutlich für unser aller Zukunft viel entscheidender.”
Nun, ich würde vermuten, dass der Grund nicht in der Inklu-Exklu-Dimension zu suchen ist, sondern dass es mehrere Gründe gibt, die zusammenspielen:
(1) Gibt es eine kleine Minderheit von Menschen, die diese Themen tatsächlich für weltbewegend wichtigst halten und diese Minderheit ist sehr laut.
(2) Alle, die bei den genannten entscheidenderen Themen eine Position vertreten, die der Mehrheit nicht gefällt, freuen sich natürlich darüber, wenn für sie irrelevante Diskurse großen Raum kriegen. Sie verstärken also die laute Minderheit, und nutzen sie zur Ablenkung von ihren eigentlichen politischen Kernthemen.
(3) Die Emotionen kochen nicht wegen einer allgemein-abstrakten Idee von Menschenwürde und Gleichbehandlung hoch, sondern wegen der überschnellenden Sympathie oder Antipathie gegenüber ganz konkreten Fällen, die dann wiederum ins Abstrakte gehoben werden.
Das wird noch verstärkt dadurch, dass die digitale Welt darauf ausgelegt ist, dass wir nicht über das, was uns dort begegnet länger nachdenken, vllt sogar tagelang, um dann überlegt darauf zu reagieren, oder halt auch nicht, sondern schnell reagieren und dann weiter hasten.
Ob mir etwas sympathisch ist oder antipathisch, weiß ich unmittelbar. Ob es einleuchtend ist, geschweige denn wahrhaftig, weiß ich erst viel später und mir viel mehr Aufwand.
(4) Die Dauerkrise der Linken
Diese halte ich für durchaus nachvollziehbar analysiert. Das Problem der Linken weltweit ist, dass sie ideengeschichtlich in sich widersprüchlich ist, und sich darum überhaupt nicht mit sich selbst einig werden kann, was sie konkret eigentlich will. Dieses Problem hat die Rechte auch, aber in weniger starkem Ausmaß. Womit ich sagen will: Nur auf die Linke bezogen, innerparleilich oder innerideologisch gedacht, finde ich die Inklu-Exklu-Unterscheidung überzeugender als gesamtgesellschaftlich.
Zur Illustration nur ein Beispiel. Traditionell beruft sich die Linke auf Jean-Jacques Rousseau, während die Rechte sich Thomas Hobbes als Vaterfigur gewählt hat. Diese beiden Staatstheoretiker haben diametral verschiedene Thesen zum Verhältnis von Individuum und Staat vertreten.
Während für Hobbes (der vom Bürgerkrieg in England im 17. Jahrhundert und dem damit verbundenen partiellen Zusammenbruch staatlicher Ordnung geprägt war) der Mensch ohne staatliche Ordnung in chaotisch-brutalem Zustand lebt, bei dem “der Mensch dem Menschen ein Wolf” sei, sah Rousseau das genau anders herum.
Im ruhigen aber dekadenten Frankreich des 18. Jahrhunderts lebend, kam er auf den Gedanken, das Individuum werde im Staate eigentlich unterdrückt, und das vorstaatliche Individuum sei ein “edler Wilder”: selbstgenügsam, frei von Bedürfnissen, und infolgedessen auch friedlich.
Allerdings zeigt sich, dass gerade die Linke massive staatliche Eingriffe fordert, also viel Staat, nicht wenig, weil diesem edlen Wilden eben (mit Hobbes) doch nicht ganz zu trauen ist. Zugleich will die Linke aber den Staat auch überwinden, traditionell zugunsten einer internationalen Gemeinschaft Gleicher unter Gleichen. Nur dass dabei die Kapitalisten gleich mit-überwunden werden müssten, diese sind also erst einmal nicht Gleiche, sondern Andere, wie Christoph Klinger ja auch richtig aufzeigt.
Diese Selbstwidersprüchlichkeiten sind sicherlich irgendwie aufzulösen. Das Problem ist aber, dass sich die Linke intern nicht einigen kann, auf welche Art und weise. Und das lähmt sie.
(5) Der exklusive Club der Grünen(-Wähler)
Ich denke nicht, dass es eine korrekte Analyse der Grünen ist, sie als Inklus zu bezeichnen, auch wenn es stimmt, dass partiell ihr Selbstbild in diese Richtung geht.
Beginnen wir bei der Wählerschaft. Es wäre hochgradig unwahrscheinlich, dass eine so homogene und zugleich (im rein deskriptiven Sinne) bourgoise Wählerschaft,8 die unglaublich von der Unterdrückung des globalen Südens und der Unterschicht im eigenen Lande profitiert, tatsächlich der Ansicht wäre, dass alle Menschen gleich zu behandeln wären. Denn das würde ihren eigenen materiellen Wohlstand massiv untergraben. Sie schränken auch ihren Lebensstil überhaupt nicht nach der Logik ein, dass alle Menschen gleich viel CO2-Ausstoß verursachen sollten. Geschweige denn gleichviel Wohlstand und Lebensglück genießen sollten.
Das tun die Grünen-Politiker im Großen und Ganzen auch nicht.
Der Dünkel der Grünen-Wähler spiegelt sich im Übrigen auch im Dünkel der Grünen-Politiker, die eine Abgehobenheit von der Realität, eine Besserwisserei, eine moralisierende Gut-Böse-Rhetorik und gerade einen Mangel an Universalismus ganz empirisch an den Tag legen.9
Es liegt schlicht ein gewaltiger Unterschied darin, zu sagen, dass alle Menschen gleich sein sollten und dies tatsächlich auch zu meinen. Und der Unterschied zeigt sich am Besten darin, wie die Menschen sich tatsächlich verhalten.
(6) Die Grünen und der Militarismus
Insofern scheint mir auch die Analyse der Gründe der Grünen für ihren wahrnehmbaren Militarismus nicht überzeugend:
“Sogar der neue grüne Enthusiasmus für Waffenlieferungen wirkt vor diesem Hintergrund weniger rätselhaft. Geht es darum, einem Exklu-Extremisten wie Putin entgegenzutreten und ein Kippen der Weltgemeinschaft zurück zu einem ‘Recht des Stärkeren’ zu verhindern, ist sogar der eigentlich verhasste Einsatz von Waffen legitim.”
Erstens ist dieser Enthusiasmus gar nicht mal mehr so neu. Der Kipppunkt liegt noch im Ende des 20. Jahrhunderts.10
Zweitens zeigen die grünen Spitzenpolitiker m.E. nirgendwo, dass ihnen Waffengewalt “eigentlich verhasst” sei.
Ein Kippen der Weltgemeinschaft zurück zu einem Recht des Stärkeren verhindern zu wollen ist zudem ein illusorisches Unterfangen, denn genau ein solches Recht des Stärkeren reagiert die Welt mindestens seit 25 Jahren, vllt auch länger.
(7) Abschließende Gedanken zum Inklu
Was ein echter Inklu vermutlich argumentieren müsste, wäre Folgendes:
Da alle Menschen gleichwertig sind, müssen wir die Interessen all dieser Menschen auch gleichwertig berücksichtigen. Das heißt: die Interessen der Westlichen Gesellschaften genau so wie die der Menschen in Russland, China, Indien und ganz Asiens. Das haben wir nicht getan, wir haben ein unglaubliches Übergewicht auf den Westen gelegt. Das müssten wir jetzt ausgleichen, indem wir ihnen stark entgegenkommen.
Die Details wären vermutlich Gegenstand ausufernder Diskussionen, aber folgende Gedanken scheinen mir aus Inklu-Sicht naheliegend:
Die NATO hätte Russland selbstverständlich aufnehmen müssen Anfang des 21. Jahrhunderts, anstatt es immer weiter einzukreisen. Zudem hätte der Westen Russland nach dem Fall der UdSSR nicht wirtschaftlich ausnehmen dürfen, sondern hätte Russland so behandeln müssen, wie nach dem 2. Weltkrieg Westdeutschland.
Aber Westdeutschland wurde nur aus taktischem Kalter-Krieg-Kalkül als Bollwerk gegen den Kommunismus so gut behandelt, nicht aus Menschenliebe und ganz sicher nicht aus Inklu-Gedanken. Und genau aus dem gleichen Grund wurde Russland nach dem Fall der UdSSR schäbig behandelt.
Was wir gerade überall auf der Welt ernten, sind die Früchte der Ausbeutung der Welt durch den Westen in den letzten 400 Jahren. Anstatt jetzt weiter so zu tun, als wüssten wir es so viel besser als der Rest der Welt (was ja exklu ist), sollte der Westen anfangen, zuzuhören, anstatt die anderen anzuschreien.
Das ist, wohlgemerkt, nicht meine Sicht der Dinge, sondern das, was meines Erachtens ein überzeugter Inklu denken würde. Allerdings zeigt das auch, dass Inklus für eine Gesellschaft etwas Bedrohliches haben. Denn was passiert — spieltheoretisch betrachtet — in einer Population, die aus Inklus und Exklus besteht? Die Exklus können den Universalismus prima für ihre Partikularinteressen ausnutzen, weil sie sich an die Inklu-Spielregeln nicht halten müssen.
Inklus haben — das vermute ich jedenfalls — spieltheoretisch betrachtet keine Gewinnstrategie und können sich daher nicht durchsetzen. Das ist möglicherweise aber auch gar nicht so schlimm. Denn möglicherweise ist ein so starker Universalismus gar nicht wünschenswert, weil realitätsfern.
Alle Bemühungen der extremen Gleichmacherei haben jedenfalls historisch eher in Wahn, Gewaltexzesse und extreme Ungleichheiten geführt.11
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Wie das zusammenspielt, und warum es nicht so wirkt, wenn es doch aber so ist, habe ich vor längerer Zeit in einem Artikel zu klären versucht: Was trennt uns wirklich? Dort hatte ich die Unterschiede als Oberflächenphänomene bezeichnet und fünf Gründe für die Fehl(selbst-)wahrnehmung diskutiert.
In Aachen wurden bei den Bundestagswahlen sehr viele CDU—Plakate mit dem Vorwurf, das seien Nazis, verunstaltet.
Das Beispiel Simmel ist vielseitig interessant. Hier ist nicht der Ort, alle möglichen Fragestellungen dazu zu diskutieren, aber es demonstriert eindrucksvoll, dass der Kontext einer Aussage stark beeinflusst, wie sie verstanden wird (und natürlich auch, wie sie gemeint ist). Auf den ersten Blick scheint es vollkommen absurd oder hochgradig bedenklich, wenn ein Unternehmer sich dafür entschuldigen muss, “gegen Nazis” eingestanden zu sein. Ich vermute aber, dass er sich nicht hätte entschuldigen müssen, wenn es nicht als “gegen die AfD und ihre Wähler” verstanden worden wäre. Context is everything.
Eine weitere spannende Frage ist ja auch: Sollte sich eine Supermarkt-Kette überhaupt politisch positionieren? Könnte dies nicht sogar zur Schwächung der Position führen? Beispielsweise weil sie als White-Washing interpretiert wird, oder Politik hier als PR missbraucht wird.
Wenn Klinger schreibt, dass “es sicherlich einige extreme Exklus [gibt], die offen rassistisch auftreten. Die meisten allerdings würden auf dem Papier sogar der universalistischen Grundthese der allgemeinen Menschenrechte zustimmen, sie aber gleich im Anschluss durch ein mehr oder weniger großes ABER einschränken. (Ausländer sind schon ok, aber halt nur im Ausland.)”, dann ist dies mehr als er denkt die Position, die die meisten Länder vertreten, ganz ohne Rassismus, sondern schlicht aus der pragmatischen Überlegung heraus, dass es anders nicht funktionieren würde. Eine Regierung, die die Belange aller Nicht-Einwohner genauso ernst nähme wie die der Einwohner, würde von ebendiesen Einwohnern sofort abgewählt/abgesetzt.
Dies ist festgeschrieben in Artikel 2, Ziffer 7 der UN-Charta. Dort heißt es unmissverständlich, dass die Vereinten Nationen nicht befugt sind, „in Angelegenheiten einzugreifen, die ihrem Wesen nach zur inneren Zuständigkeit eines Staates gehören“. Der universelle Anspruch der Menschenrechtserklärung steht völkerrechtlich also stets in einem Spannungsverhältnis zur staatlichen Souveränität (dem Erbe des Westfälischen Friedens von 1648).
Die Würde des Menschen ist ein etwas mysteriöser Begriff. Was er bedeutet, und was daraus dann folgt, darüber sind sich die “Gelehrten” nicht einig.
Bspw. wenn man der Ansicht ist, dass die Ressourcenverteilung ein Nullsummenspiel sei: Dann würde die Gleichverteilung des Wohlstands und des Lebensglück unter Umständen zu einer Welt führen, in der die Menschen alle gleich arm und unglücklich sind. Stattdessen denken die Menschen: “Jeder ist seines Glückes Schmied, und Hip-Hop ist wie Pizza auch schlecht noch recht beliebt.”
Das ist keine Polemik. Empirische Milieustudien (wie die der SINUS-Akademie) und soziologische Analysen (etwa von Andreas Reckwitz zur „Neuen Mittelklasse“) belegen dies seit Jahren. Die Wählerschaft der Grünen verfügt im Parteienvergleich über die höchsten formalen Bildungsabschlüsse und – oft im Wechsel mit der FDP – über das höchste Durchschnittseinkommen. Es handelt sich um ein urbanes Akademikermilieu, das seinen eigenen, hochspezifischen (und teuren) Lebensstil oft unreflektiert als universellen moralischen Maßstab anlegt.
“Dünkel” ist abwertend, scheint mir aber genau der richtige Begriff zu sein. Er bedeutet laut Duden “übertrieben hohe Selbsteinschätzung aufgrund einer vermeintlichen Überlegenheit; Eingebildetheit, Hochmut”. Wenn Grünen-Wähler oder -Politiker behaupten wollen, dass dies nicht auf sie zutrifft, müssen sie eine plausible Erklärung dafür finden, warum sie aber auf den Rest der Bevölkerung so wirken, und zwar in stärkerem Maße als alle anderen Gruppen und Parteien.
Wenn Ricarda Lang nicht wusste, auch nicht ungefähr, wie hoch die Durchschnittsrente ist, oder Robert Habeck technokratisch belehrend, aber realitätsfern auf die Insolvenzwelle reagierte, wirkt das recht abgehoben von den Realitäten der Menschen. Das GEG und der Veggie-Day-Gedanke wurden als bevormundend wahrgenommen. Annalena Baerbocks Ausrufung einer wertegeleiteten und feministischen Außenpolitik muss sich den Vorwurf einer starken Gut-Böse-Rhetorik gefallen lassen. Und dort, wo die Grünen (zusammen mit den Linken) in identitätspolitische Abgründe einsteigen, verlassen sie ganz offensichtlich den Universalismus. Der lifestyle der Grünen und ihrer Wählerschaft ist nicht universalisierbar, selbst wenn dies wünschenswert wäre.
Joschka Fischer argumentierte bezüglich der Beteiligung an der Bombardierung Serbiens bereits, er habe gelernt “Nie wieder Krieg”, aber auch “Nie wieder Auschwitz”, und Zweiteres sei wichtiger, also müsse man (wertebasierte Außenpolitik!) Krieg führen, um ein zweites Auschwitz zu verhindern. Eine nachvollziehbare Argumentation — allerdings nur, wenn man die Prämisse kauft, dass in Serbien ein zweites Auschwitz drohte.
Man denke hierbei an den „Terreur“ der Französischen Revolution (Jakobinerherrschaft), in dem die Tugend in blutigen Terror umschlug, oder an die realsozialistischen Experimente des 20. Jahrhunderts (Sowjetunion, Maos China, Rote Khmer in Kambodscha). Der Versuch, einen absoluten gesellschaftlichen Universalismus politisch zu erzwingen, mündete historisch paradoxerweise stets im Totalitarismus.


