Das Unbehagen der Moderne 4: Das Schöne ist kein Dämon
Vom Mangel an Ästhetik des Determinismus bei genauerer Betrachtung
„Nie hat man einen dunkleren und engeren Kerker gebaut als den, in den die Schattenphysik unserer Zeit uns einschließt, denn jeder Gefangene glaubte einst, dass außerhalb seiner Mauern eine freie Welt existiere; nun aber ist das ganze Universum Gefängnis geworden.“
(Bertrand Russell, Autobiogaphie II, S. 240)
Im letzten Teil dieser Reihe — und in zwei Nebenprojekten zum Thema Wirklichkeit und Quantenmechanik, habe ich aufzuzeigen versucht, warum der Determinismus keine plausible philosophische Position darstellt.
In diesem Teil will ich nun aufzeigen, warum er auch — pace Sam Harris und Felix Bölter — keine wünschenswerte Weltsicht ist. Im Anschluss werde ich aufzeigen, warum das aus meiner Sicht keine Überraschung sein kann: Wahrheit, Güte und Schönheit konvergieren!
Der Determinismus ist keine wünschenswerte Weltsicht
Ich möchte einleitend noch einmal einen Gedanken von Felix Bölter aufgreifen, den ich zuletzt bereits zitiert hatte:1
“Wer von sich weiß, dass er ein introvertierter, schüchterner Mensch ist, kann sich – als Beweis der eigenen Willensfreiheit – einfach mal dazu entschließen, morgen in eine Bar zu gehen und selbstbewusst ein paar fremde Menschen anzusprechen. Viel Erfolg 😉”
Genau das geht. Mit einer kleinen Einschränkung: das “morgen”. Ein introvertierter, schüchterner Mensch kann lernen, in eine Bar zu gehen und “ein paar fremde Menschen anzusprechen”. Es kostet ihn Überwindung. Es ist nicht leicht. Aber es ist keinstenfalls ausgeschlossen, wie mir meine eigene Erfahrung zeigt.2
Das ist freilich kein gutes Argument für die Willensfreiheit, denn auch diese Entwicklung könnte determiniert sein — aber genauso ist die Beobachtung: “Es fällt mir schwer, bestimmte Dinge zu tun” und selbst die Steigerung davon “Manche Dinge sind mir unmöglich zu tun” eben auch kein gutes Argument dagegen.
Dass ich bestimmte Dinge tun kann oder auch nicht, sagt nichts darüber aus, ob ich sie tun könnte oder nicht. Und ob dieses könnte ein rein kontrafaktisches Wenn die Welt eine andere wäre bedeutet (Determinismus), oder Wenn ich mich frei dazu entschlösse, ist die offene Frage.
Was folgt aus dem Determinismus?
Nun geht es mir an dieser Stelle ja aber nicht mehr um die Frage der Wahrheit, sondern die der Brauchbarkeit dieser Weltsicht. Und ich finde, das Beispiel zeigt bereits einen pragmatischen Makel: Es lädt geradezu dazu ein, die Ausgangsbedingungen meiner Existenz quietistisch zu akzeptieren.
Denn der Determinismus ist die ultimative Ausrede, sich nicht zu ändern, gerade da, wo es richtig anstrengend werden würde. Felix Bölter ist der Meinung, dass das nicht stimmt, aber hier verheddert er sich meiner Wahrnehmung nach in einem Widerspruch. Denn er schreibt:
“[Es gibt] die intuitive Befürchtung, Menschen seien doch dann nur ‘biologische Roboter’ und jeder von uns sei dazu verdammt, nichts an den Faktoren ändern zu können, die das Verhalten steuern.
Das ist ein Irrtum – wenn auch ein verständlicher.”
Das beißt sich freilich etwas mit seiner vorhergehenden Behauptung:
“Niemand kann beeinflussen, welche Lektionen und vermittelten Werte bis ins Erwachsenenalter hängen bleiben und welche nicht überzeugen konnten. Man wird einfach (nicht) überzeugt.
Niemand steuert, welche prägenden, vielleicht sogar traumatischen Erlebnisse ihn oder sie in welcher Weise beeinflussen.”
Wenn letzteres stimmt, dann ist ersteres eben doch kein Irrtum. Denn jede Form von Selbstaussteuerung ist ja nur Teil der Faktoren, die uns als “biologische Roboter” determinieren, und die ebenfalls determinieren, welche Faktoren wie gewichtet werden.
Notwendigkeit und Kontingenz
Aus dem Weiteren wird aber klar, was Felix Bölter meint. Er schreib nämlich:
Tatsächlich ist es erst die Unfreiheit des Willens, die sowas wie Berechenbarkeit oder nachhaltige Verhaltensänderungen – z.B. im Rahmen einer Psychotherapie3 – erst möglich macht.
Menschliches Verhalten ist eben nicht völlig zufällig und chaotisch, sondern folgt Mustern und wird vorhersagbar durch bestimmte Einflussgrößen gelenkt.
Wir haben bereits gezeigt, dass das in dieser Absolutheit nicht stimmt. Ja, wenn wir uns selbst als “völlig zufällig und chaotisch” erlebten, in philosophischer Fasson gesprochen also keine transzendentale Einheit der Apperzeption erlebten, wären “nachhaltige Verhaltenänderungen” unmöglich. Aber im Determinismus werden sie eben nicht möglich, sondern schlicht notwendig oder unmöglich.
Die Kontingenz des bloß Möglichen entfällt ja gerade. Der Raum des Möglichen ist weder der der absoluten Ordnung, noch des Chaos, sondern im Nexus von Ordnung und Chaos, im Auge des Sturms, der da in uns tobt, um etwas ins Poetische abzuriften. (Aber nur ganz kurz.)4
Und hier sehen wir, was im Weiteren dann auch nicht stimmt und die vermeintliche Vereinbarkeit erzeugt:
Fehler geben uns zu denken. Irrtümer sind uns peinlich. Angerichteter Schaden lässt uns das gezeigte Verhalten überdenken. Vorbilder und Idole motivieren uns. Erfolge geben uns Schwung.
Menschen können ihr Verhalten ändern – zum Teil sogar dramatisch. Wir können uns von Denkmustern oder Verhaltensweisen befreien, die uns zurückhalten. Wir können darüber nachdenken, wer oder wie wir sein wollen, und uns in diese Richtung entwickeln.” (Meine Hervorhebung.)
Diese beiden Paragraphen zusammengenommen zeigen uns die Problematik voll auf. Im ersten fehlen die Modalverben. Im zweiten sind sie plötzlich wieder da. Die sprachlich unpräzise Formulierung überdeckt hier einen semantischen Widerspruch. Denn oft genug geben uns Fehler nicht zu denken, oft genug sind uns unsere Irrtümer nicht peinlich, etc. “Mal so, mal so”, sagt der Was-Bär.
Aber wenn sie es tun, dann tun sie das — gemäß der Prämisse des Determinismus —mit Notwendigkeit. Wenn nicht, dann auch das mit Notwendigkeit. Insofern gibt es im Determinismus kein Szenario, nach dem Menschen ihr Verhalten ändern können. Es gibt Szenarien in denen sie es (mit Notwendigkeit) nicht können. Und es gibt Szenarien, in denen sie es (mit Notwendigkeit) müssen.
Das ist kein trivialer Punkt. Der Determinist darf sich selbst nicht erlauben, von Können zu sprechen. Er hat nur Müssen und Nicht-Können.
Das Ende der Verantwortung und der Sprache
Und das heißt, ein Mensch kann, egal wie er sich verhält, einem Deterministen immer entgegenhalten: “Du hast überhaupt kein Recht, mir meine Verfehlungen vorzuhalten, denn du bist selbst der Ansicht, dass ich gar nicht anders konnte. Wir konnten zwar hoffen, dass es anders kommen würde und wir können uns darüber ärgern, dass es so kam, wie es kam, aber jetzt, wo es so gekommen ist, wissen wir, dass es schon immer feststand, dass es so kommen musste.”5
Harris lehnt den Kompatibilismus ab, weil dieser illegitime Neudefinitionen der relevanten Begrifflichkeiten einführe, um sein Vokabular zu retten. Aber wenn wir genau hinschauen, ist auch der harte Determinismus dazu gezwungen, sein Vokabular umzudefinieren, um haltbar zu sein. Denn unser Vokabular ist voll von Bezügen auf Freiheit, Normativität, Teleologie und Wahrheit.
Und jetzt kommt der wichtigste Punkt: Solange wir miteinander überhaupt sprechen wollen, können wir diese Bezüge nicht rausstreichen. Sprache ist intrinsisch ein normatives, teleologisches, freiheitliches Unterfangen, das sich unter anderem in einem Raum der Gründe bewegt, die einen, wie Habermas es nennt, zwanglosen Zwang bedeuten. Die Einsicht in die Richtigkeit eines Argumentes determiniert mich gerade nicht zu irgendetwas, sondern lässt mir immer Raum, sie zu akzeptieren oder auch nicht. Das ist eine semantische Eigenschaft des Raums der Sprache.
Wenn wir auch dies nur als Illusion abtun wollen, dann landen wir in einem performativen Selbstwiderspruch. Denn welches Mittel wollen wir gebrauchen, um unsere These zu formulieren? Die Sprache? Im Raum der Argumente und Gründe? Aber diese halten wir doch für eine Illusion. Ein konsequenter Determinismus verstummt. Und verliert jede Verantwortung für irgendetwas.
(Oder er tut es nicht, das ist seiner These nach natürlich determiniert. Aber wenn er es nicht tut, handelt er inkonsequent, und auch das muss ihn nicht weiter jucken, denn auch die Inkonsequenz ist dann Teil seiner Determiniertheit. Aber er schafft damit jedenfalls den Unterschied zwischen Überzeugen und Überreden ab, zwischen Manipulation und Argumentation, etc.)
Während Harris seine Argumente vorbringt, seine Bücher schreibt, seine Vorträge hält, ist er performativ kein Determinist, denn er nimmt an Praktiken teil, die aus deterministischer Sicht sinnlos wären, setzt also umgekehrt mit der Sinnhaftigkeit seines Verhaltens eine indeterministische Sicht performativ voraus.
(Und dass wir uns performativ widersprechen können, ist meines Erachtens Teil unserer Freiheit.)
Frei von Groll und Hass?
Selbst wenn das, was ich bisher geschrieben habe, einleuchtet — was es freilich nicht muss (oder doch?) —, könnte man weiterhin die Ansicht vertreten, diese Inkonsequenz sei es aber doch immerhin “wert”, weil die Folgen dieser Inkonsequenz so begrüßenswert seien. Hier verordne ich das Argument, Willensfreiheit zu leugnen befreie uns von Groll und Hass.
“Überspitzt ausgedrückt ist menschliches Verhalten mit negativen Konsequenzen dann eher eine Naturkatastrophe als alles andere.”
Ich wage, das zu bezweifeln, und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem Harris weiter seine Argumente als Argumente vorbringen kann: die Möglichkeit des performativen Selbstwiderspruchs.
Wenn jemand käme und meine ganze Familie massakrierte, aus einem so niedrigen Motiv heraus wie meine Standhaftigkeit in der Willensfreiheitsfrage zu prüfen, bezweifle ich, dass ich (oder Felix Bölter oder Sam Harris) keinen Groll oder sogar Hass empfänden.
Ein weiteres schönes Beispiel ist Schopenhauer. Überzeugter Determinist. Absoluter Gegner der Willensfreiheit? Frei von Hass und Groll? Lest mal seine Biographie :)
Zudem muss man sich die Frage stellen, was “mit negativen Konsequenzen” überhaupt heißen soll. Denn das ist ja normativ gemeint. Im Sinne von “es wäre besser, wenn es nicht geschehen wäre.” Aber eine solche Rede im Konjunktiv ergibt im Determinismus keinen Sinn.6
Auch dies illustriert Schopenhauer schön. Als Leugner der Willensfreiheit kann Ethik für ihn ganz logisch stringent nur deskriptiv sein: nur beschreiben, wie wir moralisch urteilen und handeln, nicht, dass wir dies auch tun sollten.
Frei von Angst?
Ganz im Gegenteil zur These muss man ja zur Kenntnis nehmen, dass empirisch gesehen Menschen durchaus viel Hass und Groll und auch Angst empfinden, und dass das notwendigerweise so ist, wenn sie dazu determiniert sind. Und dass es sich qua These vollkommen unserer Kontrolle entzieht, ob sie dazu determiniert sind oder nicht.
Dazu abschließend ein kleines Gedankenexperiment. Stell dir eine Sache vor, die du als schlimmes Ereignis in der Zukunft empfindest. Zum Beispiel, deinen eigenen Suizid. Empfinde ich persönlich als eine durchaus eher beängstigende Möglichkeit.7 Im Determinismus habe ich nun aber überhaupt keine Kontrolle darüber, ob ich mich eines Tages umbringen werde oder nicht. Wenn ich es tun werde, dann mit Notwendigkeit. Ich finde das eher erschreckend als beruhigend.
Das Gleiche gilt für alle schlimmen Ereignisse in der Zukunft, die man sich vorstellen kann. Einen absoluten Fall der Menschheit in die Barbarei, gegenüber dem das 20. Jahrhundert wie ein lächerliches Kavaliersdelikt aussähe? Wenn es passieren wird, wird es passieren. Genau wie alle Gräuel des 20. Jahrhunderts werden auch die zukünftigen nicht zu verhindern sein. Wenn der Determinismus stimmt.
Fatalismus
Deterministen behaupten gerne, Determinismus sei kein Fatalismus, aber das stimmt meines Erachtens nicht. Fatalismus muss nicht deterministisch sein, aber Determinismus kippt in Fatalismus, nur dass Fatalismus nicht nihilistisch sein muss. Ganz im Gegenteil kann Fatalismus ja auch ein Dies ist die beste aller möglichen Welten Argument generieren. Nur ist man dann auch auf die Sicht festgelegt, dass dies die beste aller möglichen Welten ist.
Oder wertneutraler formuliert: die einzig mögliche und daher a fortiori die beste. Das heißt aber auch: Eine Welt, in der im Laufe der Jahrtausende ein paar weniger Kinder gefoltert oder vergewaltigt worden wären, war schlicht nicht drin. Ich halte das für eine ethisch so fragwürdige Haltung, dass ich gar nicht glauben kann, dass Felix Bölter oder Sam Harris sie wirklich vertreten. (Aber dieser Einwand trifft auch die meisten Kompatibilisten!)
So oder so würde ich aber meinen, dass man eine solche Sicht der Dinge nur vertreten sollte, wenn man sich dazu so richtig hardcore von der Faktenlage gezwungen sieht. Und dass sie uns dazu zumindest nicht zwingt, meine ich doch recht überzeugend mittlerweile gezeigt zu haben.
Die Alternativen mit wenig Groll, Hass und Angst…
Das Ziel von Sam Harris (und Felix Bölter), insgesamt mehr Mitgefühl mit seinen Mitmenschen aufkommen zu lassen, mehr Verständnis für die oft widrigen Bedingungen, unter denen Menschen Scheiße gebaut haben, halte ich hingegen für sehr löblich.
Ich denke nur, dass man dafür überhaupt keinen strikten Determinismus braucht. Es reicht doch, zur Kenntnis zu nehmen, dass diese vorgefunden Bedingungen unserer Existenz, in die wir hineingeworfen sind, es für uns durchaus deutlich leichter oder schwerer machen können, uns an gesellschaftliche Normen zu halten, oder wie ich es formulieren würde, uns an den Tugenden des Guten, Wahren und Schönen zu orientieren.
Ich denke, dass wir durchaus beides haben und in eine Synthese führen können, bei der wir dann wenig oder keinen Groll und Hass empfinden, wohl aber ein starkes Gefühl der Verantwortung und der offenen Zukunft:
“Ja, du hattest es schwer und es ist insofern nachvollziehbar und verständlich, dass du dich so verhalten hast. Das heißt aber nicht, dass du nicht anders gekonnt hättest. Und deshalb solltest du trotzdem auch die volle Verantwortung für deine Handlungen übernehmen. So wie ich auch. Und wir alle füreinander.”
… und dafür echtem Stolz
Und, das möchte ich in Anknüpfung an Felix Bölters interessante Betrachtungen zum Thema Stolz hinzufügen: “Je widriger deine Ausgangsbedingungen waren, desto stolzer kannst du darauf sein, sie überwunden zu haben. Wenn du sie überwunden hast.”
Wobei ich wirklich Stolz meine, nicht Überheblichkeit oder Selbstüberschätzung. Stolz ist ein genuin sinnvolles und nützliches Gefühl. Und ich würde behaupten, dass diese Art Stolz und “intellektuelle Bescheidenheit” sich nicht ausschließen.
Wie Felix Bölter richtig herausgestellt hat,8 ist dieses Gefühl für die Entwicklung eines Menschen durchaus wichtig. Anders als falsche Formen von Stolz — also vielleicht eher Selbstüberhebung — auf Dinge, für die man ja tatsächlich gar nichts kann: Die Nationalität, die Augenfarbe, etc.
Fazit und Ausblick: Die Einheit der Tugenden
Ich hoffe, im Vorhergehenden zumindest verständlich gemacht zu haben, warum mich der Determinismus und die Ablehnung von Willensfreiheit weder auf der intellektuellen noch auf der moralischen Ebene überzeugt. Nun möchte ich, wie eingangs angekündigt noch einmal auf die Idee zurückkommen, dass diese beiden Ebenen von der — heutzutage zu unrecht oft übergangenen — ästhetischen Ebene verbunden werden.
Denn jenseits der intellektuellen Gründe gegen die widerspruchsfreie Denkbarkeit des Determinismus und der moralischen Gründe gegen die widerspruchsfreie Wünschbarkeit des Determinismus, gibt es meines Erachtens auch die diskursiv leider unterentwickelten ästhetischen Gründe gegen die empfindbare Schönheit des Determinismus.
Ästhetische Betrachtungen
Ich möchte diesen Gedanken hier nur grob skizzieren, um in einem späteren Teil dieser Reihe ausführlicher darauf einzugehen (denn wir haben schon 3000 Wörter überschritten, das wird mich mal wieder Likes kosten…).9
Aber schauen wir uns diese zwei Bilder ganz kurz einmal an:
Im Determinismus: Die Welt als (immerhin äußerst komplexe, aber dennoch nur) Mechanismus, der wie eine Maschine unerbittlich vor sich hin schnurrt, und seinen unabänderlichen Film stoisch abspult. Dieser Mechanismus hat kein Ziel, das es zu erreichen gilt, er kennt keine Unterscheidung zwischen dem Guten und dem Schlechten, dem Wünschenswerten und dem Abzulehnenden, er bietet keine Wahrheit jenseits dem Zusammenwirken der Materieteilchen in ihrem blinden Treiben. — Dadrin eingesperrt der Mensch, der zwar Ziele und Wünschenswertes kennt, aber keine Kontrolle darüber besitzt, diesen auch wirklich nachzustreben. Er kommt ihnen näher oder auch nicht, das ist alles nur Teil der Maschine. Und da es auch gar kein übergeordnetes Ziel gibt, ist das sowieso alles nur eine kurzweilige Illusion, ein Aufflackern von Bewusstsein in einer Unendlichkeit des Sinnlosen.
Im Indeterminismus: Hier gibt es unendlich viele Möglichkeiten von Bildern, die sich hochgradig unterscheiden, aber gemeinsam haben sie eine gewisse Offenheit, ein gewisses Spiel, zumindest die Möglichkeit von metaphysisch verankerter Ethik, Wahrheit, Schönheit, Freiheit, Geistigkeit. Ein solches Bild kann die Welt als schrittweises Erwachen ihrer Selbst zu sich selbst darstellen. Der Mensch wäre dann eine Art Sinnesorgan der Welt zur Selbsterkenntnis. Er hätte damit eine Aufgabe und ein Ziel, dass er zwar verfehlen, aber auch erreichen kann, und möglicherweise wäre ihm dann auch selbst die Kontrolle darüber gegeben, wie er diesen Weg gestaltet. Der Mensch wäre maximal verantwortlich für seine eigene Entwicklung. Er würde sich vielleicht in viele Torheiten verrennen, aber letztlich bliebe immer ein Ausweg aus diesem Labyrinth bestehen, aufgrund seiner Freiheit.
Ich stelle in aller intellektuellen Bescheidenheit die vielleicht vermessen klingende, aber nicht so gemeinte These auf:
Wer das zweite Bild nicht für schöner hält als das erstere, leidet an einem unterentwickelten Sinn für Ästhetik.
Skylla und Charybdis
Der Kampf mit dem Determinismus (A.k.A. Materialismus/Atheismus/Nihilismus/Physikalismus/Naturalismus)10 ist ein Kampf mit dem Dämon, im Sinne Stefan Zweigs. Vor Kurzem fiel mir — in Auseinandersetzung mit der Quantenmechanik — dazu ein weiteres Bild aus der Odyssee ein, mit dem ich klarmachen will, dass auch der Indeterminismus nicht frei ist von seinen Lasten. Der Kampf ist eben ein Kampf:
“Die Skylla ist der Determinismus. Die Charybdis ist der Indeterminismus. So meine Interpretation. …
Ja, wir erleiden durch die Quantenmechanik einen Wirklichkeitsverlust. Aber was wir verloren haben, war — pace Weil und Agamben — sowieso nicht die wirkliche Wirklichkeit, sondern eine Scheinwirklichkeit, die ich an anderer Stelle Realität genannt habe. Und durch den Verlust dieser Realität hindurch können wir den überhängenden Feigenbaum erahnen, an dem wir uns aus diesem Mahlstrom erretten können, zurück in die Wirklichkeit, die unverfügbar, aber doch erlebbar ist.”
Wenn dir dieser tiefe Tauchgang in die Philosophie gefallen hat (oder wenn du beim Lesen vor lauter Determinismus-Kritik wütend in die Tischkante beißen musstest):
Lass ein Ich habe das gelesen - Like da!
Schreib mir in die Kommentare! Ich diskutiere gerne Einwände.
Und falls du es noch nicht getan hast:
Darin werde ich mich den schärfsten Kritikern der Willensfreiheit widmen, die behaupten, Willensfreiheit sei jenseits der Frage des Determinismus schlicht in sich logisch widersprüchlich, oder anderweitig nicht denkbar.
Oder lest erstmal weiter:
Denn ich war als Jugendlicher und junger Erwachsener und ein Stück weit noch heute eigentlich eher introvertiert und vor allem aber sehr schüchtern, aber gen Ende meiner Arbeit an mir selbst konnte ich doch, auch wenn es mir nicht leicht fiel, fremde hübsche Studentinnen in der Unibib ansprechen.
An dieser Stelle empfehle ich einfach mal die Lektüre des Werkes Das Gehirn — ein Beziehungsorgan des Psychiaters und Philosophen Thomas Fuchs. Fuchs widerspricht der hier angedeuteten mechanistischen Sichtweise fundamental: Er versteht Therapie nicht als die Korrektur eines berechenbaren Apparates, sondern als die Arbeit am verkörperten Subjekt. Wer glaubt, Therapie brauche den Determinismus, übersieht laut Fuchs, dass gerade die neurobiologische Plastizität die biologische Grundlage für echte menschliche Freiheit und eben nicht für deren Abwesenheit darstellt.
(Fuchs ist kein Nobody. Er ist Inhaber der renommierten Karl-Jaspers-Professur in Heidelberg und gilt international als einer der wichtigsten Kritiker eines verkürzten Neuro-Determinismus. Sein Buch wurde unter dem Titel Ecology of the Brain bei Oxford University Press zum Standardwerk für die Kognitionswissenschaften (4E-Cognition).)
Und zudem bietet (der Nobelpreisträger für Chemie) Ilya Prigogine (Order out of Chaos, The End of Certainty) eine vollkommen unpoetische, hardcore-wissenschaftliche Aufschlüsselung dessen, was mit dem Zusammenspiel von Chaos und Ordnung gemeint sein könnte. Und Alicia Juarrero buchstabiert diesen Gedanken speziell für die Willensfreiheit ebenfalls hardcore-wissenschaftlich in Context Changes Everything aus. Kostprobe:
“In the several papers and books referenced earlier, Montevil, Moreno, and Mossio argue that a different sort of closure— closure of constraints—supports a measure of agency that renders living things self- determining and autonomous. They are autonomous because, by realizing endogenously self- determining and persistent loops of constraints, not simply loops of processes, they not only self- assemble and self- maintain in response to externally set constraints. They self- constrain. It is in virtue of interdependencies bound together as loops of constraints, not just of processes, that living things also realize a novel form of constraint, constraint closure. The three authors claim that closure of constraint generates a novel type of phenomenon, Life (Mossio 2013; Montevil and Mossio 2015; Moreno and Mossio 2015).” (S. 93)
Da bleibe ich vorerst lieber bei der Poesie :)
Streng genommen, und wir sollten es streng nehmen, sollte der Sprecher das Wort “können” natürlich vermeiden: “Wir mussten zwar hoffen (oder konnten nicht hoffen), dass es anders kommen würde und wir müssen uns darüber ärgern (oder können uns nicht darüber ärgern), dass es so kam,…”
Wie übrigens auch andersherum, das sei nur so am Rande bemerkt. Eine Welt, die Hass als Möglichkeit abschaffen will, schafft auch Liebe als Möglichkeit ab (bzw. definiert sie so stark um, dass sie keine Ähnlichkeit mehr mit dem gängigen Konzept von Liebe hat). Wer lieben können will, muss bereit sein, auch hassen zu können!
Streng genommen: Empfand ich. Ich bin mittlerweile ganz entspannt, weil ich mich nicht für determiniert halte. Ich habe meines Erachtens meine Zukunft und einen möglichen (aber extremst unwahrscheinlichen) Suizid unter meiner Kontrolle.
In dieser Note habe ich aber schon einmal angekündigt, von welchen Autoren ich mir ein solch ästhetisches Bild der Realität erhoffe (mittlerweile sind noch ein paar Autoren hinzugekommen: Thomas Nagel, Thomas Fuchs, Brigitte Falkenburg, es fluktuiert):
Speziell zum Physikalismus habe ich folgende Note gerade erst gepostet. Zieht sie euch rein und denkt brutal drüber nach. Zerfetzt mich dann argumentativ oder polemisch, oder gebt mir Recht:


