Das Unbehagen der Moderne 3: Der Kampf mit dem Dämon
Warum nur wollen diese Deterministen auf Teufel Komm Raus nicht frei sein? Oder können sie nur nicht? Oder müssen sie sogar?
“I went straight into it. It was wide open. One thing for sure, not only was it not run by God, but it wasn’t run by the devil either”
(Bob Dylan, Chronicles Vol. 1, p. 293)
Willkommen zurück im Unbehagen der Moderne.
Wir waren, gleich einem modernen Telemachos, zuletzt bei unserem Nestor (dem Kompatibilismus im Gewand Christoph Klingers) eingekehrt, um ihn zu unserem Vater Odysseus (der Freiheit) zu befragen. Dabei hatten wir es wohl leider an guten Manieren fehlen lassen und uns nicht als untadelige Gäste erwiesen. Wir plädieren natürlich auf maximale Schuldfähigkeit, für die wir die volle Verantwortung in Freiheit übernehmen.1
Und nun wollen wir Menelaos befragen, den harten Determinismus. Gelingt uns seine Überwindung, dann ist der Kompatibilismus a fortiori ebenfalls hinfällig. Und dabei wollen wir aber nicht unseren Ariadnefaden verlieren.
Aber wer ist Ariadne, und welchen Faden dürfen wir nicht verlieren? ;)
Kampf mit dem Dämon
Im äußerst lesenswerten Vorwort zu Kampf mit dem Dämon beschreibt Stefan Zweig das Wirken einer unbändigen, angeborenen und scheinbar determinierenden Urkraft im Menschen. Anhand von Hölderlin, Kleist und Nietzsche skizziert er den Typus des Menschen, der seinem inneren „Dämon“ – seiner biologischen und psychologischen Prägung – wehrlos ausgeliefert ist und von ihm vernichtet wird: durch Wahnsinn oder Selbstmord:
“Etwas Außermenschliches wirkt in ihnen, eine Gewalt über der eigenen Gewalt, der sie sich vollkommen verfallen fühlen: sie gehorchen nicht (schreckhaft erkennen sie es in den wenigen wachen Minuten ihres Ich) dem eigenen Willen, sondern sind Hörige, sind (im zwiefachen Sinne des Worts) Besessene einer höheren Macht, der dämonischen.”
Aber es heißt nicht die Herrschaft des Dämons, sondern Kampf mit ihm. Zweig stellt den drei Getriebenen den Typus Goethes gegenüber, der exakt denselben Dämon in sich trug, ihn aber durch Vernunft, Kunst und den eigenen Willen bändigte:
“Als den wahren Widerpart des exaltativen, des von seinem Überschwang sich selbst entrissenen Dichters, des göttlich Maßlosen, sehe ich den Herrn seines Maßes, den Dichter, der die ihm verliehene dämonische Macht mit dem irdisch ihm verliehenen Willen bändigt und zielhaft macht.”
Ich empfinde das als schönes Bild dafür, dass Freiheit nicht etwas ist, das wir “in die Wiege gelegt bekommen”, sondern etwas, das wir uns im harten Kampf erringen müssen.
In Anlehnung an Sam Harris’ Free Will hat Felix Bölter hier auf Substack zwei kurze Artikel veröffentlicht,2 in denen er sich dessen Position anschließt, dass Willensfreiheit eine (nützliche) Illusion sei und zwar deshalb, weil die Welt und der Mensch determiniert seien.
Was heißt Determinismus?
Determiniert bedeutet, dass die Ausgangsbedingungen den weiteren Verlauf vollständig festlegen. Wenn die Welt als Ganzes determiniert wäre, hieße dies, dass in ihrem Ausgangszustand ihre gesamte weitere Entwicklung bereits vollständig enthalten wäre und sich nur noch abspule wie das Band einer Videokassette.3 Es könnte dann keine Neubeginne im engeren Sinn geben.
Für den Menschen hieße es, dass er keine echten Entscheidungen treffe, insofern eine Entscheidung bedeutet, dass es zwei oder mehr Möglichkeiten gibt, wie die Zukunft aussehen könnte, zwischen denen ich wähle. Wenn ich denke, dass ich zwischen offenen Möglichkeiten wähle, ist dies nur eine Illusion, wenn die Welt und ich selbst in ihr determiniert sind.
Für diesen Artikel habe ich mir vorgenommen, die Frage der Determiniertheit, die in den ersten zwei Teilen schon immer wieder gestreift wurde, in den Fokus meiner Betrachtung zu rücken.
Ich denke, dass die Position des Determinismus der eines Indeterminismus logisch-rational wie auch pragmatisch-lebensweltlich klar unterlegen ist — und werde dies in Auseinandersetzung mit Felix Bölters Artikeln darzulegen suchen.
Allerdings gibt es auch Verneiner der Willensfreiheit, die der Ansicht sind, dass sie ein in sich widersprüchliches Konzept sei, ganz unabhängig von der Frage des Determinismus. Diesem tatsächlich gewichtigen Argument werde ich mich dann im übernächsten fünften Teil widmen.
Sind Welt und Mensch determiniert?
Wenn wir die Frage des Determinismus betrachten, dann scheinen mir — wie so oft in der Philosophie — zwei Fragen zusammenzuhängen, die auf den ersten Blick unabhängig voneinander scheinen, es aber doch nicht sind, wenn wir eine dritte Zusatzannahme aufstellen.
Ist der Determinismus eine korrekte Beschreibung der Welt?
Ist es wünschenswert, dass Menschen den Determinismus für eine korrekte Beschreibung der Welt halten?
Bei der zweiten Frage könnte man das Adjektiv “wünschenswert” auch versuchsweise durch andere ersetzen: “gut”, “psychologisch stabilisierend”, oder auch “möglich”…
Wenn wir die Antworten einmal (vereinfachend) auf das binäre Ja/Nein beschränken, haben wir nun vier Kombinationsmöglichkeiten: Determinismus als
wahr und gut
wahr, aber schädlich
falsch, aber gut
falsch und schädlich
Meiner Ansicht nach ist letzteres zutreffend: Der Determinismus ist nicht nur eine fehlerhafte Vorstellung von der Welt, er ist darüber hinaus schädlich für den Menschen.
Die Zusatzannahme: Die Welt ist nicht absurd
Wenn wir nun als Zusatzannahme aufstellen, dass die Welt nicht absurd sei, und dass wir einen wie auch immer gearteten (Werte-, Erkenntnis-)Nihilismus somit ablehnen dürfen (wofür ich an anderer Stelle argumentiert habe), dann ist schnell einsichtig, dass die mittleren beiden Positionen äußerst unbefriedigend sind.4 Denn in diesen Positionen klaffen die beiden Tugenden (Gutheiten) des Guten und des Wahren auseinander. Meines Erachtens werden diese beiden aber durch die dritte Tugend des Schönen zusammengehalten.
Ich werde nun für beide Thesen separat argumentieren, um am Ende auf diesen Gedanken des Zusammengehaltenseins zurückzukehren.5 Dabei scheint mir ganz klar zu sein, dass man in dieser Frage wie in allen relevanten philosophischen Fragen, nichts im engeren Sinne beweisen kann. Es gibt dort keinen Zwang.
Man kann lediglich aufzeigen, welche Ansicht unter den Möglichkeiten aus einer gewissen Perspektive am meisten Plausibilität besitzt. Oder anders formuliert: Wie verschiedene Aussagen über die Welt logisch zusammenhängen und was man also akzeptieren oder aufgeben muss, wenn man für oder gegen den Determinismus Stellung bezieht.
Die Welt ist nicht determiniert
Plausibilisierung: Was für den Determinismus spricht
Wenn wir erklären wollen, warum etwas passiert, dann fragen wir nach Ursachen, als deren Wirkung wir das Geschehene begreifen können. Die Straße ist nass, weil es geregnet hat. Er hat den Zug verpasst, weil er verschlafen hat. Das Glas ist kaputt, weil es von einer kleinen cholerischen Tochter vom Tisch gefegt wurde.
Die Idee ist dabei immer: Wir haben eine Ausgangsbedingung, die nach gegebenen Gesetzmäßigkeiten zur nächsten Situation führte. Die Welt läuft nach diesen Gesetzmäßigkeiten ab und diese nennen wir die (physikalischen) Naturgesetze. Anders als menschliche Gesetze legen Naturgesetze nicht fest, wie sich die Natur verhalten soll, sondern wie sie es de facto tut. Sie sind nicht normativ, sondern deskriptiv und sie gelten mit Notwendigkeit:
Der Stein, der fällt, kann nicht anders, als dass er Richtung Erdmittelpunkt fällt, und wir können diesen Fall vollständig beschreiben, indem wir seine Beschleunigung und den Luftwiderstand mit der richtigen Formel berechnen. Wenn wir seine Ausgangsposition kennen, können wir beliebig präzise vorhersagen, wie er fallen wird. Und wenn wir es präzise vorhersagen können, steht es also auch schon fest, noch bevor es passiert, wie es ablaufen wird.
Der Rest der Welt sieht zwar deutlich komplizierter aus als ein einzelner fallender Stein. Dies liegt aber nur an der höheren Komplexität der Vorgänge, also an einem rein quantitativen Unterschied in dem, was man wissen müsste, um präzise Vorhersagen zu treffen. Es gibt keinen qualitativen Unterschied. Einen solchen anzunehmen ist lediglich eine nützliche Heuristik, die uns die komplizierten Berechnungen erspart.
Der Laplace’sche Dämon
Im 18. Jahrhundert prägte der Physiker Laplace ein Gedankenexperiment, das als der Laplace’sche Dämon ins kulturelle Gedächtnis eingegangen ist:
Wenn ein weniger beschränkter Verstand als der menschliche die gesamte physikalische Weltbeschreibung zu einem beliebigen Zeitpunkt t1 überblicken könnte, und zudem die komplizierten Berechnungen der physikalisch wirkenden Kräfte anstellen könnte, dann könnte er perfekt vorhersagen, wie die Welt zu einem beliebigen Zeitpunkt t2 aussähe.
(Der Zeitpunkt t2 darf auch in der Vergangenheit liegen, d.h. auch die Vergangenheit würde diesem Verstand vollkommen transparent.)
Der Mensch als komplizierter Stein
Genau diese Weltsicht wendet Felix Bölter (Sam Harris folgend) nun konsequent auch auf den Menschen an:
“All unser Handeln ist auf das Zusammenwirken verschiedener Faktoren zurückzuführen”
Diese Faktoren benennen wir in den verschiedenen Wissensfeldern mit “Biologie bzw. Genetik, Umwelteinflüsse, Psychologie und soziologische Prägung, Umstände der einzelnen Situation”. Implizit: Diese Faktoren sind (im Sinne der Einheit der Naturwissenschaften) in letzter Analyse auf physikalische Gesetzmäßigkeiten zurückzuführen.
Zweitens können wir nicht behaupten, dass wir auch nur einen dieser Faktoren unter unserer Kontrolle hätten:
“Auf keinen dieser Faktoren – egal ob auf angeborene Neigungen, unsere charakterlichen Eigenschaften, unsere Erziehung, den Einfluss unserer Freunde und Mentoren, prägende Erlebnisse oder konkrete Trigger in einer Einzelsituation – haben wir bewussten Einfluss.”
Wir glauben vielleicht, dass wir doch (begrenzten) Einfluss hätten, weil wir ja entscheiden, bspw. welche Freunde und Mentoren wir wählen, welchen Situationen wir uns aussetzen, wie wir an uns arbeiten, um nicht mehr wie bisher auf einen Trigger zu reagieren, sondern anders — aber das ist nur eine “nützliche Illusion”, mit der wir die Kompliziertheit der zugrundeliegenden Gesetzmäßigkeiten heuristisch abkürzen.
Der Mensch als steinerner Zeuge
Der obige Gedankengang entsteht aus einer naturwissenschaftlichen, objektiven Betrachtung der Welt aus der dritten Person. Wir können aber auch aus unserem eigenen Erleben heraus auf die Welt blicken, also die erste Person einnehmen, und auf exakt die gleiche Schlussfolgerung kommen:
Wenn wir genau beobachten, so Felix Bölter (und Harris), “werden wir eher Zeuge der eigenen Gedanken, Impulse und Emotionen” — sie kommen gleichsam wie aus dem Nichts in unser Bewusstsein ohne unser Zutun. Wir erleben uns dann auch gar nicht mehr als Auslöser dieser inneren Erlebnisse, sondern als reine Zeugen, durch die das Erleben des eigenen Lebens gleichsam nur durchfließt.
Wenn wir dann doch wieder versuchen, nach unserem Willen in der Welt zu handeln, können wir feststellen, dass wir darin durchaus frustriert werden:
“Wer von sich weiß, dass er ein introvertierter, schüchterner Mensch ist, kann sich – als Beweis der eigenen Willensfreiheit – einfach mal dazu entschließen, morgen in eine Bar zu gehen und selbstbewusst ein paar fremde Menschen anzusprechen. Viel Erfolg 😉”
Gegenthese: Was gegen den Determinismus spricht
Der wichtigste Punkt für das Verständnis einer libertären Position scheint mir zu sein, dass sie die deterministische Position bis zu einem bestimmten Punkt mitgehen kann, und nur die Absolutheit der Determination leugnen muss.
Wie schon Christoph Klinger in seinem kompatibilistischen Beitrag zur Willensfreiheits-Debatte spricht auch Felix Bölter hier die drei Ebenen Neurologie, Biologie und (implizit) Physik an und ergänzt dies noch durch die phänomenologische Ebene der Introspektion.
Der methodische Fehlschluss
In meiner Antwort auf Klingers Text habe ich bereits dargelegt, inwiefern es in allen drei Bereichen mitnichten so ist, dass die Forscher sich in einem deterministischen Paradigma einig wären und dass ich vermute, dass der Hauptgrund für die Debatte eine Verwirrung von methodischer Festlegung mit ontologischer Feststellung ist.
Die naturwissenschaftliche Erforschung eines Gegenstandsbereichs (ob es das Hirn, das Leben, oder die Materie ist) legt sich methodisch darauf fest, dass sie etwas untersucht, das von mathematisch formulierbaren Gesetzmäßigkeiten bestimmt ist. Sie blendet dabei alle nicht-erfassbaren Aspekte der phänomenalen Lebenswelt aus. Dass sie diese dann in ihrem so konstruierten Gegenstandsbereich auch nicht findet, ist mithin nicht verwunderlich.
Und zudem zeigt sich aber, dass sie auf die Grenzen ihres Gegenstandsbereichs immer wieder verwiesen wird, wenn man genau genug hinsieht.
Iain McGilchrist hat diesen Gedankengang kürzlich sehr elegant formuliert, wie ich finde:
“science is entitled to exclude from its purview whatever it likes, but it inevitably then forfeits the right to have anything to say about what it has excluded. It is entitled, for instance, to exclude all matters of value and purpose, which since the end of the 17th century it largely has; and this has proved very fruitful in certain (albeit circumscribed) respects. What it is not entitled to say at the end of its searchings is that it found no values or purpose. In an image I owe to CS Lewis, it would be like a policeman stopping all the traffic in a street, and then writing solemnly in his notebook, ‘the silence in this street is very suspicious’.
Auf den Menschen angewandt, können wir diesen Gedanken wie folgt formulieren: Die naturwissenschaftliche Betrachtung entdeckt nicht, dass der Mensch keine Willensfreiheit hat, sondern sie betrachtet und untersucht den Menschen im Hinblick auf die Aspekte, in denen er keine solche Freiheit haben kann, weil er strikten Gesetzmäßigkeiten unterliegt.
Und daraus dann zu schließen, dass der Mensch keine Willensfreiheit habe, ist zugleich ein klassischer Fall einer petitio principii und zudem eine Grenzüberschreitung des Aufgabenbereichs, auf den man sich zu Beginn methodisch festgelegt hatte.
Der induktive Schluss ist nicht plausibel
Jetzt könnte der Determinist vielleicht erwidern, dass das soweit schon stimmen mag, dass die Schlussfolgerung über den ursprünglichen Anwendungsbereich hinaus aber doch legitim sei, weil wir deterministisch so unglaublich gut erklären und vorhersagen könnten, wie sich Menschen verhalten.
Das ist aber kein gelungenes Argument, und das gleich auf zwei Ebenen nicht:
Empirisch ist die These nicht haltbar, wenn wir genau hinschauen. Denn obwohl wir statistisch betrachtet menschliches Verhalten (auch schon vor aller Wissenschaftlichkeit) lebensweltlich recht gut vorhersagen können, sind wir doch auch immer wieder (auch innerhalb der psychologisch-naturwissenschaftlichen Betrachtung) genuin überrascht von menschlichem Verhalten. Wir sind also unendlich weit entfernt davon, empirisch zu sehen, dass der Mensch determiniert sei.6
Aber selbst wenn wir in den meisten Fällen extrem gute Vorhersagen machen könnten, selbst wenn wir es in allen bisherigen Fällen könnten, behielte dieser induktive Schluss noch immer das epistemische Problem aller induktiven Schlüsse: sie bleiben jederzeit falsifizierbar. Das heißt nicht, dass induktive Schlüsse wertlos wären, aber wir müssen methodisch sehr sorgfältig mit ihnen umgehen.
Die methodische Festlegung auf Freiheit
Viel gravierender scheint mir jedoch, dass die deterministische Position eine wichtige Tatsache ignoriert. Das Projekt der naturwissenschaftlichen Welterforschung beruht nämlich auf zwei methodischen Grundannahmen. Zum einen legt sie fest, dass der Untersuchungsgegenstand strikt gesetzmäßig abläuft. Zum anderen setzt sie aber zwingend voraus, dass das Untersuchungssubjekt – also der Forscher selbst – dies eben nicht tut!
Methodisch gleicht der Forschende nämlich einem archimedischen Punkt der Erkenntnis. Um im wissenschaftlichen Experiment empirische Feststellungen zu tätigen, muss er nämlich bestimmte Variablen völlig frei und unabhängig von dem zu untersuchenden System manipulieren. Wenn er im Nachgang sich selbst diese Fähigkeit abspricht, weil er sich im weiteren Sinne als determinierten Teil des zu untersuchenden Systems begreift, entwertet er damit den Erkenntnisgehalt seiner eigenen Forschung, auf der diese Entwertung aber ja wiederum beruht.
Der deterministische Naturwissenschaftler ist also ein Widerspruch in sich: er sägt den methodischen Ast metaphysisch ab, auf dem er sitzt, um überhaupt naturwissenschaftliche Forschung zu betreiben.
Oder anders herum formuliert. Der deterministische Naturwissenschaftler spaltet sich selbst in zwei Anteile: den freien Forscher und den unfreien (Hobby-)Metaphysiker.
Zwischenbilanz: Wir haben keine guten naturwissenschaftlichen Gründe, die Welt und uns für determiniert zu halten
Wenn diese Gedanken schlüssig sind, sehen wir, dass wir in Teufels Küche kommen, wenn wir uns metaphysisch auf die These des Determinismus festlegen. Das ist auch nicht weiter überraschend, denn wie der oben zitierte McGilchrist schön dargelegt hat, hat das moderne Projekt der naturwissenschaftlichen Erforschung der Welt den Bereich der Werte und der Zielsetzungen (also Ethik und Teleologie) aus seinem Forschungsbereich verbannt. Willensfreiheit und Wahrheit sind aber die ergänzenden Begriffe zu Ethik und Teleologie. D.h. eine so verstandene Naturwissenschaft findet in der Welt keine Ethik oder Teleologie, aber auch keine Freiheit oder Wahrheit.
Sie hat aber selbst all das, insbesondere ist sie auf Wahrheit als ihr Ziel ausgerichtet, und vertritt dabei einen normativen Anspruch, dem man folgen soll — der normative Anspruch wiederum setzt Freiheit voraus, ihm zu folgen oder eben auch nicht.
Wenn der Determinismus also wahr wäre, dann wäre das Projekt der Naturwissenschaften selbst eine Chimäre. Nun haben wir aber auch auf der inhaltlichen Ebene gar keinen Grund, einen solchen Determinismus überhaupt zu behaupten. Weder eine methodisch sauber reflektierte Neurologie, noch Biologie, ganz zu schweigen von der Physik — wo knallharter Determinismus sogar als Mindermeinung gelten darf — belegen ihn.
Im Gegenteil, liefern alle diese Wissenschaften in den Grenzbereichen ihrer Anwendbarkeit Hinweise auf einen wie auch immer gearteten Indeterminismus, wie Denker wie Anton Zeilinger in der Physik oder Denis Noble in der Biologie, und Benjamin Libet selbst (oder auch Iain McGilchrist) in der Neurologie schlüssig darstellen.
Frei, aber…
Was natürlich nicht heißt, und darauf habe ich eingangs bereits hingewiesen, dass es totaler Quatsch wäre, die Welt und auch den Menschen für hochgradig regelgeleitet zu halten. Der Erfolg der Naturwissenschaften erklärt sich in der Tat darüber, dass wir von einer relativen Geltung der Gesetzmäßigkeiten ausgehen können. Und es ist eine berechtigte Forderung, dass die Vertreter einer libertären Position in der Willensfreiheitsdebatte ein Weltbild liefern sollten, das für diese Freiheit überhaupt Platz bietet.
Und es ist meines Erachtens richtig, dass ein physikalistisch-naturalistisches Weltbild einen solchen Platz tatsächlich nicht liefert. Ich würde sagen: Um so schlimmer für dieses Weltbild; das aber aus den gleichen Gründen sowieso nicht logisch stringent ist, wie der Determinismus, und auf der gleichen Unlogik der (nicht einmal konsistenten) Übertragung methodischer Festlegungen in die Metaphysik basiert.
Das Zeugen-Erlebnis
Was ist nun aber mit der phänomenalen Introspektion, die Felix Bölter (und Harris) als zweiten Pfeiler ihrer Argumentation aufbauen? Ich denke, wir können festhalten, dass Menschen hier recht unterschiedliche Erfahrungen machen, sodass die Evidenz dieser Erfahrungen mir recht subjektiv vorkommt.
Ich denke aber auch, dass ich erklären kann, warum Harris genau diese Zeugen-Erfahrung des bloßen Durchströmtseins macht, was uns zugleich einen Hinweis darauf liefern kann, wo wir nach der Freiheit suchen sollten.
Und zwar liegt das an der Art von Meditation, die er praktiziert: die Vipassana-Meditation. Das ist eine alte buddhistische Meditationsart, die der Überwindung des Ego dienen soll — also der Erfahrung, dass man — etwas vereinfacht gesprochen —im engeren Sinne eigentlich nicht existiert. Dabei nimmt man methodisch (!) eine Haltung des stillen Zeugen ein, und unterdrückt jeden Impuls, auf das Erleben zu reagieren. Man unterdrückt also seine Willensimpulse.7
Wenig verwunderlich erlebt man sich nach einer Weile in diesem Zustand dann auch nicht mehr als willentliches Wesen, sondern als bloßen Zeugen, dem alles nur geschieht. Aus Sicht beispielsweise Sri Aurobindos bedeutet dieser Zustand in der Tat eine erste Einsicht in die tiefere Natur der Dinge. Aus seiner Sicht ist dies jedoch nur ein Übergangsstadium, das in der Tat der Überwindung des Ego dient. Man erkennt, dieses Ego ist eine Illusion, das bin ich gar nicht.
Allerdings, und hier divergieren die Ansätze von Sri Aurobindo und der Vipassana-Tradition, ist dies für ersteren nur der erste Schritt, auf den — wiederum grob vereinfacht gesprochen — die Entdeckung eines höheren Selbstes folgt, das nunmehr in Freiheit in der Welt handeln kann. (Und auch das ist bei Sri Aurobindo nicht der letzte Schritt der Erkenntnis.)
Auch hier: die methodische Festlegung ist keine ontologische
Wir brauchen an dieser Stelle nicht tiefergehend in die metaphysisch-spirituelle Diskussion darüber einsteigen, welche Meditationspraxis uns näher an die ultimate reality heranführt.8 Es reicht meines Erachtens aus, dass gezeigt wird, inwiefern die Vipassana-Meditation das Erlebnis der Ego-losen Ungewolltheit methodisch anstrebt und dann auch erreicht.
Das ist eine strukturelle Parallele zur naturwissenschaftlichen Praxis und enthält meines Erachtens aber wiederum auch die Parallele, dass auch der Meditierende sich zunächst ja doch als Handelnden und Entscheidenden verstehen muss, um überhaupt mit der Praxis des Meditierens beginnen zu können.
Insofern liegt nahe, dass der Ort, an dem wir nach unserer Freiheit suchen müssten, der ist, an dem unser Denken (Beobachten, Wahrnehmen, Gedanken bilden) mit unserem Willen zusammenfließt. Und wir könnten von Sri Aurobindo die m.E. plausible Idee übernehmen, dass Willensfreiheit nicht eine feststehende Eigenschaft des Menschen ist, sondern eine zu entwickelnde zukünftige Aufgabe des Menschen, deren Keim als Funken der Freiheit aber bereits angelegt ist.
An dieser Stelle halten wir inne, um zu Atem zu kommen und auch Menelaos Gelegenheit zu geben, uns zu antworten. Der zweite Teil dieses Gedankengangs wird dann in Kürze erscheinen. Wo ich argumentieren werde, dass der Determinismus auch keine wünschenswerte Weltsicht darstellen kann.
Wenn dir dieser tiefe Tauchgang in die Philosophie gefallen hat (oder wenn du beim Lesen vor lauter Determinismus-Kritik wütend in die Tischkante beißen musstest):
Lass ein Ich habe das gelesen - Like da!
Schreib mir in die Kommentare! Ich diskutiere gerne Einwände.
Und falls du es noch nicht getan hast:
Darin werde ich mich dem Argument widmen, dass der Determinismus auch nicht als Weltsicht wünschenswert ist.
Oder lest erstmal weiter, wenn ihr etwas über plötzlich verschwindende Physiker erfahren wollt:
Ich gebe zu, auch diese Entschuldigung ist nicht frei von … tja, Sarkasmus. Sorry. Ich bin der Ansicht, dass die Praxis des Entschuldigens überhaupt nur für Libertarier Sinn ergibt. Ich zeige damit immerhin mehr Einsicht als Sido mit seinem “Also schreib ich einen Text, ein paar Rapper sind gekränkt / doch ich krieg jetzt von Aggro meine Kette geschenkt.” Allerdings habe ich auch keine Goldkette geschenkt gekriegt…
Hier geht es zu seinen Texten:
Ich kann nicht sagen, warum mir ausgerechnet das Bild der Videokassette kam. Vielleicht, weil sie so etwas hilfloses hat im Zeitalter des Digitalen. Aber jedenfalls — pace Harris — habe ich innegehalten und darüber nachgedacht — im Englischen: to deliberate —, ob ich es ändern sollte. Und darum begreife ich einen Aspekt meiner Freiheit gegenüber meinen Gedanken.
Dies zeigt sich auch in Felix Bölters Artikel. Dort changiert er nämlich zwischen der Beschreibung des Determinismus als wahr und gut (hat mir sehr geholfen) und als wahr und schädlich (Willensfreiheit als nützliche Illusion). Das ist kein grundsätzliches Problem. Denn Felix Bölter könnte bspw. meinen, dass Willensfreiheit für manche oder allgemein-kulturell eine nützliche Illusion sei, die zu durchschauen dem (ausreichend entwickelten) Individuum aber guttut.
Aufgrund der Gesamtlänge dieses Gedankengangs habe ich mich aber entschieden, den Text (über 6000 Wörter) in zwei Teilen zu veröffentlichen.
Das gilt übrigens selbst für relativ exakte Experimente in der Physik. Hier wird nämlich das Unvorhergesehene nicht empirisch, sondern methodisch ausgeschlossen. Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, das hat schon Karl Popper in seiner Logik der Forschung beobachtet, dann gehen Wissenschaftler stillschweigend und methodisch von einem Fehler im Experiment aus (Messfehler, technischer Fehler, etc.). Und wenn sich ein System als nicht-vorhersehbar darstellt, gehen sie methodisch davon aus, dass sie schlicht die Ausgangsbedingungen nicht ausreichend bestimmen können. (Eine Idee, die in der Quantenmechanik durch Heisenbergs Unschärferelation besonders stark hervortritt.)
Genau diese Form der Meditation praktiziert übrigens auch Yuval Noah Harari, der, wenig überraschend, ebenfalls ein Leugner der Willensfreiheit ist.
Obwohl dies natürlich eine äußerst interessante Fragestellung ist. Ich hoffe, mich ihr in der Zukunft einmal widmen zu können.


