Das Unbehagen der Moderne II: Lasst uns bitte, bitte, bitte Maschinen sein!
Warum versuchen hochdekorierte Naturwissenschaftler und Pop-Philosophen eigentlich mit aller Macht, uns den freien Willen auszureden? Das Elend des Kompatibilismus in seiner pop-kulturellen Variante.
Nestor, Neleus’ Sohn, du großer Ruhm der Achäer,
Fragst, von wannen wir sei’n; ich will dir alles erzählen.
Siehe, von Ithaka her am Neion sind wir gekommen,
Nicht in Geschäften des Volks, im eigenen; dieses vernimm jetzt.
Meines edlen Vaters verbreiteten Ruhm zu erforschen,
Reis’ ich umher, Odysseus’, des leidgeübten, der ehmals,
Sagt man, streitend mit dir, die Stadt der Troer zerstört hat.
(Odyssee, III. Gesang, 80-85)
Liebe Freunde und Seefahrer!
Willkommen zurück in unserer illustren und beschaulichen Reise durch die irrsinnig interessanten, zuweilen aber auch nur irrsinnigen Labyrinthe der kulturellen Beklemmung, die wir Moderne genannt haben, aber ebensogut “das Zeitalter der geistigen Umnachtung” hätten nennen können, wenn wir auf Egon Friedell gehört hätten (was, das ist eine der Pointen, gerade uns als Modernen unmöglich war).
Im ersten Teil dieser Odyssee hatte ich euch (als eine Art Telemachie) auf meine persönlich-biographische Reise durch diese Länder mitgenommen. Nun ist es Zeit, unseren Nestor Christoph Klinger über den Verbleib des Odysseus (die Freiheit) zu befragen. Wird er uns helfen können, unseren Vater im Gewand des Kompatibilismus zu finden?
Schauen wir uns an, was er uns in seinem Text Das Freiheits-Paradox zu berichten weiß. Aber Vorsicht! Wir begeben uns hier in die trüben Gefilde der analytischen Philosophie und die wallenden Nebel der Populärwissenschaft. Man hört förmlich das Raunen der Geister: Lose all hope, ye who enter here.
Oder auch die alte Warnung an alle Seefahrer, die sich zu weit hinaus wagten: Hic sunt dracones.
Aber wir nehmen all unseren Mut zusammen, und all unsere Erfahrungen, und werfen uns in dieses Abenteuer und erinnern uns, dass Dante am Ende doch auch einen Einblick ins Paradies erhielt. Und dass der Gang durchs Labyrinth — pace Beckett — nicht sinnlos gewesen sein muss und dass wir uns auch nicht auf der Suche nach dem Minotaur verlaufen müssen, wenn wir unseren Ariadnefaden nur nicht verlieren.
Aber wer ist Ariadne, und welchen Faden dürfen wir nicht verlieren? ;)
Alles ist determiniert — oder doch nicht?
Bleiben wir ganz sachlich heute. Klinger unterscheidet zunächst zwischen den Begriffen der Willensfreiheit (dass es an mir liegt, was ich will) und der Handlungsfreiheit (dass ich, was ich will, auch umsetzen kann). Sodann wird die interessante Beobachtung / Fragestellung aufgeworfen:
“Manchmal entscheide ich mich für etwas, aber die Entscheidung ist in gewissem Sinne gar nicht meine eigene. Ich werde von etwas oder jemandem manipuliert.”
Allerdings gebe es auch Stimmen, die dem Menschen ganz generell die Willensfreiheit absprächen. Metaphysisch (d.h. bei ihnen naturwissenschaftlich) betrachtet gäbe es keinen Unterschied zwischen einem “freien” Menschen und einem “manipulierten. Denn da die ganze Welt einschließlich des Menschen determiniert sei, gebe es schlicht keinen Platz für eine wie auch immer geartete Willensfreiheit.
Im Weiteren wird dann physikalischer Determinismus, biologischer Determinismus und neurologischer Determinismus durchgespielt, die alle im Wesentlich auf das Argument “Determinismus” hinauslaufen.
Die Sprache ist der Wolf im Schafspelz
Was mich dabei stört, sind gewisse Wortwahlen und Formulierungen, wie:
der bestimmte Artikel: “die Physikerin”, “der Biologe”, “der Neurowissenschaftler” — das mag unbeabsichtigt sein, aber die Verwendung des bestimmten Artikels suggeriert hier, dass wir es mit einem proto-/sterotypischen Vertreter “seiner Art” zu tun haben, also dass Sabine Hossenfelder oder Robert Sapolsky in einem relevanten Sinne für ihre ganze Zunft sprechen. Das tun sie nicht. Sie sind in keinster Weise ausgesprochen repräsentative Vertreter. Sie sind auch nicht besonders ausgezeichnet oder im besonderen Maße qualifiziert zu ihren metaphysischen Aussagen (bspw. durch eine intensive philosophische Zweitausbildung).
das gleiche Problem zeigt sich auf der Metaebene, wenn von “der Physik”, “der Biologie” und “der Hirnforschung” gesprochen wird. In diesem Sinne, wie es hier verwendet wird, gibt es bspw. “die Physik” nicht. Denn “die Physik” spricht nicht mit einer Stimme, in Bezug auf kein einziges relevantes Thema sind sich die Forscher einig, erst recht nicht in Bezug auf die Frage der Willensfreiheit und was die Physik dazu zu sagen hat und ob überhaupt etwas. In “der” Biologie und “der” Hirnforschung verstärkt sich dieses Problem noch dahingehend, dass sich die Forscher nicht einmal in Bezug auf die geeigneten Methoden und die geeigneten Axiome ihrer Disziplin einig sind. Beide Bereiche durchlaufen seit einiger Zeit echte Grundlagen-Krisen.
Der Mangel an Polyphonie zeigt sich dann auch in der verkürzten Darstellung eines durchaus komplexen Sachverhaltes:
”Aus der Sicht der Physik besteht die Welt aus Teilchen. Diese Teilchen verhalten sich nach strengen, deterministischen Regeln.” Das ist die Physik des 18./19. Jahrhunderts, der Laplace’sche Dämon. — “Wenn man es genau nimmt ist die Sache ein wenig komplexer.” Das ist eine gewaltige Untertreibung. Denn die Sache ist erstens hyperbolisch gesprochen unendlich komplexer, und das zweitens nicht nur, wenn man es genau nimmt, sondern wenn man überhaupt im 21. Jahrhundert über Physik reden will. “[Quantensprünge] kommen vergleichsweise selten vor und sind komplett zufällig. Sie haben keine Ursache und können auch nicht vorhergesagt werden.” Das ist schlicht falsch. Quantenereignisse sind der “Stoff, aus dem der Kosmos ist” — vereinfacht gesprochen. Sie sind nicht selten, sie sind nicht komplett zufällig und sie sind nicht ursachenlos und zudem können sie statistisch vorhergesagt werden.1“Wenn also die Welt aus deterministischen Abläufen und ein bisschen Zufall besteht, bleibt für Willensfreiheit kein Platz. Denn wenn alles determiniert ist, stehen unsere Entscheidungen schon längst fest.” Beide Sätze stimmen meines Erachtens. In ihrer Verkettung enthalten sie allerdings ein non sequitur: wenn die Welt aus u.a. “ein bisschen Zufall” besteht, dann ist ja gerade nicht “alles determiniert” sondern nur, vielleicht, je nachdem wie sich das bisschen Zufall auswirkt irgendetwas zwischen “ziemlich determiniert” und “vollkommen chaotisch” ;) — was aber nur der Spitzfindigkeit halber erwähnt wäre, denn ich denke, die Pointe funktioniert auch, wenn man vorsichtiger Zufall und Notwendigkeit (Determinismus) beides nicht in ein quantitatives Verhältnis setzt, sondern schlicht konstatiert, dass weder Notwendigkeit noch Zufall noch die Kombination aus beidem für sich genommen erklären können, wie Willensfreiheit zustande kommen soll.
“Die” Physikerin und “die” Physik
Nun ist Sabine Hossenfelder im Speziellen natürlich eine Vertreterin des sogenannten Superdeterminismus, d.h. sie glaubt tatsächlich nicht an irgendetwas Zufälliges in der Physik (sie kehrt sozusagen quantenmechanisch zum Laplace’schen Dämon und ins 18. Jahrhundert zurück), das ist aber eine krasse Mindermeinung innerhalb der Physik. Sie wird auch als “Verschwörungstheorie der Physik” betitelt, weil sie letztlich behauptet, dass alle quantenmechanischen Experimente uns in die Irre führen, weil das Universum (warum auch immer) von allem Anfang an daraufhin determiniert wurde, uns zu vergackeiern.2
Wichtig dabei scheint mir zu betonen, dass für Hossenfelder der Mangel an Willensfreiheit keine Konsequenz ihrer physikalischen Annahmen ist, sondern ganz im Gegenteil sie aktiv die Willensfreiheit (des Forschers) ausschalten will, um ihr physikalisches Modell zu retten.
Hossenfelder ist insofern keine repräsentative oder ausgezeichnete Vertreterin ihrer Zunft und um ihre Stimme überhaupt aussagekräftig zu machen, müsste man sie schon ins Verhältnis zu ihren Kollegen setzen.
Zum Beispiel Anton Zeilinger (Nobelpreisträger für Physik 2022), für den der Superdeterminismus absurd und wissenschaftsfeindlich ist und der die methodischen Grundlagen seiner Wissenschaft dahingehend versteht, dass sie die Freiheit des Experimentators voraussetzen und dass zugleich die Quantenmechanik uns zwingt, zu akzeptieren, dass die Realität fundamentale Lücken hat (unsere Borges-Lücken!)
Oder George Ellis (berühmter Kosmologe und Co-Autor mit Stephen Hawking des Standardwerks The Large scale Structure of Space Time), Pate der Top-Down-Causation und damit der Albtraum aller Deterministen, der zudem eine philosophisch-physikalische libertarische Position vertritt, derzufolge der Geist die Quanten-Unbestimmtheit nicht als "Zufallsgenerator" nutze, sondern als physikalischen Spielraum, um als Akteur in die Welt einzugreifen. Ob Ellis Recht hat, weiß ich nicht, aber er ist immerhin ein namhafter player in the game.
Wir könnten auch an Nicolas Gisin denken, demzufolge der Determinismus der klassischen Physik auf einer mathematischen Illusion beruht. Aber bevor mir jetzt vorgeworfen wird, dass ich hier alte weiße Männer gegen die arme Frau Hossenfelder antreten lasse, könnten wir auch an Brigitte Falkenburg denken, die in Physik und Philosophie promoviert hat, sich dementsprechend auskennt und das Buch mit dem vielsagenden Titel “Mythos Determinismus” verfasst hat; an Marina Cortês, die die Idee des Blockuniversums (das dem Determinismus mathematisch zugrunde liegt) mathematisch zerstörte; oder an Chiara Marletto, derzufolge die fundamentalen Gesetze der Natur nicht deterministisch sind, sondern lediglich festlegen, was möglich und was unmöglich ist, und dazwischen entsteht die Freiheit.3
“Der” Biologe und “die” Biologie
Wir müssen hier nicht so weit ausholen, weil sich der Fall der Physik hier einfach nur wiederholen lässt. Sapolsky ist eine Stimme, aber denken wir daran: Es gibt weltweit aktuell etwa 1 bis 1,5 Millionen professionell forschende Biologen.
Sapolsky ist — anders als Hossenfelder — innerhalb seines Fachgebietes immerhin ein absolutes Schwergewicht, d.h. als Neuroendokrinologe und Primatologe. Wenn er uns erklärt, was bspw. Cortisol im Hippocampus eines Pavians macht, können wir ihm absolut vertrauen.
Macht ihn das zu einem guten Philosophen? Ich fürchte, nein.
Zu “dem” Repräsentanten “der” Biologie? Offensichtlich nicht. Es gibt ebenfalls anerkannte Koryphäen auf ihren Gebieten, die Freiheit statt Determinismus behaupten: Denis Noble (Systembiologe) zum Beispiel, oder Kevin Mitchell (Neurogenetiker und damit nah dran an Sapolsky), oder Eva Jablonka (Evolutionsbiologin).4
Zudem findet sich hier eine bedenkliche Ungenauigkeit, wenn es heißt:
“Auch wenn es uns nicht bewusst ist - Hormone, Botenstoffe und epigenetische Faktoren wirken permanent auf unsere Entscheidungen ein. Studien zeigen, dass Richter härtere Strafen verhängen je länger ihre letzte Mahlzeit her ist.”
Das Beispiel ist denkbar ungünstig gewählt. Denn erstens, spitzfindig, ich weiß, ist es gar kein Forschungsergebnis der Biologie, sondern der Verhaltenspsychologie. Und zweitens, bedeutender, sind diese Ergebnisse höchst fragwürdig, denn die Psychologie ist schwer betroffen von der Replikationskrise. Insbesondere dieses Experiment konnte zumindest teilweise nicht repliziert werden. In der ursprünglichen Versuchsanordnung wurde ein methodischer Fehler gefunden, der die Ergebnisse verzerrte. Und generell ist das Feld der Priming-Forschung stark von der Krise betroffen. Insofern sind alle diesbezüglichen Ergebnisse mit äußerster Vorsicht zu genießen.
Aber auch darüber hinaus ist der erste Satz schon etwas unglücklich. Allen Menschen die ihre Selbstwahrnehmung halbwegs beieinander haben, ist bewusst, dass Faktoren wie Müdigkeit und Hunger — oder auch Geilheit — ihre Entscheidungen massiv beeinflussen, und das ist es ja subjektiv, was “Hormone, Botenstoffe und epigenetische Faktoren” bedeuten. Aber Beeinflussung — die wirklich niemand leugnet — ist eben nicht Determination.
“Die” Neurowissenschaft — Libet contra Libet
Belassen wir es bei zwei sehr kurzen Bemerkungen:
Benjamin Libet war selbst — zu recht — nicht der Ansicht, dass sein berühmtes Experiment die Frage der Willensfreiheit negativ entscheidet.5
Brigitte Falkenburg räumt in ihrem Buch Mythos Determinismus wirklich restlos mit der Idee auf, die Neurowissenschaften hätten irgendetwas Relevantes zur Frage beigetragen oder in Zukunft noch beizutragen. Aus methodischen Gründen.
Fazit: Let me call your bluff
Es gibt sicherlich interessante und gewichtige Argumente für und gegen den Determinismus, sowohl innerhalb der Philosophie als auch der myriadenfach aufgeästelten Naturwissenschaften.
Die von Klinger ins Feld geführten Akteure liefern diese jedoch nicht. Sie versäumen es insbesondere, das Für und Wider der Frage zu erkunden, sondern konzentrieren sich unsinnigerweise ganz auf das Wider. Wenn Klinger in Konklusion schreibt:
“Alle drei Einwände basieren auf naturwissenschaftlicher Forschung und sind in ihren jeweiligen Disziplinen weitgehend Konsens. Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen wie Yuval Noah Harari, Neil deGrasse Tyson, Sam und Annaka Harris ziehen die Konsequenz, dass wir uns von der Idee eines freien Willens verabschieden müssen.”
dann fühle ich mich doch gezwungen, diese Behauptungen zu desavouieren:
wie wir gesehen haben, gibt es keinen weitgehenden Konsens über die Frage, weder in den einzelnen betrachteten Disziplinen, noch in “der” Naturwissenschaft (verstanden hier als die Gemeinschaft aller Forschenden) als ganzen.
wie wir ebenfalls gesehen haben, basiert die Position der jeweiligen Proponenten eben nicht auf ihren naturwissenschaftlichen Forschungen, sondern auf ihrer philosophischen/metaphysischen Grundposition.
Und diese Grundposition basiert wiederum vermutlich auf einem Selbstmissverständnis: sie verwechseln schlicht ihren methodischen Reduktionismus, den ein Forscher in der Tat zum Forschen benötigt mit einem ontologischen.
Schauen wir uns nun noch die erwähnten “Autoritäten” an, die — immerhin — in der Tat aus durchaus unterschiedlichen Disziplinen kommen:
Harari ist Historiker und schreibt Bestseller. Inwiefern er Expertise zur Frage der Willensfreiheit beisteuert, ist mir schleierhaft. GEMINI bot mir folgenden amüsanten Vergleich an: “Ihn als naturwissenschaftliche Autorität für den freien Willen anzuführen, ist, als würde man Stephen King als Experten für Architektur zitieren, weil in seinen Büchern Spukhäuser vorkommen.” Musste lachen :)
deGrasse Tyson ist promovierter (Astro-)Physiker, aber er ist vor allem ein Pop-Science-Entertainer. Er forscht weder zum Bewusstsein, noch zur Quantenmechanik. Insofern ist mir auch seine Expertise eher ein Rätsel. Vielleicht hat er sie von Sapolsky gechannelt?
Sam und Annaka Harris — ich hab nichts gegen sie persönlich, aber sie sind offensichtlich Propagandisten einer bestimmten Weltsicht, Hohepriester des deterministischen Podcasts, aber keine Repräsentanten eines „naturwissenschaftlichen Konsenses“, trotz immerhin formaler Eignung als Neurologe (im Falle von Sam) und als … meines Wissens… Tänzerin … im Falle von Annaka.6
Wir werden uns interessantere Argumente anschauen, wenn wir den Harten Determinismus betrachten. Hier geht es aber ja eigentlich um den Kompatibilismus.
Alles ist determiniert — Aber wir sind trotzdem frei — oder meintest du fly?
Tatsächlich scheint es eher so zu sein, dass viele brillante Naturwissenschaftler sich aufgemacht haben, den Job der Philosophen zu übernehmen, kreative Konzepte von Willensfreiheit zu entwickeln, weil die Philosophen sich in einem Anfall gleichzeitiger Selbstbeweihräucherung und Selbstentmündigung zurückgelehnt und den Begriff des Kompatibilismus erfunden haben, wodurch sie meinten, sich aller Probleme entledigt zu haben.
Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen.
Kompatibilismus ist die Idee, dass Willensfreiheit und Determinismus miteinander vereinbar seien. Ich halte diese Idee für einen “verflixten Blödsinn”, ein Zitat, von dem ich nicht mehr so genau weiß, woher es stammt, aber möglicherweise aus Drei Mann in einem Boot. Christoph Klinger hält die Idee für brillant. Hier liegt also unser tiefergehender, philosophischer Dissens. Schauen wir es uns an.
Der alte Geist in der verstaubten Maschine
Klinger beginnt mit der Beobachtung, dass unsere Alltagsvorstellung von uns selbst als willensfreien Wesen mit unserer Alltagsvorstellung von uns selbst als geistigen oder beseelten Wesen zusammenhängt, die sich nicht auf ihre Körper reduzieren lassen. Ich denke, das ist korrekt, allerdings nicht in den von ihm behaupteten Details.
Intelligente Menschen, die einen immateriellen Anteil des Menschen annehmen, sind mitnichten auf die Vorstellung festgelegt, diese ist im Gegenteil fast schon zu materialistisch, dass “etwas ganz bestimmtes in unserem Kopf Kontrolle über unseren Willen hat”, oder dass ein “immaterielles Wesen … in unserem Körper sitzt wie in einer Schaltzentrale, aber gleichzeitig von ihm unabhängig ist”.7
Diese Vorstellung, die Klinger zu Recht naiv nennt, ist nicht die Alltagsvorstellung des Menschen von seiner Seele, sondern die philosophisch wirkmächtige Vorstellung des René Descartes (genannt Substanzen-Dualismus) von seiner Seele, die Gilbert Ryle in The Concept of Mind ebenfalls zurecht als “Geist in der Maschine” bezeichnet und (in behavioristischer Manier, was zu seiner Zeit mode war, heutzutage aber wirklich voll out ist) kritisiert hat. Das war 1949. Der gute Mann ist seit 50 Jahren unter der Erde. Er ist nicht state of the art.
Und der einzige Grund, dass er heute noch bemüht wird, ist die Halsstarrigkeit der Analytischen Philosophie und dass Ryle ein paar berühmt gewordene Schüler hatte, darunter Daniel Dennett, der zwar ebenfalls seit kurzem nicht mehr unter uns weilt, aber 1984 ein Buch über die Willensfreiheit veröffentlicht hat, Elbow Room: The Varieties of Free Will Worth Wanting, in dessen Vorwort er behauptet, dies sei sozusagen das Buch, dass Ryle schreiben wollte und geschrieben hätte, wenn er zum Thema Willensfreiheit geschrieben hätte und nicht über the concept of mind. Dennett ist insofern (und auch in vielen anderen Hinsichten, wenn auch nicht optisch) Ryle 2.0.
Das Elend des eliminativen Materialismus
Das Problem mit dieser Denktradition, die man eliminativen Materialismus nennt, ist meines Erachtens in der Hauptsache Folgendes: Sie sind hochgradig arrogant und zugleich hochgradig denkfaul. Denn ihre philosophische Strategie ist folgende:
Sie behaupten, dass es die allermeisten Dinge, von denen Menschen sprechen, nicht gibt. Statt dessen gibt es nur Xe, z.B. Materie, oder die Felder der modernen Physik oder was auch immer. Kritiker dieser Sicht haben dafür sogar einen Namen gefunden: Nothingbuttery ;)
Sobald ihnen ein Kritiker sagt, dass sie bei ihrer Weltsicht aber Y nicht beachtet haben, behaupten sie schlicht, dass es Y ja auch nicht gibt. Was ist mit Qualia? Gibt es gar nicht. Was ist mit dem Bewusstsein? Gibt es gar nicht? Was ist mit der Freiheit des Forschers, die er braucht, damit ein Experiment methodisch sauber beschrieben werden kann? Gibt es gar nicht. Aber was ist dann mit dem Experiment? Gibt es gar nicht. Aber dann kollabiert doch die Naturwissenschaft? Gibt es gar nicht. Dich auch nicht. Mich auch nicht. Das alles gibt es doch gar nicht. — Nun gut, dann macht es auch keinen Sinn, dass ich mit dir rede, Digga.8
Hirnforschung — popkulturell oder professionell?
Klinger scheint aber beeindruckt von dieser Gedankenströmung und schreibt zudem:
“Und auch aktuelle Ergebnisse aus der Hirnforschung deuten darauf hin, dass ein solches ‘Geist-Ich’ eine Illusion ist. (Das ist ein andere Thema, das ich hier nicht im Detail besprechen kann. Aber wer sich dafür interessiert, dem empfehle ich das Büchlein ‘Conscious’ von Annaka Harris.)”
Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass diese Ergebnisse aus der Hirnforschung bei genauer methodischer Betrachtung sehr wenig Aussagekraft haben werden, aber ich ließe mich durchaus eines besseren belehren.9 Ich bin nicht sicher, ob dazu ein pop-”wissenschaftliches” Buch der beste Anlaufpunkt wäre, aber wer weiß?
Jedenfalls gibt es durchaus auch “aktuelle Ergebnisse aus der Hirnforschung”, die im Gegenteil darauf hinweisen, dass dieses “Geist-Ich” keine Illusion ist. Ich empfehle das “Büchlein” (nun ja, es sind zwei dicke Bände mit 1578 Seiten, davon die letzten 200 alleine die Bibliographie) The Matter With Things von Iain McGilchrist, dem meines Wissens bisher keine groben Fehler nachgewiesen werden konnten.
McGilchrist argumentiert unter anderem, dass wir keinen einzigen guten Grund haben, davon auszugehen, dass Materie Bewusstsein erzeugt, aber andersherum recht gute (wenn auch nicht zwingende) Gründe haben, vom Gegenteil auszugehen.
“The Libertine is locked in jail” (Patrick Wolf, Hobbyphilosoph)
Aber schauen wir weiter:
“Wenn es den Skeptikern also darum geht, zu zeigen, dass es eine solche ‘Geist-Ich-Willensfreiheit’ nicht gibt, sind sie erfolgreich. Das ist allerdings wenig überraschend, weil es ja in einem naturalistischen Weltbild ein immaterielles ‘Ich’ ohnehin nicht geben dürfte. (Vertreter einer solchen ‘Geist-Ich-Willensfreiheit’ nennt man in der Philosophie Libertarier. Davon gibt es noch immer einige Wenige, z.B. Roderic Chisholm, und für sie sind die Einwände der genannten Naturwissenschaftler ein echtes Problem.)
Womit Klinger hier recht haben könnte, ist, dass ein naturalistisches Weltbild ein immaterielles “Ich” als kausalen Wirkfaktor ausschließt. Es stimmt aber nicht, dass Libertarier auf eine “Geist-Ich-Willensfreiheit” festgelegt seien10 und es stimmt auch nicht dass es davon “noch immer einige Wenige” gebe,11 und es stimmt natürlich nicht, dass die oben diskutierten Einwände für Denker wie Chisholm ein Problem seien.12
Libertarier sind schlicht dienigen Menschen, die der Ansicht sind, dass Determinismus und Willensfreiheit unvereinbar sind, und wir aber willensfrei sind, und dass deshalb der Determinismus nicht stimmen kann.
Also die meisten Menschen, solange sie sich als handelnde Akteure in der Welt verstehen. (Was 10% der professionellen Philosophen also anscheinend nicht tun, oder sie sind ein Messfehler, oder so… Weitere 60% sind der Ansicht, sie könnten es zugleich sein und nicht sein, sie haben die schnöde Welt der aristotelischen Logik also bereits zugunsten einer vergeistigten sowohl-als-auch-Logik verlassen, nur merken sie es nicht und behaupten, noch immer Physikalisten zu sein.)
Was die Frage aufwirft, finde ich, die man sich insbesondere auch deshalb stellen sollte, weil, wie gezeigt, ja doch auch etliche Naturwissenschaftler Libertarier sind, ob vielleicht:
entweder der Naturalismus gar keinen Determinismus implizieren müsste;
oder ob der Naturalismus als metaphysische Position (as opposed to “methodische Festlegung, solange man Naturwissenschaft betreibt”) schlicht unsinnig ist.13
Der Taschenspielertrick des Kompatibilismus
Schritt 1: Ich lasse nun dieses Kaninchen in diesen Hut verschwinden…
Statt sich diese Fragen zu stellen, entwickelt Klinger aber eine Argumentationskette, warum Willensfreiheit doch mit Determinismus vereinbar sei und die lautet, wenn ich sie knapp zusammenfasse, wie folgt:
Es gibt sprachliche Möglichkeiten, das Wort “frei” zu benutzen, die keine Willensfreiheit implizieren. Zum Beispiel “Ich steh’ frei” beim Fußball. Diese Möglichkeit, das Wort zu benutzen, ist kompatibel mit dem Determinismus. Folglich ist (trivialerweise und natürlich o.B.d.A.) auch Willensfreiheit mit dem Determinismus kompatibel. Q.E.D.
Finde den Fehler! ;)
Man wird mir nicht glauben, aber man lese es im Ausgangsartikel nach.14 Das ist die Argumentation. Und es ist fast immer die Argumentation des Kompatibilismus. An der relevanten Schnittstelle wird nur noch von “frei” und nicht mehr von “willensfrei” gesprochen, um dann danach wieder stillschweigend von “frei” zu “willensfrei” zurückzukehren. Ein Taschenspielertrick!
Schritt 2: Aber ich zeige ihnen das Kaninchen vorher gar nicht…
Okay, ich gebe zu, es kommen noch ein paar spannende Nebenthesen hinzu, die will ich nicht vorenthalten:
“Stellen wir uns eine solche freie Entscheidung nach Hossenfelder, Sapolsky & Co. einmal vor: Sie dürfte ja nicht einmal aus guten Gründen gefällt werden. Denn Gründe sind ja Ursachen in der Außenwelt. Es gäbe dann eine Kausalkette, die zu meiner Entscheidung führt. Meine Entscheidung wäre also nicht frei, wenn ich Gründe dafür habe. Auch meine im Gehirn gespeicherten Erinnerungen dürften keine Rolle spielen. Kein Nachdenken oder Abwägen, das ja ebenfalls ganz physisch in unseren Synapsen stattfindet. Eine solche ‘unverursachte’ Entscheidung wäre reine Willkür - man könnte genauso gut würfeln. Das ist doch nicht das, was wir uns unter Willensfreiheit vorstellen.”
Hier zeigt sich recht klar, inwiefern das zu Zeigende bereits vorausgesetzt wird (petitio principii). Klar, wenn ich bereit bin, Gründe auf Ursachen zu reduzieren, und Nachdenken und Abwägen auf Synapsenaktivität, dann kann ich sagen, dass ich keine Gründe haben darf, wenn ich nicht verursacht sein will in meiner Entscheidung.
Aber genau diese Gleichsetzungen geht der Libertarier nicht mit — mit gutem Grund, denn selbst stramme Materialisten haben in den letzten Jahrzehnten erkennen müssen, dass diese Gleichsetzungen von disjunkten “Sprachspielen”, um einen Begriff Wittgensteins zu nutzen, der in der analytischen Philosophie eigentlich beliebt ist, in diesen Kontexten komischerweise aber nicht, doch recht problematisch werden, wenn man sie inhaltlich ernst nimmt und nicht auf der Ebene der Metapher bleibt.15
Schritt 3: Denn, das müssen Sie einsehen, das Kaninchen existiert gar nicht…
Gründe sind keine Ursachen. Das anzunehmen ist ein naiver Kategorienfehler, der 1949 vielleicht noch verzeihlich war, nicht aber über 75 Jahre später. Wir erinnern uns, der Behaviorismus stammte aus der Psychologie und war die methodische Annahme, man müsse Menschen “nur von außen, aus ihrem empirisch wahrnehmbaren Verhalten heraus” studieren. Das glaubt heute kein Psychologe mehr. In der Philosophie hat sich dieses amüsante Relikt aus den Anfängen der Psychologie seltsamerweise länger und hartnäckiger — jetzt aber als metaphysische Annahme — gehalten.
Was man sagen dürfte, was auch nicht stimmte, aber man könnte es immerhin behaupten wäre: “Gründe gibt es eigentlich nicht. Es gibt nur Ursachen. Wir irren uns, wenn wir von Gründen sprechen, weil sich auf der eigentlichen (metaphysischen) Ebene der Existenz nichts findet, was Gründen entspricht.”
Womit man seinen naiven Hochmut zeigen würde, zu glauben, man könnte so sichere Tatsachen über die “letzten Dinge” sagen. Wittgenstein würde sich im Grab drehen.
Schritt 4: Und deshalb kann ich genauso gut sagen, und Sie müssen es glauben, dass es ein Hamster war, und kein Kaninchen…
Aber wir sehen die Parallele. Wenn Gründe Ursachen sind, dann kann auch “willensfrei” einfach nur “frei in irgendeinem Sinne” bedeuten. Dieses Missverständnis zeigt sich auch gen Ende noch einmal ganz deutlich, wenn Klinger schreibt:
“In diesem Text beschränke ich mich darauf, die Sichtweise des Kompatibilisten verständlich zu machen. Und dafür ist lediglich wichtig, dass es Arten von Freiheit geben kann, die mit einem deterministischen Universum gut vereinbar sind.”
Das ist schlicht falsch. Es gibt keinen einzigen Menschen mit einem dreistelligen IQ, der bezweifeln würde, dass es “Arten von Freiheit geben kann, die mit [dem Determinismus] gut vereinbar sind.” Aber das reicht nicht.
Uns interessiert hier nicht “irgendeine Art von Freiheit”, sondern die “Freiheit des Willens”, auch “Willensfreiheit” genannt, eine ganz spezifische und durchaus wohl zu definierende Art von Freiheit, die sich in der gängigen Definition vor allem durch zwei Merkmale auszeichnet:
Es steht nicht bereits fest, was ich entscheiden werde, die Zukunft ist also offen (PAP = Principle of Alternative Possibilities)
Was ich entscheide, liegt in einem relevanten Sinne in meiner Macht, nicht außerhalb von mir (PS = Principle of Sourcehood)
Kompatibilisten jeder Schraffur haben seit über hundert Jahren versucht, diese beiden Prinzipien oder zumindest eines davon, als absurd oder inkorrekt herauszustellen. Meiner Analyse nach ohne jeden Erfolg. Ich denke, es wäre intellektuell redlich, den Kompatibilismus als Taschenspielertrick aufzugeben und sich stattdessen zu entscheiden, ob man den Determinismus aufgeben will oder die Willensfreiheit, mit allen jeweils relevanten Konsequenzen.16
Der letzte Trick: Wenn ich unrecht habe, habe ich trotzdem recht.
Einen kleinen Schritt in diese Richtung geht Klinger auf mich zu, aber er versucht natürlich einen Judo-Wurf, wenn er schreibt:
“Natürlich können die Skeptiker darauf beharren, dass das kompatibilistische Modell nicht wirklich Willensfreiheit beschreibt, sondern etwas anderes. Aber das ist nur ein Streit um Worte. In diesem Fall müsste man für die kompatibilistische Willensfreiheit ein neues Wort erfinden. Denn sie ist diejenige, die für uns von höchster Relevanz ist.”
Okay, gerne, erfindet ein neues Wort. Ich sehe nicht, warum man das bräuchte, denn ich denke, dass mit der inkompatibilistischen Willensfreiheit und der Handlungsfreiheit alles Relevante abgedeckt ist. Die kompatibilistische “Willensfreiheit” würde uns nicht dabei helfen, unsere Sprachspiele weiter zu spielen.
Denn wieso sollte “ich” “mich” “entschuldigen”, wenn “mich” keine “Schuld” trifft, weil “mein” “Vergehen” “mir” schon in die Wiege gelegt war? Das wäre dann ein vollkommen unsinniges Sprachspiel.
Oder auch, zum Anfang zurückkehrend, wo es um die Manipulation von Meinungen ging: Mir fehlt im Kompatibilismus schlicht das Vokabular, um auf einer tieferen Ebene überhaupt zwischen Manipulation und Information zu unterscheiden.
Wenn am Ende alles nur eine lückenlose determinierte Kausalkette ist, dann gibt es ontologisch keinen Unterschied zwischen einem guten, rationalen Argument und einer perfiden Gehirnwäsche. Beides wären dann lediglich externe physische Reize, die eine unausweichliche synaptische Kaskade in mir auslösen.
Der Kompatibilismus kollabiert ontologisch immer in den harten Determinismus!
Fazit: Beweislastumkehr
David Lewis, ein (genialer, aber hochgradig linkshemisphärischer) Analytischer Philosoph, Materialist und, ich nehme an, auch Kompatibilist hat nichtsdestotrotz behauptet, was ich schon immer etwas bescheuert fand, dass es Aufgabe der Philosophie sei, die common sense Ansichten des gemeinen Volkes zu hinterfragen, um dann aber in den meisten Fällen zum Schluss zu gelangen, dass das gemeine Volk doch recht hätte.
Die Kohorte Ryle-Dennett-Klinger scheint es eher so zu sehen, die Aufgabe des Philosophen wäre es, zu zeigen, dass aber wirklich alles, was das gemeine Volk denkt, falsch ist, während das, was sie selbst denken, alles richtig ist.
Finde den Fehler :)
Coda: Telemachos und Nestor
Wir haben die sumpfigen Moore der analytischen Philosophie durchstöbert und ein paar Nebelschwaden des pop-wissenschaftlichen Spektakels gelüftet. Doch auch der weise Nestor konnte uns nicht berichten, wo wir Odysseus suchen sollten. Er riet uns, stattdessen einzusehen, dass es keinen Odysseus gibt, wir mithin keinen Vater hätten, also einer jungfräulichen Geburt entsprängen. Aber wir erinnern uns doch an unseren Vater Odysseus.
Aber warum solltest du deinen Erinnerungen trauen, junger Telemachos?, fragte der weise Nestor. Das sind doch nichts als feuernde Neuronen. Es gibt keinen Grund, ihnen zu vertrauen. Und zudem willst du dich als freier Mensch doch sowieso nicht von irgendwelchen Erinnerungen einsperren lassen, oder? Lass uns doch bitte, bitte, bitte einfach Maschinen sein!
O Nestor, du weiser Mann! Das ist totaler Blödsinn und das weißt du auch. Das haben wir geantwortet.
Wir werden nun also weiterreisen, zu Menelaos Felix Bölter, den weisen Jünger des Sam Harris, eines ausgewiesenen harten Deterministen. Und dort werden wir erneut um Rat fragen, ob er etwas über Odysseus zu berichten wisse.
Oder Ariadne. Aber wer ist Ariadne? Und welcher Faden?
Streng genommen muss man das etwas genauer ausdrücken: “Sie sind auch weder 'komplett zufällig' noch gänzlich 'ursachenlos': Zwar lässt sich der exakte Zeitpunkt eines einzelnen Quantensprungs nicht determinieren, aber diese Ereignisse sind stets an strenge physikalische Vorbedingungen geknüpft und unterliegen exakten mathematischen Gesetzen. Die Quantenmechanik ist keine Theorie des reinen Chaos, sondern der hochpräzisen statistischen Vorhersagbarkeit." Wobei auch die Korrektheit dieser Aussagen stark davon abhängt, welche Interpretation der Quantenmechanik man ansetzt (wobei sich die Kollegen nicht einig sind).
Auch das muss man streng genommen differenzierter ausdrücken, aber nicht viel: Hossenfelder hat korrekt erkannt, dass im Falle eines allumfassenden Determinismus auch der Wissenschaftler und sein Experiment davon erfasst wären, und deshalb ist sie bereit, eine Grundannahme des Experimentierens aufzugeben: die statistische Unabhängigkeit verschiedener Variablen. Was darauf aber folgt, ist im Grunde der Kollaps des naturwissenschaftlichen Selbstverständnisses: Wenn man die statistische Unabhängigkeit aufgibt, kann man theoretisch alles wegerklären. (Man könnte dann auch behaupten, Rauchen verursacht keinen Krebs, sondern der Urknall hat einfach determiniert, dass Menschen, die gerne rauchen, auch genetisch Krebs bekommen). Es ist eine Theorie, die sich gegen jede Falsifikation immunisiert. Aus meiner Sicht liefert Hossenfelder etwas unfreiwillig damit bereits ein sehr gutes Argument gegen die Annahme eines allumfassenden Determinismus.
Lasst mich gleich gestehen, dass ich von diesen Autoren nur Brigitte Falkenburg auch ausgiebig gelesen habe. Ich bin ja schließlich auch kein Physiker. Aber über die anderen Autoren habe ich gelesen und das kann jeder heutzutage dank Internet und KI — insofern finde ich es ein bisschen einfach, die erstbeste Physikerin auf Youtube auszuwählen, um sie als “die Physikerin” in den Raum des Diskurses zu stellen, ohne ihre expliziten oder impliziten Kritiker zu Wort kommen zu lassen.
Auch hier habe ich nur die Letztere selbst gelesen (und sogar mal auf einer Konferenz zur EES in Bochum getroffen). Aber ich habe mich ja auch nicht hingestellt und in den Substack-Space posaunt, die Biologie belege den Determinismus.
Libet wehrte sich zeitlebens vehement gegen die deterministische Vereinnahmung seiner Ergebnisse. Er wies explizit darauf hin, dass zwischen dem Bewusstwerden der Handlungsabsicht und der tatsächlichen motorischen Ausführung ein Zeitfenster von etwa 150 bis 200 Millisekunden bleibt. In dieser Zeit hat das bewusste Ich aus Libets Sicht noch ein Veto-Recht (in der Fachliteratur oft als „Free Won’t“ bezeichnet). Das Gehirn mag unbewusst Handlungsantriebe oder Optionen generieren, aber das Bewusstsein behält als letzte Instanz die Kontrollmacht darüber, ob diese in die Tat umgesetzt werden oder nicht.
Im Klartext: Wer Libet zitiert, um die Willensfreiheit abzuschaffen, ignoriert paradoxerweise dessen eigene Schlussfolgerungen. Ganz zu schweigen davon, dass die moderne Neurowissenschaft (etwa durch Aaron Schurger, 2012) längst empirisch nachgewiesen hat, dass das von Libet gemessene ‚Bereitschaftspotenzial‘ ohnehin keine unbewusste Vorentscheidung darstellt, sondern lediglich das Ansammeln von stochastischem neuronalem Hintergrundrauschen bis zu einem motorischen Schwellenwert. Die angeblich ‚unbewusste Entscheidung‘ war ein reines Messartefakt.
Ich liebe Autodidakten, versteht mich nicht falsch. Ich glaube ja auch gar nicht besonders an das Expertentum. Siehe das Argument von Egon Friedell für das Laientum. Aber ich behaupte hier auch nicht, dass ich namhafte “Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen” aufführe, wenn ich in Wahrheit Pop-Wissenschaftler, die gut darin sind, sich und ihre Bücher und Meinungen an den Mann zu bringen, aufführe.
Diese Art von Argument findet sich schon beim frühen Materialisten (und durchaus klugen Kopf) Denis Diderot. Er macht sich über Leute lustig, die glauben, dass irgendwo Seelen rumsitzen und sich dann irgendwann entschließen, dass dieser Körper es jetzt würdig sei, dass sie in ihn einziehen. Aber diese Sichtweise vertrat auch niemand ernsthaft.
Ich kenne diese Tradition recht gut, denn mein großer Lehrer Richard Rorty stand zu Beginn seiner Karriere vollständig in dieser Tradition und war meines erachtens ihr klügster Zuende-Denker. Korrekterweise schaffte er — anders als Dennett — den Begriff der Wahrheit ab.
Wie gesagt, eine Wissenschaft kann nie das zeigen/belegen/geschweige denn beweisen, was sie bereits als Axiom in ihre Versuchsanordnung hineinbehauptet. Die methodischen Probleme dabei, neurologische Ergebnisse auf die Willensfreiheitsdebatte anzuwenden, stellt Brigitte Falkenburg im weiter oben bereits erwähnten Mythos Determinismus: Wieviel erklärt uns die Hirnforschung? (2012) pointiert dar. Dort verweist sie auch auf etliche “Erklärungslücken”, die von Hirnforschern auch klar benannt werden. Die Stichwörter, mit denen Philosophen gerne über solche Erklärungslücken hinweggehen, sind “Komplexität” und “Emergenz” — letztere wurde daher zu Recht von Peter Janich als “Lückenbüßergottheit” bezeichnet.
Das ist der typische rhetorische Trick, um die Gegensicht als naiv und lächerlich darzustellen. Man bastelt einen “Dualismus” der Möglichkeiten und wählt aus den unzählig vielen möglichen Positionen eine aus, die relativ lächerlich und leicht zu widerlegen ist, anstatt sich die beste auszusuchen. (Man baut sich einen Strohmann.) Moderne Libertarier innerhalb der Analytischen Philosophie wie Robert Kane oder Timothy O’Connor vertreten vollkommen naturalistische oder emergentistische Ansätze, ohne Magie oder Gespenster. (Ich mache mir ihre Ansätze nicht zu eigen, es geht nur um den Punkt, dass die Behauptung schlicht nicht stimmt.)
Tatsächlich sind die Zahlenverhältnisse laut der weltweit größten und maßgeblichen Erhebung unter akademischen Philosophen, dem ‚PhilPapers Survey 2020‘, ungefähr:
Kompatibilisten — 60%
Libertarier — 20%
Harte Deterministen — 10%
Es stimmt also, dass der Libertarismus eine Minderheitsmeinung ist. “Jeder fünfte professionelle Philosoph” ist aber doch etwas völlig anderes als “einige wenige”. Man sollte dazu noch bedenken, dass die Tatsache, dass eine Ansicht von der Mehrheit einer Zunft vertreten wird, selten als Argument dafür gelten darf, dass diese Ansicht auch korrekt ist. Das zeigt die historische Betrachtung.
Das zu behaupten, verkennt Chisholms Philosophie komplett. Seine berühmte Theorie der Akteurskausalität (die ich mir nicht zu eigen mache) unterscheidet methodisch streng zwischen ‚transeunter Kausalität‘ (ein Ereignis verursacht ein anderes Ereignis – das Feld der Naturwissenschaften) und ‚immanenter Kausalität‘ (ein Akteur verursacht ein Ereignis). Chisholm bestreitet überhaupt nicht, dass biologische, physikalische oder psychologische Faktoren existieren und uns ‚neigen‘ (inclination). Er bestreitet lediglich, dass sie unsere Entscheidungen ‚zwingen‘ (necessitation). Für Chisholm ist der Mensch, wenn er frei handelt, ein ‚unbewegter Beweger‘, der jederzeit die Fähigkeit hat, eine neue Kausalkette zu starten. Die Erkenntnisse der Physik oder Biologie ‚widersprechen‘ ihm nicht, sie beschreiben für ihn lediglich die Werkzeuge und Rahmenbedingungen, innerhalb derer der Akteur agiert.
So führt auch die bereits mehrfach erwähnte Falkenburg (Mythos Determinismus) aus, es gebe ein Trilemma (also einen logischen Konflikt) aus den drei Behauptungen:
(K) Die physische Welt ist kausal geschlossen.
(V) Physische und psychische Phänomene sind nicht aufeinander reduzierbar.
(W) mentale Phänomene wirken auf physische Phänomene.
Nun hätten sich Philosophen seit langem erfolglos die Zähne daran ausgebissen, (V) oder (W), darum sei es an der Zeit, endlich zuzugeben, dass man wohl (K) aufgeben müsse. “Warum fällt es ihnen nur so schwer, sich von der These (K) der kausalen Geschlossenheit der Welt zu verabschieden?” (S. 380) Diese These sei “gar nicht empirisch oder phänomenologisch gestützt, sondern eine spekulative metaphysische Behauptung … die im korpusklularmechanischen und deterministischen Denken von Hobbes oder Laplace wurzel[t]” (S. 383). Im Gegenteil gebe es gleich drei gute Gründe, (K) aufzugeben, und zwar:
hätten weder Physik noch Philosophie einen “eindeutigen Begriff der Verursachung”,
viele von naturwissenschaftlern methodisch genutzte Kausalitäten seien indeterministisch und stochastisch,
die “Ignoranzdeutung” des Indeterminismus beruhe auf ad-hoc-Annahmen (eigentlich verpönt in den Naturwissenschaften), die zudem nicht sonderlich plausibel seien: “etwa eine absolute Zeit; verborgene Quanten-Paramter; Parallelwelten; oder die Sicht des Universums als gigantischer zellulärer Automat” (S. 384).
Es stimmt schlicht nicht, dass die Naturwissenschaften oder ein naturwissenschaftlich geprägtes/informiertes Weltbild von einer kausal geschlossenen Welt ausgehen müsse. Das zeigen die vielen Naturwissenschaftler, die das nicht tun und trotzdem leben, atmen und forschen, ganz praktisch.
Dieser Ausschnitt genügt eigentlich:
“Dieser Einwand beruht auf der Behauptung, dass etwas nur dann frei sein kann, wenn es nicht durch etwas anderes verursacht ist. Dafür müsste es außerhalb der Naturgesetze stehen. Jede Freiheit wäre sozusagen ein magischer Akt.
Aber das ist nicht, wie wir das Wort ‘frei’ normalerweise verwenden. Wir sagen, dass ein Häftling wieder frei ist, dass die Presse frei ist oder ein Zahnrad in einem Getriebe. Wir meinen damit nicht, dass für diese Dinge die Regeln von Ursache und Wirkung nicht gelten. Wenn das Wort ‘frei’ - nicht nur in Willensfreiheit sondern ganz allgemein - irgendeine Bedeutung haben soll, dann kann es nicht ‘außerhalb der Naturgesetze stehend’ bedeuten.
Im selben Sinne kann auch unser Wille frei sein, obwohl er das Ergebnis von endlosen Kausalketten aus der Vergangenheit ist.”
Nun könnte man inhaltlich noch tiefer einsteigen und die Frage stellen, ob das in seiner Aneinanderreihung von Aussagen eigentlich alles so stimmt, aber das brauchen wir gar nicht. Aus “ein Häftling kann wieder frei sein trotz Determinismus” wird gezaubert: “Der Wille kann frei sein im Determinismus” — das nenne ich mal einen “magischen Akt”!
Zum Beispiel Jaegwon Kim: Am Ende seiner Karriere, in seinem Spätwerk Physicalism, or Something Near Enough (2005), hisste er im Grunde die weiße Fahne. Er gestand ein, dass der strikte Physikalismus gescheitert ist. Weder Qualia (das subjektive Erleben) noch Intentionalität (dass Gedanken auf etwas gerichtet sind, also Gründe haben) lassen sich lückenlos auf neuronale Ursachen reduzieren. Er musste zugeben, dass es einen unüberwindbaren Rest gibt, den die Physik nicht greifen kann.
Aber selbst schon Jerry Fodor, der Urgestein des Hardcore-Physikalismus hatte bereits eingestanden, dass eine 1:1-Reduzierbarkeit grundsätzlich scheitert. Donald Davidson hat mit seinem anomalen Monism (1970) versucht, die Reduzierbarkeit (ein Stück weit, denn das 1:1 hat auch er aufgegeben) zu retten, wurde jedoch durch Kim desavouiert.
Über die Details streiten die Naivlinge aus der Analytischen Philosophie. Die Details sind hoffnungslos langweilig. Das einzige, was man verstehen muss, ist, dass sie diese Prinzipien trotz all ihrer Bemühungen nach wie vor nicht losgeworden sind. Sie berufen sich also auf die fromme Hoffnung, dass es ihnen eines Tages gelingen werde. Nun, das glaube, wer gläubig ist.
Wer an dieser Stelle aus den Reihen der analytischen Philosophie reflexartig ‚Aber Harry Frankfurt!‘ ruft: Frankfurt versuchte in den 1970ern, das Prinzip der alternativen Möglichkeiten (PAP) mit teils bizarren Gedankenexperimenten auszuhebeln. Diese sogenannten Frankfurt-Fälle kranken logisch jedoch daran, dass sie zumeist genau jenen Determinismus schon als Prämisse voraussetzen, den sie stützen sollen (unsere alte Freundin, die petitio principii).
Und Frankfurts Versuch, Freiheit stattdessen durch ‚Wünsche zweiter Ordnung‘ zu retten (ich bin frei, wenn ich wünsche, diesen bestimmten Wunsch zu haben), verschiebt die deterministische Kausalkette nur um eine linguistische Ebene nach oben. Das endet in einem infiniten Regress und macht den Menschen nicht freier, sondern verwandelt ihn lediglich in eine determinierte Matrjoschka-Puppe. Mehr Zeit müssen wir auf diese akademische Sackgasse meines Erachtens nicht verschwenden.
Außer man zeige mir, dass ein Frankfurt-Fall formal-logisch konstruierbar ist, der tatsächlich zeigt, was er zeigen soll, und nicht nur bereits voraussetzt, was er zeigen will.


