Das Zerbrechen der Wirklichkeit?
Vom Erschrecken über die Quantenmechanik und der Suche nach dem wahren Fundament der Welt: Notwendigkeit oder Agape.
Auch dieser Text ist ein Beitrag zur 14. Blog-Challenge von Margot Dimi, das Wortweib🖋️ zum Stichwort Wirklichkeit. Ich hatte noch mehr zu sagen. Dieser Text behandelt den gleichen Gedanken wie der erste, nur aus einer vollkommen anderen Perspektive. Er landet dennoch auch bei Ivan Illich. Was niemals schadet.
Gen Ende der Zwischenkriegszeit — auch wenn man zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen, wohl aber ahnen, vermuten, vorhersehen konnte, dass es das Ende einer Zwischenkriegszeit sein würde —, zwischen dem 25. März 1938 und dem Folgetag, verschwand der begnadete Physiker Ettore Majorana spurlos. Die Umstände dieses Verschwindens gaben damals Rätsel auf, die sich als unlösbar erwiesen.
Sciascias These: Majorana als Prophet und Verweigerer
Fast 40 Jahre und einen grässlichen Weltkrieg später versuchte der sizilianische Schriftsteller, Journalist und Politiker Leonardo Sciascia1 sich an einer Interpretation dieses Verschwindens.2
Sciascia ist bekannt dafür — so er denn bekannt ist, denn in Wahrheit ist er außerhalb Italiens ziemlich vergessen, aber ich habe mir sagen lassen, dass er in Italien den Status besitzt wie in Deutschland ein Friedrich Dürrenmatt oder Heinrich Böll —, die absolute Kälte der Institution und das Zermahlen des Individuums messerscharf analysiert zu haben. Er hat die Mafia als einer der ersten systemisch verstanden. Und er hat — so sagt man — den Anti-Krimi erfunden, bei dem der Ermittler anders als im klassischen Krimi an der unüberwindbaren Wand der Macht scheitert, die das Verbrechen durchaus zu schützen weiß, wenn es in ihrem Interesse liegt.
Sciascias Hintergrund erklärt seine Interpretation des Falles Majorana: Der 31-jährige extrem geniale Physiker, den sein älterer Kollege Enrico Fermi (nach ihm sind die Fermionen3 benannt und er hat am Manhattan-Projekt mitgearbeitet) auf den intellektuellen Rang eines Galilei oder Newton einschätzte,4 habe frühzeitig erkannt, dass die neuesten Entwicklungen in der Physik (Relativitätstheorie und Quantenmechanik) zur Entwicklung der Atombombe führen würde. Majorana habe außerdem erkannt, dass die reine, kalte Wissenschaft, die den Bau der Bombe ermöglichen würde, noch übertroffen würde von der kalten Algorithmik des modernen Staates und dass die Bombe also auch eiskalt eingesetzt werden würde.
Um sich dieser Entwicklung zu entziehen — um nicht mitzuspielen — habe sich Majorana entschlossen, zu verschwinden und sich in ein Kloster zurückzuziehen. Dies nicht öffentlich mitzuteilen, sondern ein ungelöstes Rätsel zu hinterlassen, sei Teil seines Entschlusses gewesen, sich der vollständigen Verfügbarkeit und staatlichen Kontrolle zu entziehen.
Dies sei, so Sciascia, aber in meinen Worten ausgedrückt, sozusagen der schmale Weg und die schmale Pforte des gerechten Weges gewesen, während ein Großteil der Physiker, allen voran Majoranas Kollege Fermi, sich dem staatlichen Apparat unterworfen und die Bombe gebaut hätten. Mit den bekannten Folgen.5
Physiker, vor allem die Schüler und Mitarbeiter Fermis, hassten das Buch und warfen ihm vor, anti-wissenschaftlich zu sein. Literaten und Philosophen, die sich als links und atomwaffenfeindlich sahen, liebten es: es entlarvte in ihren Augen den Mythos der wertfreien Wissenschaft, den ja auch Hans Jonas recht überzeugend desavouiert hat.
Das Buch ist noch heute sowohl auf Italienisch als auch auf Deutsch lieferbar, und der philosophische Kern ist mit den Debatten um KI aktueller denn je: Denn in dieser Branche arbeiten lauter geniale Menschen, die selbst Angst vor den Früchten ihrer Arbeit haben und es dennoch tun.6
Was bedeuten Majoranas widersprüchliche Briefe?
Unabhängig von dem philosophischen Gedankengang, den Sciascia mit Ettores Verschwinden verknüpft, ist seine Erklärung natürlich hochgradig spekulativ. Ettore selbst hatte mehrere Nachrichten hinterlassen, die sich widersprechen und das Rätsel eher vertiefen, denn zu erklären, was die Frage aufwirft, ob dies seinen Absichten entsprach.
An seinen Arbeitskollegen an der Universität von Neapel hatte er geschrieben:
“Lieber Carelli
ich habe einen Entschluss gefasst, der nunmehr unvermeidlich war. In ihm ist nicht das kleinste Körnchen Egoismus, doch bin ich mir der Unannehmlichkeiten bewusst, die mein plötzliches Verschwinden Dir und den Studenten verursachen wird. Auch das bitte ich Dich, mir zu verzeihen, vor allem aber, dass ich das Vertrauen, die aufrichtige Freundschaft und die Sympathie, die Du mir in den vergangenen Monaten entgegengebracht hast, enttäusche. Auch bitte ich Dich, mich bei denen, die ich in Deinem Institut kennen und schätzen gelernt habe, in Erinnerung zu bringen, besonders bei Sciuti. Sie alle werde auch in in lieber Erinnerung behalten, zumindest bis heute Abend elf Uhr, und möglicherweise darüber hinaus.”7
An seine Eltern wiederum schrieb er:
“Ich habe nur einen Wunsch: dass Ihr Euch nicht schwarz kleidet. Wenn Ihr euch dem Brauch beugen wollt, dann tragt, aber nicht länger als drei Tage, irgendein Zeichen der Trauer. Danach bewahrt, wenn Ihr könnt, die Erinnerung an mich in Euren Herzen und verzeiht mir.”
Nun könnte man meinen, dass insbesondere dieser zweite Brief doch nach einem geplanten Selbstmord klinge, was auch die Vermutung war, zu der die Polizei am Ende ihrer im Grunde ergebnislosen Ermittlungen kam. Allerdings hat Majoranas Familie einen Suizid als Erklärung nie akzeptiert. Zudem erhielt Carelli noch am 26. März ein Telegram mit dem Inhalt: “Sei unbesorgt. Brief folgt. Majorana.” Und dann auch tatsächlich noch einen letzten Brief:
“Lieber Carelli,
hoffentlich hast Du das Telegramm und den Brief zur gleichen Zeit erhalten. Das Meer hat mich zurückgewiesen, und ich werde morgen ins Hotel Bologna zurückkehren, vielleicht gemeinsam mit diesem Blatt Papier. Ich beabsichtige jedoch, mein Lehramt niederzulegen. Halte mich nicht für ein Ibsen’sches Mädchen, der Fall liegt anders. Für weitere Einzelheiten stehe ich Dir zur Verfügung.”
Allerdings tauchte er, anders als angekündigt, nicht wieder auf.
Zusammengefasst können wir festhalten, dass Majorana sein “plötzliches Verschwinden” ankündigte, dieses sei aber nicht egoistisch motiviert, und er werde seine Kollegen in “liebevoller Erinnerung” halten, “zumindest bis heute Abend 11 Uhr”, vielleicht aber auch darüber hinaus.
Seine Eltern bat er, nicht allzu sehr um ihn zu trauern. Und am nächsten Tag kündigte er seine baldige Rückkehr an, verbunden mit den beiden Hinweisen “das Meer hat mich zurückgewiesen” und “der Fall liegt anders” als beim “Ibsen’schen Mädchen”.8
Ich möchte folgende Interpretation dieser Briefe vorschlagen:
Ettore Majorana hatte beschlossen, zu verschwinden, warum auch immer. Vielleicht spielte er mit dem Gedanken, sich ins Meer zu werfen, wusste aber beim Schreiben des ersten Briefes noch nicht, ob er es tun würde. Er musste sich erst in die gefährliche Situation hineinbegeben um es herauszufinden. Er fand heraus, dass er es nicht tun wollte: “Das Meer hat mich zurückgewiesen.”
Vielleicht hatte er — das soll ja vorkommen — in dieser Situation dann eine Art Epiphanie, die ihm einen dritten Weg zeigte, den er nunmehr gehen wollte. Daraufhin kündigte er seine Rückkehr an. Allerdings kam es dann zu einem Unfall oder Vorfall, der ihn stattdessen verschwinden ließ. Zufälle gibt es.9
Aber das eben eingeschobene "warum auch immer” mag durchaus etwas mit den Entwicklungen der Physik zu tun gehabt haben. Sciascia protokolliert, seiner Schwester zufolge habe Ettore oft “voller Verbitterung” gesagt, die Physik sei “auf einem falschen Weg.”
Agambens Theorie: Majorana als Philosoph der Quantenmechanik
Gut weitere 40 Jahre später nahm sich der italienische Philosoph Giorgio Agamben der Sache an. Wie Sciascia ist Agamben ein Kritiker der Macht, allerdings setzt er deutlich fundamentaler an, so fundamental, wie es nur geht, nämlich gleich bei der Menschwerdung des Menschen, die in seiner Lesart eine Art erster Fehler, eine Ursünde, gewesen sei, aber das nur am Rande. Agamben liest sich brillant, aber manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er die Tendenz nicht unterdrückt kriegt, in seiner Brillanz vollkommen von der Erde abzuheben und keinen Bezug mehr zur Wirklichkeit zu behalten.
Agamben nimmt Sciascias Thesen wohlwollend zur Kenntnis und bescheinigt ihm, sorgfältig zu rekonstruieren. Allerdings lege die sorgfältige Lektüre eines Aufsatzes, den Ettore kurz vor seinem Verschwinden verfasste, eine Korrektur oder Ergänzung nahe: man könne nur spekulieren, ob Ettore die Atombombe vorhergesehen habe, sicher sei jedoch,
“dass er sich über die Konsequenzen einer [Quanten-]Mechanik, die jede nicht-probabilistische Auffassung der Wirklichkeit verwirft, völlig im Klaren war: Fortan versuchte die Wissenschaft nicht mehr, die Wirklichkeit zu erkennen, sondern beschränkte sich — wie die Statistik in den Sozialwissenschaften — darauf, in sie einzugreifen, sie zu regieren.”10
Agamben überlegt, ob Ettore nicht sein Verschwinden “zur exemplarischen Chiffre des Status des Realen im probabilistischen Universum der zeitgenössischen Physik” gemacht haben könnte. Denn wenn die Quantenmechanik die Übereinkunft der modernen Physik bedeute, dass “die [nicht-probabilistische, klassische] Wirklichkeit hinter die [eigentlich irreale] Wahrscheinlichkeit zurücktreten” müsse, könne sich, so Agambens Behauptung, “Wirklichkeit als solche nur noch behaupten, indem sie sich im Verschwinden dem Zugriff des Kalküls entzieht.” (S. 54)
Agamben scheint hier also anzunehmen, dass Ettore sich selbst zu einer Art Ready-Made11 gemacht habe, und zugleich die Metamorphose von einem Naturwissenschaftler zu einem Performance-Künstler durchlaufen sei.
Mir scheint das erst einmal eine gewagte These. Aber schauen wir uns Ettores Aufsatz einmal an. Vielleicht wird sie dann plausibler.
Majoranas letzter Aufsatz
“Die Bedeutung statistischer Gesetze in der Physik und in den Gesellschaftswissenschaften” — dies ist der etwas umständliche, aber durchaus gelungen deskriptive Titel dieses letzten Aufsatz.
Die Analogie von der Physik zur Sozialwissenschaft
Zusammengefasst beschreibt Ettore darin für ein Laienpublikum (also nicht-mathematisch) das klassische Verständnis statistischer Gesetze (wie die Gasgesetze) in der Physik als Heuristik (Faustregel). Könnte man die Ausgangsbedingungen genau genug erfassen, bräuchte man keine statistischen Gesetze, sondern könnte alles deterministisch-mechanisch ausrechnen.
Ein solches deterministisches Verständnis der statistischen Gesetze in der Physik lege per Analogie nahe, dass auch die statistischen Gesetze in den Gesellschaftswissenschaften heuristisch ein grundsätzlich determiniertes Verhalten angenähert erfassten.
Nun böte aber die fundamentale Nicht-Determiniertheit, also grundsätzlich statistische Gesetzmäßigkeit der Quantenmechanik eine alternative Analogie für die Gesellschaftswissenschaften an: dass nämlich auch dort ein nicht-determiniertes Verhalten unrettbar nur statistisch erfasst werden könne.
Die kryptischen letzten Sätze
Ettore endet mit den etwas kryptischen Sätzen:
“Trifft dies, wie wir annehmen, zu, erweitert sich der Aufgabenbereich der statistischen Gesetze der Gesellschaftswissenschaften: Sie haben nicht nur das Resultat einer Vielzahl unbekannter Ursachen empirisch festzustellen, sondern vor allem ein unmittelbares, konkretes Zeugnis von der Wirklichkeit zu geben. Dessen Interpretation erfordert eine besondere Kunst, die nicht die letzte Zuflucht der Regierungskunst bildet.” (S. 81)
Ich verstehe diese Sätze wie folgt:
Wenn die Gesellschaftswissenschaften Phänomene beschreiben, die nicht nur heuristisch, sondern fundamental als statistisch zu betrachten sind, also als nicht-determiniert und somit nicht vollkommen vorhersagbar, sondern teilweise Zufällen überlassen, dann beschreiben ihre Gesetze auch nicht mehr nur eine hilfreiche Abstraktion, sondern die nicht-determinierte gesellschaftliche Wirklichkeit selbst. (Was, wie ich es verstehe, eine enorme metaphysische Aufwertung dieser Wissenschaften bedeutete.)
Was der letzte Satz mit der letzten Zuflucht der Regierungskunst bedeuten soll, verstehe ich ehrlich gesagt nicht. Aber Agamben ist genau dieser Satz sehr wichtig in seinem Interpretationsansatz. Wir kommen darauf zurück.
Majoranas Charakterisierung der Quantenmechanik
Bevor wir uns diesen ansehen, möchte ich aber noch auf ein paar Besonderheiten in Ettores Aufsatz hinweisen.
Er charakterisiert die Quantenmechanik möglichst kurz und bündig durch zwei Merkmale, die revolutionäre Abweichungen von der klassischen Physik bedeuten: (1) auf der fundamentalen Ebene der Physik herrschen keine deterministischen, sondern nur statistischen Gesetze; und (2) ein physikalisches System lässt sich nicht beobachten, ohne dass die Beobachtung das System stört, also verändert (Heisenbergs Unbestimmtheitsprinzip12) — das bedeute einen “gewissen Mangel an Objektivität” (S. 77). Und dies sei “zweifelsohne beunruhigender, liegt unseren hergebrachten Anschauungen ferner als der bloße Mangel an Determinismus.” (S. 78)
Allerdings behauptet Ettore vorher, im ersten Abschnitt seines Aufsatzes, und mit einem durchaus nicht wohlwollenden Seitenhieb auf Georges Sorel,13 dass dessen Infragestellung der allgemeinen Determiniertheit der Natur aus pragmatischen Gründen eine ungerechtfertigte “Anmaßung” darstelle, die “das Ideal der Einheit der Wissenschaft” angreife, “das dem Fortschritt der Ideen erwiesenermaßen wirkungsvoller Antrieb war”, und daher nicht verworfen werden dürfe.
Zugleich schreibt Ettore aber, dass der “Determinismus, der der menschlichen Freiheit keinen Raum lässt und dazu nötigt, alle Lebenserscheinungen ob ihres offensichtlichen Finalismus für illusorisch zu halten” eine “echte Schwachstelle” habe: “den unmittelbaren, unaufhebbaren Widerspruch mit den gewissesten Daten unseres Bewusstseins.” (S. 62)
— dies erklärt Ettore aber nicht weiter, sondern schreibt wiederum ein paar Seiten später: “dass die nicht vollzogene Versöhnung unserer widerstreitenden Naturvorstellungen schon lange auf dem modernen Denken und seinen moralischen Werten lastet.” Und hier impliziert er, dass die Quantenmechanik die Möglichkeit einer solchen “Versöhnung” bietet, und darum “mehr” sei als “eine wissenschaftliche Kuriosität.” Sie tangiert ganz fundamental unser Weltbild, unsere Metaphysik.
All dies legt nahe, dass sich Ettore von der Quantenmechanik zwar auf etwas unbestimmte Weise “beunruhigt” fühlt, sich aber doch von ihr eine “Versöhnung” von Mensch und Welt erhofft, dahingehend, dass der Mensch als freies und moralisches Wesen wieder Platz in einer nicht mehr als vollständig determiniert und mechanisch aufgefassten Welt findet, ohne dabei die “Einheit der Wissenschaft” zu gefährden. Mit anderen Worten, Ettore scheint mir hier vorsichtig optimistisch.
Die Phänomene als Befehlsempfänger
Agamben sieht das anders. Ihm zufolge muss man die Wortwahl an zwei Textstellen besonders ernst nehmen, denn durch sie kippe dieses vorsichtig optimistische Bild in sein Gegenteil:
Die erste Stelle ist Ettores Beschreibung dessen, was ein Wissenschaftler nach dem quantenmechanischen Verständnis eigentlich tut, wenn er experimentiert. Der entscheidende Satz sei dieser:
“Es bedarf also lediglich gewöhnlicher Laborgeräte, um eine komplexe und spektakuläre Kette von Phänomenen einzurichten, die vom zufälligen Zerfall eines einzelnen radioaktiven Atoms befohlen wird.” (S. 18/80f.)
Dies kann — und wurde — als Hinweis auf die Möglichkeit der Kernspaltung und damit die Atombombe interpretiert werden. Wichtiger, so Agamben, sei aber, was das Wort befehlen hier eigentlich meine: der “ausschließlich probabilistische Charakter der fraglichen Phänomene” in Kombination mit Heisenbergs Unbestimmtheitsprinzip legitimiere die instrumentalisierende “Intervention des Experimentators als unvermeidlich” (S. 19).
Wenn es sowieso und prinzipiell nicht mehr um die ungestörte Beobachtung und Erfassung der Phänomene gehen könne, bleibe die Instrumentalisierung und Beherrschung der Phänomene als einziges Ziel übrig. Und das sei das Erschreckende an der Quantenmechanik!
Am Baum der Wissenschaft, um mit einem Bild zu sprechen, dass ich von Mattias Desmet habe, seien zwei Äste gewachsen, der “gute”, der die Natur erforschen wolle, und der “schlechte”, der sie beherrschen und ausbeuten wolle. Die Quantenmechanik stelle das Bestreben des “guten” als illusionär dar, damit gewinne der “schlechte” endgültig die Herrschaft über das menschliche Unterfangen namens Naturwissenschaft.
“nicht die letzte Zuflucht der Regierungskunst”
Noch dramatischer macht sich diese Bifurkation aus, wenn wir sie nicht mehr nur auf die Natur anwenden, sondern auf die Gesellschaft. Denn auch hier geht es — und ging es — nie um die reine Beschreibung des Gegenstands, sondern natürlich — mit Foucault et al. — um die Beherrschung und Kontrolle sozialer Phänomene (was Foucault Biopolitik nennen sollte).
Das, so Agamben, meine Ettores letzter “scheinbar rätselhafter Satz”:
“Dessen Interpretation erfordert eine besondere Kunst, die nicht die letzte Zuflucht der Regierungskunst bildet.” (S. 20/81)
Was jedoch noch nicht den Satz in seiner seltsamen Wortstellung erklärt. Eine wirkliche Erklärung bleibt uns Agamben schuldig. Vielleicht, so meine Spekulation, wollte Ettore damit andeuten, dass dies nicht der letzte Schritt in die falsche Richtung gewesen sein wird, nicht die letzte Zuflucht, sondern dass es noch schlimmer kommen wird?
Das Unbehagen des Wirklichkeitsverlusts
Agamben zieht im Weiteren noch eine Parallele zu Gedanken, die die faszinierende Simone Weil im 1941 zu Papier brachte, als sie sich mit Heisenbergs Unbestimmtheitsprinzip befasste, also ein Jahr bevor Ettores Aufsatz posthum und inmitten der Wirren des 2. Weltkriegs erschien.
(1942 erschien im Übrigen auch Isaac Asimovs erste Erzählung aus dem Foundation Zyklus,14 in der es um die (fiktive) Psychohistorik Hari Seldons ging: der Möglichkeit, statistisch aber bei großen Menschenmengen äußerst akkurat das soziale Geschehen vorherzusagen. Seldon wendet diese Psychohistorik auf das intergalaktische Imperium an und berechnet, dass es zu einem 30.000 Jahre andauernden dunklen Zeitalter kommen wird, das er mit seinem Plan aber auf “nur” 1000 Jahre verkürzen will. Aber auch bei Asimov erscheint mit dem Mule ein Individuum, das den statistisch vorhergesehenen Plan durcheinanderbringen kann! Asimov beschrieb im Fiktiven also genau das Thema, das hier abgehandelt wird.)
Simone Weil jedenfalls schrieb in La science et nous, die Wissenschaft sei uns zu Beginn des 20. Jahrhunderts, “ohne dass wir es bemerkt hätten” “abhandengekommen” — jedenfalls das Projekt, das wir 400 Jahre lang unter diesem Namen betrieben hätten. Was es ersetzt hätte, sei “ewas radikal anderes, was genau, wissen wir nicht.” (S. 21)
Energie und Entropie
Die klassische Naturwissenschaft basiere auf dem Begriff der Energie, diese auf der Erfahrung menschlich-körperlicher Arbeit: “Wenn ich eine Arbeit verrichten will, wie zum Beispiel einen Körper von einem Ort zu einem anderen zu bewegen, muss ich eine bestimmte Menge an Energie aufwenden” (S. 21) — ergänzt sei dieser Begriff der Energie noch durch den der Entropie, die einen Zeitpfeil festlege. Auch dieser Begriff bezieht sich auf unsere alltägliche Erfahrung: ein kaputter Gegenstand wird nicht von alleine wieder ganz.
(Wir erinnern uns dunkel, Entropie bezeichnet den Ordnungszustand eines Systems: je höher die Entropie, desto chaotischer das System. Und Entropie nimmt in einem geschlossenen System immer nur zu. Sollte das Universum ein solches geschlossenes System sein (was ich bezweifle), liefe dies auf den Wärmetod (maximale Entropie) hinaus, den die klassische Physik auch für eine weit entfernt liegende Zukunft prophezeite.)
Was die Quantenmechanik nun vollbracht hätte, so Weil, sei eine Reduktion: “Man nahm [der Wissenschaft] die Analogie zwischen den Naturgesetzen und den Bedingungen der Arbeit, das heißt das Prinzip selbst” (S. 24).
Wahrscheinlichkeit und Zufall, absurde Monstren
Die Diskontinuität die Planck mit seinen Energiequanten eingeführt habe, lasse “das Atom zum Vorschein kommen”, und das “mit seinem unzertrennlichen Gefolge, dem Zufall und der Wahrscheinlichkeit.” Sodann behauptet Weil, dass nicht die Empirie die Einführung von Wahrscheinlichkeiten in die Physik nahelege, sondern andersherum die Wahrscheinlichkeitsrechnung den Blick auf die Empirie (bei Planck) belegt hätte.
Der Begriff der Wahrscheinlichkeit hängt eng zusammen mit dem des Zufalls und zugleich mit der Erfahrung des Glücksspiels (Würfelspiel). “Der Zufall wird oft missverstanden”, schreibt Weil. Für sie steht der Begriff nicht im Gegensatz zur Notwendigkeit, sondern bedeutet (ganz aristotelisch?) eine von zwei Sachen:
dass entweder die Ursachen für ein Geschehen nicht bekannt sind (wie bei einem Würfelwurf, der deterministisch verstanden werden kann, aber eben aus technischen Gründen nicht vorherssagbar);
oder dass etwas geschieht, ohne intendiert zu sein: Aristoteles klassisches Beispiel ist, dass ein Mann seinem Schuldner begegnet und von ihm seine Schulden zurückgezahlt kriegt, ohne dies intendiert zu haben. Dies sei dann eine zufällige Begegnung.
In diesem Sinne seien Zufall und Wahrscheinlichkeiten unproblematisch, weil lediglich heuristischer Natur und mit einer tieferliegenden Notwendigkeit verbunden, ja von dieser geradezu überhaupt erst ermöglicht.
Diese Begriffe nun von einer tieferliegenden Notwendigkeit abzutrennen, und sie zu fundamentalen Kategorien der Realität zu machen, sei aber absurd, ja solche Begriffe seien echte Monster, weil sie uns den Boden unter den Füßen wegziehen, zumindest ist das Weils Ansicht:
“Um uns bemerken zu lassen, welch reinigende Wirkung vom Schauspiel und von der Erfahrung der Notwendigkeit ausgeht, reichen einige wenige wunderbare Lukrez’sche Verse15 hin. Das überstandene Unglück ist eine Reinigung dieser Art. Und genauso ist die klassische Wissenschaft, wenn man sie recht gebraucht, eine Reinigung, da sie versucht, in allen Erscheinungen die unerbittliche Notwendigkeit zu erkennen, die die Welt zu einer Welt macht, in der wir nicht zählen, zu einer Welt, in der man arbeitet, zu einer Welt, die dem Wunsch, dem Streben und dem Guten gegenüber gleichgültig ist — eine Wissenschaft, die jene Sonne studiert, die unterschiedslos über Bösen und Guten aufgeht.” (S. 30f.)
Und ja, Weil empfindet es als wichtig in seiner reinigenden Wirkung, die Welt als interesselos und gleichgültig wahrzunehmen — das hat etwas mit ihrer christlichen Mystik zu tun, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. (Nur die Erfahrung der Schwere (Schwerkraft) macht die der Gnade möglich, glaubt Weil.)
Das Unbehagen der Physiker
Das Unbehagen Weils und das Gefühl, dass Zufall und Wahrscheinlichkeiten keine fundamentalen Kategorien der Welt sein dürfen, wenn Wissenschaft möglich sein soll, teilten viele Physiker. Einstein beispielsweise war äußerst unglücklich mit diesem Stand der Dinge und suchte in seinen letzten Jahren verzweifelt nach einer Lösung, die klassischen Notwendigkeiten wiederherzustellen.
Dem zugrunde liegt ein ontologisches Problem: Darf man “das Wahrscheinliche als etwas Existierendes” ansehen, oder aristotelisch formuliert: Ist es möglich, dass das bloß Mögliche (dynamis, potentia) realer ist als das Wirkliche (energeia, actus)?
Aristoteles sah beides als real an, aber dem Wirklichen gab er den Vorrang. Agamben schlägt an anderer Stelle (in seinem Homo Sacer Projekt) vor, dass dies ein Grundproblem der westlichen Metaphysik sei. In dieser Abhandlung jedoch interpretiert er Ettores Verschwinden als Aufbegehren gegen ebendiese Hervorhebung des bloß Möglichen (der Wahrscheinlichkeiten) gegenüber dem Wirklichen. Damit schließt er sich und Ettore an Weils Ablehnung des Indeterminismus an.
Ich bin nicht sicher, ob er sich da nicht schlicht irrt. Zumindest was Ettore angeht. Denn wie ich oben dargelegt habe, scheint dieser den Indeterminismus nicht nur nicht abzulehnen, er scheint ihn für korrekt zu halten und damit auch eine gewisse Hoffnung zu verbinden.
Skylla und Charybdis
Interessanterweise kann man das alles nämlich auch genau anders herum sehen: Die Überwindung des Determinismus durch die Quantenmechanik kann auch als grundsätzliche Absage an das moderne Projekt der vollständigen Beherrschung der Natur wie des Menschen gesehen werden. Und insofern als Befreiungsschlag.
Wenn Welt und Mensch aufgrund des quantenmechanischen Indeterminismus prinzipiell nicht vollständig erfass- und vorhersehbar sind, dann bleiben sie in diesem Sinne unverfügbar.
Der Indeterminismus rettet uns dann vor dem Albtraum der totalen Kontrolle.
Wer ist mein Nächster?
Für Simone Weil war die fundamentale Erfahrung des Menschen die physische (mechanische?) Arbeit. Und darum zerbrach für sie mit der Quantenmechanik der Zusammenhang zwischen der phänomenalen Lebenswelt und der physikalischen Realität.
Aber muss das die fundamentale Erfahrung des Menschen sein, die seine Wirklichkeit konstituiert?
Ich würde vorschlagen, dass eine ganz andere Erfahrung die fundamentale ist, und diese ist keine Erfahrung der Notwendigkeit, sondern der vollständigen Kontingenz, nämlich die Erfahrung der Begegnung mit anderen Menschen.
Wenn man etwas pathetisch sein will, kann man diese Begegnung gleich mit Ivan Illich in seiner Interpretation des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter denken.16 Bekanntermaßen erzählte Jesus Christus dieses Gleichnis als Antwort auf die an ihn gestellte Frage: Wer ist mein Nächster?
Und seine Antwort bedeutet: Mein Nächster ist nicht der Sippenverwandte, oder der Anbefohlene, sondern mein Nächster ist frei gewählt. Und das unterstreicht Jesus, indem er ihn einen Feind sein lässt. (Samariter und Juden waren verfeindet.)
“Indem er das tut”, sagt Illich, also indem der Samariter seinem Feind hilft und damit “eine Art von Verrat begeht”, “übt er eine Wahlfreiheit aus, deren radikale Neuartigkeit zumeist übersehen wurde.” (In den Flüssen nördlich der Zukunft, S. 75)
Und weiter:
“Mein Nächster ist der, den ich wähle, nicht der, den ich wählen muss. Wer mein Nächster sein sollte, lässt sich unmöglich durch Kategorien bestimmen.”
Es scheint mir evident, dass diese Grunderfahrung besser zum Indeterminismus passt, als zur klassischen Physik. Denn nach letzterer wäre ich ja doch gezwungen, mich so zu verhalten, wie es schon immer festgelegt war — ich könnte eben nicht frei wählen.
Notwendigkeit und Freiheit
Nun stimmt es aber, dass uns etwas abhanden kommt, wenn wir die Notwendigkeit aufgeben. Das Unbehagen einer Simone Weil oder eines Ettore Majurana ist ja nicht unbegründet. Es stimmt aber auch, dass die Notwendigkeit durch die Quantenmechanik gar nicht aufgehoben wird, sondern lediglich ihrer Absolutheit beraubt.
Wir könnten hier mit dem antiken Bild von der Skylla und dem Charybdis arbeiten: in der Odyssee muss Odysseus entscheiden, welchen Weg er mit seinem Schiff und seiner Mannschaft wählen will: Vorbei an dem Ungeheuer Skylla mit ihren sechs Köpfen, von denen jeder einen aus seiner Mannschaft fressen wird? Oder stattdessen vorbei am Meeresstrudel Charybdis, die sein ganzes Schiff in die Tiefe ziehen kann.
Odysseus entscheidet sich bekanntlich für die Skylla und opfert so sechs seiner besten Männer. Ebenfalls bekannt ist, dass Odysseus schließlich aber schiffbrüchig und vollkommen alleine doch in der Charybdis landet. Und dass er sich von dort aber auch wieder retten kann.
Die Skylla ist der Determinismus. Die Charybdis ist der Indeterminismus. So meine Interpretation.
Was ich damit sagen will, ist Folgendes:
Ja, wir erleiden durch die Quantenmechanik einen Wirklichkeitsverlust. Aber was wir verloren haben, war — pace Weil und Agamben — sowieso nicht die wirkliche Wirklichkeit, sondern eine Scheinwirklichkeit, die ich an anderer Stelle Realität genannt habe. Und durch den Verlust dieser Realität hindurch können wir den überhängenden Feigenbaum erahnen, an dem wir uns aus diesem Mahlstrom erretten können, zurück in die Wirklichkeit, die unverfügbar, aber doch erlebbar ist.
Ein kurzes Wort zum Schluss:
Lass ein Like da, denn noch leben wir in der Wüste der quantitativen Realität.
Und vor allem – lass uns in den Kommentaren diskutieren: Determinismus oder Zufall, Fluch oder Segen? War Ettore ein Performance-Künstler? Sollten wir mehr Homer lesen? Wer ist dein Nächster?! Schreib es mir!
Sciascia (gesprochen: Schascha) ist durch und durch sizilianisch. Sciascia selbst war der Ansicht, dass sein Name sich vom arabischen shash herleite, was “das feine Tuch, das man benutzte, um einen Turban zu wickeln” bedeutet — also vielleicht die Berufsbezeichnung eines Stoffhändlers oder Webers, oder einfach ein Turbanträger. (Sizilien war ja vom 9. bis 11. Jahrhundert ein arabisches Emirat.)
La scomparsa di Majorana, Turin 1975. Auf Deutsch: Das Verschwinden des Ettore Majorana, Berlin 2003.
Ohne mit physikalischen Details langweilen zu wollen, von denen ich ja auch nur laienhafte Ahnung hätte, sind Fermionen die Teilchen (nach dem Standardmodell der Teilchenphysik), aus dem Materie besteht: Quarks, Elektronen, und ein paar exotischere Teilchen, die man nicht unbedingt kennen muss, von denen man aber vielleicht schon einmal gehört hat, wie den Neutrinos. Enrico Fermi ist also selbst ein Titan der Physik.
Vergleiche die Einschätzung Galileos durch den Wissenschaftshistoriker E. A. Burtt in The Metaphysical Foundations of Modern Science (1924): “Galileo must be regarded as one of the massive intellects of all time,” (S. 95) zu vergleichen nur mit Descartes und Newton. (Und dieses Lob gibt Burtt ab, obwohl es Ziel seiner Studie ist zu zeigen, inwiefern Galileo, Descartes und Newton für die metaphysische Verengung der Moderne auf die leb- und geistlose Materie in ihrer mathematisierten Abstraktion verantwortlich sind. Intellektuelle Größe schützt nun einmal nicht vor gedanklichen Fehlern, sondern hilft ganz im Gegenteil, diese gegen ihre Korrektur abzusichern.
Womit ich mich auf Hiroshima und Nagasaki beziehe, aber auch die teils vollkommen verantwortungslos veranstalteten Tests überall auf der Welt — und natürlich die MAD-Strategie des 20. und 21. Jahrhunderts.
2023 veröffentlichten hunderte der führenden KI-Köpfe (darunter die CEOs von OpenAI und DeepMind) ein Memorandum, in dem sie das "Risiko der Auslöschung durch KI" auf eine Stufe mit Atomkriegen und Pandemien stellten.
Allerdings treiben exakt diese Unternehmen die Entwicklung mit Milliardenbudgets voran.
Geoffrey Hinton, der "Pate der KI", der Google verließ, um vor seiner eigenen Erfindung zu warnen, formulierte das Dilemma in der New York Times so: "Ich tröste mich mit der normalen Ausrede: Wenn ich es nicht getan hätte, hätte es jemand anderes getan."
Alle Briefe Majoranas zitiert nach Giorgio Agamben, Was ist Wirklichkeit? Das Verschwinden des Ettore Majorana, Berlin 2020.
Mit letzterem ist wohl Nora aus Nora oder Ein Puppenheim gemeint. Nora verlässt in diesem Stück ihren Mann, mit dem sie in einer Scheinidylle gelebt hatte: sie müsse ein eigenständiger Mensch werden, ehe sie Ehefrau und Mutter sein könne.
Eine ähnliche Konstellation beschreibt der Thriller Der zweite Schöpfer von Michael Marshall: Dort hatten die Eltern des Protagonisten vor, ihren Tod vorzutäuschen und unterzutauchen, und schrieben zur Beruhigung ihrem Sohn eine Nachricht: Wir sind nicht tot. Allerdings waren sie ermordet worden, bevor sie ihren Plan in die Tat umsetzen konnten und waren mithin doch tot, mausetot, so tot wie es geht. Spannende Geschichte!
Alle folgenden Zitate nach: Giorgio Agamben, Was ist Wirklichkeit? Das Verschwinden des Ettore Majorana, Berlin 2020. Hier: S. 20f.
Das Ready-Made ist eine Kunstform, die Marcel Duchamp erfunden hat. Ein normaler Gebrauchsgegenstand wird seiner eigentlichen Bestimmung entzogen (und damit nutzlos gemacht, entfunktionalisiert) und stattdessen als Kunstobjekt ausgestellt. Besonders berühmt ist Duchamps Pissoir, eine Toilettenschüssel. Besonders poetisch ist ein Buch, das an eine Wäscheleine gehängt und somit den Unbilden des Wetters ausgesetzt wird, wie von Bolano in 2666 (dem Teil von Amalfitano) dargestellt.
Majorana hat sich seiner Funktion als Physiker entzogen, und sein Verschwinden interpretiert Agamben ja als Anwesenheit (Ausstellung) seiner Abwesenheit.
Im Deutschen ist die Bezeichnung Unschärferelation gebräuchlicher.
Georges Sorel (1847-1922) war ein Philosoph und Soziologe, der sich durch seinen Hass auf die parlamentarische Demokratie und seine Befürwortung von Gewalt einen Namen machte. Das ist mir nicht sonderlich sympathisch, aber darüber hinaus war er ein großer Befürworter der Willensfreiheit und daher ein vehementer Gegner des physikalischen Determinismus. (Was ihn zu einem Verbündeten macht.)
In seinem Spätwerk De l'utilité du pragmatisme, auf das Majorana sich bezieht, unterscheidet Sorel zwischen der “künstlichen Natur”, die im Experiment vom Experimentator hergestellt wird, und der “wirklichen Natur”, also der freien Wildbahn. Nur für die künstliche Natur ließe sich die Determiniertheit isolieren, nicht für die wirkliche Welt. Sorel bezieht sich explizit auf William James’ Pragmatismus (und James vertrat ja auch eine kluge libertäre Position) und folgt hier einem ähnlichen Gedanken wie Heidegger in seiner Technikkritik oder der Methodische Kulturalismus mit seinem Beharren darauf, dass die Naturwissenschaften gar nicht (mehr) die Natur beobachten, sondern technische Apparate (im Labor) mithilfe von weiteren technischen Apparaten.
Vor kurzem GRAUENHAFT verfilmt. Schaut es euch nicht an. Lest die Bücher. Thank me later.
Weil bezieht sich auf Lukrez’ berühmtes Lehrgedicht De rerum natura. Dort beschreibt Lukrez eine epikureische atomistisch-deterministische Weltsicht, die er als tröstlich darstellt, weil wir keine Angst vor launischen Göttern oder Schicksalsschlägen zu haben brauchen, wenn alles nach ehernen Gesetzmäßigkeiten abläuft. So schreibt Lukrez bspw.:
„Suave, mari magno turbantibus aequora ventis,
e terra magnum alterius spectare laborem.“
(Süß ist es, wenn auf dem großen Meer die Winde das Wasser aufwühlen,
vom sicheren Land aus die große Not eines anderen zu betrachten.)
Ob man das so wunderbar empfinden muss, wie Weil es tat, sei dahingestellt. (Wobei Lukrez selbst sich beeilt, zu erklären, dass es nicht aus Schadenfreude süß sei, sondern aufgrund der Dankbarkeit, selbst nicht in Not zu sein, aber dennoch…)
Und entgegen der christlichen Tradition einer Schöpfung der Welt aus dem Nichts:
„Nullam rem e nihilo gigni divinitus unquam.“
(Nichts entsteht jemals aus dem Nichts durch göttliche Macht.)
Illich fasst das Gleichnis wie folgt zusammen: “Ein Mann, sagt Jesus, ging von Jerusalem nach Jericho und fiel unter die Räuber, sie zogen ihn aus, schlugen ihn und ließen ihn halb tot im Straßengraben liegen. ein Priester kam vorbei und dann ein Levit, Männer, die zum Tempel und den anerkannten Opferzeremonien der Gemeinde gehörten, und beide gingen — “auf der anderen Seite” — an ihm vorüber. Dann kam ein Samariter, ein Mensch, den die Zuhörer Jesu als Feind angesehen hätten, ein verachteter Außenseiter aus dem nördlichen Königreich Israels, einer, der nicht im Tempel huldigte. Und dieser Samariter nun wendet sich dem Verwundeten zu, hebt ihn auf, nimmt ihn in seine Arme, verbindet seine Wunden und bringt ihn in eine Herberge, wo er für seine Genesung zahlt.” (In den Flüssen nördlich der Zukunft, S. 74)










danke, jetzt bin ich wach :) und fasziniert von den vielfältigen versuchen des menschen, dem zufall eine gesetzmäßigkeit überstülpen zu wollen... und von Simone Weil, die sich (darf man das so sagen?) in einem spirituellen wahn zu tode hungerte, statt ihren körper zu heilen. ein nachdenklicher start in die osterwoche liegt vor mir.