Warum hat man sich nicht erhängt?
Max Frisch über Ehe, Eifersucht, Altern – und Christopher Nolan über gar nichts davon

“Dein Name ist Lebowski, Lebowski! Und Bonnie ist deine Frau.”
(The Big Lebowski)
Geschichten in einem Buch — oder Film, womit ich mich auf die “Odyssee”1 von Christopher Nolan beziehe — sind immer konstruiert, sollten dies in der Regel aber geschickt kaschieren, was nicht immer gelingt, womit ich mich erneut auf die “Odyssee” von Christopher Nolan beziehe, sodass sie sich anfühlen, als hätten sie den Ring of Truth, wie Sam Shepard es in True West — einem wirklich genialen Stück — den Bruder des Protagonisten über sein eigenes Filmskript behaupten lässt, d.h. eigentlich ist es nur die Idee zu einem Filmskript, die den Agenten des Protagonisten aber überzeugt, den Bruder unter Vertrag zu nehmen — der, spoiler alert, insgesamt eher als nerviger motherfucker rüberkommt, ähnlich wie auch Telemachos, erneut spoiler alert, in der “Adaption” der Odyssee für den Film von, ihr ahnt es, Christopher Nolan, anders als im Original, in dem Telemachos ein durchaus unnerviger, stattdessen sympathischer Charakter ist, der weiß, was sich gehört und dieses dann auch umsetzt, anders als, das dürfte mittlerweile klar geworden sein, Christopher Nolan in seinem aktuellsten Film, in my humble opinion.2
Alles nur Spiel, aber kein bisschen verspielt
Max Frisch wählt in Mein Name sei Gantenbein, worauf ich kürzlich schon hinwies, den gegenteiligen Ansatz und konstruiert die ganze Geschichte um die Aussage herum, dass sie konstruiert ist. Er stelle es sich nur vor, betont er gefühlt ein Duzend Mal auf den ca. 300 Seiten. Die Konstellation, die Frisch dabei wählt, legt ihn auf das Thema Eifersucht fest. Es geht nämlich um das Gelingen und Misslingen, vor allem das Misslingen, einer Ehe aufgrund von Langeweile, Untreue und Misstrauen.
Der namengebende Gantenbein, eigentlich ja nur erfunden, also nicht real, aber was ist schon real, oder anders, was ist der Unterschied zu Harry Potter, der ja auch nicht real ist?, jedenfalls stellt er sich blind, und aufgrund seiner simulierten Blindheit, von der er nicht weiß, ob sie ihm eigentlich wirklich abgekauft wird, oder ob die anderen nur mitspielen aufgrund des Krankheitsgewinns sozusagen, erobert er die Schauspielerin Lila für sich und sie sind glücklich, weil er blind ist und somit ihre vielen Seitensprünge nicht sehen kann. Dass er sie aber ja gerade doch sehen kann, ist das Spannungsfeld, dass diese Konstellation zu zerreißen droht.
Nebenbei erfindet sich der Erzähler noch eine zweite Männerfigur, Enderlin, sozusagen als Gegenentwurf, der möglicherweise ebenfalls, parallel und alternativ, eine Beziehung zu Lila hat, oder auch eigentlich derselbe ist wie Gantenbein, und vielleicht auch derselbe wie der Erzähler, der möglicherweise Frisch selbst ist, oder ihn zumindest spielt, in seinen eigenen verfahren-verworrenen Beziehungen mit Frauen, zum Beispiel Ingeborg Bachmann.3
Das Ganze beginnt etwas quälend langsam und funktioniert in der Mitte dann erstaunlich gut. Nur nach 200 Seiten scheint Frisch selbst die Lust zu verlassen an seinen Charakteren, er gibt — vielleicht inspiriert von Samuel Beckett — den Charakter Enderlin auf, er will Lilas Beruf von einer Schauspielerin zur Wissenschaftlerin wechseln, oder doch lieber zur Hausfrau, nur um sie dann doch Schauspielerin sein zu lassen. Das könnte pointiert wirken,4 scheint mir dafür aber nicht humorvoll genug — oder überhaupt mit Humor — umgesetzt. In Frisch steckt scheinbar kein Krishna, der seine Streiche und Witzchen mit den Sterblichen spielt, sondern mehr das Proust’sche Pferd, das leidet:
“Ich bin blind. Ich weiß es nicht immer, aber manchmal. Dann wieder zweifle ich, ob die Geschichten, die ich mir vorstellen kann, nicht doch mein Leben sind. Ich glaub’s nicht. Ich kann nicht glauben, dass das, was ich sehe, schon der Lauf der Welt ist.” (S. 314)
Wissen. Zweifeln. Leiden am Wissen, wie auch am Zweifeln. Das mag uns an das zwei Generationen später erschienene Spätwerk Mein Jenseits von Martin Walser erinnern, das ich durchaus deutlich zur Lektüre empfehlen kann und das deutlich kürzer ist, wenn auch nicht groß humorvoller:
„Du kommst dem Unerklärlichen nicht näher. Durch nichts. Das Unerklärliche bleibt verschlossen. Es macht dir auch kein bisschen Hoffnung. Trotzdem hoffst du ununterbrochen, dass du erfährst, was du erfahren musst. Du könntest, wenn das Unerklärliche so unerklärlich bliebe, wie es jetzt ist, nicht leben. Mit dem Unerklärlichen kann man nur leben, weil man auf die Erklärung hofft.
Als der Gefolterte sagte: Ich will nicht mehr, lachten die Folterer. Nicht alle lachten. Einige machten Gesichter, als machten sie sich Gedanken. Es war noch nie so wichtig, sagten die, die sich Gedanken machten, dass wir den Kontakt mit dem, den wir foltern, nicht verlieren. Er war sofort bereit, sich weiter foltern zu lassen. Lustig war das nicht, aber er wollte es auf sich nehmen. Als sie wieder anfingen, schon als sie die Geräte ansetzten, sagte er sofort: Ich will nicht mehr. Ach so, sagten die, dann brechen wir ab. Nein, schrie der Gefolterte, bitte nicht!
Mein Gott, sagten jetzt alle, die um ihn herumstanden, du bist wirklich ein Luxustyp.“
(S. 118f.; dies sind die letzten Zeilen)
Betrachtungen zu Ehe, Liebe, Eifersucht und Altern
Da ich die Lektüre des Gantenbein insofern auch nicht empfehlen kann, seien ein paar durchaus gelungene Szenen und Gedanken daraus hier dargestellt, damit es auch niemand mehr lesen muss.5 (Wenn Roberto Bolaño etwas spöttisch bemerkt, dass man ja keinen Roman lesen müsse, der als Film, gar als Musical zu sehen ist — bezüglich Les Miserables —, könnte ich parallel dazu sagen, dass man keinen Roman lesen muss, über den ich einen Artikel geschrieben habe, außer natürlich Bolaños eigene Bücher, mit denen man niemals fertig wird, egal was man über sie schreibt oder liest.)
1. Das Geheimnis einer guten Ehe
“Wenn Lila wüsste, dass ich sehe, sie würde zweifeln an meiner Liebe, und es wäre die Hölle, ein Mann und ein Weib, aber kein Paar; erst das Geheimnis, das ein Mann und ein Weib voreinander hüten, macht sie zum Paar. … Was ich sehe und was ich nicht sehe, ist eine Frage des Takts. Vielleicht ist die Ehe überhaupt nur eine Frage des Takts.” (S. 103-5)
Mir scheint das eine durchaus interessante Fragestellung zu sein. Wie viel Nähe (Offenheit), wie viel Distanz (Geheimnis) braucht eine gelungene Beziehung zwischen zwei Menschen (wenn wir mal von der Ehe und der Liebschaft allgemein abstrahieren, können wir zugleich auch über alle anderen möglichen Formen von Beziehungen nachdenken, zum Beispiel ja auch über Substack-Beziehungen, bei denen man, wie auch im Rest des Internets, mit Menschen interagiert und schreibt und vielleicht nicht nur eine gute Zeit hat, sondern sogar so etwas wie seelische Prozesse gemeinsam vollführt, und sich “kennenlernt”, obwohl man sich nicht kennt und vielleicht im wahren Leben auch weder kennen könnte noch wollte)?
Wenn wir davon ausgehen, dass alle Menschen eigentlich super nervige Bedürfnisbündel sind, was wir aus einer gewissen Perspektive ja auch notwendigerweise sind, dann ist die Perspektive durchaus berechtigt, dass wir, um einen anderen Menschen überhaupt irgendwie gut finden zu können, einen Großteil dieses Menschen ausblenden müssen. Helmut Schmidt hat diesen Gedanken übrigens auch bezüglich politischer Vorbilder vertreten: Man müsse ihre Schwächen ignorieren und ausblenden, um andere Politiker bewundern zu können.6
Dieser Gedanke muss durchaus nicht so unromantisch sein, wie er sich vielleicht im ersten Moment anfühlt:
Ich finde dich toll, weil ich beschließe, dass ich mich auf deine tollen Eigenschaften konzentriere, auch wenn das manchmal ein gehöriger Aufwand ist, denn in Wahrheit bist du wie alle Menschen (und wie Telemachos bei Christopher Nolan) ein nerviger Motherfucker — wie ich selbst ja auch. Ich bin bereit, diesen Aufwand zu betreiben. Du auch? Kussi
Aus dem reinen Geworfensein in eine irrationale und kurzlebige Vernarrtheit, nicht in einen anderen Menschen, sondern das illusionäre Bild, das man sich aus welchen Gründen auch immer von diesem Menschen rein subjektiv gemacht hat (landläufig als Verliebtheit bekannt), wird ein Willensbeschluss, diesen anderen Menschen nicht nur hinzunehmen, sondern aktiv zur idealen Version seiner selbst zu objektivieren.
Sozusagen: Man liebt einen anderen Menschen nicht für das, was er ist, denn das ist gar nicht möglich, sondern für das, was er im besten Sinne sein könnte.
Vielleicht ist es so.7
2. “Eros als Allmend”
Wie auch Bertrand Russell in Marriage and Morals interessiert sich der Erzähler, oder vielleicht auch nur seine Figuren, für die in manchen Naturvölkern und unter manchen Hippies praktizierten Alternativen zur Eifersucht. So berichtet jemand, in “Afrika” (aber wo dort genauer, frage für Adichie, die sich zu Recht drüber aufregt?), gebe es ein solches Naturvolk:
“wo durch Los bestimmt wird, welcher Mann zu welcher Frau gehört und zwar so, dass er für diese Frau zu sorgen hat, wenn sie jung und gesund ist, wenn sie krank ist, wenn sie Kinder bekommt, wenn sie altert; im übrigen aber paaren sich alle mit allen. Und es soll … das friedsamste Volk sein … Eros als Allmend, wie es der Natur entspricht, Geschlecht und Person unterstehen nicht dem gleichen Gesetz” (S. 192)
Keine Eifersucht, keine Streitereien wegen Frauen.8 Da bekanntlich aber nichts vollkommen ist, kommt es auch bei diesem Volk doch zu Diebstählen, die immer mit dem Tod bestraft werden:
“Todesart je nach Wert des gestohlenen Gegenstandes. Ein schlichter Tod, Schnitt in die Halsschlagader, erwartet den Dieb von Hausgerät. Schon der Dieb von Schmuck … wird zwischen zwei Palmen gebunden, bis der nächste Wind, indem er die beiden Palmen hin und her wiegt und biegt, seinen diebischen Körper (!) zerreißt. Ein Dieb von Pfeilen … wird entmannt (!), dann lebendig begraben. Diebinnen werden von ihrem Mann verbrannt.”9
Kein guter Ort für Kleptomanen, muss man sagen. Und natürlich auch nicht für die modernen Bestreiter der Realität von Mann und Frau. Naturvölker sind aber natürlich so gut wie nie sonderlich liberal, weil sie es sich auch gar nicht leisten könnten. Liberalität ist ein Luxusgut der Moderne. Gesellschaften, die keine Infrastruktur für Gefängnisse besitzen (und man könnte fragen, ob auch die Ehe ein solches infrastrukturelles Gefängnis ist oder sein könnte), können ja zur Strafe nur Scham, Verbannung, oder “die Karte umdekorieren” nutzen.
Aber wenn die Ehe ein Gefängnis wäre, wäre dann nicht auch die Ehelosigkeit eines? Ist das Gras nicht immer grüner auf der anderen Seite? Zumindest für die Befolger einer Sklavenmoral im Sinne Nietzsches, der uns empfehlen würde, vermutlich, dem Rabbi aus Lucky Numer Slevin darin zu folgen zu sagen:
“Ich lebe auf beiden Seiten des Zaunes. Mein Gras ist immer grün.”
3. Altern in Würde
In einer Passage in der Mitte des Buches ist Enderlin 42 Jahre alt, aber “derselbe geblieben” — Nur: er verträgt den Alkohol nicht mehr, “so weit ist es schon”, er fühlt sich “noch”, d.h. eigentlich schon nicht mehr “sozusagen jung”, er
“schenkt Schmuck, wenn er liebt. Darauf wäre er früher nicht gekommen. Beim Juwelier, wenn er aufschaut von den Ringen und Perlen, erschrickt er: es sind lauter ältere Herren, die Schmuck schenken.” (S. 157)
Tja. Als Mann einer Frau, die grundsätzlich nicht gerne Schmuck trägt — wobei es natürlich wie immer bei Frauen oder auch Menschen allgemein komplizierter ist als das —, war ich nur einmal beim Juwelier, um einen Verlobungsring zu kaufen, den sie dann irgendwann nicht mehr tragen, sondern verkaufen wollte, was ich nicht zugelassen habe, also das Verkaufen, das Nicht-Tragen natürlich schon, mir doch egal, die Eheringe haben wir tätowiert.
(Ich selbst trage übrigens gerne Schmuck und ich würde auch gerne Kleider oder zumindest Röcke tragen und so und all die schönen Dinge, die in Europa Frauen und Schotten vorbehalten sind, zumindest traditionell, insofern wäre ich ein idealer Cross-Dresser, wenn ich nicht zugleich als vollkommen männlich, ja sogar als Inbegriff des Männlichen durchgehen wollte. Wie gesagt, bei Menschen ist es immer irgendwie kompliziert. (Wobei nichts männlicher ist, als ein Schotte im Schottenrock mit natürlich nichts drunter. Hach, ich kannte mal einen Schotten, der war unglaublich attraktiv! Leider jung gestorben, womit ich den gewaltigen Schmerz nur andeuten kann, den ich damals empfunden habe.)
Aber eigentlich wollte ich auf die Horrorvision vom Altern hinaus, die Frisch hier auf drei Seiten entwirft: Der körperliche Verfall, kaschiert durch die größere Würde, vorerst, und vielleicht die Lebenserfahrung, die einen nicht gänzlich unattraktiv werden lässt für die Weiber, “und beruflich kommt die beste Zeit” — “noch ist es nicht soweit, dass er sich nach dem Mittagessen hinlegen muss” — Aber “es wird kommen, was er fürchtet: dass man ihm mit Respekt begegnet. Respekt vor seinen Jahren.” — “Sie werden immer jünger. Sie hören aus Höflichkeit zu und sagen immer seltener, was sie denken.” — “All dies wird kommen. Gewöhnt an die natürliche Zunahme der Sterbefälle in seinem Jahrgang und gewöhnt an gewisse Ehrungen, die seiner Vergangenheit gelten, ein Sechziger, dem man seine geistige Frische zu versichern beginnt” — — —
“Warum hat man sich nicht erhängt?” (S. 159)
Aus dieser deprimierenden Perspektive entsteht das Leben nicht, indem es vergeht, was vielleicht daran liegt, dass es aus dieser Perspektive nichts gibt, das dabei entstehen könnte, nämlich etwas von bleibendem Wert, von Ewigkeitswert.
Was uns noch einmal zu Nolans Film zurückbringen könnte. Da Nolan Odysseus sozusagen einen Dude aus dem 21. Jahrhundert sein lässt, wenn auch in einer fabulösen Welt, fällt ihm auch nichts besseres ein, als dass Odysseus mit seiner Ische (grandios gespielt, immerhin, also sie, nicht er) in den Sonnenuntergang segeln will, sozusagen ein klassischer, etwas spießigerer James Bond. (Was die Frage aufwirft, wie Telemachos Ithaka königlich führen soll, wenn er es nicht einmal mit den Freiern aufnehmen konnte? Nunja, künstlerische Freiheit vermute ich.) Dabei ging es Odysseus natürlich neben den Annehmlichkeiten dieses Lebens auch um seinen Nachruhm, wie ja übrigens auch Achilles, weshalb er überhaupt Teil des Schiffs, Teil der Crew wurde, statt ein langes, aber ereignisloses Leben zu führen.
Aber Max Frisch und das 20. Jahrhundert und erst Recht das 21. glauben nicht mehr an die Relevanz von Nachruhm:
When will all this have been… just play?
(Samuel Beckett)
Früher wusste man — aus der heutigen Sicht interpretiert als: glaubte man (fälschlicherweise) —, dass es durchaus nicht egal sein wird, wie man gelebt haben wird, und ob man in Erinnerung bleibt oder vergessen wird. Man wusste, dass die Toten mit den Lebenden innigst verbunden bleiben und beide darunter zu leiden haben werden, wenn im Leben die wichtigen Dinge versäumt wurden, die Entscheidungen nicht getroffen, die Werke nicht vollbracht, die Tage nicht gelebt.
Man hat seine Aufgaben, die es zu bejahen und zu meistern gilt. Es ist kindisch, nicht alt werden zu wollen. Es ist kindisch, nicht leiden zu wollen.
Darum hat man sich nicht erhängt.
“Das Unerklärliche bleibt verschlossen. Es macht dir auch kein bisschen Hoffnung. Trotzdem hoffst du ununterbrochen, dass du erfährst, was du erfahren musst.”
Das unvermeidliche Wort zum Schluss
Du bist anderer Meinung, z.B. bezüglich der Odyssee, in den Details oder ganz allgemein? Lass es mich in den Kommentaren wissen!
Lasst so oder so ein Like da, ich brauch’s, wir brauchen sie alle, wir [Schreiberlinge] sind ein lustiges, aber verschwenderisches Völkchen… (Die Ärzte)
… also bitte gib mir dein [Abo] … ich sach schonmal danke…
Die Anführungszeichen sollen subtil darauf hindeuten, dass ich bezweifle, dass man überhaupt korrekterweise von der Odyssee sprechen kann, wenn man den Film von Nolan meint, auch wenn er den Film halt nun einmal so nannte. Ich fühle mich an das berühmte Bild (von Magritte) erinnert, demnach Dies keine Pfeife ist.
Auch wenn viele Kritiker den Film loben, und einige den Film aus den falschen Gründen verächtlich machen, ist die einzig korrekte Sicht auf diesen Film, dass er schlicht misslungen ist, wenn man ihn als Kunstwerk betrachtet (Handlungslogik, Dialoge, innere Kohärenz, erinnerungswürdige Szenen, nicht davon ist überdurchschnittlich und ich bin sicher, dass dieser Film in wenigen Jahren schon vergessen sein wird).1
Als Konsumgut ist der einzige Maßstab freilich, dass der Film äußerst erfolgreich ist, und er ist im Grunde ja auch als Konsumgut konzipiert, und relativ leicht zu konsumieren. Diesbezüglich ist der Film insofern auch meta-kohärent und ein Spiegel unserer Zeit, nicht nur als Film, sondern vor allem auch als Ereignis. Der Film selbst — trivial, 6/10, unnötig — verschwindet hinter dem Ereignis — die Debatten über die Casting-Choices, die Drehorte, die weitgehende Unmöglichkeit, den Film in den Kinos so zu zeigen, wie Nolan ihn konzipierte, weil sie das Format leinwandtechnisch nicht unterstützen, etc. pp.
Vielleicht hätte Nolan besser daran getan, sich an einer Verfilmung des Ulysses von James Joyce zu versuchen, oder ein Mash-up mit dem Gantenbein. Das Spektakel hätte er auch so bekommen (können), aber die dabei entstehende Kunst wäre sicherlich interessanter gewesen, weil Nolan ja durchaus gezeigt hat, in seinem Frühwerk, dass er ein meisterlicher Filmemacher sein könnte, wenn er sich diametral zu den Strömungen seiner Zeit gestellt hätte. Er hat auch bereits mit seiner Batman-Trilogie gezeigt, dass er selbst scheinbar kein Gefühl dafür hat, wann und warum ein Film richtig gut wird, denn der erste und zweite Teil sind richtig gut und der dritte Teil ist, gelinde gesagt, eine einzige Katastrophe, schlechter als Matrix 3, und auch bemühter.
Aber genug der Worte. Die Odyssee ist immerhin besser als Batman 3, und sieht immerhin besser aus als Matrix 3.
Meines Wissens ist in der Forschung darauf hingewiesen worden, wie sehr Max Frisch in seinen Romanen seine eigenen Beziehungen verarbeitet. Dies ist aber Hörensagen.
Im Sinne davon, dass sich die Fiktion der Willkür ihres Schöpfers durchaus zu widersetzen vermag. Schriftsteller berichten immer wieder, dass sie eigentlich ganz woandershin wollten, als ihre Charaktere sie dann zogen.
Wobei die Darstellung von Eifersucht und Beziehungsdynamiken gerade innerhalb einer bourgoisen Nachkriegsgesellschaft wirklich gelungen ist. Nur dass dieses Thema so gar nicht meins oder das meines Ausschlaggebers Jannis ist (im Sinne von, dank ihm las ich das Buch zu diesem Zeitpunkt). Max Frisch selbst dürfte sich im Übrigen nicht daran stören, wenn seine Werke immer weniger gelesen werden. Er hielt in den Entwürfen zu einem dritten Tagebuch fest, dass man zu seiner Zeit seiner Ansicht nach nicht für die Nachwelt, sondern nur für die Gegenwärtigen schriebe. Ich denke — pace Frisch — allerdings, dass zumindest Homo Faber, vielleicht auch die eben genannten Entwürfe durchaus Ewigkeitscharakter haben und es gut wäre, wenn sie in 3000 Jahren noch gelesen werden könnten, ganz anders als der Film “Die Odyssee” von Christopher Nolan.
Und Doris Lessing hat in ihrem esoterisch angehauchten Science Fiction Roman Shikasta den Protagonisten darunter leiden lassen, wie eklig der menschliche Körper, den man sich doch freiwillig angezogen hat, doch ist, ein Sack voll Blut und anderer Körpersäfte oder so ähnlich. (Ist lange her, dass ich den gelesen habe.)
Zu diesem Thema hätte die Odyssee von Homer, anders als die von Nolan, im Übrigen auch einiges Erhellendes zu sagen, insbesondere im Hinblick auf die Dynamik zwischen Penelope und Odysseus.
Frisch schreibt, das ist ihm etwas unsinnigerweise auch vorgeworfen wurden, aus einer sehr männlichen Perspektive. Die Frau erscheint nur als das Andere. Dass Frisch dies wahrscheinlich auch so erlebt hat, macht es, finde ich, eher ehrlich, dass er es dann auch so schreibt. Überhaupt wäre denkbar, dass Bücher eigentlich von einem Mann und einer Frau geschrieben sein sollten, wenn sie beide Perspektiven darstellen sollen. Und vielleicht basieren gelungene Darstellungen des anderen Geschlechts auch auf ausgiebigen Gesprächen zwischen Autoren und ihren Freunden anderen Geschlechts.
Was die Frage aufwirft, ob das voll sexistisch ist und die zusätzliche Frage, ob es besser sei, verbrannt zu werden, oder vom Wind zerrissen oder entmannt und lebendig begraben zu werden. Wäre neugierig, was ihr dazu denkt!

