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Nun nehme ich mir doch noch einmal die Muße, auf das Thema Ehe einzugehen. In der Hoffnung, dass sich noch jemand anderes dieser Unterhaltung anschließt, denn meine Meinung kennst du in groben Zügen bereits. Dennoch möchte ich deine Fragestellung aufgreifen, ob es in der Ehe nicht besser wäre, eine Form der Idealisierung seines Partners aufrechtzuerhalten und eine Art „Blindheit“ für die negativen Seiten zu etablieren.

Ich verstehe die Idee dahinter und teile die Meinung, dass es immer gut ist, die positiven Seiten eines Menschen zu betonen, weil man ja doch dazu neigt, den Fokus auf das zu lenken, was einen nervt.

Ich habe dazu ein paar Gedanken:

1. Man sollte vielleicht unterscheiden, worum es sich bei diesen „negativen Eigenschaften“ handelt. Sind es wirklich falsche (also vielleicht rechtlich falsche/verbotene) Dinge? Oder sind es Schwächen, die daher kommen, dass ein Mensch nie alles ist und besondere Stärken auf der einen Seite meistens Schwächen auf der anderen Seite bedeuten (jemand, der schnell ist, ist eben nicht langsam)? Oder ist es eher eine Präferenz der einen über die andere Seite beim Gegenüber – also dir sozusagen?

2. Daraus ergeben sich meiner Meinung nach unterschiedliche Reaktionen. Handelt es sich einfach um das Charakterprofil eines Menschen, ist vielleicht das, was du Schwäche nennst, für andere eine Stärke. Beispielsweise: Wenn ein Mann die Intelligenz seiner Frau als Bedrohung betrachtet oder sie schlichtweg nicht verstehen kann, empfindet er sie als besserwisserisch oder wichtigtuerisch. Er kann natürlich jetzt diese Seite von ihr bestmöglich ausblenden, und das ist allemal besser, als sie ständig dafür zu kritisieren oder kleinzumachen. Doch was, wenn genau diese Seite aus ihrer Sicht ihre schönste und wertvollste Seite ist? Dann ignoriert der Mann den für sie wichtigsten Teil ihrer Identität (und das kann extrem wehtun). Andersherum geht es natürlich auch: Es kann jemanden furchtbar nerven, dass jemand so dumm scheint, aber andere sehen eine nahbare Schlichtheit. Oft offenbart unsere Abwehr mehr über uns selbst als über den anderen.

3. Ich plädiere daher dafür, den Menschen in seiner Ganzheit wahrzunehmen. Zumindest bestrebt zu sein, dies zu tun. Und müsste dir das nicht eigentlich recht nah sein? Den Menschen nicht in seine Funktionen zu zerlegen, sondern ihn als vollständiges Wesen zu erfassen? Ich bin mir sicher, dass in einem monistischen Weltbild Einheit eine Tugend ist – oder wie man es sagen mag. Idealisiert man einen Menschen, sieht man den Großteil seiner Persönlichkeit nicht.

4. Handelt es sich jedoch um echte Grenzüberschreitungen – sagen wir mal sowohl juristischer als auch privater Natur, denn jeder Mensch hat ja seine eigenen Grenzen –, so ist es ebenfalls nicht sinnvoll, diese zu ignorieren. Denn wenn jemand immer wieder Grenzen überschreitet, ist eine Beziehung nicht möglich. Dann erinnert sie eher an Missbrauch. Und das ist natürlich nicht das, was man unter einer Ehe versteht. Grenzen müssen benannt und respektiert werden, nicht ignoriert.

5. Was mich nun zu der schönsten Form der Liebe führt: eine Liebe, die alle Seiten des anderen kennt – auch seine schlimmsten –, die sie klar benennt und (wenn der andere es versteht und bereit ist, sie einzuhalten) auch vergibt. Denn Vergebung, Gnade und Barmherzigkeit sind größer als Blindheit. Wir wollen nicht Blindheit. Wir wollen Erkenntnis. Doch wenn diese Erkenntnis Schlimmes offenbart, bleibt nur die Heilung durch Gnade. Denn wenn man es schafft, hinter diese Wand aus Selbstschutz (der ja meistens der Grund für verletzendes Verhalten ist) zu blicken, sieht man meistens einen verletzten Menschen, und es gibt nichts, was man mehr lieben muss als einen verletzten Menschen. Wie soll er sonst heilen? Durch noch mehr Anstrengung? Die Idealisierung eines Menschen führt aus meiner Sicht nur zu einer performanceabhängigen Beziehung. Liebe durch wahres Verständnis des anderen ist dem weit überlegen.

6. Deshalb stimme ich dem Satz „Es ist nicht möglich, einen Menschen für das zu lieben, was er ist“ ganz und gar nicht zu. Vielleicht könnte ich noch akzeptieren, zu sagen: Ein Mensch mit all seinen Schwächen ist nicht liebenswert. Aber obwohl er (und wir wissen ja, dass wir damit alle meinen), es nicht wert ist, braucht er es. Und deshalb ist das größte Geschenk, das wir jemandem machen können, zu sagen: „Ich sehe dich UND ich liebe dich.“ Und ich glaube, dass es möglich ist. Nicht weil der andere es sich verdient hat, sondern weil es ein freiwilliger Akt ist, unabhängig vom Verdienst des anderen.

7. Dazu passend: Jemanden „erkennen“ ist in der Bibel die höchste Form der Intimität und wird daher auch für den Geschlechtsakt verwendet. Die Idealisierung ist zurecht die erste Form der Liebe. Die närrische Verliebtheit in das Bild einer Person, das nur im eigenen Kopf existiert. Dann lernt man sich jedoch kennen und verletzt sich. Und dann ist die Frage: Ist man bereit, dennoch diese Person zu lieben? Die größere Liebe geht über das Idealisieren hinaus. Die reifere Liebe ist die erkennende Liebe. Und die größte davon ist die vergebende Liebe. Die erste Liebe idealisiert. Die reife Liebe erkennt. Die größte Liebe vergibt.

Ach ja: und bei Fußnote 8 bin ich total bei dir. Voll die gute Idee. Bist du selbst drauf gekommen? ;)

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