Max Frisch und die Folgen
"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält"
“Ich warte auf jemand.”
(Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein, S. 49)
Für Vektor7, Christoph Klinger, wort.bruch und Emma Bloom
Ich sitze bei meinem Freund Max in der Wohnung in Freiburg, also nahe an der Schweiz, und lese Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein. Wie kommt’s?
Nun, vor längerer Zeit postete Jannis seine Willensbekundung, demnächst mal diesen Roman zu lesen und zu rezensieren und ich bekundete meinen Willen, mich ihm dabei anzuschließen. Jetzt ist es so weit.
Aber warum bei diesem Buch und keinem anderen? Mein Name sei Gantenbein steht seit vielen Jahren in meinem Bücherregal und hat also die Schwelle vielfacher Umzüge überlebt, weil ich mir sicher war, dass der Zeitpunkt kommen würde, es zu lesen. Stimmte ja auch. Aber ob es sich lohnt?
Frisch erfrischt mitnichten
Max Frisch haben wir natürlich in der Schule gelesen. Andorra. Fand ich nicht nur super langweilig, sondern war als Jugendlicher bezüglich der Literatur von zwei Dingen felsenfest überzeugt:
Dass es vollkommen sinnlos sei, die Intentionen eines Autors analysieren zu wollen. Warum macht der Autor das? ließ sich immer durch den schlichten Satz beantworten: Weil er’s fühlt. Oder auch nicht. Aber dann wäre er ein schlechter Autor. Und das war Max Frisch nicht.
Dass es noch sinnloser sei, Theaterstücke zu lesen. Die musste man sich anschauen. Ein Theaterstück wurde schließlich nicht geschrieben, um gelesen zu werden, sondern um aufgeführt zu werden. Punktum.
Konsequenterweise gefiel mir die Aufführung von Biedermann und die Brandstifter dann auch, die wir uns anschauten, weil Andorra nicht im Theater lief. Das muss so um 2003 herum gewesen sein, jedenfalls inszenierte diese Aufführung Biedermann als eine Art George W. Bush und das Brandstiften waren die Kriege in Afghanistan und Irak. Ich erinnere mich nicht an viel, nur, dass ein Soldat vom Töten erzählte und dass sie über den Militärfunk manchmal Lieder dabei hören. Dann wurde eingespielt:
Aber jedenfalls haben Frischs Theaterstücke mich nicht sonderlich beeindruckt. Ich glaube, ich habe auch mal eine Schüler-Inszenierung von Die chinesische Mauer gesehen, wovon vor allem in Erinnerung blieb, wie ein Freund von mir als Kaiser beim Wütendwerden extrem rot anlief, was er geübt hatte. Vielleicht war das aber gar nicht Max Frischs Stück…
Eine schöne Leiche
Cut ins Studium. Ich las ziemlich viel in dieser Zeit. Ich las zu Beginn sogar so viel, dass mir schnell klar wurde, dass ich mein Mathematik-Studium vergessen könne, da mir, wenn ich es ernst nähme, tatsächlich nicht ausreichend Zeit bliebe, um so viel zu lesen. Unter anderem las ich Homo Faber und war wirklich angetan. Ich las es sogar mehrfach. Dann las ich auch Stiller, war zwar fasziniert, erinnere mich aber an kaum mehr als den ersten Satz (Ich bin nicht Stiller), und dass er und ein Mitinsasse sich den Rücken schrubben oder so, gen Anfang. Ein bisschen wenig für, wenn ich mich recht erinnere, um die 700 Seiten.
Irgendwann erschienen in jenen Tagen dann seine Entwürfe zu einem dritten Tagebuch und die hatten es für mich wirklich in sich. Frisch beschreibt darin seine problematischen Verhältnisse zu Frauen und seine Freundschaft mit dem krebskranken Juristen Peter Noll, dessen Diktate über Leben und Tod ich in der Folge las und nutzte, um den Vater der Frau des Protagonisten in einem Romanprojekt daran anzulehnen, das den Arbeitstitel Die Story der Angst trug, oder auch Die Nietzsche-Jünger. Dieser Vater — wie Noll — fährt Ski in Laax und will aber nicht in der Schweiz sterben.
Hier, sagt er, sagt man nach der Beerdigung: „Es war eine schöne Leiche.“
Darum also Mein Name sei Gantenbein, als logisch nächster Schritt. Wobei ich meinen Protagonisten Der Mensch erscheint im Holozän lesen lasse. Allerdings habe ich die Lektüre beider Werke ebenso abgebrochen wie die Arbeit am Roman. In der festen Absicht jedoch, sie alle drei eines Tages zu beenden.
Kostprobe aus Der Story der Angst, completely unrelated: Der Progressive Kosmopolitismus und Afrika
Aber so ganz stimmt es nicht, dass der Progressive Kosmopolitismus Afrika verschmäht hätte, auch wenn es fast stimmt, so gut wie, sozusagen. Denn ein ehemaliges Mitglied der Nietzsche-Jünger, Anton Salesch, einer von denen, die von Jünger beeinflusst waren, floh irgendwann kurz nach Ausbruch des Krieges 1939 oder 1940 aus Europa, erhielt durch seine kaufmännischen Kontakte eine Schiffspassage in die Internatinale Zone Tanger, von wo aus er nach Casablanca weiterzog, das damals noch Teil Französisch-Marokkos war. Das muss vor der spanischen Besetzung Tangers am 14. Juni 1940 gewesen sein, dem Tag, an dem die Deutschen auch in Paris einfielen.
Dort traf er auf Antoine de Saint-Exupéry, der sich später mit dem Kinderbuch Der kleine Prinz hervortun sollte, der ihm, Anton Salesch, von einer Landung auf einem Tafelberg, der eine dicke Decke aus urzeitlichen Muschelschalen aufwies, berichtete, denn er war ja Postflieger, hatte dort aber einen Diplomaten, einen Unterhändler, absetzen wollen, und wäre schon wieder auf und davon gewesen, als ihm aber auffiel, dass der Berg selbst weiß war, während darauf ein schwarzer Stein lag, der nicht hierher zu gehören schien. Auch konnte er nicht von Mensch oder Tier hierher gebracht worden sein, denn dieser Berg war nicht zu besteigen. Seit Urzeiten hatte kein Lebewesen ihn betreten und Saint-Exupéry war der erste, ein Samenkorn, welches vom Leben zeugt sozusagen, und er freute sich bei diesem Gedanken ungemein. Bei genauerer Erforschung gab es einige dieser schwarzen Steine und Saint-Exupéry hob einen auf, berichtete er, der Stein war hart und schwer wie Metall, er hatte die Form eines Tropfen, war Handtellergroß. Er kam zum Schluss, dass es sich um Meteore handeln müsse, gefallene Sterne, wie er gerne sagte.
Anton Salesch fragte, ob er einen mitgenommen habe, was Saint-Exupéry verneinte. Diese Steine gehörten dort hin, sagte er. Mir gehörten sie jedenfalls nicht. Es wäre Diebstahl gewesen. Er dachte kurz nach, sagte dann: Und es hätte das Zeugnis eines großen Wunders gebrochen.
Daraufhin kam er auf die Wüste zu sprechen und fragte unseren Nietzsche-Jünger, was eine Wüstenblume, so sie denn denken könne, wohl über die Menschen denke, wenn sie nur ein einziges Mal welche zu Gesicht bekommen habe, wie sie vorüberzogen. Darüber musste jener nachdenken und sagte schließlich, sie werde wohl denken, dass es nicht viele Menschen gebe, sie habe ja nur wenige gesehen, vielleicht zwei oder drei, wie sie vom Wind verweht wurden und sie werde vielleicht schließen, es fehle ihnen an den Wurzeln, was sehr übel für sie sei, und sich gefreut, dass sie ja Wurzeln habe, die tief reichten, um auch in dieser unwirtlichen Gegend zu überleben.
Später hat Anton Salesch als einer der wenigen schon vor Ausbruch des 2. Weltkriegs Aktiven den Weg in die Progressiven Kosmopoliten gefunden, sich ihnen angeschlossen mit anderen Worten, nachdem er über sieben Jahre durch Afrika gewandert war und in Deutschland als verschollen galt. Nur dass an seiner Geschichte mit Saint-Exupéry etwas nicht stimmen kann, denn dieser war nach Ausbruch des 2. Weltkriegs nicht mehr in Casablanca, was drei mögliche Schlüsse zulässt.
Erste Möglichkeit: Salesch irrt sich, was die Zeit seiner Flucht angeht und selbige ist früher, wenn auch nicht viel früher anzusetzen. Vielleicht floh er nicht vor dem ausgebrochenen, sondern vor dem bevorstehenden Krieg, denn Krieg stand seit 1933 in der Luft, wer Augen hatte zu sehen, sah ihn kommen, und eigentlich hatte der Krieg bereits seit dem Versailler Friedensabkommen von 1918 in der Luft gestanden, hatte sich angekündigt in den Wirren der Nachkriegszeit, die sich also nicht gänzlich überraschend als Zwischenkriegszeit entpuppte, als man 1939 in Deutschland dann behauptete, zurückzuschießen.
Zweite Möglichkeit: Salesch irrt sich nicht, was den Zeitpunkt, wohl aber, was die Person angeht. Er traf in einer Spelunke einen Typen, der Flieger war und nebenbei schrieb und der ihm von der Wüste, von Sternen und dergleichen erzählte und später, viel später, zog Salesch daraus den fälschlichen Schluss, dass es sich um niemand anderen als Saint-Exupéry gehandelt haben musste.
Dritte Möglichkeit: Salesch lügt. Dann war er vielleicht auch nicht in Tanger, nicht in Casablanca, hat niemanden dort getroffen und ist auch nicht durch das Afrika der frühen 40er Jahre gestreunt, sondern war die ganze Zeit über in Deutschland untergetaucht. Die ganze Geschichte dient nur der Tarnung einer viel schrecklicheren Wahrheit über diese Zeit, in der er in Deutschland war, obgleich verschollen gemeldet. Dann würde es doch stimmen, dass der Progressive Kosmopolitismus Afrika verschmähte. Ganz und gar.
Gantenbeins Geschichten
Die These, die Frisch in diesem Roman durchexerziert, benennt er gleich mehrfach zu Beginn:
“Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung…” (S. 8)
“… und manchmal stelle ich mir vor, ein andrer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung…” (S. 11)
“Jede Geschichte ist eine Erfindung … jedes Ich, das sich ausspricht, ist eine Rolle —” (S. 48)
“Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält … oder eine ganze Reihe von Geschichten.” (S. 49)
Wir können uns den Konflikt, den das heraufbeschwört, ganz im Sinne des 20. Jahrhunderts vorstellen. Das Unproblematische der erfundenen (erträumten) Lebensgeschichte wird problematisch, wenn und weil uns bewusst wird, dass wir nur fingieren, und oder wenn und weil die verschiedenen Geschichten nicht mehr zusammenpassen, fragmentarisch bleiben, wie Becketts Theaterstücke ins Leere laufen, in den Fleischwolf der Zeit, wie Bolaño schrieb.
Im 21. Jahrhundert hat sich die Postmoderne damit abgefunden und versucht, wenigstens halbwegs faszinierende Geschichten zu erzählen, echte bzw. erträumte Abenteuer, Fantasy, Science Fiction, etc. Max Frisch hingegen quält sich und die Leser noch durch Geschichten, die man nicht erfinden müsste, weil sie so auch in der Ödnis des Langeweile des bürgerlichen Lebens tatsächlich stattfinden. Diese Langeweile ist es, aus der beispielsweise die Frau vom Protagonisten in Paulo Coelhos Der Zahir flieht.
Es stellt sich die Frage, unweigerlich, ob die Literatur des 20. Jahrhunderts nicht doch einfach nur die persönlichen und kollektiven Neurosen einer verkorksten Generation sind, Erziehungsfehler plus die traumatischen Erfahrungen der Weltkriege plus X, das allgemeine Leiden an der Existenz, die man aber auch nicht ganz lassen möchte. Oder auch eine Spätwirkung des 19. Jahrhunderts, als Tiefpunkt des Materialismus begriffen, denn der Materialismus macht selbstverständlich und naturgemäß zutiefst unglücklich.
Eine gewaltige Ablenkung.
Wir haben den Tiefpunkt eigentlich schon hinter uns gelassen, aber wir haben es noch nicht gemerkt. Insofern starren wir auf die Vergangenheit, als könnte sie uns etwas verraten, was sie vielleicht ja auch kann, nur was?
Warum also Max Frisch lesen? Oder überhaupt einen Toten lesen? Oder einen Lebenden?
So wie Gary Snyder sagte, dass man nicht zehn Stunden am Tag meditieren sollte, denn irgendwer müsse dafür sorgen, dass die Werke des Tages erledigt werden, dass es Essen gibt, dass Kinder großgezogen werden, etc.
Die Gedichte müssen geschrieben werden.
Was mich immer wieder zur Frage zurückbringt, warum wir uns das alles tatsächlich antun? Da scheint ein gewissen Zwang drin zu stecken. Ein Getrieben- oder Gezogensein, vielleicht auch ein Wiederholungszwang.
Literatur (wie auch andere Künste) kann eine gewaltige Ablenkung sein von dem, was wirklich ansteht. Sie kann auch eine Krücke sein, eine Prothese. Kann sie auch mehr sein?
Wäre es nicht doch klüger, die zehn Stunden am Tag zu meditieren?
Aber man muss die Dinge zu Ende bringen. Und vorgenommen habe ich mir nicht, zehn Stunden zu meditieren, sondern diesen Gantenbein zu lesen. Also los und weiter. Ob es sich gelohnt haben wird? Was ist das für eine beschissen bourgoise Fragestellung!
Weitere Leseprobe aus Die Story der Angst, Metareflexion
Wieso beschäftigst du dich immer noch mit diesen Nietzsche-Jüngern, fragt Lisa mich eines Morgens. Ich hänge am Schreibtisch und brüte über die Notizen zu Anton Salesch. Du interessierst dich doch gar nicht für Nietzsche. Du hast nichts von ihm gelesen – außer den Kapitelüberschriften von Ecce Homo, die ja zugegebenermaßen auch ganz lustig sind. Und literarisch betrachtet ist das einzige treffende Wort dazu Bedeutungslosigkeit. Wo tauchen die Nietzsche-Jünger denn auf? Wer nimmt heute Bezug drauf?
Ich weiß es nicht, sage ich und nippe an meinem Kaffee. Vielleicht ist es gerade die Bedeutungslosigkeit, die mich fasziniert. Nimm die Anti-Proudhonisten. Adam Köhler. Adversus hostem aeterna auctoritas esto – Gegen einen Ausländer soll ewige Gültigkeit sein. Was soll das bedeuten? Und warum arbeitet ein Mensch Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zwanzig Jahre lang an einem solchen Werk, um einen sowieso schon halb vergessenen, von Marx bereits widerlegten Proto-Anarchisten zu widerlegen, wenn er doch selbst Anarchist ist? Und ist Köhler rassistisch motiviert? Oder verteidigt er im Gegenteil die Schwarzen und Juden vor Proudhon, der ja der Meinung war, die Juden müssten durch das Eisen oder durch das Feuer oder durch die Ausweisung verschwinden?
Aber warum spielt das jetzt, heute, für dich noch eine Rolle, fragt Lisa und ihre Augen sagen: Was stimmt denn nicht mit dir?
Ich möchte einfach verstehen, was im zwanzigsten Jahrhundert geschehen ist, spekuliere ich, um nicht vollkommen durchgeknallt zu wirken, aber es ist wahr, ich möchte es verstehen, und ich verstehe es kein bisschen.
Du meinst die Weltkriege, fragt Lisa.
Ich meine das zwanzigste Jahrhundert. Die Weltkriege sind ja nur ein kleiner Teil davon. Ich denke kurz nach. Vielleicht spinne ich ja, aber ich habe die Intuition, dass – auch wenn die Menschen vorher schon viel Mist gebaut haben – ich habe das Gefühl, dass dann im zwanzigsten Jahrhundert irgendwie etwas auf einer neuen Ebene, in einer neuen Dimension schief gelaufen ist. Ergibt das irgendwie Sinn?
Als sei im zwanzigsten Jahrhundert nicht einfach nur die Entwicklung des neunzehnten kulminiert?
Genau. Und als könne das Gängige, was ich im Geschichtsbuch dazu lesen kann, oder was ich auf Wikipedia lesen kann, das nicht erklären. Als müsste ich, um das zu verstehen, die ganz unbedeutenden Dinge mir anschauen, zum Beispiel die Literatur, die sang- und klanglos unterging, die nie veröffentlicht wurde, die totgeschwiegenen Sänger und Dichter, die Gegner der Moderne, des Mainstream, was auch immer…
Aha, sagt Lisa und ihre Augen sagen: Was stimmt denn nicht mit dir? Und was ist mit dem einundzwanzigsten Jahrhundert? Das ist doch nun erst recht wirklich verwirrend.
Das versteh ich auch nicht. Aber das muss ich auch nicht. Das lebe ich ja. Das ist noch nicht vorbei. Wenn ich aber, oder wenn wir, als Menschen, vielleicht als Menschheit, das zwanzigste jetzt nicht verstehen, verstehen lernen, irgendwie etwas dazu verstehen, dann ist die Zeit dazu bald vorbei und wir werden es nicht mehr verstehen.
Und die Fehler wiederholen?
Tun wir das nicht schon längst?


