Iain McGilchrist: Lass die Rechte wissen, was die Linke tut!
Warum verbringen wir unser Leben vor Bildschirmen? Warum zerstören wir unsere Umwelt und fühlen uns dabei so einsam? Der britische Psychiater Iain McGilchrist hat eine revolutionäre Antwort!

Im Leben eines jeden Menschen kommt früher oder später der Zeitpunkt, wo sich ihm die Frage aufdrängt, oft irgendwann in der Pubertät, warum eigentlich alles so vollkommen bescheuert eingerichtet ist, wie es ist.
Der Totenkult
Warum zum Beispiel gibt es Kinder im Alter von 1 Jahr, die bereits mehr als 4 Stunden Bildschirmzeit pro Tag erleben? Warum verbringt das durchschnittliche Schulkind ca. 7 Stunden vor Bildschirmen? Täglich. Warum sind die Erwachsenen diesbezüglich noch schlimmer?
Warum leiden immer mehr Menschen an Einsamkeit? Warum fällt es ihnen schwer, Freunde zu finden, aber auch, selbst gute Freunde für andere zu sein? Warum halten Beziehungen nicht mehr? Warum sind Menschen so schlecht zueinander?
Und warum ignorieren wir alle natürlichen Rhythmen und ersetzen sie durch den starren Takt der Uhrzeit und des Kalenders? Warum zerstören wir die Umwelt, in der wir leben? Warum sind Städte so hässlich, und Dörfer zunehmend auch?
Warum sind Dinge Mainstream, die der Mainstream zugleich für falsch hält?
Ich möchte in diesem Artikel ein Framework vorstellen, aus dem heraus sich meines Erachtens plausible Antworten zu all diesen Fragen herleiten lassen. Die kurze Antwort ist: Wir haben eine Kultur geschaffen, in der wir das Unbelebte gegenüber dem Lebendigen bevorzugen. Einen Totenkult sozusagen.
Das erklärt das Meiste.
Eine Warnung vorab.
Wenn man sich intensiv mit Iain McGilchrists Hemisphären-Theorie auseinandersetzt, verändert dies die Wahrnehmung der Welt. Man setzt sozusagen eine andere Brille auf. Wahrscheinlich wird man die Welt hinterher nie wieder so sehen können wie vorher. Man übernimmt die Wörter linkshemisphärisch und rechtshemisphärisch in seine Alltagssprache.
Iain McGilchrist ist ein britischer Psychiater, Neuro- und Literaturwissenschaftler und Philosoph. Er entwickelte eine Empirie-gestützte Theorie dazu, warum die Gehirne aller Tiere einschließlich des Menschen eine zweigeteilte Struktur aufweisen: Es gibt eine linke und eine rechte Hemisphäre. Diese sind zwar über das corpus callosum verbunden, sind allerdings jeweils intern stärker vernetzt als mit der jeweils anderen Seite.1
Die Hemisphären-Theorie: Zugänge zur Welt
Frühere Versuche, diesen Hemisphären jeweils spezifische Funktionen zuzuweisen (z.B. links für das Rationale, rechts für das Emotionale), waren grandios daran gescheitert, dass sich durch moderne Bildgebungsverfahren (fMRT, EEG oder PET-Scans) zeigte, dass an allen Funktionen immer beide Hemisphären beteiligt sind, wenn auch nicht auf gleiche Weise.2
McGilchrists geniale Idee war es nun, dass die beiden Hemisphären nicht verschiedene Funktionen, sondern verschiedene Perspektiven auf die Welt ausführen.3 Und dass diese beiden Perspektiven dann aber für den funktionierenden Menschen auch wieder zusammengesetzt werden. Der gesunde Mensch erlebt sich nicht als zwei Personen, sondern eine. Aber er erlebt sich doch oft als innerlich zerrissen:
„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“
(Goethe, Faust)
Was sind nun diese beiden Perspektiven?
Wir können uns dieser Frage darüber annähern, dass wir uns überlegen, welche Wahrnehmungen ein Tier oder der Mensch eigentlich braucht, wenn er im Naturzustand durch die Wildnis streift.
Einerseits muss er eine periphere Wahrnehmung dessen besitzen, was um ihn herum vorgeht: Wo bin ich, was umgibt mich, was deutet auf Gefahr hin, was auf Essen, Trinken, Paarungsmöglichkeiten etc. Für diese Art der Weltwahrnehmung ist die rechte Hemisphäre zuständig.
Was wir parallel dazu tun können müssen, ist unsere Aufmerksamkeit stark auf eine Sache (!) zu fokussieren, mit der wir uns zweckgerichtet auseinandersetzen: untersuchen, manipulieren, benutzen. Auch dies dient letztlich dem Erhalt des Lebens. Und für diese fokussierte Weltbemächtigung ist die linke Hemisphäre zuständig.
Der Meister und sein Gesandter
Aus dieser Arbeitsteilung ergeben sich alle möglichen Zuordnungen der jeweiligen Perspektiven, die sich auch durch psychologische und neurologische Experimente bestätigen, sodass sich im Großen und Ganzen ein erstaunlich kohärentes Bild zeichnet. McGilchrists Theorie ist in den ca. 17 Jahren seit Entstehung weder empirisch noch konzeptionell widerlegt worden.4
Sie wird schlicht in weiten Teilen der Kultur nicht zur Kenntnis genommen.
Eine sehr wesentliche Zuordnung ist, dass die linke Hemisphäre die Dinge auseinandernimmt (analytisch) und gegebenenfalls auch wieder zusammensetzt (synthetisch). Die Rechte hingegen arbeitet mit Ganzheiten, und betrachtet diese als primär gegenüber den Teilen. Das heißt aber auch, dass die rechte Hemisphäre für den Überblick verantwortlich ist, und die linke für das Detail.
McGilchrist nutzt nun eine Anekdote, die er bei Nietzsche gelesen zu haben glaubte,5 um das ideale wie auch das dysfunktionale Zusammenspiel der beiden Hemisphären zu verdeutlichen:
“There was once a wise spiritual master, who was the ruler of a small but prosperous domain, and who was known for his selfless devotion to his people. … [He] nurtured and trained carefully his emissaries, in order that they could be trusted. Eventually, however, his cleverest and most ambitious vizier, the one he most trusted to do his work, began to see himself as the master, and used his position to advance his own wealth and influence … the emissary became contemptuous of his master. And so it came about that the master was usurped, the people were duped, the domain became a tyranny; and eventually it collapsed in ruins.” (The Master and his Emissary, S. 14)
Der “Master” ist die rechte Hemisphäre (RH), sein “Emissary” (Gesandter) die linke (LH). Idealerweise arbeiten die beiden so zusammen, dass die RH der LH Aufträge gibt, diese sie ausführt, Ergebnisse abliefert und die RH diese ins Gesamtbild einbaut. Sie ist “weise” genug dafür.
Dysfunktional wird es, wenn die LH anfängt, sich für den Meister zu halten und frei schaltet und waltet, ohne den nötigen Überblick und die nötige Weisheit. Daraus resultiert der Untergang.
McGilchrist nennt dieses Phänomen “left hemisphere capture” und analysiert, dass dieses Phänomen uns nicht nur auf der individuellen, sondern auf der kulturellen Ebene widerfahren kann. Und dass genau dies im Westen auch geschehen ist. Schon mehrfach. Und zum kulturellen Kollaps geführt hat. Und auch jetzt dieses Szenario droht.
Die Tyrannis der Linken Hemisphäre
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns anschauen, wie die beiden Hemisphären im Detail funktionieren. Dieses Wissen speist sich einerseits aus der Konzeption dessen, was jeweils ihre Aufgabe ist. Vor allem aber aus der empirischen Forschung an Menschen, bei denen jeweils eine der beiden Hemisphären geschädigt oder betäubt ist.6 Daraus ergibt sich folgendes Bild:7
Die LH ergreift die Welt, die RH begreift sie. Um etwas zu benutzen, muss man nicht begreifen, was es ist. Man muss nur verstehen, wie man es zu benutzen hat. Die LH stellt sich typischerweise Fragen wie: Woraus besteht das? Was kann ich damit machen? Was passiert, wenn ich es zerlege? Welchen Nutzen hat es? Die RH fragt stattdessen: In welchem Zusammenhang (Kontext) steht das? Was bedeutet es? In welche übergeordnete Zielsetzung kann es einfließen? Und: Was ist es wirklich?
Aus den Neigungen der LH heraus entsteht der Reduktionismus, wie McGilchrist ihn charakterisiert:
“we are — nature is — the earth is — ‘nothing but’ a bundle of senseless particles, pointlessly, helplessly, mindlessly, colliding in a predictable fashion, whose existence is purely material, and whose only value is utility.” (TMWT, I S. 5)
Dieses Weltbild ist — wenn auch vielleicht nicht immer im Detail ausbuchstabiert — ziemlich dominant in unserer Kultur. Es hat eine lange Geschichte, die mit der Geschichte der modernen Neuzeit und der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften zusammenfällt. Die “Entzauberung der Welt” ist aus dieser Perspektive nicht der realistische und nüchterne Blick auf die Welt, als der sie sich gerne darstellt, sondern die Prädominanz einer Perspektive auf die Welt, die bestimmte Fragen konsequent ausblendet und damit aus dem Bewusstsein verbannt.
Nun zeigt McGilchrist mit seiner empirischen Forschung auf, dass diese Perspektive deshalb hochproblematisch ist, weil der LH — wie dem Gesandten in der Parabel — die Weisheit fehlt: zu wissen, was sie nicht weiß. Die LH ist hoffnungslos optimistisch, was die eigenen Fähigkeiten angeht. Wird sie etwas gefragt, was sie nicht weiß, dann erfindet sie, ohne dies selbst zu bemerken, ad hoc eine halbwegs plausible Antwort.8
Die LH ist dabei extrem gut darin, Details logisch zu analysieren. Ihre Blindheit tritt nicht in den Details auf, sondern im Transfer der Details zurück in ein Gesamtbild. Wir kennen aus Diskussionen das Gefühl: Der andere hat mit dem, was er sagt, rein logisch-abstrakt Recht, aber im Kontext, um den es hier geht, hat er Unrecht. Er übersieht, dass der Kontext die Logik, die anzuwenden wäre, verändert. Aber die Dinge in ihrem Kontext zu sehen, macht sie nicht klarer, sondern verworrener. Und die LH mag es klar und deutlich:
“It sees little, but what it does see seems clear.” (TMWT, I S. 24, m.H.)
“Das ist nicht mein Arm.”
Wir müssen in dem Zitat aber das Wort seems betonen. Denn die LH tendiert zum Konfabulieren, d.h. Erklärungen für etwas erfinden, was man nicht weiß, ohne sich dessen bewusst zu sein. (Es ist also kein bewusstes Lügen.)
Patienten mit einer (z.B. durch einen Schlaganfall) geschädigten RH tendieren dazu,9 ihre linke Körperhälfte nicht mehr als die ihre wahrzunehmen. (Aufgrund einer Überkreuzung der Nervenbahnen ist die RH für die linke Körperhälfte zuständig, und die LH für die rechte: es ist die rechte Hand, mit der wir die Dinge ergreifen!10)
Dieses Phänomen ist als Asomatognosie11 bekannt. Es kombiniert sich mit der Konfabulation zu faszinierendem Verhalten bei den Patienten, z.B.:
F: Wessen Arm ist dies? (Zeigt auf den linken Arm des Patienten.)
A: Das ist nicht meiner.
F: Wessen dann?
A: Der ist von meiner Mutter.
F: Wie um alles in der Welt kommt der hier hin?
A: Ich weiß nicht. Ich fand ihn in meinem Bett.
F: Wie lange ist er schon hier?
A: Von Anfang an. Fühl mal, er ist wärmer als meiner. … Er ist stark. Meine Mutter war Waschfrau.12
Andere Patienten fanden andere, ähnlich unrealistische Erklärungen für das Vorhandensein des Arms oder der Hand: es sei ein “nutzloses Equipment”, eine Fernbedienung, ein Telefon, eine Aktie, eine Parfum-Flasche, die Hand der Schwiegermutter, oder auch ein Deodorant… Die Patienten empfinden eine Abneigung gegen das als nicht zugehörig empfundene Körperteil. (TMWT, I S. 94f.)
Die Patienten sind in Bezug auf andere Gesprächsthemen aber völlig normal. Sie merken selbst nicht, wie seltsam ihre Erklärungen sich anhören.
Die heikle Balance aus Ergreifen und Begreifen
Wenn wir es etwas vereinfachend mit der Tierwelt vergleichen: Die LH ist der fokussierte Blick des Vogels, der ein Samenkorn pickt (die Welt manipulieren und fressen), und die RH ist der weite Blick desselben Vogels, der Wache hält, ob sich ein Raubtier nähert, und der auf seine Artgenossen achtet. Daraus ergeben sich dann folgerichtig weitere Charakterisierungen der Hemisphären, die sich auch empirisch zeigen:
Die LH will Dinge in der Welt manipulieren, sie kümmert sich optisch um das im Vordergrund, das nahe Detail, und blendet dabei den Hintergrund aus. Sie blendet auch Unerwartetes und Neues aus, denn sie strebt nach sicherer Kategorisierung. Daraus folgt auch, dass sie die Dinge eher als statisch, unbelebt, isoliert, aus Teilen zusammengesetzt betrachtet. Darum versteht sie die meisten Formen von Kunst nicht: Musik, Geschichten, Bildersprache. Sie versteht auch andere Menschen nicht. Wie bereits erwähnt, sieht sie das aber nicht, weil sie überoptimistisch in Bezug auf die eigenen Fähigkeiten ist und ihre Begrenzungen nicht erkennt.13
Die RH ist realistischer, tendiert aber zum Pessimismus. Sie ist hauptsächlich dafür zuständig, Kunst und Menschen zu verstehen, so wie alle Dinge, die einen Kontext haben. Beim Verstehen von Sprache ist sie für die Ebene der Pragmatik zuständig: Also was damit gemeint ist, wenn etwas gesagt wird. (Metaphern, Implikationen, Soziale Codes, etc.). Ihr Erleben ist stärker prozessual, lebendig, verbunden, zeitlich im Fluss. Sie erkennt das Neue und Unerwartete. Sie will die Welt begreifen.14
Wenn wir uns diese beiden Beschreibungen anschauen, dann werden wir drei Dinge sofort bemerken: Erstens: Die RH ist uns sympathischer. Zweitens: Wir brauchen aber beide. Drittens: Unsere Kultur orientiert sich recht stark an der LH.
Während ein Mensch, der nur ein LH wäre, uns psychisch krank vorkäme (Autismus, Schizophrenie, etc. — und es gibt auch einen Zusammenhang zwischen diesen Erkrankungen und den Hemisphären), ist uns vielleicht nicht unmittelbar bewusst, dass eine reine RH nicht besonders handlungsfähig wäre. Sie würde die Welt vielleicht besonders vielseitig wahrnehmen, aber wenig Impuls haben, einzugreifen.
Und genau aus dieser Betrachtung heraus können wir verstehen, warum das Zusammenspiel der beiden Hemisphären, bei denen die rechte aber dominant ist, gesund ist oder vielmehr wäre, und ein Zusammenspiel, bei dem die linke Hemisphäre dominant wird, dysfunktional bis hin zu pathologisch.15
Vier Wege zur Wahrheit: Logik reicht nicht
Eine dominante LH ist aber nicht nur dysfunktional, sondern auch weiter weg von einer akkuraten Wahrnehmung der Wirklichkeit. Nachdem McGilchrist seine Hemisphärentheorie in The Master and his Emissary entwickelt und auf kulturelle und geschichtliche Phänomene angewandt hatte, entwickelte er in The Matter with Things die Fragestellung, welches Bild der Wirklichkeit wir erhalten, wenn wir dazu die (von der LH informierte) RH befragen, die seiner empirischen Forschung nach ja realistischer ist und besser beurteilen kann, was sie nicht weiß.
Er geht dabei in einem Dreischritt vor. Nachdem er im ersten Teil dargestellt hat, welche Welterschließungsmöglichkeiten die beiden Hemisphären uns jeweils bieten und wie sie zusammen die mentalen Funktionen bewältigen — Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Beurteilung, Intelligenz (auch emotionaler und sozialer Natur), Kreativität —, stellt er vier Wege (“paths”) zur Wahrheit dar:
Wissenschaft
Vernunft
Intuition
Imagination
Hier stellt McGilchrist dar, dass die ersten beiden Wege in ihrer isolierten Befähigung deutlich überbewertet worden seien. In beiden schleichen sich schnell “left hemisphere captures” ein. Er widmet jeweils der Biologie und der Logik ein Kapitel, um dies materialreich zu zeigen.16
Intuition und Imagination hat unsere Kultur hingegen als “phantastisch” stark unterbewertet, obwohl wissenschaftlicher Fortschritt sich gerade aus diesen beiden Quellen speiste, um zu bahnbrechenden neuen Ergebnissen zu gelangen.
Man kann durchaus sagen, dass Intuition und Imagination zu so etwas wie “right hemisphere capture” neigen könnten, aber die Gefahr ist weniger groß, weil die RH realistischer ist als die linke. Dennoch ist der eigentliche Königsweg für McGilchrist, diese vier Wege miteinander zu verbinden, wodurch sowohl die LH als auch die RH zu ihrem vollen Recht gelangen.17
Die Rückkehr des Verbannten
Das Bild, dass sich aus dieser Befragung der RH ergibt, ist das genaue Gegenteil des Reduktionismus. Es ist top-down. McGilchrist buchstabiert auf den letzten 500 Seiten seines Mammut-Werks dieses alternative Bild aus und kommt zu spannenden Betrachtungen zur Frage nach dem Verhältnis von Pluralität und Monismus, nach der Zeit, Fluss, Bewegung, Raum und Materie.
Richtig spannend wird es dann beim Thema Bewusstsein. Aus Sicht der RH ist dieses nämlich als primär anzusehen. Das Bewusstsein entsteht nicht aus der Materie. Es formt die Materie.18 So wie es die antiken Lehren größtenteils vertraten.
In dieser Welt ist dann auch Platz für alles, was der Reduktionismus typischerweise ins Reich des Irrealen oder Epiphänomenalen verbannt: Wert, Moral, Sinn, Leben, das Heilige.
Zurück zum Totenkult
Ich schrieb einleitend, dass wir eine Kultur geschaffen haben, in der wir das Unbelebte gegenüber dem Lebendigen bevorzugen. Einen Totenkult sozusagen.
Jetzt kann ich in McGilchrists Vokabular ausformulieren, was ich damit meine. Es ist ja nicht so, dass wir den Tod verehrten. Ganz im Gegenteil wird der Tod massiv verdrängt und das Leben als höchstes Gut angesetzt, sogar das nackte Leben.
Aber dieses Leben wird unbewusst nicht als lebendig konzeptualisiert, und das zeigt sich auf allen Ebenen: in der Medizin, in der Arbeitswelt, in der Philosophie, in allen Naturwissenschaften, vor allem aber in der Biologie, die doch eigentlich die Wissenschaft des Lebendigen sein sollte und vom Leben aber meistens so spricht, als handele es sich um kleine Roboter und Fabriken. Die Metaphern, die wir verwenden, prägen uns massiv. Und wenn wir mechanische und informationstheoretische Metaphern für das Lebendige verwenden, dann erleben wir das Lebendige früher oder später auch so.
Dann ist beispielsweise die Welt lediglich ein Ressourcenlager für uns, ohne eigenständigen Wert, lediglich nach utilitaristischem Kalkül am Laufen zu halten, damit uns die Ressourcen nicht ausgehen. (Der Utilitarismus ist die Ethik der LH!)
Dann müssen die Dinge nicht schön sein, sondern funktional. Dann wird alles Schöne wegrationalisiert oder eingepfercht und monetisiert.
Dann sind auch andere Menschen erstens nur Mittel zum Zweck und zweitens sowieso vollkommen opake Wesen, von denen ich nicht einmal wissen kann, ob sie überhaupt ein Innenleben haben (Solipsismus, Skeptizismus), mit dem sie mich infolgedessen auch besser nicht belästigen sollten. Dann bin ich einsam, aber da kann man nix machen. So ist es nunmal. Anders kann es nicht sein und wer das glaubt, lügt sich in die Tasche. Man selbst ist ein Realist. (Epistemischer Überoptimismus.)
Dann kann man auch genauso gut oder sogar noch besser mit technischen Geräten interagieren, statt mit Lebewesen. Denn eigentlich ist da sowieso kein Unterschied feststellbar. Außer dass das technische Gerät besser darin ist, sich meinen Wünschen und Vorlieben zu unterwerfen.
Dann kann ich mein kleines Kind vor einen Bildschirm setzen. Da lernt es was und nervt mich nicht. Und macht ihm ja Spaß, kann also nicht schaden…
So ist das dann, in der Welt der linken Hemisphäre. Der wir uns immer mehr annähern. An der wir immer mehr verzweifeln. Und das ohne jede Not. Die rechte Hemisphäre ist ja da.
Wir trainieren sie immer dann, wenn wir im Kontext denken, wenn wir non-verbal kommunizieren, wenn wir in Metaphern und Bildern denken, wenn wir uns Kunst widmen, vor allem auch komplexer Musik, wenn wir uns dem Lebendigen widmen und uns selbst als lebendig empfinden:
»Zu leben ist, besonders für die Guten, begehrenswert, weil zu existieren für sie ein Gut und etwas Angenehmes ist.« (Aristoteles)
Ein Wort zum Schluss
Wenn man McGilchrists Theorie einmal verstanden hat, sieht man das Wirken der linken Hemisphäre plötzlich überall – in den Nachrichten, am Arbeitsplatz und im eigenen Alltag. Geht es dir auch so? Schreib es mir in die Kommentare – ich bin extrem gespannt auf eure Beobachtungen!
Da dieser Artikel als Fundament für viele weitere Texte und Analysen hier dienen wird, freue ich mich riesig, wenn du ihn likest und teilst. Schick ihn an jemanden, der sich auch schon mal gefragt hat, warum die Welt momentan so “bescheuert eingerichtet” ist.
Und falls du es noch nicht getan hast: Abonniere meinen Newsletter, um keinen der kommenden Artikel zu verpassen (zum Beispiel, wenn wir uns in Zukunft ansehen, warum Bewusstsein aus Sicht der rechten Hemisphäre nicht aus Materie entstehen kann).
Und die Verbindungen durch dieses Bindeglied dienen scheinbar vor allem der Hemmung. So schreibt McGilchrist in The Matter of Things: “The … corpus callosum has got proportionally smaller, not larger, over evolution — and is, in any case, to a large extent inhibitory in function.” (TMWT, I S. 19)
z.B. Sprache. Das Broca- und Wernicke-Areal, zuständig für die Verarbeitung von Syntax und Vokabular, liegen in der linken Hemisphäre des Gehirns. Und Patienten ohne funktionierende linke Hemisphäre können nicht sprechen. Dennoch ist die rechte Hemisphäre ganz maßgeblich an Produktion und Verarbeitung von Sprache beteiligt. Und zwar für das Verständnis von Metaphern, Ironie, Kontext und der emotionalen Tonalität. Sie ist auch für die non-verbale Kommunikation zuständig. Beide Hemisphären arbeiten also an der Sprache, aber mit völlig unterschiedlichen Schwerpunkten.
McGilchrist spricht von “ways of attending” und der Frage, wie wir Aufmerksam sind, misst er eine immense Bedeutung bei: “By paying a certain kind of attention, you can humanise ore dehumanise, cherish or strip of all value. By a kind of alienating, fragmenting and focal attention, you can reduce humanity — or art, sex, humour, or religion — to nothing.” (TMWT, I S. 21)
Es gab Versuche. Die Kritik kommt (1) von streng analytischen Philosophen oder (2) von kognitiven Neurowissenschaftlern. So argumentierte der Philosoph A. C. Grayling, McGilchrist baue ein gigantisches kulturhistorisches Gebäude auf einer viel zu dünnen neurowissenschaftlichen Basis. Wie dünn diese Basis ist, ist vielleicht Ansichtssache. Allerdings ist sie heute deutlich dicker als sie 2009 war und hat in allen wesentlichen Punkten McGilchrist bestätigt.
Stephen Kosslyn und Wayne Miller halten hingegen die Bedeutung der beiden Hemisphären für übergewichtet. Sie selbst sehen die wichtigere Unterteilung des Gehirns in Oben und Unten und haben ein entsprechendes Modell entwickelt. Damit liefern sie allerdings keine Argumente gegen die Hemisphären-Theorie. Eine zusätzliche Aufteilung in Oben/Unten wäre denkbar.
Der häufigste Einwand gegen McGilchrists Theorie ist aber vollkommen verfehlt. Es wird ihm vorgeworfen, er vertrete eine Homunkulus-Theorie: als ob wirklich zwei kleine Männchen im Gehirn säßen, eines rechts und eines links. Dieser Einwand übersieht vollkommen, dass McGilchrist metaphorisch spricht, dies auch kenntlich macht und erklärt warum, denn die rechte Hemisphäre arbeitet gerne mit Metaphern, gerade um etwas klarer zu machen, als es ohne Metapher möglich wäre. Metaphern als unpräzise oder gar fantastisch abzulehnen ist ein typisches Merkmal der linken Hemisphäre.
Das ist eine faszinierende Geschichte, weil sie McGilchrists Theorie selbst verdeutlicht. Er schrieb selbst: “There is a story in Nietzsche that goes something like this.” In einer Fußnote dazu schreibt er, dass er sich aber nicht erinnern könne, wo genau er es gelesen habe. Seit der Veröffentlichung 2009 haben natürlich viele (Nietzsche-affine) Leser versucht, die Stelle zu finden — erfolglos! Wahrscheinlich gibt es diese Geschichte also nicht bei Nietzsche. Es gibt Geschichten dieser Art aber in der Sufi-Tradition. Dort könnte McGilchrist sie gelesen haben. Dass er sie Nietzsche fälschlich zuschrieb ist ein typisches Phänomen der linken Hirnhemisphäre: Wenn sie etwas nicht weiß, erfindet sie einfach etwas, was passen könnte (und weiß aber nicht, dass sie es erfindet). Sie ist eben hoffnungslos optimistisch bezüglich der eigenen Fähigkeiten. McGilchrist hat dies in Interviews natürlich genauso lachend zugegeben.
Geschädigt heißt, die Probanden haben bspw einen Hirntumor oder einen Unfall gehabt, der eine der beiden Hemisphären stark schädigte. Heutzutage kann man aber auch eine Hemisphäre betäuben und somit an “normalen” Probanden testen, wie sie auf Reize unter Betäubung der einen wie auch der anderen Hemisphäre reagieren. Die Ergebnisse sind laut McGilchrist recht konstant.
Ich kann in diesem Artikel nicht die größtenteils äußerst faszinierende Forschung darstellen. Hierzu kann man bei McGilchrist nachlesen, oder in reichhaltigen Online-Quellen suchen.
Dieses Phänomen ist äußerst faszinierend. Laut McGilchrist durchlaufen Kinder nach der Geburt zunächst eine stark rechtshemisphärische Phase, sodann aber eine stark linkshemisphärische. Das ergibt auch Sinn: Sie müssen ja lernen, sich die Welt anzueignen, sie sich gefügig zu machen. Bei kleinen Kindern lässt sich sehr schön das Phänomen beobachten, dass sie etwas offensichtlich gerade erfinden, aber es selbst glauben und nicht wissen, dass sie es erfinden. Auch bei jugendlichen Schülern lässt sich dies noch beobachten :)
Laut McGilchrist (TMWT, I S. 92f.) betrifft dies ca. 90% der RH-Schlaganfälle und andersherum tritt es gar nicht auf bei LH-Schlaganfällen.
Außer natürlich bei Linkshändern. Diese sind eine interessante Ausnahme, auch generell für McGilchrists Modell, widerlegen es aber nicht. Linkshänder sind nicht einfach komplett andersherum verdrahtet, also LH und RH vertauscht, sondern ihre Hemisphären sind tendenziell symmetrischer als bei Rechtshändern, sodass sie meistens auch stärker beidhändig sind. Die Details würden hier zu weit führen, lassen sich aber bei McGilchrist (TMWT) nachlesen.
Aus dem Griechischen: a = nicht, somat = Körper, gnosis = Wissen. Also Nicht-vom-Körper-Wissen.
Dieses Beispiel habe ich aus McGilchrists The Master and his Emissary übersetzt (S. 67f.).
Hierin erinnert sie an die LLMs. Die wissen auch nicht, was sie nicht wissen und sind überoptimistisch ob ihrer Fähigkeiten. Das überrascht natürlich nicht. Die LLMs sind auf LH-Art gebaut und Teil einer LH-Kultur.
Diese Beschreibungen fassen McGilchrists Darstellung zusammen (TMWT, I S. 28ff.).
Ich glaube, dass diese Theorie eine große Bedeutung für die gesamte Psychopathologie haben könnte. Möglicherweise sind Therapieformen für psychische Erkrankungen dann besonders erfolgreich, wenn sie — ohne dies selbst zu wissen — das korrekte Zusammenspiel der beiden Hemisphären wiederherstellen: Rechts → Links → Rechts.
Thomas Fuchs hat McGilchrists Theorie jedenfalls bereits wohlwollend zur Kenntnis genommen und sich in seinem Buch Ökologie des Gehirns (und später in Verteidigung des Menschen) sehr ähnlich geäußert. Für Fuchs sind viele psychische Erkrankungen keine reinen „Maschinenschäden“ oder chemischen Ungleichgewichte, sondern Störungen der leiblichen Resonanz und der Verbundenheit mit der Welt. Eine schwere Depression oder Schizophrenie lässt sich phänomenologisch oft exakt als das beschreiben, was McGilchrist meint: Der Patient verliert den lebendigen, sinnhaften Kontext (RH) und fühlt sich isoliert, innerlich erstarrt oder maschinenhaft (gefangen in der Verengung der LH). Wirkliche Heilung besteht für Fuchs folglich darin, diese Isolation aufzubrechen und den Menschen wieder in einen atmenden, verbundenen Bezug zum Ganzen zu setzen.
Aus Sicht dieses Frameworks ist eine schwere Depression schlicht der absolute Triumph der LH: Die Welt wird ihrer Lebendigkeit und Bedeutung beraubt. Übrig bleibt eine Ansammlung toter, sinnloser Objekte. Der depressive Mensch verliert die „Resonanz“ mit der Welt. Sein eigener Körper fühlt sich nicht mehr wie ein lebendiges Instrument an, sondern wie eine schwere Maschine, die kaputtgegangen ist.
Die Details würden hier zu weit gehen, aber bezüglich der Biologie geht er von der Beobachtung aus, dass sie, obwohl sie das Lebendige untersuchen soll, dieses meistens reduktionistisch-mechanistisch tut, wodurch Organismen wie Maschinen wirken. (So z.B. bei Richard Dawkins als Überlebensmaschinen und blinde Träger der eigentlichen Replikatoren DNA.)
Bezüglich der Logik stellt McGilchrist heraus, dass die LH ein großes Problem mit Paradoxien hat. Die RH kann mit Paradoxien deutlich gelassener umgehen, weil sie sie in den geeigneten Kontext stellen kann.
Zu diesem Thema könnte man deutlich mehr ausführen, insbesondere wie genau McGilchrist diese vier Begriffe versteht. Er selbst widmet ihnen ca. 400 Seiten in TMWT.
Das ist ein äußerst interessanter Punkt, in unserer Kultur aber natürlich eine gewagte Behauptung. Insofern würde ich sie gerne ausführen und werde dies vielleicht in Zukunft in einem separaten Artikel tun. Aber dieser ist bereits lang und dicht genug.

