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Avatar von Jonas

Ein großes Lob für diesen sehr informativen, interessanten und gut geschriebenen Artikel!

Die Seitenzahlen, die du in den Quellen angegeben hast, lassen darauf schließen, dass das Lesen, die Vorbereitung und das Schreiben einige Zeit in Anspruch genommen hat. Man merkt aber die gründliche Arbeit und das macht letztlich auch den Erfolg auf und von Substack aus. Chapeau!

Ich muss gestehen, dass mich die These von Ian McGilchrist erstmal abschreckt.

Es ist dann doch ein relativ einfaches Modell für komplexe Zusammenhänge und der Sprung von der Neuropsychologie hin zu Ökologie und dergleichen ist gewagt. Zumal dafür ein sehr breites und gutes empirisches Fundament stehen muss. Kritiker:innen werfen ihm ja bisweilen vor, dass die Evidenz teilweise angreifbar ist. Dass er selber Studien aufführt, die sein Modell untermauern sollen, ist verständlich. Ich werfe ihm da auch keine böse Praxis vor. Aber die These beruht ja (hoffentlich) auf empirischen Beobachtungen, ist also induktiv. Wenn man auf Basis ähnlicher Fragestellungen die Theorie deduktiv überprüfen will, kann es passieren, dass eine Reihe von Phänomenen die Theorie untermauern (sie sind ja ähnlich zu den Beobachtungen, aus denen sie hervorgeht), dass andere Phänomene, für die diese Theorie aber Vorhersagen macht (und das macht McGilchrist ja für so ziemlich alles) durch sie nicht erklärt werden können. Gerade bei der Fülle von Annahmen ist eine wirklich seeeeehr gute empirische Grundlage notwendig. Und ich befürchte, aber das nur als Vermutung, dass andere Konzeptionen der Hemisphärenlateralisierung (BIS/BAS, approach-avoidance) einfacher (im Sinne von Ockhams Rasiermesser), methodisch leichter zu untersuchen und empirisch besser untermauert sind.

Ob McGilchrists Theorie keinen Einzug in die Wissenschaft erhalten hat, weil sie die überzeugende Evidenz nicht liefert oder aus anderen Gründen kann ich aber nicht beurteilen. Dafür fehlt mir die Zeit, die Evidenz durchzuarbeiten.

Aber ich finde trotzdem, dass McGilchrist unabhängig von seinen neurowissenschaftlichen Ausführungen, deren Validität ich gar nicht beurteilen kann, gute Punkte aufzeigt: Vermehrtes Wahrnehmen von Detailfragen, Überbetonung von Rationalität, Verleugnung kreativer Anteile etc.

Das ist ja durchaus wichtig für die Debatte und benötigt auch keine neurowissenschaftliche Fundierung (manchmal reicht die Psychologie). Genauso finde ich die Schlussfolgerung richtig, dass wir uns mehr den Metaphern, Bildern, der Kunst und Musik zuwenden müssen. Dass das das Leben lebenswerter, sinnvoller und schöner macht, ist psychologisch begründbar, empirisch haltbar und braucht die Annahme der Lateralisierung gar nicht.

Um das zusammenzufassen: Ein toller Essay, ein interessantes und diskutables Thema und wichtige Schlussfolgerungen. Ich like und teile sehr gerne!

Avatar von Micha | Ästhet des Abgrunds

Interessanter Ansatz. Danke für das Aufdecken. Ich habe ein paar Fragen, die vielleicht auch bei dem Dominanzwettbewerb weiterhelfen können. Ist es wirklich schlüssig die beiden Seiten in Form eines Dualismus zu markieren? Ich verstehe, dass die Areale unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Ist es aber unumstritten so, dass es keine Wechselwirkung gibt? Verarbeitet jede Seite isoliert Information, und eine dritte Instanz generiert die Entscheidung? Oder liegt die Entscheidung dann in der Dominanz, und die äußert sich darin wer „lauter schreit“? Ich bin mir jedenfalls nicht sicher, ob der Totenkult lediglich der LH zugeschrieben werden kann. Also wenn der Dualismus erweitert wird in gut/böse. Und wie verhält sich die Wirkmacht der Dominanz der einen oder anderen H zu den gesellschaftlichen Strukturen? Ich denke, wenn beide Seiten als Teil des Ganzen verstanden werden, kann vielleicht besser der Prozess entfaltet werden.

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