Warum verbringen wir unser Leben vor Bildschirmen? Warum zerstören wir unsere Umwelt und fühlen uns dabei so einsam? Der britische Psychiater Iain McGilchrist hat eine revolutionäre Antwort!
Ein großes Lob für diesen sehr informativen, interessanten und gut geschriebenen Artikel!
Die Seitenzahlen, die du in den Quellen angegeben hast, lassen darauf schließen, dass das Lesen, die Vorbereitung und das Schreiben einige Zeit in Anspruch genommen hat. Man merkt aber die gründliche Arbeit und das macht letztlich auch den Erfolg auf und von Substack aus. Chapeau!
Ich muss gestehen, dass mich die These von Ian McGilchrist erstmal abschreckt.
Es ist dann doch ein relativ einfaches Modell für komplexe Zusammenhänge und der Sprung von der Neuropsychologie hin zu Ökologie und dergleichen ist gewagt. Zumal dafür ein sehr breites und gutes empirisches Fundament stehen muss. Kritiker:innen werfen ihm ja bisweilen vor, dass die Evidenz teilweise angreifbar ist. Dass er selber Studien aufführt, die sein Modell untermauern sollen, ist verständlich. Ich werfe ihm da auch keine böse Praxis vor. Aber die These beruht ja (hoffentlich) auf empirischen Beobachtungen, ist also induktiv. Wenn man auf Basis ähnlicher Fragestellungen die Theorie deduktiv überprüfen will, kann es passieren, dass eine Reihe von Phänomenen die Theorie untermauern (sie sind ja ähnlich zu den Beobachtungen, aus denen sie hervorgeht), dass andere Phänomene, für die diese Theorie aber Vorhersagen macht (und das macht McGilchrist ja für so ziemlich alles) durch sie nicht erklärt werden können. Gerade bei der Fülle von Annahmen ist eine wirklich seeeeehr gute empirische Grundlage notwendig. Und ich befürchte, aber das nur als Vermutung, dass andere Konzeptionen der Hemisphärenlateralisierung (BIS/BAS, approach-avoidance) einfacher (im Sinne von Ockhams Rasiermesser), methodisch leichter zu untersuchen und empirisch besser untermauert sind.
Ob McGilchrists Theorie keinen Einzug in die Wissenschaft erhalten hat, weil sie die überzeugende Evidenz nicht liefert oder aus anderen Gründen kann ich aber nicht beurteilen. Dafür fehlt mir die Zeit, die Evidenz durchzuarbeiten.
Aber ich finde trotzdem, dass McGilchrist unabhängig von seinen neurowissenschaftlichen Ausführungen, deren Validität ich gar nicht beurteilen kann, gute Punkte aufzeigt: Vermehrtes Wahrnehmen von Detailfragen, Überbetonung von Rationalität, Verleugnung kreativer Anteile etc.
Das ist ja durchaus wichtig für die Debatte und benötigt auch keine neurowissenschaftliche Fundierung (manchmal reicht die Psychologie). Genauso finde ich die Schlussfolgerung richtig, dass wir uns mehr den Metaphern, Bildern, der Kunst und Musik zuwenden müssen. Dass das das Leben lebenswerter, sinnvoller und schöner macht, ist psychologisch begründbar, empirisch haltbar und braucht die Annahme der Lateralisierung gar nicht.
Um das zusammenzufassen: Ein toller Essay, ein interessantes und diskutables Thema und wichtige Schlussfolgerungen. Ich like und teile sehr gerne!
VIelen Dank für diesen langen und weiterdenkenden Kommentar, den ich jetzt mit etwas Verspätung erst wertschätzen kann.
Der zweite Gedanke, den du äußerst, wird von McGilchrist in seiner Intro zu TMWT auch ausgeführt, nämlich dass ihn Leute oft fragen: deine Theorie ergibt auch jenseits von Neurologischen Befunden Sinn, warum begibst du dich überhaupt auf diese schwierige empirische Ebene? Das braucht man doch eigentlich gar nicht.
Ich denke, McGilchrist ist aber zu sehr empirischer Wissenschaftler und Mediziner, um das befriedigend zu finden. Er ist gerade kein armchair philosopher. Für ihn (wie auch, siehe Fußnote, Thomas Fuchs) sind die methodischen Ansätze für die Therapie von psychischen Problemen kein netter Nebeneffekt sondern sein Tagesgeschäft (also jetzt ist er im Ruhestand diesbezüglich, aber in seiner Karriere war er handwerklich betrachtet ja u.a. Psychiater).
Ich kann das Feld natürlich nicht überblicken, aber ich mache mir relativ wenig Sorgen, dass McGilchrist wissenschaftlich nicht sauber genug vorgeht. Erstens tun das Wissenschaften nie, sie sind dreckige Angelegenheiten (Thomas Kuhn), und zweitens trianguliert McGilchrist seine Thesen hervorragend über mehrere empirische und philosophische Felder hinweg, was zu einer ungewöhnlich soliden Datenlage führt. (Wir erinnern uns, most published research findings are false, Ioannidis.)
Zudem ist McGilchrists These nicht deterministisch und nicht reduktionistisch, d.h. er führt nicht alles auf die Hemisphären zurück. Er sagt nur: wir haben zwei Perspektiven auf die Welt, die liegen manchmal im Streit miteinander und je nachdem welche bei einem Menschen dominiert, so nimmt er hauptsächlich die Welt wahr. Die andere Perspektive bleibt dann (partiell) unterdrückt.
Interessanter Ansatz. Danke für das Aufdecken. Ich habe ein paar Fragen, die vielleicht auch bei dem Dominanzwettbewerb weiterhelfen können. Ist es wirklich schlüssig die beiden Seiten in Form eines Dualismus zu markieren? Ich verstehe, dass die Areale unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Ist es aber unumstritten so, dass es keine Wechselwirkung gibt? Verarbeitet jede Seite isoliert Information, und eine dritte Instanz generiert die Entscheidung? Oder liegt die Entscheidung dann in der Dominanz, und die äußert sich darin wer „lauter schreit“? Ich bin mir jedenfalls nicht sicher, ob der Totenkult lediglich der LH zugeschrieben werden kann. Also wenn der Dualismus erweitert wird in gut/böse. Und wie verhält sich die Wirkmacht der Dominanz der einen oder anderen H zu den gesellschaftlichen Strukturen? Ich denke, wenn beide Seiten als Teil des Ganzen verstanden werden, kann vielleicht besser der Prozess entfaltet werden.
Mir ging es weniger darum, ob das theoretische Grundmodell im Kern monistisch gedacht ist, sondern um deine konkrete Konklusion Richtung Totenkult. Auf dieser Ebene sehe ich einen Dualismus.
Wenn du sagst, die beiden müssen zusammenarbeiten, aber die RH soll die Führung innehaben und die LH nur die ‚Checkliste abarbeiten‘, löst das den Dualismus nicht auf. Es ist kein Aufheben des Gegensatzes, sondern das Postulieren einer reinen Hierarchie – ein Chef-Untergebenen-Verhältnis. Der fundamentale Dualismus (tot vs. lebendig) der überstülpt ist wird dadurch nicht überwunden, eher hierarchisch verwaltet.
Beim Fußballteam: Spieler haben zwar unterschiedliche Rollen, aber sie operieren auf dasselbe Ziel hin. In deiner Darstellung der Gegenwart sabotiert die LH jedoch das gesamte Spiel. Sie verwandelt die Welt in ein totes Ressourcenlager, isoliert Menschen und führt zum Totenkult. Das ist keine komplementäre Rolle im selben Team, das ist Sabotage am Leben selbst.
Auch wenn es nicht so scheint, ich meine es als wertfreies Denkangebot: Nach meiner Auffassung nimmst du hier das monistische, operative Modell von LH und RH, setzt dann aber perspektivisch eine sehr scharfe Trennung an (LH = technokratisch,tot vs. RH = humanistisch,lebendig). Falls ich mich darin irre: Wie kommst du aus einem Monismus zu der Position, dass die tote Markierung ausschließlich bei der LH liegt? Müsste ein Monismus das Unbelebte nicht als notwendigen Teil des Lebendigen integrieren, statt es einer Gehirnhälfte als Defizit zuzuschreiben?
Zusatz, mir geht es primär um Anschlussfähigkeit und Erkenntnisgewinn. Sekundär um akademisches Schachspiel. Ich hoffe du gibst mir den Vertrauensvorschuss in dem Zusammenhang.
Ich verstehe glaube ich nicht so richtig deinen Punkt. Ich spekuliere mal, was du meinen könntest und beantworte das dann:
Also: Natürlich ist es korrekt, tote Dinge als tot wahrzunehmen. Aber die LH nimmt lebendige Dinge auch als tendenziell tot oder mechanisch wahr. Das hat seinen Sinn darin, dass damit überflüssige Komplexität für das Manipulieren der Welt ausgeblendet werden kann.
Wenn dieses Ausblenden der Komplexität aber dominant wird, wie McGilchrist zufolge in unserer westlichen Kultur geschehen, dann nehmen wir die Welt entgegen ihrer tatsächlichen Konstitution als mechanisch, unbelebt, manipulier- und kontrollierbar wahr und stellen auch genau diese Fragen nach Kontrolle und Manipulation.
Wieder zur Fußballspieler-Analogie. Nur im Idealfall arbeiten alle auf das selbe Ziel hin (gewinnen). Es ist vorstellbar, dass ein Spieler lieber will, dass sein Team nicht gewinnt, wenn er dabei aber glänzen kann, als dass es gewinnt und er dabei aber übersehbar würde.
Aber nochmal: Der Dualismus ist nicht RH-Gut, LH-böse, sondern beide sind für sich genommen einseitig, beide sind darauf angewiesen mit der anderen zu kooperieren, aber der optimale Kooperationsmechanismus ist der einer RH-Dominanz, weil diese die Ergebnisse der LH in den Kontext einzubetten in der Lage ist, in der er erst ein korrektes Bild der Wirklichkeit liefert.
Auf diese These kommt McGilchrist darüber, wie Menschen funktionieren und ticken, wenn jeweils einer der Hälften ausfällt.
Menschen ohne RH zeigen fast kein Verständnis mehr für Lebendiges und Kontextuelles. Und diese Tendenz hat meines Erachtens auch unsere Kultur, weshalb ich das Wort (metaphorisch) Totentanz verwendete.
Nicht sicher, ob das deine Frage beantwortet, wenn nicht, wird dir aus meiner Antwort vllt aber klarer, was ich nicht verstehe.
Ich hab das im artikel vllt schlecht ausgedrückt, aber die These von McGilchrist ist nicht:
LH- böse/schlecht
RH- gut
Sondern:
Die beiden H müssen zusammenarbeiten, aber nicht vollkommen gleichberechtigt, sondern die RH soll die Führung innehaben, weil sie den Check hat, so to say, was das Große Ganze angeht, und die LH hat den Check, wenn es darum geht, eine Checkliste abzuarbeiten sozusagen, wie man sagt, falls man es so sagt.
Nicht sicher, ob das alles beantwortet, ich glaube die Warum Dominanz- statt Kooperations-Frage, hatte auch jemand schon in den Kommentaren gestellt und da hatte ich geantwortet, dass die RH sagen würde, natürlich schließt sich das nicht aus, es ist Kooperation plus Konkurrenz, wie beim Fußball-Team. Der Dualismus schließlich ist ja ein perspektivischer. McGilchrists Metaphysik wenn man sie so nennen will ist monistisch (aber auch pluralistisch im Sinne William James’, der aber auch Monist war (Sachen gibt’s)).
Ich bin leider mit dem Lesen deiner Artikel gerade arg in Verzug geraten. Aber genau wegen solchen Texten mag ich deinen Substack - vielen Dank für die tollen Anregungen!
Man sollte ja auch nicht zu viel auf Substack lesen :) Also wenn du hin und wieder etwas von mir liest, fühle ich mich schon geehrt. Wenn du extrem viel Zeit hast gerade, kannst du ja meine frisch erschienene Rezension zu Thomas Nagels Geist und Kosmos lesen xD
p.s. gibt’s von dir auch mal demnächst wieder etwas zu lesen?
Ja, dieses Substack. Ich überlege mir aktuell sogar, die Substack-App wieder zu löschen... mit den Notes kann ich irgendwie nicht so viel anfangen und die abonnierten Texte lese ich gerne in meinem Mailpostfach. Und da liegen eben aktuell gerade noch mehrere Texte von Alexander Beiner und von dir.
Deinen Text zu Nagel habe ich aber gelesen und war einmal mehr beeindruckt von den vielen Verbindungen, die du herzustellen vermagst. Mein Schwiegervater ist auch ein grosser Fan von Whitehead, den sollte ich mir wahrscheinlich auch mal noch genauer anschauen (also den Whitehead, nicht den Schwiegervater - letzterer lohnt sich natürlich auch sehr, aber den kenne ich gleichzeitig auch schon gut).
Selber habe ich schon seit vielen Wochen zwei Texte in der Pipeline, aber habe gerade nicht mehr denselben Antrieb zum Schreiben verspürt, wie die Monate/Jahre zuvor. Aber es hilft auf jeden Fall, wenn mal jemand nachfragt - also danke dafür. :-)
Wie mein Lieblingsschriftsteller Roberto Bolano immer zu betonen pflegte, ist das Leben ja auch wichtiger als das Schreiben. Und wie Charles Bukowski zu betonen pflegte, sollte man nur schreiben, wenn man es wirklich so gar nicht lassen kann xD
Ich bin neidisch, hätte auch gerne einen Schwiegervater, der mir etwas zu Whitehead erzählen könnte. ich habe nur eine Schwiegermutter, die sich mit Finanzen auskennt. Ist nicht nichts, aber für einen Philosophen natürlich weniger anziehend.
Ich werde im Sommer(ferien) intensiv Whitehead lesen.
Ich habe 'The Master and His Emissary' Anfang des Jahres fertig gelesen und für mich war es definitiv ein Buch, das meinen Blickwinkel auf die Welt und die Menschen nachhaltig verändert hat. Ich finde deine Zusammenfassung wirklich hervorragend! Es ist wirklich eine Kunst, ein so umfangreiches Thema so wohlformuliert und klar darzustellen.
Man kann sicher vieles an McGilchrist und seiner Hemisphären-Theorie kritisieren, aber gleichzeitig ist sie für mich sehr faszinierend und ansprechend, da sie sowohl menschliches/biologisches Verhalten im Einzelnen als auch historische und kulturelle Entwicklungen auf breiter Basis zu erklären versucht. Die neurobiologischen Erkenntnisse sind jedenfalls spannend, viel interessanter jedoch finde ich sein Narrativ der Linken und Rechten Hemisphäre, mit welchem McGilchrist die Geschichte der westlichen Kultur neu erzählt. Sein Werk ist aus meiner Sicht auf jeden Fall ein sehr wertvoller Beitrag zu einer Diskussion über gesellschaftliche Werte und einer kritischen Betrachtung, wohin sich eine Kultur entwickeln kann, wenn gewisse Denkmuster und Weltanschauungen (der Linken Hemisphäre) dominieren.
Ich denke auch, und McGilchrist thematisiert diese Frage in der Einleitung zu The Matter With Things (welches ich dir wärmstens empfehlen kann, wenn dir “The Master…” gefallen hat, ich würde sagen, es ist noch besser geschrieben und sein sich Vorwagen in die Metaphysik ist begleitet von einem riesigen Chor an Zitaten anderer Leute (manchmal etwas überbordend), sodass man hinterher nicht nur weiß, was er zum Thema gedacht hat, sondern auch so viele andere Denker. (Das Literaturverzeichnis ist fast 200 Seiten lang.) Und dann gibt es dennoch immer noch so viele interessante Denker, die er nicht berücksichtigt hat. Äh, ok, kleine Abschweifung… Klammer ZU)
— dass seine Hemisphärentheorie auch unabhängig von der neurobiologischen Grundlage Gewicht hätte, aber dass sie so gut und auch immer besser zur Empirie passt, gibt ihr den Spin, den man braucht, um im Lager der Linkshemisphäriker bestehen zu können.
Eigentlich fühlt es sich für mich oft unsinnig an, sich auf penible, engstirnig logische Diskussionen einzulassen. Zugleich kann man ja sogar auch die “gewinnen”, weil die LH nicht weiß, was sie nicht weiß und blind für ihre eigenen Denkfehler ist. (Sehr beliebt ist, methodische Festlegungen mit ontologischen Erkenntnissen zu verwechseln.) Allerdings bringt es nichts, eine Diskussion zu gewinnen. Die LH vergisst das sofort wieder :)
(Sind Diskussionen also sinnlos? Sie zwingen einen selbst zumindest, seine Thesen ordentlich zu sortieren und zu durchdenken. Aber ich habe mal gelesen, dass man Haltungsänderungen bei anderen nur dadurch bewirken kann, dass man sie fragt, was sie glauben und warum und das repetitiv, bis sie es selbst merken, wenn ihre Begründungen eigentlich nicht rund sind.)
Ich werde demnächst noch etwas zu McGilchrists RH-Thesen zu den Themen Bewusstsein und Zeit veröffentlichen.
Ich hatte ehrlich gesagt zum ersten mal in deinen Kommentaren von McGlichrist gehört. Toll dass du ihn und sein Denken hier näher vorstellst.
Ich hatte beim Lesen drei Gedanken, die ich hier einfach mal teile.
1. Wie kommt McGlichrist auf die These, dass unsere Gehirnhälften in einem Dominanzwettbewerb zueinander stehen? Da sie einen gemeinsamen Körper bewohnen, haben sie ja eigentlich einen hohen Anreiz, kooperativ zu sein. Man würde doch annehmen, dass sich evolutionär ein Zusammenspiel etabliert, das für ein Funktionieren des Ganzen in der Welt besonders vorteilhaft ist. Mein Verdacht nach deiner Zusammenfassung wäre, dass er sich bei diesem Bild eines aus der Balance geratenen Wettbewerbs eher auf anekdotische Erklärungskraft bezieht als auf empirische Daten. (z.B. Hirnscans) Aber vielleicht tue ich ihm da unrecht?
2. Ist diese Theorie nicht so spekulativ und offen formuliert, dass sie - wie ein gutes Horoskop - als Erklärung für so ziemlich alles herhalten könnte? Zum Beispiel: Könnte ich nicht in der selben Logik argumentieren, dass der Reiz des Bildschirms für Kinder (und Erwachsene) vor allem von der rechten Hemisphäre ausgeht? Weil dadurch die L.H., die ja immer manipulieren und eingreifen will, ruhig gestellt wird und die rein passive Kontemplation beim Medienkonsum eher die Domäne der R.H. ist? (Ist jetzt nur ein Beispiel. Ich hoffe du verstehst, worauf ich hinaus will.)
3. Besteht nicht die Gefahr, durch so eine Theorie Totschlagargumente zu produzieren? McGilchrist könnte ja auf jeden Einwand erwidern, das sei eben viel zu "linkshemiphärisch" gedacht. Wenn man das Große Ganze mit einbezieht, auf seine Intuition hört, seiner Imagination vertraut, kommt man eben zu Ergebnissen, die nicht nach rationalen Kriterien überprüfbar sind. Hat er sich zu dieser Gefahr irgendwie geäußert?
Schön, dass Du dich mit McGilchrist beschäftigst und dass Widerspruch aufklingt.
1. Um deinen Verdacht gleich zu entkräftigen, McGilchrists These basiert auf einem gewaltigen Fundus empirischer Evidenz (die größtenteils natürlich nicht von ihm selbst stammt, sondern nur von ihm synthetisiert wird).
Was den ersten Teil der Frage angeht, schließen sich Kooperation und Konkurrenz überhaupt nicht aus und das Zusammenspiel aus beidem ist gerade evolutionär betrachtet absolut einleuchtend. Die Hemisphären kooperieren miteinander, wobei die RH die Führungsrolle einnehmen sollte (daher ja das Schema Rechts-Links-Rechts).
Aber wie ein Fußballspieler in einem Team Allüren haben kann, dass er eher sich selbst profilieren müsse, als ein reiner Teamplayer zu sein, kann das auch die LH. Dass diese Konstellation evolutionär nicht vorteilhaft sein könnte (in der Regel auch nicht ist), zeigt sich dann darin, dass das Team weniger gut funktioniert und absteigt.
So auch der LH-Mensch und die LH-Kultur. Das passt ja aber ganz gut dazu, dass wir nahe daran sind, uns selbst auszulöschen, oder nicht?
2. Du meinst ein schlechtes Horoskop ;) ein gutes Horoskop muss natürlich absolut falsifizierbar sein und ein ausführliches Horoskop ist dies auch. (Ob sich daraus dann zeigt, dass Astrologie Quatsch ist oder eine Wissenschaft, kann ich nicht beurteilen, interessiert mich auch nicht besonders.)
Aber zur eigentlichen Frage: McGilchrists Theorie charakterisiert die beiden Hemisphären m.E. ausreichend, dass sie gehaltvolle Vorhersagen produziert, die sich überprüfen lassen.
Eine Unterscheidungsmöglichkeit, die ich im Artikel glaube ich nicht erwähnt habe, weil es so abgedroschen klingt, ist die zwischen Karte und Gebiet, also die Abstraktion und die Wirklichkeit.
Die LH ist absolut zufrieden mit der Abstraktion. Die RH interessiert sich für die Wirklichkeit. Wenn du beim Fernsehen schonmal den Gedanken hattest: „Was mache ich hier eigentlich? Ich schaue mir Bilder von Leuten an, die dafür bezahlt werden, so zu tun, als wären sie andere Leute.“ Das wäre ein Gedanke, der RH angelegt ist. Sich lieber ein Bild von einer Sache anschauen, als die Sache selbst, das ist LH. Das Bild ist ja auch auf ein oder zwei Sinneskanäle reduziert. Diesen Unterschied in der Fokussierung der Aufmerksamkeit auf eine Sache gar nicht wahrzunehmen, ist LH.
Es klingt schnell negativ, wenn man das so gegenüberstellt, aber beides hat seine Stärken und Schwächen. Die Thesen sind nur, dass (1) die funktional richtige Hierarchie die ist: RH-LH-RH, weil (2) nur die RH genug Überblick hat um klug zu entscheiden, was die LH jetzt tun sollte; eine auf sich allein gestellte LH hat zu wenig Kontakt zur lebendigen Wirklichkeit. Sie bleibt bei Abstraktionen stehen.
D.h. aber wiederum nicht, dass nur die LH gerne Filme sieht, und die RH das ablehnt. Den Film in seiner handlungslogischen Tiefe zu verstehen und als Kunstwerk zu rezipieren, wäre wieder eine Tätigkeit der RH. Sie würde dann aber eben auch zum Schluss kommen, wenn etwas banal ist, dass es keine Tiefe gibt. D.h. es sind an jeder Handlung in der Regel beide Hemisphären beteiligt. Aber sie bieten unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten und welche sich durchsetzt, ist dann eine Frage der Dominanz. Aber die Entweder/Oder-Logik ist das Steckenpferd der LH, während die RH eine Beides/Und-Logik ansetzt.
Auf das Beispiel aus unserer anderen Konversation angewandt, Liebe, könnte man sagen: die RH nimmt Liebe als Phänomen wahr, die LH kann, mit Nutzen (!), Wirkmechanismen auf physikalisch-chemisch-biologischer Ebene oder auch auf psychologischer/sozialer Ebene analysieren, und die RH kann daraus wieder interessante Schlüsse ziehen (z.B. Liebe von Verliebtheit, oder Eros von Philia zu unterscheiden, oder darüber spekulieren, ob Liebe eine kosmische Kraft ist oder nicht…)
3. Wie ich im Text schreibe, führt McGilchrist 4 Wege zur Wahrheit an, von denen zwei Wissenschaft und Logik heißen -- und er meint ja nicht vier getrennte Wege, sondern dass diese vier Wege (also auch Intuition und Imagination) tief miteinander verflochten sind -- d.h. die Ergebnisse, zu denen man u.a. durch Imagination und Intuition kommt (wie bspw. Einstein mit seinen Licht-Gedankenexperimenten) lassen sich dann ja durchaus logisch und je nach Fall wissenschaftlich prüfen. Zugleich lassen sich auch manche wissenschaftlichen Thesen oft zunächst nur durch Intuition, Logik und Imagination prüfen, weil uns die Mittel zur empirischen Prüfung fehlen. McGilchrists ganzes Arbeitsleben ist ja selbst das Leben eines Wissenschaftlers und er liebt die Wissenschaft. Er sagt nur: Wissenschaft schneidet sich selbst sowohl von mächtigen Werkzeugen als auch von der Einbettung in größere Denkzusammenhänge ab, wenn sie sich (linkshemisphärisch) isoliert. (Was sie bspw durch die Prämisse „shut up and calculate“ tut.)
Danke für deine Ausführungen. Mit der ersten Frage meinte ich eigentlich, ob es empirische Belege für die Dominanz der linken Hemisphäre gibt.
Kennst du eigentlich “Who’s in Charge?” von Michael Gazzaniga? Er hat ja viele der Split-Brain Experimente durchgeführt, auf denen McGlichrists Theorie beruhen dürfte, und hat auch bedenkenswertes zum Thema Willensfreiheit zu sagen.
Herzlichen Dank für diesen umfassenden Beitrag, der mir Ian McGilchrists Arbeit in genau der richtigen Portionsgröße prägnant zusammenfasst und gleichzeitig dazu animiert, sich weiter und tiefergehend damit zu beschäftigen.
Mir war der Name ein Begriff und im Groben auch die Kernthesen, aber es fehlte die Zeit, um herauszufinden, ob sich ein Eintauchen wirklich lohnt. Die Zeit habe ich durch diesen Text gespart, jetzt muss ich nur noch die Zeit für McGilchrists Werk irgendwo finden. Daher große Freude auf weitere Beiträge.
Danke für das Lob. Ich kann The Matter with Things wirklich als (monatelange) Lektüre empfehlen. Ich werde aber auch demnächst noch mehr über seine Bewusstsein vor Materie These und über seine Betrachtungen zur Zeit schreiben. Ich habe McGilchrist darüber hinaus auch schon häufiger in meinen Artikeln eingebaut gehabt, z.B. schreibt er auch ausführlich zur Replikationskrise.
Schönes Thema, welches bisher beachtlich wenig Diskurs in unserem Sprachraum fand, soweit ich mich entsinne. Die Bücher haben meines Wissens keine Übersetzung und vielleicht gibt es einige etwaige sprachlich gedankliche Barrieren jener Art, wie besprochen.
Ich möchte anmerken, dass bei deiner 14. Quelle wohl ein anderes Verb, wie etwa „erkennen“ oder „erleben“ angebracht wäre, da ja das „begreifen“, im Sinne von „bei greifen“ wie auch der „Begriff“ die tätigende Hand als eine Tendenz der linken Hemisphäre genannt wird. Generell verstärkt sich, selbst im Verhältnis zum Buch, in deiner Einführung die strikte Gliederung von dominanten funktionalen Weisen. Danke
Hast recht. Wobei natürlich das Begreifen ein Prozess wäre, der von der RH initiiert, aber dann mithilfe der LH ausgeführt würde, insofern darf die Hand vllt doch eine Rolle spielen? Wenn man mit Sprache spielen will, ist interessant, dass wir die beiden Kontraste aufmachen können, wobei jeweils ein Teil stehen bleibt:
ERgreifen - BEgreifen
Oder ErGREIFEN - ErKENNEN
…
jetzt können wir noch hinzufügen:
ERkennen - BEkennen?!?
Im Englischen Original jedenfalls benutzt McGilchrist “comprehend” für mein “begreifen”, das ja auch von lat. comprehendere, in die Hand nehmen etc. kommt. Die Hände spielen also eine bedeutende Rolle und der Teufel steckt im Detail :)
Ein großes Lob für diesen sehr informativen, interessanten und gut geschriebenen Artikel!
Die Seitenzahlen, die du in den Quellen angegeben hast, lassen darauf schließen, dass das Lesen, die Vorbereitung und das Schreiben einige Zeit in Anspruch genommen hat. Man merkt aber die gründliche Arbeit und das macht letztlich auch den Erfolg auf und von Substack aus. Chapeau!
Ich muss gestehen, dass mich die These von Ian McGilchrist erstmal abschreckt.
Es ist dann doch ein relativ einfaches Modell für komplexe Zusammenhänge und der Sprung von der Neuropsychologie hin zu Ökologie und dergleichen ist gewagt. Zumal dafür ein sehr breites und gutes empirisches Fundament stehen muss. Kritiker:innen werfen ihm ja bisweilen vor, dass die Evidenz teilweise angreifbar ist. Dass er selber Studien aufführt, die sein Modell untermauern sollen, ist verständlich. Ich werfe ihm da auch keine böse Praxis vor. Aber die These beruht ja (hoffentlich) auf empirischen Beobachtungen, ist also induktiv. Wenn man auf Basis ähnlicher Fragestellungen die Theorie deduktiv überprüfen will, kann es passieren, dass eine Reihe von Phänomenen die Theorie untermauern (sie sind ja ähnlich zu den Beobachtungen, aus denen sie hervorgeht), dass andere Phänomene, für die diese Theorie aber Vorhersagen macht (und das macht McGilchrist ja für so ziemlich alles) durch sie nicht erklärt werden können. Gerade bei der Fülle von Annahmen ist eine wirklich seeeeehr gute empirische Grundlage notwendig. Und ich befürchte, aber das nur als Vermutung, dass andere Konzeptionen der Hemisphärenlateralisierung (BIS/BAS, approach-avoidance) einfacher (im Sinne von Ockhams Rasiermesser), methodisch leichter zu untersuchen und empirisch besser untermauert sind.
Ob McGilchrists Theorie keinen Einzug in die Wissenschaft erhalten hat, weil sie die überzeugende Evidenz nicht liefert oder aus anderen Gründen kann ich aber nicht beurteilen. Dafür fehlt mir die Zeit, die Evidenz durchzuarbeiten.
Aber ich finde trotzdem, dass McGilchrist unabhängig von seinen neurowissenschaftlichen Ausführungen, deren Validität ich gar nicht beurteilen kann, gute Punkte aufzeigt: Vermehrtes Wahrnehmen von Detailfragen, Überbetonung von Rationalität, Verleugnung kreativer Anteile etc.
Das ist ja durchaus wichtig für die Debatte und benötigt auch keine neurowissenschaftliche Fundierung (manchmal reicht die Psychologie). Genauso finde ich die Schlussfolgerung richtig, dass wir uns mehr den Metaphern, Bildern, der Kunst und Musik zuwenden müssen. Dass das das Leben lebenswerter, sinnvoller und schöner macht, ist psychologisch begründbar, empirisch haltbar und braucht die Annahme der Lateralisierung gar nicht.
Um das zusammenzufassen: Ein toller Essay, ein interessantes und diskutables Thema und wichtige Schlussfolgerungen. Ich like und teile sehr gerne!
VIelen Dank für diesen langen und weiterdenkenden Kommentar, den ich jetzt mit etwas Verspätung erst wertschätzen kann.
Der zweite Gedanke, den du äußerst, wird von McGilchrist in seiner Intro zu TMWT auch ausgeführt, nämlich dass ihn Leute oft fragen: deine Theorie ergibt auch jenseits von Neurologischen Befunden Sinn, warum begibst du dich überhaupt auf diese schwierige empirische Ebene? Das braucht man doch eigentlich gar nicht.
Ich denke, McGilchrist ist aber zu sehr empirischer Wissenschaftler und Mediziner, um das befriedigend zu finden. Er ist gerade kein armchair philosopher. Für ihn (wie auch, siehe Fußnote, Thomas Fuchs) sind die methodischen Ansätze für die Therapie von psychischen Problemen kein netter Nebeneffekt sondern sein Tagesgeschäft (also jetzt ist er im Ruhestand diesbezüglich, aber in seiner Karriere war er handwerklich betrachtet ja u.a. Psychiater).
Ich kann das Feld natürlich nicht überblicken, aber ich mache mir relativ wenig Sorgen, dass McGilchrist wissenschaftlich nicht sauber genug vorgeht. Erstens tun das Wissenschaften nie, sie sind dreckige Angelegenheiten (Thomas Kuhn), und zweitens trianguliert McGilchrist seine Thesen hervorragend über mehrere empirische und philosophische Felder hinweg, was zu einer ungewöhnlich soliden Datenlage führt. (Wir erinnern uns, most published research findings are false, Ioannidis.)
Zudem ist McGilchrists These nicht deterministisch und nicht reduktionistisch, d.h. er führt nicht alles auf die Hemisphären zurück. Er sagt nur: wir haben zwei Perspektiven auf die Welt, die liegen manchmal im Streit miteinander und je nachdem welche bei einem Menschen dominiert, so nimmt er hauptsächlich die Welt wahr. Die andere Perspektive bleibt dann (partiell) unterdrückt.
Antwort schon zufriedenstellend?
Interessanter Ansatz. Danke für das Aufdecken. Ich habe ein paar Fragen, die vielleicht auch bei dem Dominanzwettbewerb weiterhelfen können. Ist es wirklich schlüssig die beiden Seiten in Form eines Dualismus zu markieren? Ich verstehe, dass die Areale unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Ist es aber unumstritten so, dass es keine Wechselwirkung gibt? Verarbeitet jede Seite isoliert Information, und eine dritte Instanz generiert die Entscheidung? Oder liegt die Entscheidung dann in der Dominanz, und die äußert sich darin wer „lauter schreit“? Ich bin mir jedenfalls nicht sicher, ob der Totenkult lediglich der LH zugeschrieben werden kann. Also wenn der Dualismus erweitert wird in gut/böse. Und wie verhält sich die Wirkmacht der Dominanz der einen oder anderen H zu den gesellschaftlichen Strukturen? Ich denke, wenn beide Seiten als Teil des Ganzen verstanden werden, kann vielleicht besser der Prozess entfaltet werden.
Mir ging es weniger darum, ob das theoretische Grundmodell im Kern monistisch gedacht ist, sondern um deine konkrete Konklusion Richtung Totenkult. Auf dieser Ebene sehe ich einen Dualismus.
Wenn du sagst, die beiden müssen zusammenarbeiten, aber die RH soll die Führung innehaben und die LH nur die ‚Checkliste abarbeiten‘, löst das den Dualismus nicht auf. Es ist kein Aufheben des Gegensatzes, sondern das Postulieren einer reinen Hierarchie – ein Chef-Untergebenen-Verhältnis. Der fundamentale Dualismus (tot vs. lebendig) der überstülpt ist wird dadurch nicht überwunden, eher hierarchisch verwaltet.
Beim Fußballteam: Spieler haben zwar unterschiedliche Rollen, aber sie operieren auf dasselbe Ziel hin. In deiner Darstellung der Gegenwart sabotiert die LH jedoch das gesamte Spiel. Sie verwandelt die Welt in ein totes Ressourcenlager, isoliert Menschen und führt zum Totenkult. Das ist keine komplementäre Rolle im selben Team, das ist Sabotage am Leben selbst.
Auch wenn es nicht so scheint, ich meine es als wertfreies Denkangebot: Nach meiner Auffassung nimmst du hier das monistische, operative Modell von LH und RH, setzt dann aber perspektivisch eine sehr scharfe Trennung an (LH = technokratisch,tot vs. RH = humanistisch,lebendig). Falls ich mich darin irre: Wie kommst du aus einem Monismus zu der Position, dass die tote Markierung ausschließlich bei der LH liegt? Müsste ein Monismus das Unbelebte nicht als notwendigen Teil des Lebendigen integrieren, statt es einer Gehirnhälfte als Defizit zuzuschreiben?
Zusatz, mir geht es primär um Anschlussfähigkeit und Erkenntnisgewinn. Sekundär um akademisches Schachspiel. Ich hoffe du gibst mir den Vertrauensvorschuss in dem Zusammenhang.
Ich verstehe glaube ich nicht so richtig deinen Punkt. Ich spekuliere mal, was du meinen könntest und beantworte das dann:
Also: Natürlich ist es korrekt, tote Dinge als tot wahrzunehmen. Aber die LH nimmt lebendige Dinge auch als tendenziell tot oder mechanisch wahr. Das hat seinen Sinn darin, dass damit überflüssige Komplexität für das Manipulieren der Welt ausgeblendet werden kann.
Wenn dieses Ausblenden der Komplexität aber dominant wird, wie McGilchrist zufolge in unserer westlichen Kultur geschehen, dann nehmen wir die Welt entgegen ihrer tatsächlichen Konstitution als mechanisch, unbelebt, manipulier- und kontrollierbar wahr und stellen auch genau diese Fragen nach Kontrolle und Manipulation.
Wieder zur Fußballspieler-Analogie. Nur im Idealfall arbeiten alle auf das selbe Ziel hin (gewinnen). Es ist vorstellbar, dass ein Spieler lieber will, dass sein Team nicht gewinnt, wenn er dabei aber glänzen kann, als dass es gewinnt und er dabei aber übersehbar würde.
Aber nochmal: Der Dualismus ist nicht RH-Gut, LH-böse, sondern beide sind für sich genommen einseitig, beide sind darauf angewiesen mit der anderen zu kooperieren, aber der optimale Kooperationsmechanismus ist der einer RH-Dominanz, weil diese die Ergebnisse der LH in den Kontext einzubetten in der Lage ist, in der er erst ein korrektes Bild der Wirklichkeit liefert.
Auf diese These kommt McGilchrist darüber, wie Menschen funktionieren und ticken, wenn jeweils einer der Hälften ausfällt.
Menschen ohne RH zeigen fast kein Verständnis mehr für Lebendiges und Kontextuelles. Und diese Tendenz hat meines Erachtens auch unsere Kultur, weshalb ich das Wort (metaphorisch) Totentanz verwendete.
Nicht sicher, ob das deine Frage beantwortet, wenn nicht, wird dir aus meiner Antwort vllt aber klarer, was ich nicht verstehe.
Ich hab das im artikel vllt schlecht ausgedrückt, aber die These von McGilchrist ist nicht:
LH- böse/schlecht
RH- gut
Sondern:
Die beiden H müssen zusammenarbeiten, aber nicht vollkommen gleichberechtigt, sondern die RH soll die Führung innehaben, weil sie den Check hat, so to say, was das Große Ganze angeht, und die LH hat den Check, wenn es darum geht, eine Checkliste abzuarbeiten sozusagen, wie man sagt, falls man es so sagt.
Nicht sicher, ob das alles beantwortet, ich glaube die Warum Dominanz- statt Kooperations-Frage, hatte auch jemand schon in den Kommentaren gestellt und da hatte ich geantwortet, dass die RH sagen würde, natürlich schließt sich das nicht aus, es ist Kooperation plus Konkurrenz, wie beim Fußball-Team. Der Dualismus schließlich ist ja ein perspektivischer. McGilchrists Metaphysik wenn man sie so nennen will ist monistisch (aber auch pluralistisch im Sinne William James’, der aber auch Monist war (Sachen gibt’s)).
Gut so?
Ich bin leider mit dem Lesen deiner Artikel gerade arg in Verzug geraten. Aber genau wegen solchen Texten mag ich deinen Substack - vielen Dank für die tollen Anregungen!
Man sollte ja auch nicht zu viel auf Substack lesen :) Also wenn du hin und wieder etwas von mir liest, fühle ich mich schon geehrt. Wenn du extrem viel Zeit hast gerade, kannst du ja meine frisch erschienene Rezension zu Thomas Nagels Geist und Kosmos lesen xD
p.s. gibt’s von dir auch mal demnächst wieder etwas zu lesen?
Ja, dieses Substack. Ich überlege mir aktuell sogar, die Substack-App wieder zu löschen... mit den Notes kann ich irgendwie nicht so viel anfangen und die abonnierten Texte lese ich gerne in meinem Mailpostfach. Und da liegen eben aktuell gerade noch mehrere Texte von Alexander Beiner und von dir.
Deinen Text zu Nagel habe ich aber gelesen und war einmal mehr beeindruckt von den vielen Verbindungen, die du herzustellen vermagst. Mein Schwiegervater ist auch ein grosser Fan von Whitehead, den sollte ich mir wahrscheinlich auch mal noch genauer anschauen (also den Whitehead, nicht den Schwiegervater - letzterer lohnt sich natürlich auch sehr, aber den kenne ich gleichzeitig auch schon gut).
Selber habe ich schon seit vielen Wochen zwei Texte in der Pipeline, aber habe gerade nicht mehr denselben Antrieb zum Schreiben verspürt, wie die Monate/Jahre zuvor. Aber es hilft auf jeden Fall, wenn mal jemand nachfragt - also danke dafür. :-)
Wie mein Lieblingsschriftsteller Roberto Bolano immer zu betonen pflegte, ist das Leben ja auch wichtiger als das Schreiben. Und wie Charles Bukowski zu betonen pflegte, sollte man nur schreiben, wenn man es wirklich so gar nicht lassen kann xD
Ich bin neidisch, hätte auch gerne einen Schwiegervater, der mir etwas zu Whitehead erzählen könnte. ich habe nur eine Schwiegermutter, die sich mit Finanzen auskennt. Ist nicht nichts, aber für einen Philosophen natürlich weniger anziehend.
Ich werde im Sommer(ferien) intensiv Whitehead lesen.
Ich habe 'The Master and His Emissary' Anfang des Jahres fertig gelesen und für mich war es definitiv ein Buch, das meinen Blickwinkel auf die Welt und die Menschen nachhaltig verändert hat. Ich finde deine Zusammenfassung wirklich hervorragend! Es ist wirklich eine Kunst, ein so umfangreiches Thema so wohlformuliert und klar darzustellen.
Man kann sicher vieles an McGilchrist und seiner Hemisphären-Theorie kritisieren, aber gleichzeitig ist sie für mich sehr faszinierend und ansprechend, da sie sowohl menschliches/biologisches Verhalten im Einzelnen als auch historische und kulturelle Entwicklungen auf breiter Basis zu erklären versucht. Die neurobiologischen Erkenntnisse sind jedenfalls spannend, viel interessanter jedoch finde ich sein Narrativ der Linken und Rechten Hemisphäre, mit welchem McGilchrist die Geschichte der westlichen Kultur neu erzählt. Sein Werk ist aus meiner Sicht auf jeden Fall ein sehr wertvoller Beitrag zu einer Diskussion über gesellschaftliche Werte und einer kritischen Betrachtung, wohin sich eine Kultur entwickeln kann, wenn gewisse Denkmuster und Weltanschauungen (der Linken Hemisphäre) dominieren.
Vielen Dank für das Lob :)
Ich denke auch, und McGilchrist thematisiert diese Frage in der Einleitung zu The Matter With Things (welches ich dir wärmstens empfehlen kann, wenn dir “The Master…” gefallen hat, ich würde sagen, es ist noch besser geschrieben und sein sich Vorwagen in die Metaphysik ist begleitet von einem riesigen Chor an Zitaten anderer Leute (manchmal etwas überbordend), sodass man hinterher nicht nur weiß, was er zum Thema gedacht hat, sondern auch so viele andere Denker. (Das Literaturverzeichnis ist fast 200 Seiten lang.) Und dann gibt es dennoch immer noch so viele interessante Denker, die er nicht berücksichtigt hat. Äh, ok, kleine Abschweifung… Klammer ZU)
— dass seine Hemisphärentheorie auch unabhängig von der neurobiologischen Grundlage Gewicht hätte, aber dass sie so gut und auch immer besser zur Empirie passt, gibt ihr den Spin, den man braucht, um im Lager der Linkshemisphäriker bestehen zu können.
Eigentlich fühlt es sich für mich oft unsinnig an, sich auf penible, engstirnig logische Diskussionen einzulassen. Zugleich kann man ja sogar auch die “gewinnen”, weil die LH nicht weiß, was sie nicht weiß und blind für ihre eigenen Denkfehler ist. (Sehr beliebt ist, methodische Festlegungen mit ontologischen Erkenntnissen zu verwechseln.) Allerdings bringt es nichts, eine Diskussion zu gewinnen. Die LH vergisst das sofort wieder :)
(Sind Diskussionen also sinnlos? Sie zwingen einen selbst zumindest, seine Thesen ordentlich zu sortieren und zu durchdenken. Aber ich habe mal gelesen, dass man Haltungsänderungen bei anderen nur dadurch bewirken kann, dass man sie fragt, was sie glauben und warum und das repetitiv, bis sie es selbst merken, wenn ihre Begründungen eigentlich nicht rund sind.)
Ich werde demnächst noch etwas zu McGilchrists RH-Thesen zu den Themen Bewusstsein und Zeit veröffentlichen.
Ich hatte ehrlich gesagt zum ersten mal in deinen Kommentaren von McGlichrist gehört. Toll dass du ihn und sein Denken hier näher vorstellst.
Ich hatte beim Lesen drei Gedanken, die ich hier einfach mal teile.
1. Wie kommt McGlichrist auf die These, dass unsere Gehirnhälften in einem Dominanzwettbewerb zueinander stehen? Da sie einen gemeinsamen Körper bewohnen, haben sie ja eigentlich einen hohen Anreiz, kooperativ zu sein. Man würde doch annehmen, dass sich evolutionär ein Zusammenspiel etabliert, das für ein Funktionieren des Ganzen in der Welt besonders vorteilhaft ist. Mein Verdacht nach deiner Zusammenfassung wäre, dass er sich bei diesem Bild eines aus der Balance geratenen Wettbewerbs eher auf anekdotische Erklärungskraft bezieht als auf empirische Daten. (z.B. Hirnscans) Aber vielleicht tue ich ihm da unrecht?
2. Ist diese Theorie nicht so spekulativ und offen formuliert, dass sie - wie ein gutes Horoskop - als Erklärung für so ziemlich alles herhalten könnte? Zum Beispiel: Könnte ich nicht in der selben Logik argumentieren, dass der Reiz des Bildschirms für Kinder (und Erwachsene) vor allem von der rechten Hemisphäre ausgeht? Weil dadurch die L.H., die ja immer manipulieren und eingreifen will, ruhig gestellt wird und die rein passive Kontemplation beim Medienkonsum eher die Domäne der R.H. ist? (Ist jetzt nur ein Beispiel. Ich hoffe du verstehst, worauf ich hinaus will.)
3. Besteht nicht die Gefahr, durch so eine Theorie Totschlagargumente zu produzieren? McGilchrist könnte ja auf jeden Einwand erwidern, das sei eben viel zu "linkshemiphärisch" gedacht. Wenn man das Große Ganze mit einbezieht, auf seine Intuition hört, seiner Imagination vertraut, kommt man eben zu Ergebnissen, die nicht nach rationalen Kriterien überprüfbar sind. Hat er sich zu dieser Gefahr irgendwie geäußert?
Schön, dass Du dich mit McGilchrist beschäftigst und dass Widerspruch aufklingt.
1. Um deinen Verdacht gleich zu entkräftigen, McGilchrists These basiert auf einem gewaltigen Fundus empirischer Evidenz (die größtenteils natürlich nicht von ihm selbst stammt, sondern nur von ihm synthetisiert wird).
Was den ersten Teil der Frage angeht, schließen sich Kooperation und Konkurrenz überhaupt nicht aus und das Zusammenspiel aus beidem ist gerade evolutionär betrachtet absolut einleuchtend. Die Hemisphären kooperieren miteinander, wobei die RH die Führungsrolle einnehmen sollte (daher ja das Schema Rechts-Links-Rechts).
Aber wie ein Fußballspieler in einem Team Allüren haben kann, dass er eher sich selbst profilieren müsse, als ein reiner Teamplayer zu sein, kann das auch die LH. Dass diese Konstellation evolutionär nicht vorteilhaft sein könnte (in der Regel auch nicht ist), zeigt sich dann darin, dass das Team weniger gut funktioniert und absteigt.
So auch der LH-Mensch und die LH-Kultur. Das passt ja aber ganz gut dazu, dass wir nahe daran sind, uns selbst auszulöschen, oder nicht?
2. Du meinst ein schlechtes Horoskop ;) ein gutes Horoskop muss natürlich absolut falsifizierbar sein und ein ausführliches Horoskop ist dies auch. (Ob sich daraus dann zeigt, dass Astrologie Quatsch ist oder eine Wissenschaft, kann ich nicht beurteilen, interessiert mich auch nicht besonders.)
Aber zur eigentlichen Frage: McGilchrists Theorie charakterisiert die beiden Hemisphären m.E. ausreichend, dass sie gehaltvolle Vorhersagen produziert, die sich überprüfen lassen.
Eine Unterscheidungsmöglichkeit, die ich im Artikel glaube ich nicht erwähnt habe, weil es so abgedroschen klingt, ist die zwischen Karte und Gebiet, also die Abstraktion und die Wirklichkeit.
Die LH ist absolut zufrieden mit der Abstraktion. Die RH interessiert sich für die Wirklichkeit. Wenn du beim Fernsehen schonmal den Gedanken hattest: „Was mache ich hier eigentlich? Ich schaue mir Bilder von Leuten an, die dafür bezahlt werden, so zu tun, als wären sie andere Leute.“ Das wäre ein Gedanke, der RH angelegt ist. Sich lieber ein Bild von einer Sache anschauen, als die Sache selbst, das ist LH. Das Bild ist ja auch auf ein oder zwei Sinneskanäle reduziert. Diesen Unterschied in der Fokussierung der Aufmerksamkeit auf eine Sache gar nicht wahrzunehmen, ist LH.
Es klingt schnell negativ, wenn man das so gegenüberstellt, aber beides hat seine Stärken und Schwächen. Die Thesen sind nur, dass (1) die funktional richtige Hierarchie die ist: RH-LH-RH, weil (2) nur die RH genug Überblick hat um klug zu entscheiden, was die LH jetzt tun sollte; eine auf sich allein gestellte LH hat zu wenig Kontakt zur lebendigen Wirklichkeit. Sie bleibt bei Abstraktionen stehen.
D.h. aber wiederum nicht, dass nur die LH gerne Filme sieht, und die RH das ablehnt. Den Film in seiner handlungslogischen Tiefe zu verstehen und als Kunstwerk zu rezipieren, wäre wieder eine Tätigkeit der RH. Sie würde dann aber eben auch zum Schluss kommen, wenn etwas banal ist, dass es keine Tiefe gibt. D.h. es sind an jeder Handlung in der Regel beide Hemisphären beteiligt. Aber sie bieten unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten und welche sich durchsetzt, ist dann eine Frage der Dominanz. Aber die Entweder/Oder-Logik ist das Steckenpferd der LH, während die RH eine Beides/Und-Logik ansetzt.
Auf das Beispiel aus unserer anderen Konversation angewandt, Liebe, könnte man sagen: die RH nimmt Liebe als Phänomen wahr, die LH kann, mit Nutzen (!), Wirkmechanismen auf physikalisch-chemisch-biologischer Ebene oder auch auf psychologischer/sozialer Ebene analysieren, und die RH kann daraus wieder interessante Schlüsse ziehen (z.B. Liebe von Verliebtheit, oder Eros von Philia zu unterscheiden, oder darüber spekulieren, ob Liebe eine kosmische Kraft ist oder nicht…)
3. Wie ich im Text schreibe, führt McGilchrist 4 Wege zur Wahrheit an, von denen zwei Wissenschaft und Logik heißen -- und er meint ja nicht vier getrennte Wege, sondern dass diese vier Wege (also auch Intuition und Imagination) tief miteinander verflochten sind -- d.h. die Ergebnisse, zu denen man u.a. durch Imagination und Intuition kommt (wie bspw. Einstein mit seinen Licht-Gedankenexperimenten) lassen sich dann ja durchaus logisch und je nach Fall wissenschaftlich prüfen. Zugleich lassen sich auch manche wissenschaftlichen Thesen oft zunächst nur durch Intuition, Logik und Imagination prüfen, weil uns die Mittel zur empirischen Prüfung fehlen. McGilchrists ganzes Arbeitsleben ist ja selbst das Leben eines Wissenschaftlers und er liebt die Wissenschaft. Er sagt nur: Wissenschaft schneidet sich selbst sowohl von mächtigen Werkzeugen als auch von der Einbettung in größere Denkzusammenhänge ab, wenn sie sich (linkshemisphärisch) isoliert. (Was sie bspw durch die Prämisse „shut up and calculate“ tut.)
Danke für deine Ausführungen. Mit der ersten Frage meinte ich eigentlich, ob es empirische Belege für die Dominanz der linken Hemisphäre gibt.
Kennst du eigentlich “Who’s in Charge?” von Michael Gazzaniga? Er hat ja viele der Split-Brain Experimente durchgeführt, auf denen McGlichrists Theorie beruhen dürfte, und hat auch bedenkenswertes zum Thema Willensfreiheit zu sagen.
Herzlichen Dank für diesen umfassenden Beitrag, der mir Ian McGilchrists Arbeit in genau der richtigen Portionsgröße prägnant zusammenfasst und gleichzeitig dazu animiert, sich weiter und tiefergehend damit zu beschäftigen.
Mir war der Name ein Begriff und im Groben auch die Kernthesen, aber es fehlte die Zeit, um herauszufinden, ob sich ein Eintauchen wirklich lohnt. Die Zeit habe ich durch diesen Text gespart, jetzt muss ich nur noch die Zeit für McGilchrists Werk irgendwo finden. Daher große Freude auf weitere Beiträge.
Danke für das Lob. Ich kann The Matter with Things wirklich als (monatelange) Lektüre empfehlen. Ich werde aber auch demnächst noch mehr über seine Bewusstsein vor Materie These und über seine Betrachtungen zur Zeit schreiben. Ich habe McGilchrist darüber hinaus auch schon häufiger in meinen Artikeln eingebaut gehabt, z.B. schreibt er auch ausführlich zur Replikationskrise.
Bin gespannt und danke für den Tipp!
Schönes Thema, welches bisher beachtlich wenig Diskurs in unserem Sprachraum fand, soweit ich mich entsinne. Die Bücher haben meines Wissens keine Übersetzung und vielleicht gibt es einige etwaige sprachlich gedankliche Barrieren jener Art, wie besprochen.
Ich möchte anmerken, dass bei deiner 14. Quelle wohl ein anderes Verb, wie etwa „erkennen“ oder „erleben“ angebracht wäre, da ja das „begreifen“, im Sinne von „bei greifen“ wie auch der „Begriff“ die tätigende Hand als eine Tendenz der linken Hemisphäre genannt wird. Generell verstärkt sich, selbst im Verhältnis zum Buch, in deiner Einführung die strikte Gliederung von dominanten funktionalen Weisen. Danke
Hast recht. Wobei natürlich das Begreifen ein Prozess wäre, der von der RH initiiert, aber dann mithilfe der LH ausgeführt würde, insofern darf die Hand vllt doch eine Rolle spielen? Wenn man mit Sprache spielen will, ist interessant, dass wir die beiden Kontraste aufmachen können, wobei jeweils ein Teil stehen bleibt:
ERgreifen - BEgreifen
Oder ErGREIFEN - ErKENNEN
…
jetzt können wir noch hinzufügen:
ERkennen - BEkennen?!?
Im Englischen Original jedenfalls benutzt McGilchrist “comprehend” für mein “begreifen”, das ja auch von lat. comprehendere, in die Hand nehmen etc. kommt. Die Hände spielen also eine bedeutende Rolle und der Teufel steckt im Detail :)