Ordnung aus dem Chaos.
Wie wir all das überlebten. Und was bleibt.
Antwerpen
Auf dem Weg nach Westende halten wir in Antwerpen.
Meine Frau hat einen Plan gemacht, der mir, als sie ihn mir vorstellte, durchaus logisch vorkam: Wir essen im jüdischen Viertel, dann spazieren wir zum Rubens-Park — das Haus ist aktuell geschlossen, aber der Garten geöffnet —, von dort zur Chocolaterie The Chocolate Line und dann durch einen Tunnel unter der Schelde (der Fluss Antwerpens) durch auf die andere Seite. Optional könnte ich nicht mit durch den Tunnel, sondern stattdessen das Auto holen und sie und die Kinder auf der anderen Seite abholen.
Dass mir das logisch vorkam, lag daran, dass ich nicht weiter drüber nachdachte. Ich hatte Lust, in Antwerpen Halt zu machen, weil Roberto Bolaño einen kryptischen Roman nach dieser Stadt benannt hat, ohne je dort gewesen zu sein. Der Roman ist mehr eine Art Prosagedicht. Er wurde nicht ins Deutsche übersetzt. Ich habe ihn mal auf Englisch gelesen, das Buch dann aber verloren oder verliehen, und erinnere mich an kaum etwas. Eine Stelle, ziemlich zu Beginn, hatte mich stark beeindruckt. Aber nichts ist hängen geblieben, außer dem Titel des Romans, Antwerpen. Der Roman spielt aber nicht in Antwerpen, sondern in Barcelona. Es geht, wie immer bei Bolaño, um Gewalt und Melancholie, Einsamkeit und Wahnsinn und das dazugehörige Milieu korrupter Polizisten, Zuhälter und Prostituierten, und natürlich scheiternder, vagabundierender Dichter.
Wäre Bolaño in Antwerpen gewesen, hätte er das Buch vielleicht nicht nach dieser Stadt benannt. Vielleicht hätte er eine andere belgische Stadt gewählt. Wer weiß?
Wir parken in einem Parkhaus, das unendlich groß wirkt, als unterwuchere es die ganze Stadt, obwohl wir ziemlich nah am Eingang einen Parkplatz finden. Es wirkt auch unendlich tief in die Erde gehend — bis zur Hölle — und wenn wir es richtig verstehen, gibt es Läden, z.B. Lidl, die unterirdisch zu diesem Parkhauskomplex gehören. Unterirdisch! Lidl -2…
Das Parkhaus macht mir Angst, aber damit kann ich natürlich souverän umgehen. Wir packen also die Kinder und Findus (unseren Hund) aus und verlassen das Parkhaus über den Weg für die Autos, denn einen separaten Ausgang für Fußgänger scheint es nicht zu geben.
Das orthodoxe Viertel
Draußen ist es bewölkt, aber es hat aufgehört zu regnen. Der Park, in den wir uns zum Essen eigentlich setzen wollten, wird aber noch nass sein. Wir sehen die ersten orthodoxen Juden auf unserem Weg zum Restaurant. Und Polizisten mit Maschinenpistolen.
In der Straße ist eine laute Baustelle. So ist die Stadt, denke ich, laut und dreckig.
Dort angekommen, fragt meine Frau, ob wir den Hund mit reinnehmen dürften. Das geht nicht. Also warte ich mit Findus draußen, sie bestellt etwas zum Mitnehmen.
Während wir dort stehen, kommen immer wieder Passanten vorbei. Sie, vor allem die Frauen, werfen sorgenvolle Blicke auf Findus. Dabei ist der doch wirklich ein süßer und wohlerzogener Hund.
Mit dem Essen gehen wir in den Park, finden dort direkt einen Spielplatz mit Sitzbänken, die sogar halbwegs trocken sind. Wir genießen unser Essen, die Kinder verschwinden auf den Spielplatz.
Meine Frau sagt: Die haben mich wirklich schockiert angeschaut, als ich fragte, ob Findus mit reindarf. Ich hatte auch den Eindruck, die mögen keine Hunde, sagte ich. Dann macht es Klick. Moment, kann es sein, dass Hunde bei ihnen als unrein gelten? Ich weiß, dass Muslime Hunde teilweise nicht mögen und nicht im Haus haben wollen, weil sie einen sauberen Platz zum Beten brauchen und Hunde nicht sauber genug sind.
Ich recherchiere und werde fündig:
Ein jiddisches Sprichwort sagt: „Wenn ein Jude einen Hund hat, ist entweder der Hund kein echter Hund oder der Jude kein echter Jude.“
Die Haltung habe sich zwar insgesamt gelockert, insbesondere unter säkularen Juden, aber gerade orthodoxe Juden “würden nie einen Hund halten, sie haben Angst vor Hunden.”
Oh Gott, wir haben uns wie Holzfäller verhalten, sagt meine Frau.
Wie US-amerikanische Touristen, sage ich.
Wir schämen uns. Ein bisschen.
Der Gorilla
Im Park ist übrigens eine Baustelle. Es ist laut. In der Stadt ist es überall laut.
Ernüchtert versuche ich, meiner Frau den weiteren Plan auszureden. Einfach weiterfahren, an die Küste. Früher ankommen, in Ruhe das Zelt aufbauen, dann noch zum Strand…
Ich argumentiere mit der fortgeschrittenen Uhrzeit, mit der Unsinnigkeit des Tunnels unter der Schelde, mit der möglichen schlechten Laune der Kinder. Aber meine Frau zeigt sich unbeeindruckt. Den Rubens-Park können wir aufgrund der Wetter-Lage ausfallen lassen, den Rest zieht sie mit den Kindern durch. Ich kann ja das Auto holen und sie am anderen Schelde-Ufer abholen. Dort kann ich dann ja auch lesen, während ich auf sie warte.
Mir ist das nicht Recht. Später wird mir klar, dass ich Angst vor dem Parkhaus habe. Wir machen es natürlich trotzdem so. Klappt auch alles gut. Am Ausgang des Tunnels kann man gut parken, es gibt einen Park, die Sonne scheint ein wenig. Allerdings werden hier gerade Bäume und Hecken beschnitten, es ist also wieder laut. Motorenlärm. Ich laufe ein wenig mit Findus herum, setze mich dann auf eine Bank und lese Dance to the Tune of Life von Denis Noble.
Noble argumentiert darin für seine Theorie der Biologischen Relativität, der zufolge es keine a priori zugrundeliegende Ebene der Betrachtung in der Biologie gibt (pace Reduktionismus) und sich die Ebenen insbesondere gegenseitig beeinflussen (bottom-up und top-down Kausalität). Damit argumentiert er gegen den Mainstream des Neo-Darwinismus.
Noble beobachtet, dass die wenigsten aktuell forschenden Biologen den "klassischen Neo-Darwinismus” noch für wahr hielten, die meisten glaubten aber, er ließe sich mit geringfügigen Modifikationen (sprich: ad hoc Annahmen) retten, und jedenfalls sei der Neo-Darwinismus noch immer das Bild vom Leben, das im Rest der Kultur dominiere: Egoistische Gene als Replikatoren, zufällige Mutationen und natürliche Auslese als die primären Treiber der Evolution. Das sei ein stark vereinfachtes, reduktionistisches Bild, das die Komplexität der Vorgänge nicht einzufangen in der Lage sei. Insbesondere das Bild von der Rolle der Gene sei schlicht falsch.
Dann kommen die Holden an, wir packen alle ins Auto und die Kleine zeigt mir, was sie sich im Schokoladenladen gekauft hat: einen riesigen Berggorilla aus Schokolade.
Westende
Wir kommen gegen 18 Uhr an. Unser Campingplatz liegt ganz nahe am Strand und immitiert die Dünen im Kleinen: Viel Sand und Dünengräser. Die Kinder spielen sich sofort ein.
Leider/Glücklicherweise weht ein strammer Wind und wir haben beim Zeltaufbau ganz schön zu kämpfen. Die Zeltnägel finden im Sand keinen Halt und die Zeltplane flattert immer wieder hoch. Mit vereinten Kräften gelingt es uns schließlich, das Zelt an Holzpfählen festzubinden, die glücklicherweise unseren Platz begrenzen. Der Rest ist dann ganz einfach.
Die erste Nacht im Zelt ist für die Kinder natürlich aufregend, aber nachdem ich ihnen das ganze Buch Viele Grüße, Deine Giraffe vorgelesen habe, schlafen alle rasch ein.
Entspannung
Ich vergaß, wer mir dies kürzlich sagte: Mit Kindern führe man ja nicht in Urlaub, um zu entspannen, sondern, damit sie etwas erleben. Wer entspannen wolle, müsse alleine fahren, ohne Kinder.
Aber erleben die Kinder nicht genug zu Hause?
Ich weiß nicht. Ich erinnere mich gerne an unsere Urlaube als Kind — tatsächlich erinnere ich mich besser an manche Ferienorte, als an die ersten zwei Häuser, in denen ich lebte, bis ich ca. 12 Jahre alt war.
Meer
Auf dem Weg zum Meer erzählt uns eine Rentnerin, dass hier in den Dünen noch immer Bomben gefunden werden, dass man darum die Hunde dort nicht frei rumlaufen lassen sollte. Äh, beruhigend?
Am Eingang zum Strand stehen auch gleich zwei Fahrzeuge der Bombenentschärfung und auf dem Strand selbst fahren drei Bagger herum — wenig beruhigend. Und laut! Allerdings ist nichts abgesperrt, also wagen wir uns trotzdem weiter.
Eine Tafel warnt zusätzlich noch vor Treibsand-Stellen, diese seien aber mit einem roten Andreaskreuz gekennzeichnet. Ich sehe zwei solcher Kreuze etwas weiter westlich. Beruhigend.
Das Meer aber ist, wie das Meer so ist. Beruhigend, kalt, wellig, grau-blau dank bewölktem Himmel mit gelegentlichem Sonnendurchbruch.
(Aber in dem Kinderbuch, das ich gestern las, fragt ein Wal den Pinguin, welche Farbe das Meer habe. Blau, sagt dieser. Daraufhin lässt der Wal ihn das Wasser in einen Eimer füllen. Jetzt ist es durchsichtig. Ist das Meer also gar nicht blau? Oder grau? Ist es nur ein Spiegel?)
An einer Buhne, auf der Möwen faulenzen, treffen wir auf zwei Väter mit Kindern, die nach Krebsen und anderen Tierchen suchen und schon eine beeindruckende Sammlung in einem Eimer vorzuweisen haben. Wir suchen also auch. Meine Frau findet einen winzigen Einsiedlerkrebs. Wenn man seine Schale mit der Öffnung nach oben dreht, kommt er zum Vorschein und dreht sie wieder nach unten. Niedlich.
Nach einer gewissen Zeit sieht man plötzlich überall etwas. Wo vorher nichts zu sehen war, sind plötzlich eine Vielzahl kleiner Tierchen unterwegs. Krebse flitzen durch die Pfützen. Muscheln klappen sich auf und zu. Die Welt lebt. Die Frage ist, ob wir es wahrnehmen.
Wasserspielplatz
Obwohl es nachmittags nicht besonders warm oder sonnig ist, wollen die Kinder den Wasserspielplatz des Campingplatzes ausprobieren. Man drückt einen Knopf und daraufhin spritzt Wasser in verschiedensten Formen aus verschiedenen Skulpturen.
Es macht ihnen viel Freude. Ich bin beeindruckt, dass ihnen die Kälte nichts ausmacht. Findus macht es nervös.
Dann geht es auf die Hüpfplane. Es gibt auch einen “normalen” Spielplatz. Die Kinder sind begeistert.
Da ich eigentlich gerne schlafen würde (aber zum Entspannen hätte ich sie nicht mitnehmen dürfen), oder zur Not lesen, aber beides nicht klappt, kaufe ich mir im Automatenshop ein Red Bull und ein Kinder Bueno. Letzteres bleibt hängen, was mich kein bisschen überrascht.
Gefühlt und auch wirklich in 2 von 3 Fällen, wenn ich versuche, etwas aus so einem Automaten zu kaufen, bleibt es hängen. Ich weiß nicht, ob das jedem so geht, oder ob sie mich in besonderem Maße hassen, aber während ich früher verärgert gegen den Automaten hämmerte oder trat, bleibe ich heutzutage ganz gelassen. Ich wusste ja, worauf ich mich einließ, als ich Geld in diesen Höllenautomaten steckte.
Das Bueno wollen wir aber doch haben. Also frage ich im Restaurant nebenan nach und werde auf die Lobby verwiesen, wo die Nummer des Hausmeisters aushängt. Ich rufe an, er kommt vorbei und händigt uns die Süßigkeit aus. Hart erarbeitet, schmeckt sie dennoch billig und ungesund. Die Kinder empfinden das nicht so.
Abends im Zelt lesen wir noch einmal Viele Grüße, Deine Giraffe und halten uns länger bei der Stelle mit dem Meer auf. Ist das Meer blau? Ist es durchsichtig? Ist die Oberfläche blau? Oder ein Spiegel? Wasser ist jedenfalls nicht blau, da sind wir uns einig. Aber ist der Himmel denn eigentlich blau? Oder sieht er auch nur blau aus? (Was zeigt ein Spiegel, der sich in einem Spiegel spiegelt?)
Regen
Am nächsten Morgen regnet es. Leichte Tropfen trommeln auf die Zeltplane. Ich denke an einen Song der Poets of the Fall, Someone Special, der damit beginnt, dass das lyrische Ich zum Geräusch des Regens erwacht.
Ich kann heute nicht mehr nachvollziehen, was solche Lieder mir als Jugendlichem gegeben haben, aber ich erinnere mich noch gut, wie ich einen Sommer lang Signs of Life rauf und runter gehört und die Lyrics ausgedruckt und im Garten gelesen habe. So wie ich später dann Kant und Wittgenstein im gleichen Garten las. Die mir heute auch nichts mehr geben.
Ich erinnere mich auch, dass ich mich als Jugendlicher manchmal wunderte, wie Erwachsene die Dinge handhabten, so anders als ich. Wie Mann und Frau miteinander umgingen, wie sie Musik hörten, wie sie ihre Freizeit gestalteten. Heute, mit Kindern, mit Job, kann ich besser verstehen, wie das ist.
I was young
I hadn’t had my children
I didn’t know how far away
your love could be
I didn’t know
how tired you could get
(Leonard Cohen, My Mother Asleep)
Was natürlich nicht heißt, dass es gut so ist. Man sollte, wie Antoine de Sainte-Exupéry es uns in Der kleine Prinz vormacht, nie vergessen, wie es war, klein zu sein und groß (Kinder werden als Riesen geboren, sang Reinhard Mey und das stimmt auch).
Aufbruch
Der Regen hat Enten mitgebracht. Sie watscheln über den Zeltplatz. Die Kinder folgen ihnen, bis sie plötzlich davonfliegen. Der Regen hat nachgelassen. Wir bauen das Zelt ab und verräumen unser Zeug ins Auto, sammeln die Kinder vom Spielplatz ein. Es regnet wieder stärker, als wir aufbrechen.
Wir fahren noch einmal zum Strand. Kurze Regenpause. Findus darf ohne Leine über den Sand jagen. Gestern in den Dünen hatten wir gespielt, dass Findus ein Sandlöwe sei, der uns fressen will. Und ungelogen kam später ein Junge mit seiner Mutter vorbei, sah Findus im Sand liegen und sagte zu ihr, er sehe aus wie ein Löwe.
Die Hochhäuser von Westende, an den Strand gebaut, erinnern mich an Die Türme des Februars von Tonke Dragt. In ein paar Jahren werde ich das den Kindern vorlesen können.
Brügge
Wir fahren zurück über Brügge, denn dort gibt es eine weitere Filiale von The Chocolate Line. Unterwegs hören wir Lippel, träumst du schon wieder? von Paul Maar, das ist der zweite, gelungene Teil von Lippels Traum. Während sich Lippel im ersten Teil in den Orient aus 1001 Nacht träumt, geht es im zweiten Teil um norwegische Trolle, die martialisch unterwegs sind:
“Schnapp, schnapp,
Nase ab!
Beiß rein,
in das Bein…”
Unterwegs wird uns bewusst, dass unsere Smartphones fast keinen Strom mehr haben. Wir haben zwar ein Ladekabel im Auto, aber das funktioniert oft nicht, so auch jetzt, sodass wir mit 3% Akku von der Autobahn abfahren. Kurz bevor wir The Chocolate Line erreichen, geht das Smartphone aus. 5 Minuten früher, und wir hätten es nicht gefunden. Gutes Timing.
Die Filiale liegt an einem Platz, wo man auch schön sitzen und essen kann. Wir entscheiden uns für einen Burger-Laden, weil der große Schirme draußen stehen hat. Während wir auf unsere Bestellung warten, zählen die Kinder die Pferdekutschen, die vorbei fahren. Am Ende sind sie bei 15 angekommen. Das Essen schmeckt ihnen nicht, aber das ist nicht weiter überraschend. Den Kindern schmeckt fast nie irgendetwas irgendwo. Außer Schokolade. Und Eis. Aber auch das nicht immer.
Die Abschaffung des Menschen
Ich denke nach über das erste Kapitel von The Abolition of Man von C. S. Lewis, das ich unterwegs gelesen hatte. Lewis analysiert und kritisiert darin eine Art zu denken, die er in einem anonymisierten Schulbuch (the green book) aufgefunden hat. Sie besteht darin, Gefühle und Werte als irrational und subjektiv abzutun und dies auf eine mehr implizite Weise, die besonders subtil prägend wirken kann, ohne dass wir es überhaupt merken.
“The authors themselves, I suspect, hardly know what they are doing to the boy, and he cannot know what is being done to him.”
Doch Unwissenheit ist bekanntlich kein Schutz. Lewis zufolge (er schrieb dies in den 1940er Jahren, basierend auf Vorlesungen), schaufeln wir uns mit dieser Haltung unser kulturelles Grab, weil wir uns von einer gegebenen Ordnung der Dinge abschneiden, wie sie jede Kultur hat und braucht.
Das Beispiel aus dem Schulbuch ist eine Szene, in der Coleridge einen Wasserfall besucht, dort zwei Touristen antrifft. Einer der beiden bezeichnet den Wasserfall als “sublime”, der zweite als “pretty”. Coleridge stimmt dem ersten zu und verwirft den zweiten. Die Autoren des green book schreiben nun dazu, dass
“When the man said This is sublime, he appeared to be making a remark about the waterfall… Actually … he was not making a remark about the waterfall, but a remark about his own feelings. What he was saying was really I have feelings associated in my mind with the word ‘Sublime’, or shortly, I have sublime [i.e. humble] feelings. … This confusion is continually present in language as we use it. We appear to be saying something very important about something: and actually we are only saying something about our own feelings.”
Der zweite Teil dieses Zitates enthält die Implikation: Unsere Gefühle sind nichts sehr Wichtiges. Der erste Teil enthält die Implikation: Ein Wasserfall (oder überhaupt etwas in der Welt) kann nicht an sich erhaben (oder wertvoll) sein, sondern nur in unseren subjektiven (nicht sehr wichtigen!) Gefühlen.
Es ist zudem faszinierend, mit welcher Überheblichkeit diese Autoren eine vollkommen unplausible Analyse dessen, was der Mann sagen wollte, anbieten. Der Mann wollte sicherlich genau das sagen, was er gesagt hat. Als Philosophen können die Autoren nun der (grundsätzlich vertretbaren, wenn auch meiner Ansicht nach falschen) Meinung sein, dass der Mann sich irrte, dass der Wasserfall selbst erhaben ist und sein kann und dass er lieber nur hätte behaupten sollen, der Wasserfall lasse ihn Gefühle der Erhabenheit empfinden. Stattdessen tun sie aber so, als sei die erste Formulierung im Grunde nur eine sprachliche Verwirrung und meine die zweite Formulierung. Das stimmt aber nicht.
Die zugrundeliegende Weltsicht ist sehr modern, wie Lewis bemerkt. Nach jeder traditionellen Weltsicht kann selbstverständlich der Wasserfall selbst (Lewis nennt ihn im Folgenden Katarakt, ich vermute, um das Erhabene zu betonen) erhaben sein, also unser diesbezügliches Gefühl objektivierend rechtfertigen. Es ist richtig (oder aber falsch), den Katarakt als erhaben zu erleben. Es ist nicht bloß unsere Meinung. Und so auch mit anderen Werturteilen.
In der Moderne bildet sich dann die alternative Sichtweise aus, die sich auf die moderne Naturwissenschaft als mathematisch-quantitativer Wissenschaft stützend keine Rechtfertigung für Werturteile findet und diese daher ins Reich des Subjektiven, des bloßen Meinens verbannt.
Für die Erziehung der Jugend stellt dies aber ein Problem dar. Denn entweder treibt man ihnen alle Werturteile als irrational aus, oder aber man pflanzt ihnen die ein, die man für zweckhaft hält, ohne sie aber selbst für wahr zu halten. Ersteres führt in den Nihilismus, zweiteres bedeutet Abrichtung und Propaganda.
Soweit das erste Kapitel. Das zweite beginnt mit dem Satz:
“The practical result of education in the spirit of The Green Book must be the destruction of the society which accepts it.”
Aber weiter habe ich noch nicht gelesen.
Rückkunft
Wir kommen nach Hause und es sieht aus, als wären wir gar nicht weggewesen. Nur das Gras ist gewachsen. Waren ja auch nur drei Tage.
Was nehmen wir mit? Was haben wir bisher mitgenommen? Und was zurückgelassen?
Ich denke an Wien, wo ich Paul Austers Invisible las, an Griechenland, die Fähre von Athen nach Naxos, wo ich Saul Kripkes Naming and Necessity las, ich denke an Edinburgh, wo ich The Better Angels of Ourselves von Steven Pinker las, an einen kleinen Ort in Südfrankreich, wo ich den dritten und vierten Teil von Otherland las. Die Aula der Schule, wo ich mit 11 oder 12 Jahren auf einem Basar Der Brief für den König von Tonke Dragt erwarb und die ersten 100 Seiten las und so beeindruckt war von mir selbst und begeistert vom Buch, an Dublin, wo ich Jack Kerouacs Visions of Gerrard kaufte und las, an Bad Münstereifel, wo ich Samuel Becketts Waiting for Godot zum ersten Mal las, an ein kleines Dorf im Norden von Irland, wo ich Gary Snyder las und an die Maremma, wo ich ihn erneut las …
Im Grunde, vermutlich, war es ein Fehler, an vielen Orten, wo ich war, keine Bücher zu kaufen oder zu lesen. In Schwetzingen beispielsweise kaufte ich nichts, auch nicht in Paris oder London, und so habe ich an diese Städte keine bemerkenswerten Erinnerungen. (Nun ja, das stimmt nicht ganz, aber diese sind privat.)
Was nehmen wir mit? Was lassen wir zurück?
Was bleibt?



Heute bin ich zuhause geblieben und habe "Ordnung aus dem Chaos" von Conrad Knittel gelesen. Das wird eine schöne Erinnerung² bleiben. Danke!
(Die Fußnoten habe ich schon etwas / gar nicht¹ vermisst.)
¹) zur freien Auswahl
²) unabhängig von Fusselnoten