10 Kommentare
Avatar von User
Avatar von Vektor7

Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich denke du thematisierst einen extrem wichtigen Punkt, der in der derzeitigen Debatte zu wenig Beachtung findet. Der Materialismus kann sich epistemologisch nicht selbst begründen ohne Zirkelschluss, das sehe ich genauso.

Ich würde gerne, unterstützend, noch drei Punkte ergänzen:

Wissenschaft begeht einen Kategorienfehler, wenn sie ontologische Deutungshoheit beansprucht — sie ist methodisch auf das Objektive beschränkt und kann über das Subjektive schlicht keine Aussage machen.

Und Emergenz löst das nicht. Komplexere Materie bleibt Materie. Quantität erzeugt keine neue ontologische Qualität — das Hard Problem of Consciousness bleibt ungelöst, egal wie viele Neuronen man stapelt. Beim Versuch diesen weg zu erklären, begeht der Physikalist dann häufig pleonastische Fehlschlüsse, aber das Problem bleibt bestehen.

Was mich außerdem beschäftigt: Warum kann unser Geist so weit über die sichtbare Welt hinausdenken — abstrakte Mathematik, kontrafaktische Welten, Unendlichkeit? Warum sollte Evolution dafür sorgen, dass ein Wesen Dinge erfasst, die so weit über das uns Sichtbare hinaus gehen? Meiner Meinung nach deutet das stark darauf hin, dass Materie nicht grundlegend ist.

Daher auch meine Frage zu deinem Fazit — “Durchgeistigung der Welt”. Was meinst du damit konkret? Wie soll das aussehen? Und wenn Geist primär ist: welcher Geist? Ein Prinzip, ein Prozess, eine Person oder etwas ganz anderes?

(Und Falls ein Weg zur „Durchgeistigung“ darin bestehen sollte, philosophisch auf die Fehlschlüsse des Materialismus hinzuweisen - was ich als durchaus sinnvollen Ansatz betrachte -, bräuchten wir mehr Texte wie diesen - nur vielleicht etwas leichter verständlich. Denn es haben ja nicht alle Philosophie studiert ;)

Alles in allem, vielen Dank für diesen Essay und die Mühe, die dahinter steckt.

Avatar von Conrad Knittel

Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.

Pleonastischer Fehlschluss -- hab ich noch nie gehört, das Internet spuckte den Namen David Bentley Hart aus. Ich bin nicht sicher, wie gelungen ich diese Begriffsneuschöpfung finde. Ich verstehe, was er meint, aber ich vermute, aus Sicht seiner Gegner, ist es kein Fehlschluss, sondern schlicht eine Meinungsdivergenz dazwischen, welche Phänomene durch ein quantitatives Mehr erklärt werden können? (Phasenübergänge in der Physik (z.B. Wasser->Dampf) werden als Gegenbeispiele gebracht, wo der "Pleonasmus" ja funktioniert (aber wer weiß, vllt, wrsl sogar, sind Phasenübergänge auch mysteriöser, als man allgemein annimmt?)

Davon abgesehen scheint mir Hart einer kurzen Recherche nach aber ein durchaus interessanter Autor zu sein, den ich noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Besonders seine Ablehnung der ewigen Hölle, seine Kritik am Materialismus und seine eigene Bibelübersetzung lassen ihn mir als Kampfgenossen erscheinen.

Was die Durchgeistigung angeht, ist das erst einmal in diesem Kontext zumindest "nur" ein "Forschungsprogramm" -- wenn unser Weltbild stark materialistisch ist, dies aber zu Unrecht, müssen wir es überwinden. Dabei kann es helfen, am Alten anzuknüpfen, was aber nicht so leicht ist, weil wir dazu das betreiben müssen, was Foucault mit Archäologie meinte. Also die ursprünglichen Bedeutungen und Sinnzusammenhänge müssen überhaupt erst wieder ausgegraben werden.

Das wird ja auch vielfältig mal mit mehr mal weniger Erfolg betrieben. Ein Beispiel wäre aus meiner Sicht, die realistischen Aspekte der Naturwissenschaften von den nominalistischen klarer zu trennen. In diese Richtung denkt Barfield.

Es ist möglicherweise nicht unbedingt notwendig, so sehr an der Vergangenheit anzuknüpfen. (Ich persönlich glaube schon, dass es das ist, aber wer weiß.)

Auf der philosophischen Ebene würde ich es vollkommen offen lassen, ob das Geistige gleich selbst als Gott anzusehen ist, oder eher als Emanation Gottes, oder ob es eher personal oder apersonal zu denken ist. Aus meiner persönlichen Sicht ist Gott sowohl personal als auch apersonal zu denken, und verschiedene Religionen haben diese Apsekte unterschiedlich gewichtet.

Avatar von Bernhard Erne

Sehr überzeugend, auch klar, wenn ich Fußnoten und Kommentare mit einbeziehen.

Dazu A) Das eigene Erleben (von geistiger Wirkung z.B.) kann (muss nicht) den Materialismus mit einem Schlag unglaubwürdig machen.

B) Warum kommt mir bei KI wie bei Materialismus E.T.A. Hoffmanns Sandmann in den Sinn?

Avatar von Conrad Knittel

Zu A) Die Möglichkeiten des menschlichen Geistes sind beeindruckend. So passt sich die Selbstwahrnehmung so sehr dem Modell, das man zugrundelegt, an, dass es durchaus möglich ist, sich als Maschine zu empfinden (physiologisch muss man nur seine rechte Hirnhälfte ausschalten), die im Grunde keine Qualia erlebt, sondern sich das nur einbildet. Richard Rorty vertrat die These, dass Descartes den modernen Menschen erfunden hätte, aber jetzt wo wir größtenteils wie er dächten, würden wir uns auch im cartesischen Sinne als duale Wesen erleben.

zu B) ;)

Avatar von Timogenes

Keine ernstzunehmende Philosophische Struktur kommt ohne die Frage nach Motivation oder die archaische, hierarchische Betrachtung aus.

Das "wie" in Modelle zu pressen, das dann als Antwort für ein >dabei ungefragt bleibendes< "warum" zu nehmen ist typisch für die akademischen "Philosophen".

Jedes Modell ist schlüssig, wenn man es als wahr annimmt. Die ontologische Wahrheit, der Logos, ist ein eine Leiter, auf der man beliebig kraxeln kann, egal auf welcher Sprosse man steht.

Welche Philosophie kann sich selbst ernst nehmen, die sich vor der Verständlichkeit auf lateinische Bäume flüchtet?

Der Wunsch zu gefallen, der Stolz auf Leistungen, die Freude am Humor.

Großkotzig liebt der zynische, moderne Ungeist es, dass sezieren seiner eigenen Sprachungeheuer.

Was du einem Kinde nicht ohne Gewalt vermitteln kannst, ist eine Posse von Eitelkeit.

Dafür braucht man keinen "Titanen des Geistes", eine ins Feld der "Vollkommenheit-durch-unmöglich-zu-vermittelnde-Ansprüche" verfrachtete Umschreibung des simplen Beweises: Der Mensch kann auch ohne Gelaber und Vergleiche.

Es braucht keine Neuschöpfung der Geisteswissenschaft, es braucht eine Abstraktion des Nonsens daraus. Insbesondere. Der. Philosophie.

Aufmerksamkeitsökonomie und totale Marktlogik.

Wer eine akademische Schicht anerkennt und achtet, deren Lebensperspektive nachzuvollziehen ein Leben lang dauert, braucht sich nicht zu wundern, wenn man möglichst ausführlich und komplex geratene Vorträge von finanziell abhängigen Elfenbeinturmbewohnern erhält.

Baba Saad würde von der Pfeife ziehen und gar nichts sagen. "Sorry Bruder, hab nicht zugehört."

Nicht die feine Art der Kommunikation, aber doch näher an der Wirklichkeit.

Ich habe vor kurzem das Brot-Axiom formuliert. Nichts kann echter sein, als ein Stück Brot.

Wenn es komplizierter ist, braucht es extrem viel Denkarbeit. Wenn es dann nicht satt macht, sollte es verdammt noch mal genial sein. Oder schön. Ist es einfacher als Brot, ist es Naturalismus.

Wenn es nichts davon ist, kann es zusammen mit mindestens 95% Nachkriegsphilosophie aus dem betreuten Abi-Uni-Ich-Mach-Das-Beruflich-aber-bin-unabhänhig-Kral als "nicht-Krisenfest" entsorgt werden.

Wie dressierte Pudel, würden sie den antiken Philosophen anmuten. Der Definition nach zur Philosophie unfähig.

Kunst, Poesie, 113, Prim, Pi.

Auch die religiösen Glaubenslehren geben Aufschluss. Doch was außer den Menschen soll der Mensch je in den Mittelpunkt stellen? So ganz konkret?

Ein Mensch welcher friedlich, wohlwollend und frei er selbst ist, kann eben nicht widerlegt werden.

Macht und Motiv.

Das Motiv habe ich erkannt: Die etablierte Philosophischen Lehren sind Müll, es braucht "neues" Denken.

Die Macht in der unangreifbaren Gedankenhöhe zu suchen? Vergebens. Auch mit 1000 neuen Büchern mit 1000 neuen Konzepten.

Aber die Tiefe im Gegebenen, war und ist immer die Macht des Denkens gewesen. Da ist "die KI" ohne Zweifel ein fähiger Sparringspartner.

Für die Unzulänglichkeit der Schöpfer ihrer Trainingsdaten kann sie ja nix. Noch.

Gute Debatte. Der Roboter reagiert unterwürfig auf argumentative Schärfe. Das sagt viel über vieles.

Wie reagieren Menschen?

Ontologisch sinnvoll?

Ich lach mich tot, tappe 7 Inseln und spiel Vizzedrix. Guter Body für ne blaue, aber für 7 Mana spielt man eben nur Sachen, die auch das Spiel gewinnen können.

🌀

Avatar von Conrad Knittel

auch wenn ich nicht behaupten kann, auch nur ansatzweise zu verstehen, was du sagen willst, nehme ich an, dass du Fundamentalkritik am philosophischen Apparat betreibst. Das scheint mir löblich. Ändert aber nichts daran, dass es im Mainstream diese aus meiner Sicht seltsame Haltung gibt, dass wir zu einem materialistisch-atheistischen Weltbild sozusagen aufgrund der Übermacht der Naturwissenschaften gezwungen seien. Aber meines Erachtens kann man innerhalb dieses Weltbildes schon aufzeigen, dass es vorne und hinten nicht funktioniert, und das halte ich für wertvoll, damit junge Menschen sich nicht gezwungen fühlen, Nihilisten zu werden.

Ich lasse mich darum auf diese Diskurse ein. Nicht weil ich sie für sinnvoll halte, sondern weil sie als Leitern, die man dann wegwerfen kann, meiner persönlichen Erfahrung nach durchaus geeignet sind.

Avatar von Timogenes

Gut getroffen. Ich halte den literarischen Beitrag des überwiegenden Teil der sogenannten Philosophen für vollkommen nutzlos. Nicht im übertragenen Sinne, sondern ganz wörtlich.

Der Materialismus in der Logikfalle ist absolut zutreffend, eine Einschätzung die ich teile. Der Werte Vektor hat diesen Punkt gut aufgefasst.

Ebenfalls die Beziehung auf Jugendliche, die eben nicht zum Nihilismus gezwungen werden sollten und schon gar nicht als Ergebnis von "Logik" oder "Naturgesetzen", ist genau der Punkt den Ich meine:

Für wen soll den eine Erkenntnis sein?

Was ist überhaupt der Sinn daran, Kategorien zu erstellen und zu begründen?

Entweder, ein Wort oder Satz, ein Ausdruck steht für etwas, sagt etwas aus, hat einen Bezug zum Kontext Mensch oder eben nicht.

Wegwerfleiter trifft es gut. Eine Bescheidenheit, die vielen Werken sogenannter Geisteswissenschaftler gut zu Gesicht stünde.

Ich gehe sogar noch weiter. Dieses ganze Fachlatein ist nichts weiter, als eine Debattensprache im luftleeren Raum, die sich durch künstliche Legitimation vom Diskurs abschottet, damit Intellektualität exklusiv beansprucht und aus dieser wasserdichten Logik heraus dann genau auf Jene bezogen wird, die das Spiel nicht mitspielen oder verstehen.

Fiktive Probleme, in fiktiver Sprache, ausgehend von fiktiven Modellen, garniert mit ein wenig Beobachtung und dabei konkrete Gültigkeit beanspruchen.

Aber anstatt bloß Hybris und Gedankenspiel zu bleiben, wo es erträglich wäre, schafft genau diese nicht-nachvollziehbare Deutung den Raum bereit, indem der Materialismus sich so ungehemmt hinter falschen Dogmen verstecken darf.

Nichts weiter als ein im Kern vollkommen substanzloses Machtinstrument. Und genau darum ist die entscheidende Frage, die prinzipiell offengelassen wird: Wofür soll das sein? Wer ist gemeint? Wen spreche ich an? Was ist die Botschaft, die Lehre?

Alle Modelle, bei denen herauskommt: Der Mensch ist schlecht, der Mensch ist ein Raubtier, der Mensch ist nicht frei etc. Etc.

Sind Schlussfolgerungen, die niemals wahr sein können, egal wie enthusiastisch man sie auch begründen will. Diese Art Philosophie ist nicht neutral oder objektiv. Sie ist eine Abwertung des Menschen. Das kann aber niemals der Kern von Philosophie sein, denn dann ist sie keine, per Definition, sondern manipulativ.

Egal wie oft sie sich dann auch geistig verrenkt oder Denkprozesse beschreibt.

Es hat nichts mit "Menschwerdung" zu tun und es ist nicht massentauglich. Jeder mittelmäßige Rapper ist philosophischer als ein Adorno, der nicht einmal seine Studenten erreichen konnte.

So sehe ich das. Deinen Beitrag fand ich sehr unterhaltsam zu lesen. Aber philosophisch sind daran höchstens die Begriffe und die abgeleitbaren Schlüsse. Denn Philosophie ist kein verdammtes akademisches Studienfach.

Es ist Leben und Ausdruck.

Die Entfremdung davon ist wissenschaftlich getarnt, immer noch purer Schwachsinn (Elfenbeinturm - Denken )

In "Lass mal über Affen reden" versuche ich übrigens genau diesen materialistischen Missbrauch der Sprache anhand von Naturwissenschaft und interdisziplinärem Vergleich herauszuarbeiten. Natürlich nicht ohne politische Dimension, denn eine Philosophie die das nicht leisten will, ist weder kritisch noch überhaupt Philosophie.

Unpolitisch kann bloß ein Thema, eine Haltung, eine Interpretation sein.

Der Mensch niemals. Also auch nicht die Philosophie, außer natürlich, sie ist gar keine.

Avatar von Conrad Knittel

Äh… du sagst es?

Avatar von Simon Felix Lantin

Hat mich nicht so überzeugt. Ich versteh auch die Positionen einfach nicht genau. Gehts jetzt darum ob die Wissenschaft die Welt erklären kann? Und wenn nicht, warum soll das heißen, dass es etwas Geistiges geben muss? Bin verwirrt...

Avatar von Conrad Knittel

Kein Problem. Der Gedanke ist folgendermaßen:

Damit die Wissenschaft die Welt (innerhalb ihres wohldefinierten Bereichs, oder präziser gesprochen, ihrer diversen Bereiche, denn es ist ja nicht die eine Naturwissenschaft, sondern ein riesiges Bündel) erklären kann, muss es etwas irreduzibel Geistiges geben, was wiederum bedeutet, dass sie die Welt nicht allumfassend erklären kann, aber immerhin.

Ich argumentiere, dass der Versuch, dieses irreduzibel Geistige zu leugnen, keine gute Antwort auf Richard Rortys Absage an die Möglichkeit einer jeden Erkenntnistheorie hat.

D.h. man landet, wenn ich Recht habe, durch logischen Zwang entweder bei einem Erkenntnis-Nihilismus (den man, wie Rorty selbst auch anders nennen darf, er nennt es Ethnozentrismus, seine Gegner nannten es meist Relativismus), oder man landet bei einer (wie auch immer im Detail dann gearteten, darüber kann man trefflich streiten) sogenannten nicht-naturalistischen Erkenntnistheorie.

Es steht natürlich jedem frei, sich dem logischen Zwang zu entziehen. Der logische Zwang ist ein “zwangloser Zwang”, d.h. psychologisch ist es nicht unmöglich, zu sagen: “Wir wissen, dass es so ist, aber wir glauben es nicht.” Worauf dann meistens im Laufe der Zeit folgt: Wir glauben es nicht, also haben wir vergessen, was wir eigentlich wissen.

Daniel Dennett — mein simulierter Sparingpartner in diesem Fall — behauptet, er könne dieses Problem lösen und ich versuche zu zeigen, dass er das Problem nicht löst, sondern schlicht eine petitio principii hineinschmuggelt. Er tut so, als hätte er einen Ausweg aus dem sogenannten Münchhausen-Trilemma gefunden, aber er hat es nur umbenannt.

Innerhalb dessen hat er dann ein wunderschönes Gedankengebäude gebaut, das man durchaus bewundern kann. Aber die Hypotheken, die er am Anfang aufgenommen hat, werden auf keiner Ebene wieder zurückgezahlt, um es bildlich auszudrücken. Irgendwann werden sie vergessen (von der Inflation aufgefressen).