Das innere Feuer der Disziplin
Wusstest du, dass das Wort „Disziplin“ ursprünglich gar nichts mit Zwang, sondern mit „Lernen“ zu tun hatte? Ein faszinierender und interaktiver Tauchgang.
Ich habe heute etwas gelernt, was mich fasziniert hat, und ich dachte, ich teile das einfach mal hier auf Substack, damit auch andere an diesem Faszinosum teilhaben können, so sie denn wollen. Wir haben uns in einer gemeinsamen Übung in einem Seminar dem Begriff der Disziplin angenähert und ich habe hinterher noch ein wenig dazu recherchiert, um weitere Aspekte zu ergänzen.
Begriffe kultivieren
Die Übung selbst kann man auf alle Begriffe anwenden und ich denke, sie ist sehr sinnvoll, um einen bewussteren und empfindsameren Sprachgebrauch zu praktizieren, bei dem die Wörter einem nicht zu leicht über die Lippen springen, sondern man sie sozusagen richtiggehend schmecken kann. Die Wörter, die wir benutzen, bleiben eine blasse Hülle ihrer selbst, wenn wir sie nicht ausreichend mit Bedeutung füllen. Das ist aus meiner Sicht ein hochgradig geheimnisvoller Prozess.
Diese Annäherung an Begriffe findet in drei Schritten statt und diese Schritte möchte ich ganz kurz vorstellen und dann gemeinsam mit Dir, dem Leser, am Begriff der Disziplin durchgehen.
Zunächst stellt man sich die Frage, wie der Begriff so allgemein verstanden wird. Was würden Leute auf der Straße sagen, wenn man sie fragte, was er bedeutet. Oder auch: Wie wird der Begriff in Lexika oder Wörterbüchern erklärt oder welche Etymologie (Wortherkunft) verbindet sich mit dem Begriff. Begriffe haben ja oft eine bewegte Wortgeschichte.
Da die spontane Reaktion auf einen Begriff oft mit Sympathie oder Antipathie einhergeht, wir von diesen spontanen emotionalen Reaktionen aber loskommen wollen, gehen wir in einem zweiten Schritt getrennt darauf ein, wie der Begriff in seinem eher sympathischen und wie er im eher antipathischen Sinne verstanden werden kann.
Schließlich, nach einer gewissen Beschäftigung mit den ersten zwei Schritten und bei gleichzeitiger Zurücklassung der dort aufgefundenen Bedeutungen, kann versucht werden, eine Vorstellung zu bilden, wie der Begriff im besten, idealen Sinne verstanden werden kann.1
“Die bevorstehende Arbeit, Begriffe aus ihrer festen Totalität zu entheben und in eine lichtere, bewegte und anschauliche Sensibilität mit einer vorstellbaren Form und Wirklichkeit zu führen, bewirkt eine erstaunliche Fortschrittlichkeit in der menschlichen Beziehungsfähigkeit.”
(Heinz Grill, Übungen für die Seele, S. 86)
Was versteht man unter Disziplin?
Lies erst einmal nicht weiter, sondern stell Dir die Frage: Was kommt Dir beim Begriff: Disziplin spontan in den Sinn? Woran denkst du?
[Nimm dir den Moment, um deine eigenen Gedanken zu sammeln.]
Menschen auf der Straße
Wenn man Menschen fragt, kämen sie vielleicht auf folgende Vorstellungen: Disziplin hieße so etwas wie strikte Regelbefolgung, wie sie etwa beim Militär oder im sportlichen Training erforderlich sei. Oder in der Schule. Vielleicht fiele auch der Begriff Selbstdisziplin, also die Fähigkeit, einmal gefasste Beschlüsse auch umzusetzen. Ich stehe jeden Morgen wenn der Wecker klingelt auch gleich auf. Ich trinke keinen Alkohol mehr. Ich skippe nicht den leg-day :)
Vielleicht kämen Menschen auch darauf, dass Disziplin auch ein Fach oder eine Sportart bezeichnen kann. Interdisziplinarität, also die Verbindung verschiedener Wissensfelder, ist bspw. in der Forschung hoch im Kurs.
Vielleicht würde man auch Menschen genannt kriegen, die als diszipliniert wahrgenommen werden. Immanuel Kant, nach dessen Spaziergängen man der Anekdote nach die Uhrzeit stellen konnte. Oder heutzutage David Goggins, der sich ein ultra diszipliniertes Trainingsprogramm auferlegte. Euch fallen bestimmt weitere Beispiele (auch aus dem privaten Umfeld) ein. Vielleicht seid ihr ja sogar selbst auf irgendeine Art diszipliniert.
Wortbedeutung
Der Duden gibt uns 4 Bedeutungen:
(a) das Einhalten von bestimmten Vorschriften, vorgeschriebenen Verhaltensregeln o. Ä.; das Sicheinfügen in die Ordnung einer Gruppe, einer Gemeinschaft
(b) das Beherrschen des eigenen Willens, der eigenen Gefühle und Neigungen, um etwas zu erreichenWissenschaftszweig; Teilbereich, Unterabteilung einer Wissenschaft
Teilbereich, Unterabteilung des Sports; Sportart
Wir sehen, das deckt sich schon ganz gut mit dem, was wir uns vorher überlegt hatten. Und der Begriff geht in zwei Richtungen. Einerseits ein Bereich in Wissenschaft oder Sport. Andererseits die strikte Regelbefolgung, entweder auferlegt oder selbstgewählt, in beiden Fällen eigentlich zu einem bestimmten Zweck.
Diese beiden Bedeutungen erklären sich aus der Etymologie, zu der wir jetzt übergehen.
Etymologie
Das Wort, das habt ihr sicher auch vermutet oder gewusst, kommt aus dem Lateinischen. Es geht auf das Verb discere zurück, das “lernen” bedeutet. Daraus enstand das Substantiv discipulus (der Schüler, der Lernende, der Lehrling, der Jünger, so auch der disciple im Englischen). Und daraus wiederum ergab sich disciplina (Lehre, Unterricht, Erziehung, Kenntnis oder Wissenschaft).
Diesen Begriff übernahmen die im späten Mittelalter gegründeten Universitäten schlicht für die verschiedenen Fächer, also Bereiche. Und der Sport übernahm diesen Begriff dann wiederum von den Universitäten.
Parallel dazu wurde der Begriff im Mittelalter aber stark kirchlich geprägt. Im Kontext der Klöster bedeutete Disziplin geistliche Zucht. Sogar das Züchtigungsinstrument selbst (die Geißel zur Selbstbestrafung) wurde als disciplina bezeichnet.
Aber warum? Wie wird aus dem „Sammeln von Wissen“ eine Lederpeitsche, mit der man sich selbst den Rücken blutig schlägt?
Wir können das in vier gedanklichen Schritten nachvollziehen:
Lernen bedeute in der Antike und im Mittelalter (wie auch heute noch in der indischen Praxis des Gurus) die Unterordnung unter den Lehrer und war verbunden mit der strikten Durchsetzung von Regeln.
Klöster verstanden sich als “Schule für den Dienst des Herrn”, wie der Heilige Benedikt es formulierte. Die Mönche waren die Schüler und Jesus Christus (vertreten durch den Abt) ihr Meister, dessen Regeln sie sich unterzuordnen hatten.
Das einzige “Lehrfach” des Klosters war aber die spirituelle Perfektion: die Überwindung der irdischen Triebe, der Sündhaftigkeit und des Eogismus. Die disciplina des Klosters bestand folgerichtig vor allem aus Schweigen, Fasten, frühem Aufstehen und harter Arbeit. Die Lehre war die Lebensregel. Wer die disciplina erlernen wollte, musste zwingend züchtig und enthaltsam leben. Hier verschmolzen „Lehre“ und „Zucht“ endgültig miteinander.
Wenn ein Mönch gegen den klösterlichen Lehrplan verstieß, brauchte er eine “pädagogische Maßnahme”, also Geißelung, um ihn wieder auf den Weg der Tugend zurückzuführen. Diese Korrekturmaßnahme wurde bald selbst disciplina genannt (weil sie der Aufrechterhaltung der Lehre diente).
Und so wurde aus dem “Sammeln von Wissen” die “strikte Regelbefolgung”, die bei Missachtung diszipliniert werden musste (so auch Disziplinarverfahren). Toll, oder?
Und weil sich die Mönche auch gerne selbst geißelten (weird), ergibt es auch Sinn, dass wir von Selbstdisziplin sprechen.
Vergleich mit ähnlichen Begriffen in anderen Kulturen
Der Vergleich mit Begriffen, die Ähnliches bedeuten, aber aus anderen Kulturen stammen, ist deshalb interessant, weil sie oft einen ganz anderen etymologischen Weg bestritten haben.
Im Altgriechischen haben wir die Áskēsis (ἄσκησις), die wir als Askese kennen (also als eine Form von Enthaltsamkeit). Dort bedeutete sie aber ursprünglich “kunstmäßig bearbeiten”. Und weil die Griechen gerne sich selbst körperlich kunstmäßig bearbeiteten, dann auch “üben, trainieren”. Philosophen übernahmen den Begriff dann für geistiges Training, die systematische Einübung von Tugenden und die Beherrschung der Leidenschaften. Interessanterweise ist der Bedeutungswandel hier also vom Sport zur Selbstbeherrschung. Und dann zur Selbstüberwindung.
Ganz anders leitet sich der Begriff Tapas (तपस्) im Sanskrit her. Ursprünglich “brennen, glühen, leiden” bezeichnete der Begriff dann bildhaft das innere Feuer, dass durch die körperliche oder geistige Anstrengung entsteht. In diesem inneren Feuer verbrannte man seine Unreinheiten, sein Karma. Disziplin in diesem Sinne wäre also ein energetischer, reinigender Verbrennungsprozess durch die eigenen spirituellen Bemühungen.
Das Chinesische betont den Aspekt der Autonomie noch stärker: Zìlǜ (自律) bezeichnet von den beiden Zeichen her das Selbst-Gesetz. Wahre Disziplin besteht darin, sein eigener Gesetzgeber zu sein und sich an diese selbst auferlegten Regeln zu halten.
Disziplin im sympathischen und antipathischen Sinne
Halten wir wieder inne und fragen uns, nachdem wir ein wenig über die möglichen Bedeutungen des Begriffs und seine Herkünfte nachgedacht haben: Was könnte Disziplin im Positiven wie im Negativen bedeuten? Was ist uns sympathisch an Disziplin, was gefällt uns eher nicht.
[Nimm dir den Moment, um deine eigenen Gedanken zu sammeln.]
Die antipathische Disziplin
Einen negativen Aspekt können wir mit dem Begriff des Zwangs benennen. Disziplin als etwas Auferlegtes, oft Dogmatisches: So haben wir das schon immer gemacht also muss Du es auch so machen. (Shout-out an Emma Bloom.) Disziplin scheint uns nicht nur die Freiheit zu nehmen, spontan zu sein, sondern sogar selbst wenn wir sie bejahen, zu einer einseitigen Verengung zu führen. Darum lehnen viele Disziplin und vor allem auch Disziplinierung in immer mehr Bereichen ab: in der Schule, im Militär, auf der Arbeit, etc. Eine zu strikte Ordnung droht das Leben zu ersticken. Wir wollen keine Mönche sein, die sich selbst geißeln, um sich alle Leidenschaft auszuprügeln.
Die sympathische Disziplin
Andererseits droht ohne Disziplin das große Chaos. Denn Ordnung muss sein. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder immer nur machen würde, worauf er spontan Lust hat? Disziplin im positiven Sinne ordnet das Leben, führt zu Verlässlichkeit und Verbindlichkeit, und für den Disziplinierten (im Sport, in der Arbeit, in der Spiritualität) zum Erfolg. In diesem Sinne hätte Disziplin viel mit Einsicht in die Natur der Dinge zu tun, mit Ausdauer und mit dem Erreichen von Zielen! Immanuel Kant (ein großer Fan von diszipliniertem Lifestyle) würde sagen: Freiheit bedeutet, dir selbst eine Regel zu geben und dich dann exakt an diese zu halten. Die alten Chinesen würden nickend zustimmen. Vielleicht ist sich geißeln ja etwas übertrieben, aber David Goggins strafte sich für ein schlampiges Work-out, indem er sich zwang, spätabends ins Gym zurückzukehren und das ganze Work-out zu wiederholen. Ganz schön hart. Aber David Goggins wusste, wozu er es tat!
Was kann Disziplin also im besten Sinne bedeuten?
Dies ist der letzte Schritt. Halte inne und überlege dir, was Disziplin für dich im besten Sinne bedeuten könnte.
[Nimm dir den Moment, um deine eigenen Gedanken zu sammeln.]
Ich habe es heute folgendermaßen formuliert. Ist sicher nicht perfekt. Aber ich versuche, wesentliche Elemente zu formulieren:
Disziplin ist die selbstgewählte, selbstentschiedene und wohlbedachte Opferleistung eines Menschen mit einem klaren Ziel vor Augen, das im günstigsten Sinne ein großes Ziel für die ganze Welt ist.
Sie muss immer wieder bejaht werden und erfordert daher Ausdauer. Disziplin verhindert Beliebigkeit, Ratlosigkeit, aber auch Zwanghaftigkeit. Sie erfordert eine zunehmen Kontrolle über die eigenen unbewussten Impulse. Sie bleibt unabhängig vom Erreichen des Ziels, aber ohne das Ziel zu verlieren.
Disziplin wird dann als freiheitlich und freudvoll empfunden. Sie bleibt dennoch auch leidvoll. Das Leid verschwindet nicht, sondern ordnet sich in einen größeren Zusammenhang ein und verliert dadurch seinen Anspruch auf Beachtung. (Shout-out an Eva Hakes.)
Fazit: Ein Lob der Disziplin
Das soll natürlich keine Definition von Disziplin sein, sondern lediglich eine mögliche Charakterisierung. Sie soll darauf hinweisen, wie zentral wichtig Disziplin ist. Denn Disziplin ohne telos ist nicht denkbar. Sie braucht ein Ziel. Aber andersherum ist auch ein telos ohne Disziplin nicht denkbar. Wenn wir Ziele überhaupt verfolgen wollen, statt uns im Belanglosen treiben zu lassen, dann brauchen wir Disziplin.
Interessanterweise gilt das auch für die andere Wortbedeutung im Sinne von Wissen, Erfahrung, und Sportart :)
Ich selbst bin leider vielleicht noch nicht sonderlich diszipliniert, aber ich bin immerhin diszipliniert genug, um disziplinierter sein zu wollen.
Und, um den Bogen zur Metaebene zu schließen, dass wir nämlich gerade eine Begriffs-Übung absolviert haben: Auch die Disziplinierung unserer Sprache, nicht nur aber auch indem wir über Begriffe mehr nachdenken und forschen, halte ich für ein sehr sinnvolles Ziel. Wir müssen unsere Sprache lebendig halten. Sonst wird sie beliebig und wir verlieren die Fähigkeit, uns gegenseitig zu verstehen.
“Die Klärung der Begriffe, ihre Konkretisierung und damit ihre Veranschaulichung, ihre mögliche Erfahrung und ihre Wertigkeit eröffnen neue Perspektiven und der Übende gewinnt eine Stabilität und Sicherheit in seinem kommunikativen Verhalten.”
(Heinz Grill, Übungen für die Seele, S. 86)
Was meint ihr?
Wir haben den Begriff jetzt von allen Seiten beleuchtet. Mich würde wahnsinnig interessieren: Wie hast du die Fragen im Text für dich beantwortet? Was bedeutet Disziplin für dich im allerbesten Sinne?
Schreib mir deine Gedanken oder deine eigene Definition in die Kommentare. Ich freue mich darauf, unsere Begriffe gemeinsam zu kultivieren!
Wenn dir diese kleine Begriffs-Übung gefallen hat, lass gerne ein Herz da und teile sie.
Und wenn du Lust hast, unsere Sprache (und dein Denken) weiter lebendig zu halten, dann abonniere Werke & Tage.
Hier kannst du meinen Artikel lesen, der schon einmal eine Seelenübung von Heinz Grill aufgegriffen hatte, um über unseren Lesekonsum auf Substack nachzudenken. Dort bewege ich auch die Frage, ob Lesen attraktiv macht:
Mein Lehrer Heinz Grill, der Geistforscher, Yogalehrer und Kletterer, sowie Ideengeber für eine neue Kultur auf verschiedensten Gebieten wie Medizin, Architektur, Ernährung und Sport, hat diese Übung in seinem Buch Übungen für die Seele eindrucksvoll beschrieben. Die gewählten Zitate von ihm in diesem Artikel sollen das telos ausdrücken, das er mit dieser Übung verbindet: Kommunikationsfreude und Beziehungsfähigkeit.



Ich glaube, ich kann es für mich so sagen: ich verweigere mich der Disziplinierung, die darauf abzielt, mich dahin zu bringen, wo andere mich haben möchten.
Ich gebe mich der Didziplin hin, die mich dahin bringt, wo ich sein möchte.
Disziplin ist zu 90% Hingabe. Also leicht, wenn das, wofür ich Disziplin brauche, mich erfüllt. Oder, wie Vektor7 es so schön beschreibt, wenn es mich leidenschaftlich gepackt hat. Ohne Leidenschaft hilft nur die Gewohnheit. Sklavische Disziplin verstört mich - wie das Beispiel des Muskelfanatikers in Deinem Text. Das erinnert mich zu sehr an die freiwillige Unterwerfung und Züchtigung in mittelalterlichen Klöstern. Ganz begeistert bin ich aber von der Vorgehensweise sich neuen Begriffsdeutungen zu nähern! Danke Dir sehr dafür!